Endstation Tweetsucht

Ringsum zieht man in die Schlacht. Es ist ein faszinierendes Phänomen. Ein Wirbel an Wut, Anklage, Widerrede, Gewalt mitunter. Jeder Mensch kennt seine eigene kleine Lösung und bläst sie in diversen sozialen Kanälen ungeniert hinaus in die Welt. Es kommt mir vor wie ein Schwarzes Loch an Streitthemen, in das man unweigerlich hinein gesaugt wird und zum Mitstreiten verurteilt wird, wenn man sich darauf einlässt.

Selbst friedlichste Zeitgenossinnen und Zeitgenossen (Typen wie ich eigentlich) geraten in den Strom, mischen sich in sinnlose Taubenschachdiskussionen ein und ziehen ihre Freundinnen und Freunde mit hinein.

Von Facebook hatte ich mich schon vor zwei Monaten zurückgezogen und das klappt auch recht gut. Instagram dito. Nur Twitter spült mir noch den alltäglichen Kleinkrieg ins Hirn. Endstation Tweetsucht.

Nachdem ich die letzten Tage dumme Leute und Bots (ich habe die seltene Gabe, Bots fast immer auf den ersten Blick zu erkennen und sie einzuordnen) blockend auf Twitter unterwegs war, habe ich die Reißleine gezogen und mich abgemeldet. Von der Radikalmaßnahme, den ganzen Account zu löschen, sah ich ab, da dies auch bedeutet hätte, dass einige wichtige Schlagworte, die ich selbst geprägt hatte, ihre Wurzeln verlieren würden. Niemand könnte mehr nachvollziehen, worum es ursprünglich unter ging, oder was es mit den auf sich hat, mit und was zum Teufel ist denn , und

Mal schauen, wie lange ich durchhalte. Blogtexte wie dieser werden automatisch zu Twitter gepostet. Tweet gewordene Sackgassen, in denen du nie eine Antwort erhalten wirst.

Im Grunde verwandele ich mich selbst in einen Bot.

 

Von Stechmücken, Tyrannen, von Viertaktgebrumm und Elend in zehntausender Potenz

Ich erschlug die einzige Stechmücke am Hof. Ich reparierte die Pumpe um einen übrig gebliebenen Kubikmeter Wasser aus einem Fass zu saugen und im Garten zu verbringen. Ich dachte über Permakultur nach. Über Wandel, Hoffnung, Zukunft, Perspektive jeder Art.  Über Despoten, und abgrundtief ungerechte Gerichtsurteile (dass es überhaupt eine Anklage geben kann, wenn jemand Kritik übt, ist am Abscheulichsten), die es mir per Nachrichten ins Hirn spülte. Der Weg vom autoritären Tyrannen zum Thema Geld mag einem schwer nachvollziehbar sein. Ein paar Balkenmäherrunden später sinniere ich jedenfalls über Geld und Wirtschaftskreisläufe und darüber, wie schmutzig die wirtschaftliche Interaktion ist. Das onkeldagoberteske Geldbad, das in den Lustigen Taschenbüchern so niedlich wirkte, hat eine schreckliche Fratze. Ein Bad im Elend Abgehängter.

Ich sollte Geld nicht mehr benutzen. Es ist wie Luft und Wasser, trägt den Schmutz korrupter Geschäfte in sich. Sobald du es nutzt, machst du dich mitschuldig. Nein, es ist schlimmer als schmutzige Luft und schmutziges Wasser. Es lässt sich nicht reinigen. Die Schuld, die darin steckt ist imateriell. Mit jedem Einkauf unterstützt du autoritäre Systeme, förderst Unterdrückung, Menschenhandel, Gewalt, Krieg, Sklaverei. Homöopathisch verdünntes Elend steckt in fast jedem Handel.

