Tag 88 – die Strecke
Sind in Ribe am Tschüss sagen. Ray will noch nach Rømø, was mir zu weit ist. Bin müde, aber guter Dinge, schrieb mir Irgendlink gestern, schon abends um halb sechs Uhr.
Vor lauter Müdigkeit hab ich vergessen, dir die Koordinaten vom Ort zu senden. Irgendeine Wiese 9 km südlich von Ribe, für die wir etwa 15 km weit geradelt sind. Lief nicht gut. Gegenwind. Ray ist dann doch nicht nach Rømø weiter geradelt. Nun Regen. Ich glaube, ich lege mich nochmal hin. Ein Ruhetag hier ist auch nicht so übel, schreibt er heute Morgen.
Am Telefon erfahre ich, dass die beiden wohl doch demnächst aufbrechen, vermutlich wieder unabhängig wegen der unterschiedlichen Tempi und Bedürfnisse. Grund: Bald leere Akkus. Und noch drängender: Leere Wasserflaschen!
Tagesziel: Deutschland.
>>> kurz vor Esbjerg – nach Ribe: zum Kartenausschnitt: bitte hier klicken!
Tag 87 – Bild
Tag 86 – Bilder (Tagescollage)
The Morbaek Plantage Massacre
Der Unterschied zwischen Mensch und Tier?
Wie ein Strudel saugt das Alltagsleben. Ich muss an die Zeichentrickserie Wickie und die starken Männer denken, so komisch das klingt, jene Szene, in der das Wickingerschiff auf hoher See in einen Strudel gerät, unweigerlich dem Untergang geweiht. Wickie hat eine Idee. Wie üblich.
Mit fünfzehn Stundenkilometer rolle ich meinem alten Alltagsleben entgegen. Per Telefon und E-Mail trudeln erste Warnungen ein, so dass ich mir um eine Resozialisierung Gedanken machen muss. Bin ich überhaupt resozialisierbar nach so langer Zeit und nach all den Erlebnissen? Im Süden Norwegens und Schwedens auf den schlechten Radwegen hatte ich noch gescherzt, dass das Radeln auf nasser Straße mit dem schneidenden Geräusch von Allwetterreifen auf Asphalt nur dazu dient, mich wieder an Menschennähe zu gewöhnen. An das alltägliche Gemetzel aus Terminen und Unabdingbarkeiten. Wie weit darf man sich ohne Gefahr davon entfernen? Du wirst Dich verändern, sagte Kommentator Stefan und er muss es ja wissen, hat er doch vor einiger Zeit eine 6000 km-Radeltour durch Europa gemacht. Das Problem an der eigenen Veränderung ist, dass man es selbst gar nicht merkt, weil es langsam geht.
Ein Tier will nur fressen und schlafen. Es baut weder Luftschlösser, noch entwickelt es Sehnsüchte. Derart einfach gestrickt bleibt einem Tier auch jegliche Sorge um die Zukunft erspart. Wahrscheinlich nimmt das Tier Zeit überhaupt nicht wahr. Es kennt nur den Hunger. So ähnlich funktioniert der Idealkünstler. Er kennt nur den Hunger nach Neuem. Er sucht danach, findet es, betrachtet es, lässt es zurück, nachdem er es durch die Maschine gejagt hat.
Ewige dänische Dünen, von graugrünem Gras bewachsen, Krüppelkiefernwäldchen, hinter jedem Hügel ein Ferienhäuschen – der zwei Meter breite Radweg schlängelt sich zig Kilometer weit durch die malerische Küstengegend nördlich von Esbjerg. Ein Traum von einem Radweg. daran rüttelt kein Windchen etwas. Ich bin nicht fit, schleppe mich voran bis in die Mittagszeit – wenn ich alleine radeln würde, würde ich mich auf unbestimmte Zeit in die Sonne legen und vor mich hindösen, aber Ray macht mit demonstrativem Plastiktütenrascheln darauf aufmerksam, dass er langsam unruhig wird. Das Leben mit Menschen ist grundsätzlich ein Kompromiss. Wer keine Kompromisse eingehen will, muss alleine bleiben. Wie ein Tier. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Nachdem alle Plastiktüten zu Ende geraschelt sind, fordert mich Ray auf, lets go. Der Startschuss.
