Zwischen Volksmusik und NDW – Schleuse elf

Mit dem nächtlichen „rausjagen“ des Jakobswegbuchs bei Neobooks vor zwei Tagen weicht schlagartig jeder Druck. Der Weg ist frei für das neue Reiseprojekt. Plötzlich liegt wieder ein gutes Stück unformatierte Zeit vor mir, ein spannedes Geflecht an Verzweigungen, an denen die Entscheidungen, geht es nun rechts oder links, erst noch fallen werden. Fast komme ich mir vor wie ein Bildhauer vor einem Block Marmor, ehe er zum ersten Mal den Meißel ansetzt. Das Sich-heranschreiben- und -fotografieren an ein neues Kunststraßen- oder Reisekunstprojekt hat glaube ich schon ein bisschen Ähnlichkeit mit Bildhauerei. Was ist das Künstlerleben anderes, als immer wieder neu weiße Flächen bunt anzumalen, oder Hölzern und Steinen die Form abzuringen, die ihnen schon immer innewohnt. Genauso ist es mit der Entrealisierung realer Welten, indem man ihnen mit Worten oder Fotoserien zu Leibe rückt.
Ich radele zunächst die gleiche Strecke, die ich auch auf dem Nordseeradweg eingeschlagen hatte – quer durch Zweibrücken runter zum Hornbachstaden, der parallel zur Autobahn und zum Bach hinüber führt ins Saarland. Noch immer ist das Graffiti Schüsch ZW, das mich schon letztes Jahr an die Worte Tschüss Zweibrücken erinnerte, auf dem fünf Meter hohen Betonsockel, auf dem die Autobahn führt. Ein bisschen bunter scheint es geworden zu sein. Auch Graffiti-Maler sind wie Bildhauer.
Aus dem Garten eines Hauses höre ich hinter einer Holzwand Gezeter, klingt wie ein Streit. Ich stelle mir einen schmerbäuchigen Kerl vor, der seine Familie tyrannisiert. Da die Holzwand keinen Blick zulässt, hat mein Phantasiezeterer eine Bierflasche neben sich, nackter Oberkörper, Brusthaare, Plastikgartenstuhl. Nicht so recht passen zum Bild in meinem Kopf will der Satz: „Komm mo her mei Bu“, der sich tröstend offenbar an ein Kind richtet.
Die echte Welt endet an einem Bretterzaun in einem Zweibrücker Vorort. An einer Bushaltestelle knipse ich ein paar Ich war hier-Kritzeleien, Liebesschwüre, Beschimpfungen, die wohl von Wartenden daran gekritzelt wurden.

Dem Bliesradweg, einer ehemaligen Bahntrasse, folge ich bis Frankreich, ca. dreißig Kilometer. Die Konzeptfotografie – alle zehn Kilometer die Strecke in Fahrtrichtung ein Bild – ist eine Herausforderung wegen des Sonnenstands. Ich wende das selbe Prinzip an, wie auf dem Rückweg der Nordseerunde, fotografiere mehrere Filtereinstellungen und nehme auch den Rückblick mit. Noch ist das Konzept dominant, beschäftigt mich, lenkt mich ab. Ich weiß, dass sich das bald legt, und ich, ordentlich weichgeklopft, einfach nur reisen kann.

Ab Bliesebersing schlage ich mich über Landstraßen bis nach Wittring am Saarkanal durch. Streng geht es berghoch. Keine Minute zu früh (in der Mittagshitze wäre die Bergetappe womöglich im Herzkasper geendet) kurbele ich aufwärts. Die Achtzehnuhr-Glocken läuten. Der Berg ist vom Kaliber Zweibrücker Kreuzberg plus X. Eine deutsche Familie, auch radelnd, keucht vor mir her. Sie haben die gleiche Strecke. In Wiesviller warten sie an einer Kreuzung, an der kein Hinweisschild zu finden ist, um mir den Weg nach Wittring zu zeigen. Ab Wittring führt der Saarradweg auf alten Treidelpfaden topfeben am Kanal entlang. Kilometerweit durch Wiesen und Wälder. So knacke ich gegen Dunkelheit doch noch die siebzig Kilometer-Marke, liege trotz dem späten Start um halb drei nachmittags wieder ganz im geplanten Tageskilometerschnitt.

