Kurze Texte und Bildgalerien vom Pfingsttreffen 2013 Zweibrücken / Boulogne in Boulogne sur Mer.
Die halbierten Spaziergänger vom Quai Gambetta
Zig Betonbarrieren, vielleicht zwanzig cm hoch und ein paar Meter lang markieren die Parkplatzzeile am Quai Gambetta in Boulogne sur Mer. Nur dieser eine Betonstreifen tanzt aus der Reihe. Es ist eines jener Motive, bei denen ich mir die Uhrzeit merke, um auszurechnen, wann das Licht am Günstigsten steht. Zum Fotozeitpunkt war die Schattenlage ungünstig. Leider war keine Neuaufnahme zu besserem Zeitpunkt (ich schätze, 14 Uhr) mehr möglich. Das Bild wurde noch während der Rückreise aus der Partnerstadt „verappt“. Zunächst mit Decim8 entfremdet, dann mit ProCamera beschnitten und entsättigt. Nun wäre noch ein Gimp-Handgriff zu tun – die halbierten Spaziergänger sollen raus. Aber dazu bin ich zu krank. Neben Schlechtwetter hatten wir nämlich auch einen Virus im Reisegepäck.
Call My Housenumber
Welcome To The Magic HTML Bus
Vorbei an Arras. Zur Rechten garstige Cerealienchampagne. Das Land ist topfeben. Riesige Felder, Raps und Getreide, durchzogen von Strommasten, Stomlinien hätte ich es beinahe genannt. Ein angenehmer Fahrregen. Die Frontscheibe des Busses beschlägt. Die Tropfen tanzen im Rhythmus zu afrikanischer Musik aus dem CD-Spieler. Unser Bus, Nummer Eins, weil mit Anhänger versehen, beinhält die örtliche Trommelschule. Ca. 20 Personen im vorderen Teil. Hinten sitzt die Mittelaltergruppe Waldläufer. Wir, drei Mitglieder der Künstlergruppe Prisma, wären eigentlich die ideale Trennlinie. Wenn der Bus eine HTML-Seite wäre. Der Fahrer ist der Bereich Header, dann folgen zwei Canvas-Elemente mit ein bisschen JQuery-Voodoo. Die Künstlergruppe könnte man darstellen als HR, schlichte Eleganz, als horizontale Linie von 75 % Breite. Im Footer, in dem normalerweise das Impressum und die AGB notiert sind, befindet sich ein weiteres Canvas-Element, der Anhänger, in dem die klatschnassen Zelte der Waldläufer liegen. Die armen Teufel mussten frühmorgens schon ihre ohnehin schweren Ritterzelte abbauen. Ich könnte mir denken, dass das eine ziemliche Schlammschlacht war: niedergetrampeltes Gras, das sich mit nasser Erde zu einem eigenartigen Lehm mischt – passt eigentlich zum Mittelalter. Ebenso wie meine Stimmung: vampiresque, ein Nosferatu, dem man auf die Schliche gekommen ist, und ihn nun in seinem Versteck ans Licht zerrt. Bretterverschlag umgibt den schützenden Schlafsarkophag. Mit Pflöcken und silbernen Gewehrkugeln rückt das Alltagsleben wieder näher, streifenweise zerschneidet Licht die staubige Sphäre, moi même im schwarzen Umhang, Spinnenfinger, blutleere Lippen und diese Zähne, mein Gott, diese Zähne … ich schweife ab. Die Trommelmusik treibt mich in eine Art mantrisches Schreiben, untermalt vom Surren des Busdiesels und dem Zischen des Regens unter den Reifen. Asphaltwellenschaukeln auf 570 Kilometern Länge, querbeet durch die Champagne, die ich einst, per Radel durchquerend, zum Verzweifeln fand.
SoSo hat uns wieder die besten Plätze im Bus gesichert, ganz Vorne rechts – wenn ich sie nicht hätte … ich müsste womöglich im Waldläufer Zeltanhänger mitfahren :-)
In Boulogne wurde das Ankunftsprogramm genau umgekehrt: von den Hotels und Gastfamilien führt eine Sternfahrt zum Fußballstadion, wo alle Fahrgäste neu sortiert werden. Wir Künstler sitzen also erst einmal im Fünfer Bus.
[Nachtrag: gerade sehe ich, dass der Artikel gar nicht fertig ist – Liveschreiben #13.1, Bugfix. Wenn du zu gegenwärtig bist, um zu merken, dass du die Gegenwart nicht zu Ende schreibst und zudem zu offline, um online zu sein, und somit vier fünf Stunden Gegenwart verstreichen, in denen ein Artikel im Puffer deines Smartphones hängt, mach bloß nicht den Fehler, unter dem Artikel später einen Nachtrag zu notieren, der eigentlich nur sagen will, hättste mal besser den folgenden Satz weggelassen und gut wärs: In Boulogne wurde das Ankunftsprogramm genau umgekehrt: von den Hotels und Gastfamilien führt eine Sternfahrt zum Fußballstadion, wo alle Fahrgäste neu sortiert werden. Wir Künstler sitzen also erst einmal im Fünfer Bus.]
Liveschreiben #13 – zurück in die Gegenwart
Herr Irgendlink lässt und lässt nicht locker. Zwar schwächelte ich fast ein Jahr, was das Reisen und das darüber Berichten angeht, aber nun, seit erst drei Tagen unterwegs, spüre ich schon wieder die Faszination, die der stete Lebensstrom ausübt, wenn er über die Katarakte der Fremde rauscht. Aus der Reise Ums Meer habe ich ein immenses Wissen über diese, meine direkte Form der Reiseberichterstattung gewonnen und, by doing, eine gute Fingerfertigkeit entwickelt. Wenn ich heute Morgen noch fabuliere, ich zeige nienienie wieder Bilder in einer Ausstellung, es sei denn, ich erhalte ein Honorar, ich trotziger Kunstbub, so weiß ich nun, was ich garantiert immer wieder tun werde: live von unterwegs bloggen.
Es dauert ein zwei Tage, bis man drin ist in der Tour. Heute bin ich in dieser Tour drin. Also Punkt Eins: Gedulde Dich und lass Dich vom Unterwegssein weichklopfen so lange, bis die Worte fließen. Der nächste wichtige Punkt ist Disziplin. Ehrlich gesagt, just im Moment würde ich viel lieber nackt im Hotelbett liegen, die Glotze surren und den Abend ausklingen lassen.
Stattdessen vorm geistigen Auge den Tag revue passieren lassen, gleichzeitig auf dem winzigen Smartphonebildschirm diese Zeilen tippen. Ein Urban Artwalk morgens, um das einzig renovierte Haus in einer zerfallenden Häuserzeile zu fotografieren (abends war das Licht ungünstig).