Ich mähte schweren Herzens den geschundenen – ja, was ist das überhaupt, dieses hellbraune Gewirr aus Halmen, teils einen halben Meter hoch, aus dem ein paar gerade noch grüne Brennnesseln ragen, durchsetzt von vertrocknetem Laub – Rasen? Ist es nicht! Seit Mai habe ich die Fläche unter den Obstbäumen nicht mehr gemäht, habe überhaupt nichts gemäht, was leidet unter der Trockenheit, dachte, das kommt schon gut, wenn du es verschonst, das Grün. Denkste. Nun musste es sein, denn die Äpfel werden reif und ich habe keine Lust, im hohen (ahahaha, er hat es hoch genannt) Gras unter den Bäumen nach ihnen zu suchen, also kurbelte ich den Balkenmäher an, sonor brummendes Benzinding, und zog meine Kreise unter allen zu erntenden Bäumen in der Südwiese. Es gibt Quetschen. Viele liegen schon unten. Voller Würmer. Aber es gibt heuer immerhin welche. Quitten hängen auch ein paar. Hmm? Bevor ich den Reinhard-Hamann-Baum mähe, sammele ich wohl besser die schon gefallenen Äpfel auf. Viele sind es nicht und klein sind sie. Zum Saft keltern taugen sie dennoch.

Einen ganzen Korb voll habe ich aufgelesen und als ich nach oben schaue, sehe ich, dass kaum noch welche am Baum hängen. Und dass die wenigen ganz winzig sind wie die gefallenen Äpfel, also brauche ich die Wiese unter diesem Baum gar nicht zu schinden.

Den Reinhard-Hamann-Baum habe ich nach meinem Künstlerkollegen benannt, der vor einigen Jahren sein Zelt unter dem Baum aufgeschlagen hatte. Es war schon Herbst. Zuvor hatte er die gefallenen Äpfel auf einen Haufen gelesen, fast eine Kunstaktion. Während eines Festivals blieb er neben anderen Zeltleuten ein paar Tage am Hof. Das muss vor zehn Jahren gewesen sein. Vor drei Jahren starb Reinhard. Seitdem heißt der Baum nach ihm. Ich sollte für jeden verstorbenen Freund, jede verstorbene Freundin einen Baum benennen.

Gedankenverloren schufte ich mich voran zur Nordwiese, wo weitere Apfelbäume stehen. Uraltes Gewächs, kaum beschnitten, aber der Golden Delicious Baum trägt jedes Jahr viele kleine wohlschmeckende Äpfelchen, die einen gar köstlichen Saft ergeben. So schiffe ich mit dem Balkenmäher Spiralen fahrend unter den Bäumen. Trage Helm. Wie oft habe ich mir schon den Kopf gestoßen an den quasimodoesk gewachsenen Krüppeln. Wie oft fluchte ich. Wie oft war ich froh um den Helm. Da geht der Schlag nur ein bisschen ins Genick und es gibt wenigstens keine Schürfwunde. Wie oft hörte ich, selbst durch die Ohrschützer, ein breites Apfelplumpsen auf den weichen Boden. Dieses Mal nicht. Ich schaue nach oben. Der Delicious ist fast leer. Ein einziges Äpfelchen baumelt irgendwo. Sonst keine Früchte. Und von den Jona Gold, den Goldparmenen und wie sie alle heißen, sind auch kaum Früchte zu erwarten. Zwetschgen große Etwase hängen an den Zweigen. Mehr noch. Bisher hat mich noch keine Wespe bedroht. Sie mögen es nicht, wenn man sie in den fauligen, schon am Boden liegenden Früchten mit dem Balkenmäher überfährt. Dann umschwirren sie den Grasmähenden Agressor bedrohlich. Was war das für ein Spurt, als ich unter einem Quittenbaum einmal ein ganzes Wespennest erwischte. Balkenmähermäher müssen lange Beine haben, eine gute Kondition, Reflexe; sie müssen die Eigenschaften von Fluchttieren und Räubern zugleich in sich tragen, um zu bestehen.

Ich bin ein Totengräber. Fast kommen mir die Tränen. Ich wandele wie ein Dead Man, die Kugel längst im Herzen, durch fleisch gewordene Dystopien. Der Balkenmäher ist mir Pferd genug, zwei glatzköpfige Umweltdetektive sind mir auf den Fersen …

Ich habe die einzige Stechmücke am Hof getötet.