Die Lagerplatzsuche dürfte kein Problem sein. Kilometerweit frisch gemähte Wiesen. Bloß: da wummert irgendwo ein Fest im Wald, mit lauter, mutmaßlich deutschsprachiger Volksmusik. Auf der Suche nach einer ruhigeren Wiese gerate ich dummerweise in ein Naturschutzgebiet südlich von Mittersheim, in dem es keine Wiesen mehr gibt, sondern der Kanal durchfließt ein Seen- und Sumpfland. Es bleiben nur die Stellen direkt am Kanal, die wegen zu vermutenden Anglerverkehrs nicht gemütlich scheinen. Bei Schleuse Nummer elf werde ich schließlich fündig, obschon das mit der Volksmusik-Vermeidung ein Schuss in den Ofen war: hier wummert irgendwo im Wald die Neue Deutsche Welle. Major Tom dicht gefolgt von BAPs Verdamp lang her. Das Schleusenhäuschen ist eine Ruine – wäre ein Platz zum Übernachten, aber wegen der unzähligen Stechmücken bin ich heilfroh, dass ich das Zelt dabei habe.

Die erste Nacht

Gegen vierzehn Uhr hat Irgendlink das einsame Gehöft verlassen, um sich auf die Reise nach Hallstatt zu machen.

Um nach Osten zu kommen ist er vorerst südwärts geradelt. Nach 22 Uhr hat er in Frankreich das erste Mal das frisch reparierte Europenner-Zelt aufgebaut. Zwar hört er in der Ferne Technosound – ein Fest im Wald irgendwo – doch das kümmert ihn nicht groß.

Seine erste Tagesetappe führte zum Schluss am Saarkanal entlang durch die französische Pampa. Bestimmt erfahrt ihr morgen hier bereits mehr …

Zum Kartenlink der heutigen Strecke – so will es die Tradition – klickt ihr einfach hier drauf
>>> Kartenlink.

Ach, übrigens: Ron Rodec zeigt auf Facebook ein paar tolle Bilder von Irgendlinks Abfahrt vom einsamen Gehöft …

(Liebe Grüße von der Homebase)

Reinheim

Der letzte Ort vor der französischen Grenze. Dreißig Kilometer bei Affenhitze. Soeben habe ich in einem Haus, an dem groß Laffenclub geschrieben stand, die Wasserflaschen aufgefüllt. Zwei Jungs räumten Bierbänke zusammen, stapelten sie auf einem Anhänger. Hinterm Haus ein Kühlanhänger. Im Haus Bierdunst. Der Boden klebte unter den Füßen. Das muss ja ein riesen Fest gewesen sein, versuche ich ein Gespräch anzufangen. Aber die Jungs sind wortkarg. Immerhin erfahre ich, dass es den Club schon fünfzig Jahre gibt.

Panorama in Reinheim
Die ersten vier Kunststraßenbilder: Kilometer null, zehn, zwanzig und dreißig. Das Gegenlicht macht das Fotografieren zur Herausforderung.
Vier Kunststraßenbilder

EDIT Homebase: Zweibrücken – Reinheim: bitte hier klicken.

Bilder für die Ewigkeit – wenige Stunden bis zum Start

Die Ruhe vor dem Start. Noch liegen die Reiseutensilien unkomprimiert rings ums Fahrrad. Morgenkaffee. Um vierzehn Uhr ist Starttermin. Freund Ron, der eine Facebookbegleitung des Projekts wagt, wird ein paar Fotos der Abreise machen. Hundertzwanzig Keramikfliesen werden in den nächsten zwei Wochen auf der Radtour ins Memory of Mankind Archiv entstehen. Sie werden im Salzstock im Weltkulturerbe in Hallstatt (Österreich) archiviert. Jede Kachel erhält ein Duplikat, das in einer Box und mit Zertifikat verschickt wird. Ideal, um die heimische Kunstsammlung zu bereichern. Anfragen bitte an homebase@europenner.de.

Die untige Galerie zeigt den Prototyp, den Martin Kunze vom Memory of Mankind im Frühjahr als Demo-Muster angefertigt hatte. Damals existierte die Idee noch nicht, live ins MOM zu radeln. Ich hatte überlegt, einige Bilder der Nordseeumrundung ins Archiv zu geben. Die Kachel stellt die Kontur der North Sea Cycle Route dar. Unterlegt sind Bilder, die auch im Poster der NSCR verwendet wurden.