Nun gibt es kein Ignorieren mehr der unterschwelligen Aufbruchsaufforderungen. Ich frage mich, ob das eine Einbahnstraße ist mit den Kompromissen, dass der Schnelle grundsätzlich den Langsamen dominiert – aber dann wird mir klar, dass es egal ist, von welcher Seite man die Kräfteentwicklung betrachtet. Der Langsame bremst den Schnellen und der Schnelle zerrt am Langsamen. So ist das auch auf deutschen Autobahnen. Der Schnelle drängt lichthupend, dicht auffahrend, den Langsamen, der Langsame blockiert stoisch den Schnellen. Es geschieht jetzt, es geschieht immer, es ist ein geradezu natürliches Schauspiel, das die Wollenden und die Nichtwollenden auf der offenen Bühne des Alltags vollführen. Es frisst sich in alle Lebensbereiche.
Paar Tage her, dass ich jenen riesigen Hund sah an einer zwanzig Meter langen Leine vor dem versunkenen Leuchtturm, wie er das Frauchen hinter sich her zerrt, die Nase stur im Sand. Ein wunderbares Bild. Eine Sekunde zu spät betätige ich den Auslöser der Nikon, sonst hätte ich Hundchen links, Frauchen rechts, Leuchtturm in der Mitte und die Leine zum Zerreißen gespannt. Das Leben wartet nicht auf die einen hundertfünfundzwanzigstel Sekunde lang offene Blende eines dahintreibenden Künstlers.
Da ich nachmittags auf einer Parallespur des Lebens dahin radele, mehr dösend, als wach, baldowert Ray einen Wildzeltplatz aus, fragt sich durch in ein Wäldchen namens Morbaek Plantage, wo angeblich niemand etwas dagegen hat, wenn man sein Zelt dort einfach aufbaut und vielleicht gibt es dort sogar einen Shelter. Noch fünfzehn Kilometer bis Esbjerg. Wir bauen auf weichem, trockenem Moos auf. Das Wäldchen ist ein Naturreservat. Ich bin zu müde, um mich zu widersetzen – normalerweise meide ich solche Gebiete.
Nachts Regen. Morgens ist Rays fünf Kilo schwere Frontpacktasche weg. Unglaublich. Das fest verschlossene Ding einfach geklaut. Die unabgeschlossenen Räder stehen noch auf dem Waldweg. Wer klaut eine schmutzige Packtasche voller Lebensmittel und lässt zwei Tausend Euro-Fahrräder stehen? Nur ein Tier tut so etwas. In England wurde mir nördlich von London auf dem Campingplatz Lee Valley eine Lebensmitteltasche aus dem Zelt gestohlen, vermutlich von einem Fuchs. Nur fünf Minuten lang hatte ich das Zelt verlassen, den Reißverschluss offen. Du musst denken, wie ein Fuchs, wie ein wildes Tier, wenn du die Tasche wieder finden willst. Wildtiere halten sich nicht lange mit Formalitäten auf. Die Tasche muss in unmittelbarer Nähe vom Zelt sein. Im dichtesten Gestrüpp erkennen wir Plastiktütenfetzen, die Butterdose, Papier, schließlich die ganze Packtasche, unversehrt, nur die Aprikosen hat das Vieh mit den schlauen Pfoten zwischen Abdeckung und Tasche herausgefummelt. Die Aprikosen, ein Stück Butter und ein Haufen Plastikfetzen. Das Tier lauert vermutlich im Gestrüpp, beobachtet uns, die wir Futter haben. Das Morbaek Plantage Massacre, titele ich scherzhaft.
(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)