Flussnoten IV beendet

Die Reise ist vorbei. Acht Tage wandernd die Rhone abwärts. Geplant waren etwa zwölf Tage. Es gab zu viele Komplikationen. Vom Pech verfolgt. Dennoch zufrieden wieder im Aargau gelandet.
Wir werten das Projekt Flussnoten IV dennoch als Erfolg. Ein Blick in den Fotoordner zeigt, dass das Material reicht, um ein Poster zu gestalten.
Gestern Abend hatte ich mit dem Appen begonnen. Minimalinvasiv, sehr nah an den Originalaufnahmen. Die Fotokamera des Shiftphones erweist sich als nicht so schlecht wie gedacht. Die Ergebnisse entsprechen etwa denen, die ich mit dem iPhone 4s erzielt hatte. Die Auflösung ist besser.
Mit im Gepäck war auch eine Gopro. Es könnte also auch ein Film entstehen über unsere Reise die Rhone abwärts.
Am gestrigen letzten Reisetag flatterte schließlich noch eine Vorankündigung des Hosters rein. Gejammere über hohe Strompreise, die man an die Kundinnen und Kunden weiter geben müsse. Ich verstehe es ja. Mindestens zehn Prozent teurer wird es, vielleicht auch anderthalb mal so teuer. Nähere Infos schicken sie im Herbst.
Langsam sickert das Bewusstsein, dass von der digitalen Existenz, von allen Blogs auf dem Server letztlich nichts bleiben wird, außer ein Backup auf ein paar vom Netz abgekoppelten heimischen Festplatten.

Flussnoten IV – Rhônewandern

Es wäre zu kompliziert, die Mechanismen zu erklären, die der kommenden Reise, die Rhône abwärts wandernd, zu Grunde liegen. Ein Ausflug zu diversen Servern, Tutorials, Datenbanken, Shellskripten und zurück … kurzum, wir haben eine Karte aufgesetzt und ein Blog, damit wir ab Freitag  (5. August 2022) wandernd und bloggend ein spannendes, appspressionistisches Kunstprojekt umsetzen können.

Klar, es ginge auch ohne Karte und Blog und es würde sicher einiges an Mühe sparen.

Schaut gerne vorbei.

Zwei ganz normale Tage – oder auch mehr

Wir verlassen das Haus, die Frau SoSo und ich. Wir sind Glückliche, die das Haus verlassen können, ohne sich Sorgen zu machen, an der nächsten Ecke überfallen zu werden oder erst Kilometer weit über eine Müllhalde zu laufen, um den dreckigen Fluss zu durchwaten und irgendwo in den Randgebieten einer Großstadt ein bisschen Grün und Frieden zu finden. Wir sind Glückliche, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, friedfertige Nachbarn und keine Angst haben müssen, dass eine Rakete im Wohngebiet einschlägt. Ein ganz normaler Sonntag in einem Dorf in der Schweiz. Wir nehmen die Fahrräder. Wie glücklich wir sind, Fahrräder zu besitzen.

Wenn ich einen Bericht schreiben müsste, der jenseits dieser Welt bestehen soll in einer fernen Zukunft, eine Spur hinterlassend für jenstige Archäologinnen und Archäologen, ich müsste scheitern. Ich könnte keinen Gesamtabdruck der Welt, in der wir leben, liefern, weil ich gar nicht weiß wie woanders auf dem Planeten eigentlich gelebt wird. Obschon ich viele Arten zu leben kennen gelernt habe.

Ich berichte nur aus meiner kleinen Blase der Welt, aus meiner direkten Umgebung. Mehr wäre Spekulation, verunschärfte das Bild. Berichte im Rahmen dessen, was für mich normal ist und schön und gut, aber hinter allem, was mir bekannt ist und wovon ich etwas weiß, lauert so viel Unbekanntes und Ungewohntes, manches kennt man ja vom Hörensagen, aber was mich erschreckt: Es gibt ein nahezu unerschöpflichen Raum für noch nicht Entdecktes.

Ich hatte kürzlich während der Umradelung Bayerns einmal sinniert, wieso Menschen, die an Wiedergeburt glauben und von sich selbst sagen, sie haben schon einmal gelebt auf diesem Planeten – als Mensch, als Tier, womöglich als Pflanze – stets als solche Wesen gelebt haben, die uns allgemein geläufig sind. Als Schlange, Affe, Pferd, Römerin, Thrakischer Prinz oder Mammutbaum. Wiedergeborene waren stets ein Wesen, das schon entdeckt und beschrieben wurde. Nie hört man, dass jemand schon einmal gelebt hat als das bisher nicht entdeckte Wesen in der Tiefsee ohne Augen und Ohren, das in ewiger Dunkelheit unter dem hohen Druck, der im Marianengraben herrscht, existiert. Ein Wesen ohne Namen. Was der Buddhist nicht kennt, das reinkarniert er auch nicht. Vielleicht irre ich.

