Tagescollage vom Freitag, Tag 94 (zum Vergrößern aufs BIld klicken)
Collage vom Hafen in Bremerhaven von gestern Samstag (Tag 95)
Artist in Motion
Bei dem schwülen Wetter drückt es die Menschen aus den Häusern. Wie Schweißperlen tröpfeln sie Richtung Strand oder in das kühle Wäldchen westlich von Cuxhaven. Strandkorbmiete. Schlauchboote unterm Arm, die Paddel wie Nordic Walking Stöcke auf den Klinkerwegen. Leckeis, Illustrierte und Bücher, Sonnencreme, MP3-Player verkabelte Jogger. Eine ältere Dame knickt um vor meinen Augen. Heilfroh, dass sie sich nur den Knöchel verstaucht hat, hier in der Heide, und nicht einen Hirnschlag erlitten hat. Zusammen mit ihrer Freundin helfe ich ihr auf die Beine. Verdatterter Dank. Und weiter. Hunderte Radler am Weg. SMS von Ray, dass er in Spieka Neuhaus Lunch macht. Verflixt. Das Dösedösen hat mich zehn Kilometer zurück geworfen. Nun erkenne ich, dass wir keineswegs unsere eigenen Takte nebeneinander her geradelt sind. So menschlich kompromisshaft haben wir uns angepasst, um gemeinsam das Abenteuer zu erleben. Einmal mehr wird klar, wie kompromisslos und egoistisch diese Reise inmitten des Lebens ist. Alle meine Alleinreisen seit dem Jahr 2000 sind so. Aber „Ums Meer“ ist es ganz besonders.
Lebensmittelladensuche in Wremen (ja, wirklich, Wremen mit W) gegen 19 Uhr. Ein Mädchen erklärt, dass hier samstags schon alles zu ist. Bestenfalls in Bremerhaven könnte ich noch einen offenen Laden finden. Mist. Ich brauche Brennspiritus für den Kocher, sonst gibt’s Sonntag kein Abendessen. Zwanzig Minuten bis Bremerhaven sagt sie, Innenstadt ne halbe Stunde. Ich brauche eine Stunde, falle im Überseehafen wegen der Massen an Stahl und technischem Fachwerk, Kranen, Eisenbahnladungen voller Neuwagen, haushohen Ozeanriesen, in den Künstlermodus. Abendessen ist nicht wichtig. Das Licht ist gut. Spiegelungen und schrille Farben. Industrieverkommenheit. Drei Truckfahrer lümmeln oberkörperfrei vor ihren Lastern, Adilettenfüße, das Wochenende totschlagen, Fahrverbot und dann in dieser garstigen Lagerhauswüste gestrandet. Ahne ihren Schweiß, Loch im Zahn, die Verdauungsbeschwerden und den Bluthochdruck, polnische Zigaretten. Schon kurz vor acht. Das wird nix mehr mit dem Brennspiritus. Ich frage zwei Jungs nach nem Laden, aber sie sprechen nur kroatisch (neeeiiin!), paar Brocken Englisch. Sehnsüchtige Matrosen, die wissen, wo es Dosenbier zu kaufen gibt und die sich nach ein bisschen Liegen am Strand von Trogir sehnen. Dort sei es wenigstens warm.
Sonne sinkt. Wir liegen bei geschätzten 25 Grad. Wie ausgestorben wirkt das Hafengelände. Kilometerweit durchradele ich Lagerstätten mit nagelneuen Mähdreschern, Autos, Baumaschinen. Von hier also pumpt der Exportweltmeister seine Produkte in den Weltmarkt. Und hier landen die unter unwürdigen Bedingungen in der weiten Welt produzierten Billigprodukte. Willkommen im Düker der großen Weltenpumpe. Kurz vor acht passiere ich eine Zollstelle mit echten Beamten. Einer trägt Pistole, sieht aus wie ein Fremdenlegionär. Sie erklären mir den Weg zum Shoppingstrich, Lidl, Aldi, alle stehen sie da und bieten ihre Waren feil. Aktiv habe sogar bis 12 Uhr auf. Ich bin baff. Dann kann ich mich ja ungebremst in den goldenen Abend voran fotografieren.
Rein in die Stadt. Eine Gruppe schwarz gekleideter Typen mit langen Haaren, schwer zu sagen, ob es Linke oder Rechte sind. Traue den langen Haaren nicht. Schon seltsam, dass die Extreme sich in der Art des Auftretens so sehr ähneln. Beschmierte Wände. Baustellen. Jemand hat Fotze geschrieben. Ein Fest in der Fußgängerzone, das Alte Bürger-Fest. Vor einer Bühne spricht eine Frau Test Test Test und ein Typ sagt Eins Zwei Eins Zwei. Minutenlang. Die Menge starrt. Bierflaschen in den Händen.