Verirrt in der Zitadelle verpassen SoSo (auch sie schreibt live) und ich beinahe das Festbankett, müssen kilometerweit durch die Nordstadt irren. Boulogne ist verdammt hügelig. Das Bankett mit etlichen hundert Gästen in einer Turnhalle anlässlich des 54jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Boulogne Zweibrücken.

In der Kunstschule EMA offeriert man mir, die Ausstellung noch einige Zeit im Kubus zu lassen und sie mir per Post zu schicken. Prima. Netzwerken. Das ist was Feines. Fünf Busse voller Netzwerker.
Stadtszenen von unseren Urban Artwalks. Boulognes Häuser haben einfach die schönsten Hausnummern. Diagnose: in dieser Stadt müsste ich mindestens eine Woche arbeiten. Südlich des Flusses Liane etwa, gibt es einen Stadtteil, den ich noch gar nicht kenne.
Urban Artwalk Boulogne am 19. Mai 2013.

Ein Jammer, dass die Reise Morgen endet. Ich merke, wie faszinierend dieses, mein Experiment am offenen Herzen der Literatur ist. Obschon noch immer unklar ist, ob es sich um Literatur oder Kunst oder Dokumentation oder dilletantisch redigierten Privatjounalismus mit larmoyanten Einlagen, oder um ein schlichtes Bad in der virtuellen Menge handelt. Manche nennen es einfach Appspressionismus.
Credo von Liveschreiben #13 – lass nienienie den Strom der Gegenwart enden.