Wir, das Haus verlassend, sonntags vielleicht.

Vorbei am Dorfbrunnen, auf dessen Kopf eine Bärenskulptur thront, den man kürzlich neu angemalt und renoviert hat, durch die zackigen kleinen Straßen, vorbei an den uralten aneinander gebackenen Bauernhäuschen, die einst vereinzelt in der Wiese standen, bis diese verkauft, bebaut und erschlossen wurde. Gespickt mit Einfamilienhäuschen. Durch die Randgebiete eines typischen Schweizer Dörfchens. Die Bebauung der Dörfer endet mittlerweile an der Bebauung des nächsten Dorfs. Industrie und Handel dazwischen ab und an. Die Schweiz ist eine Ansammlung von Randgebieten, durchdrungen von Ortskernen.

Durch eine Kastanienallee ins Nachbardorf.

Die Welti-Furrer-Chilbi (eine Chilbi ist ein Jahrmarkt). Acht bis zehn fahrbare Baukrane. Hochgebockte Maschinen, deren Räder in der Luft hängen mit ausgefahrenen Teleskopen zwischen den Dörfern Hausen und Windisch. Das fulminante Finale der Kastanienallee. Auf einem normaler Weise leeren, ungeteerten Platz herrscht an diesem Tag reges Treiben. Ich frag, Frau SoSo, bleiben wir ein Weilchen stehen, ich möcht schauen. So stehen wir ein Weilchen, die Fahrräder zwischen den Schenkeln und schauen das Treiben auf dem Gelände an. Viele Menschen, allesamt mit Helm und Warnweste ausgestattet. Die Krane bewegen sich, ziehen die Ketten, kragen die Arme, schieben die Masten aus den Teleskopen und an den Ketten hängen an massiven Eisenhaken kleine rote Tonnen, die etwas kleiner sind als größere rote Tonnen, die im Abstand von einigen Metern am Boden unter den Kranen stehen. In den Führerhäusern der Krane sitzen kleine Kinder, über die sich Bauarbeiter beugen und ihnen gestikulierend die verschiedenen Hebel der Maschinen erklären. Die Kinder müssen die kleinen Tonnen aus den größeren Tonnen ziehen, den Kran um einige Meter nach links oder rechts schwenken und sie in die andere große Tonnen versenken. Wie wir so starren, also vielmehr ich, wird mir bewusst, dass genau so etwas mein kleiner, privater Alltagszirkus ist: scheinbare Banalitäten am Wegesrand, die man normalerweise nicht zur Kenntnis nimmt. Oh, juhei, Kinder heben Tonnen aus Tonnen und versenken sie in anderen Tonnen. Ob ich da hin möchte und selbst eine Tonne aus der Tonne heben möchte und in eine andere Tonne tun, fragt Frau SoSo. Nein, möchte ich nicht. Zuschauen ist viel bequemer. Man hat es nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Maschinen, in denen Menschen sitzen und agieren. Das ist es. Ja, doch Krane voller Kinder, die Tonnen aus Tonnen in Tonnen heben, das ist genau mein spektakuläres Unterhaltungsding. Besser noch als Mährobotern beim Grasmähen zuzusehen.

Und wir fahren weiter durchs nächste Dorf, Ziel eine große Weide, auf der einige Dutzend Wutzen frei laufen. Entdeckt haben wir sie vor einigen Jahren schon (also ihre längst geschlachteten Ahnen). Glückliches Schlachtvieh. Fleisch in spe, aber eben, die Weide ist etwa einen Hektar groß und es befinden sich kleine, Schweinegroß hohe Häuschen darauf, sowie ein Wasserfass und ein Schlammloch, in dem die Viecher sich suhlen. Das ist eine weitere Art beliebter Unterhaltung am Wegrand. Außer Wutzen, Mährobotern, Welti-Furrer-Chilbi-Kinderkranen oder Nichts, brauche ich eigentlich keine Unterhaltung auf Sonntagsausflügen. Ich bin ein schlichtes Gemüt, das jenseits des Kommerzunterhaltungsmainstreams die kleinen unbezahlten Dinge sucht und sich damit zufrieden gibt.