Der Aktivladen hat tatsächlich noch auf. Großgeschrieben über der Tür steht 24 Stunden geöffnet. Puuh. Die Kassiererin bestätigt: Wir machen Montagfrüh auf und nachher um Zwölf wieder zu. Ein kleiner Indonesier will eine Dose Bier mit einer Dollarnote bezahlen, scheitert, nehmen wir nicht. Später treffe ich ihn wieder, frage, ob er noch einkaufen konnte, lethargisch lässt er eine weiße Plastiktüte baumeln. Matrosen schlagen Zeit tot. Ein krachender Kleinwagen voller Polen. Räder tief in den Radkasten.
Warum erinnert mich Bremerhaven an London? Die futuristische Architektur im Süden der Stadt alleine ist es nicht. Es ist dieser Zwiespalt aus Verkommenheit und hochgezüchteter Sterilität. Ein Blick ins GPS zeigt, dass der Nordseeradweg hier über die Weser nach Nordenham führt. Fähre. Mist. Am Anleger finde ich tatsächlich noch ein Schiff exakt 21 Uhr. Zwei Typen gehen unter der halb offenen Schranke durch. Zwei verspätete Fahrgäste. Schnell hinterher. Stellt sich raus, dass sie nur den Käptn abholen. Unfreundlich sind sie obendrein, ob ich nicht gesehen hätte, dass die Schranke zu ist. Halboffen provoziere ich. Versaue ihnen womöglich den Abend. Nur um mich zu quälen, lassen sie nun die Schranke ganz runter. Gefangen auf dem 20 Meter langen Landungssteg. Entweder muss ich alles Gepäck abnehmen und einzeln über die Schranke wuchten, was den Bademeistern, den Hausmeisterbübchen mit dem kleingeistigen Paragrafenreiterherzen nur zu gut gefallen würde, oder … Das Radel passt liegend gerade so unter der Schranke durch. Puuh. Ich verkneife mir weitere verbale Scharmützel. Blödes Weserdamfschifffahrtskapitänsmützenfeierabendsgewichse.
Die Nacht verbringe ich südlich der Stadt am Weserdeich. Schlafe, abgesehen von einmal aufwachen wegen Gewitter, wie ein Toter bis 8:30 am nächsten Tag.
(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)
Von Otterndorf über Cuxhaven inkl. Dösen in Döse, wo es neben der Strichstraße nicht nur eine Alte sondern auch eine Neue Liebe gibt, sind die beiden Radler Richtung Bremerhaven gekurbelt.
Irgendwo unterwegs haben sie sich aus den Augen verloren. Während Ray die Fähre erwischt hat, hat Irgendlink sie verpasst. Über den Fischereihafen hat er sich deshalb südwärts auf die Suche nach einem Wildzeltplatz gemacht.
Uff. Hab nen guten Platz, schreibt er um zehn Uhr. Werde morgen die Schnellfähre bei Brake nehmen und nach Westen ans Meer zurück auf die Nordseeroute. War anstrengend heute. Ich hoffe, es bleibt ruhig.
>>> Ottersdorf – bei Lune (Alte Lune): zum Kartenabschnitt von heute: bitte hier klicken!
Ray ist verschwunden. Fünf Kilometer vor Cuxhaven sacke ich in eine Hängematte bei einem Strandbad, schlafe sofort ein. Höre nur noch Rays Kameraklicken. Als ich erwache, ist er weg. Es gibt so viel zu sehen an der Elbmündung. Schiffe, Industrie, Bagger, Windräder, Radler, Schafe. So viel zu fotografieren, dass wir staffellaufähnlich auf dem Deich radeln, uns gegenseitig immer wieder überholen, uns nie aus den Augen verlieren. Ein Touristenpaar mit zwei winzigen Hunden treibt hunderte Schafe vor sich her. Die Tiere blöken, haben vor Menschen und Rädern keine Angst, aber die beiden Pinscher schieben die vergleichsweise riesigen Wolllieferanten vor sich her wie ein Gletscher die Endmoräne. Schafslaola. Ob Herrchen und Frauchen die unübersehbaren Hundeverbotsschilder am Eingang zum Deichweg nicht gesehen haben? Der örtliche Schultheiß droht darauf mit Geldbuße. Oder ist es jene Ach-der-tut-doch-nix-Ignoranz, die Hundebesitzern manchmal zu eigen ist?
Morgens auf dem Zeltplatz dachte ich noch demütig, dass es mein demokratisches Schicksal ist, um den Nachtschlaf gebracht worden zu sein, stellt die Truppe mit den vielen Kindern doch eine eindeutige Mehrheit gegen Ray und mich und noch drei-vier arme Teufel, die lieber schlafen wollten. Wenn die Mehrheit nachts Lärm beschließt, ist das eine legitime Sache. Dafür haben wir in Europa seit 1789 gekämpft. Nun ist es mit den beiden Hundchen anders. Wie russische Oligarchen halten sie die Lämmer in Schach.
Kurz nach dem Losradeln spüre ich die Erschöpfung. Werde wortkarg, beantworte alle Fragen, die Ray stellt, morgenmufflig mit Ja, Nein, Schwarz oder Weiß. Ich könnte durchaus verstehen, dass er einfach weiter geradelt ist, als ich in der Hängematte eingeschlafen bin. Mit so einem Murrer will doch niemand radeln. Es könnte auch sein, dass er selbst verpeilt ist wegen wenig Schlaf. Dass er gar nicht bemerkt hat, wie ich rumhänge.