Wenn ich von ‚Nichts‘ als Unterhaltungsform rede, meine ich schlichtes Verharren und nach oben in den Weltraum starren. Wie es uns, nachdem wir uns an den Kranen voller Kinder und den Wutzen satt gesehen hatten, einige Kilometer später unten an der Aare passierte. Wir hatten die Hängematten in einer kleinen Aue aufgehängt und baumelten vor uns hin. Hängematten sind unheimlich bequeme Sitz-, Liege- und Abhängmöglichkeiten. Faszinierend wie die Sonne durchs Laub schimmerte und das Grün in verschiedene Töne aufspaltete, durchdrungen von ab und zuen Blautönen und ein bisschen Braun oder Grau der Äste, sonst nichts … ach, doch, das Schimmern allen Grüns wurde noch getoppt von den Lichtreflexen auf dem spielenden Fluss. Sonne von oben und von unten aufs Blattwerk und alles in zitternder Bewegung. Das Laub zitterte wegen leisen Winds, der Fluss wegen Strudeln und Wellen, herrlich, wie er die sturen, geraden, unbarmherzig voran dringenden Sonnenstrahlen in Unruhe versetzt, sie mal hier, mal da aufs Laub wirft oder durch einige der wenigen Lücken zurück in den Weltraum. Wie wohl ein Impressionist, eine Impressionistin dieses Blattwerk malen würde, fragt Frau SoSo. Die sind alle tot, will ich sagen, verkneife es mir, Punkt für Punkt sage ich.

Wenn ich das Gesicht Richtung Himmel habe, gelingt es mir mittlerweile ganz gut, mich als auf einem Ball per Schwerkraft fest pappendes Lebewesen vorzustellen, das im Begriff ist, in die Tiefen des Alls zu stürzen, wenn die Schwerkraft plötzlich nicht mehr ist, beziehungsweise, wenn sie sich umkehrt.

Das Grüne-Dach-Bild ist grandios. So könnten Ewigkeiten vergehen, ohne auch nur eine Spur Langeweile zu empfinden, denke ich. Im Spiel von Sonnenstrahlen und dem, auf das sie treffen ist immer Bewegung, Chaos, Unruhe, Unberechenbarkeit und es öffnen sich der Phantasie Pforten, die einem im sturen Dahintreiben – sagen wir einmal geradeaus schauend beim Gehen, Autofahren oder Radfahren – entgehen. Weil man parallel in einer dünnen, belebten Schicht auf diesem Planeten eben auch nur diese schmale Schicht wahrnimmt, aber nicht die Sphäre, die diese umschließt.

Sturz ins Weltall an einem ganz normalen Sonntag also. Neben unserem Wäldchen befindet sich ein Kurgebiet, in dem man eine Freilichtbühne aufgebaut hat. Plötzlich Musik. Klavier, Saxophon, Schlagzeug, Soundcheck für etwas, was später geschehen soll vermutlich. Es ist Nachmittag. Erstaunlich wenige Menschen auf den Rad- und Wanderwegen unterwegs. Wir trudeln weiter durchs nächste Dorf. Auf der Hauptstraße eine Kolonne Oldtimer. Röhrende, stinkende Amischlitten. Allmögliche Modelle. Cabriolets mit offenem Verdeck und gigantischen, durchgehenden Sitzbänken im Fahrerbereich, auf denen man getrost zu dritt oder zu viert nebeneinander sitzen könnte. Die Straße wird abgeriegelt, damit die Kolonne in einem Rutsch durchs Dorf kommt und sich kein Fremdfahrzeug dazwischen mogelt. In kaum einer der Karossen sitzen mehr Personen als nur der Fahrer. Ja. Fahrer. Keine einzige Frau. Eine Schlange antiker, schön glänzender Spritfresser voller sogenannter alter weiser Männer. Verflixt, ich kann es ja verstehen, dass man einen Narren fressen kann an einem schönen Kleinod. Dennoch ist dieses Bild des Amischlittenkorsos voller einsamer, meist grauhaariger Männer verstörend im Antlitz der Hitze des Tages. Mein Hirn kalkuliert, wie viele Liter pro Stunde durch die Vergaser jagen und wie viel der kleine Ausflug einsamer, im Verbrenner-Interesse geeinter Männer gesetzten Alters kostet. Der Himmel ist gelb.

(Zur Verlinkung in Lind Kernig – Zukunftsroman der Feinen Künste)