Nun in einem Café in Döse – haha, Döse, das passt -, schreibe ich diese Zeilen, lade das iPhone, wird mir klar, dass die letzten drei Einträge gar nicht entstanden wären ohne die Widrigkeiten. Bloggen also nur eine Art Druckstab im wohl berechneten Fachwerk des Lebens?
Lastfall S wie Störenfried, da soll mir mal jemand nen Cremonaplan für zeichnen.
Ray SMSt, er sei auf der blauen Brücke bei Alte Liebe.
(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)
Liebes Tagebuch, was war ich wieder böse letzte Nacht. Mein aufblasbarer Butler James hat sich ernsthafte Sorgen gemacht um mich. Zusammen gesunken habe er mich am Deich gefunden, wo ich mir mit einer Taschenlampe, mit eingeschalteter Stroboskopfunktion, von unter dem Kinn das Gesicht angeleuchtet habe.
Ganz düster habe das ausgesehen, Meine Güte Sire … hat er gesagt, Sire, und mit seinen stets weißen Handschuhen habe er mich an der Schulter packen müssen, versucht, mich wachzurütteln aus meiner Apathie, aber ich habe nur Swing Low Sweet Chariot gesungen und neben mir habe eine dunkle Kuh gelegen, der ich zärtlich die sabbernde Nase getätschelt habe. Nachdem er mir meinen Lieblingstee aus Clownsfußschweiß gekocht hatte und ihn mir tropfenweise eingeflößt hatte, sei ich endlich zu Bett gegangen. Der Tee war sehr, sehr lecker und auf dem Beutel stand: Kein Unglück ist vom Unglück der anderen getrennt. Ob das was zu heißen hat?
Die Clownsschule, die in der Mitte der Zeltwiese ihr Zirkuszelt aufgestellt hat, hat letzte Nacht eine Generalprobe für die Abschlussklasse veranstaltet. Die kleinen, sie heißen alle August, sind zwar verdammt dumm, aber als es darum ging, sich gegenseitig Erdebeertorten ins Gesicht zu klatschen, war es eine Pracht, dies mit anzusehen. Das Erdbeertortenklatschen hört sich ziemlich ähnlich an, wie wenn ein Profifußballer beim Elfmeter einen Ball tritt. Neben der Dummheit eine weitere Analogie, die ich zwischen Clowns und Fußball feststelle.
Ich hungere! James ist zwar ein außergewöhnlich pfiffiger Clownfänger – einmal hat er einen Clown unter dem Vorwand, ob er denn schon seinen Namen schreiben kann, in die Falle gelockt und ihn ein Dokument unterzeichnen lassen, das uns auch gleichzeitig seine Schuhe und das Zirkuszelt vererbt, sollte ihm etwas zustoßen. Der Kerl war so dumm, das Kleingedruckte zu überlesen. Aaugkuzt hat er mit seiner krageligen Clownsschrift unter das Dokument gesetzt.
Leider nutzt mir James‘ Finesse heute nichts. Hoher Besuch hat sich angesagt. Stell dir vor, liebes Tagebuch, der deutsche Verkehrsminister Dr. Karl Theodor August zu K. ist angereist, um bei den Veranstaltungen für die Abschlussklasse eine Torte zu werfen. Auch er hat einst in dieser offenbar berühmten Schule seine Ausbildung gemacht. Hier wimmelt es nur von Security. Die Schule ist hermetisch abgeriegelt und sie üben das hysterische Lachen. Einer der älteren Clowns macht es vor, mit einem Zeigestock an einer Tafel: „Ha-Ha-Ha“, und die unbeholfenen Hahaha-Schützen sprechen ihm im Chor nach. Mjam mjam, sehen die lecker aus. Hach, warum kann ich nicht einfach zufrieden sein, mit dem was ist?
Der Platz ist paradiesisch. Direkt hinter dem Zelt verläuft der Weg zum Deich. Dort führen die Leute nun ihre Hundchen hin zum Defäkieren. Und wenn sich zwei Hundchenleute begegnen, spielt sich immer das gleiche Schauspiel ab: zuerst sagen sie Der macht nix, dann fangen die Tierchen an zu knurren und an den Leinen zerren, dann quetschen sich die atemlosen Herrchen aneinander vorbei, lassen die Hundchen schnuppern. Isn Mädchen, fragt dann der eine, ja, sagt die andere und so lavieren sie nebeneinander vorbei, so dass ich gleich noch einen weiteren Aufsatz schreiben könnte mit dem Titel Nadelöhr der Hunde. Hach und nun, da es langsam warm wird im Zelt, sitze ich knurrenden Magens, muss an James‘ Worte denken – er ist weit gereist – dass man am anderen Ende der Welt, wo es keine Clowns gibt, Hunde essen würde. Das Fleisch schmecke ähnlich.
Ich hoffe, es kommen bald wieder bessere Zeiten.
(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)