Durch gezielte Fragen versucht SoSo, mich auf die Schweizerprüfung vorzubereiten. Wie grüßt man salopp eine Gruppe Menschen? – Hoi? – Hoi zäme! Verbessert sie. Hoi ist nur für einen. Bei Grüezi geht beides: Güezi mitenand und Grüezi, denn Grüezi bedeutet Ich grüße Sie, wohingegen man in der Berner Gegend sagt Grüessech, was recht nobel ist: Ich grüße Euch. Wir folgen immer noch der Reuss. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass sie doch nicht über zweihundert Kilometer lang ist, sondern nur hundertsechzignochwas. Und dass sie bei Luzern aus dem Vierwaldstättersee abfließt und mitnichten durch den Zuger See. Deshalb verlassen wir den Fluss auch bei einer Stadt namens Rotkreuz und queren ein paar Kilometer Richtung Osten bis nach Buonas am Zugersee. Die Innerschweiz mit den drei Urkantonen – na, wie heißen sie, Herr Irgendlink? – Schwyz, Uri und Unterwalden, liegt am Ende des Zuger Sees. Wenn die Schweiz ein Betriebssystem wäre, baue ich mir eine Eselsbrücke, wären diese drei Kantone der Kernel. Unterwalden, lerne ich weiters, ist ein Doppelkanton bestehend aus Obwalden und Nidwalden. Und da vorne, zeigt SoSo auf einen Berg, das ist die Rigi. – Die Ricki? – Die Rigi mit einem G. – Wurde dort der Rütlischwur geschworen? Ist das der heilige Berg der Schweiz, der, von dem Moses mit zehn Gebotstafeln heruntergeklettertwäre, wäre er Schweizer gewesen? SoSo wirft mir einen blitzenden Damit-macht-man-keine-Scherze-Blick zu. Der Rütlischwur wurde auf der Rütliwiese geleistet, tadelt sie mich.
Soweit so gut, hätte ich mit meinem hastig am Wegrand aufgeklaubten Schweiz-Basiswissen eine reale Chance, die Schweizerprüfung zu bestehen, wäre da nicht dieser mysteriöse Vorfall in Rotkreuz geschehen. Um unsere Vorräte aufzustocken, begebe ich mich in einen Migros Supermarkt. SoSo bewacht derweil die Rucksäcke auf einer Rampe beim Güterbahnhof. Ich mag Rotkreuz nicht. Es ist laut, voller Baustellen und hektischer Menschen. Im Eingang zum Markt rempele ich mit einem wuchtigen Kerl zusammen. Was eigentlich nicht hätte passieren können, denn die Tür ist breit genug sogar für zwei von diesen Gewichtheber ähnlichen Typen. Er muss es absichtlich getan haben, dünkt es mich. Durch die Scheibe blicke ich zurück und auch er starrt mich an, Einkaufstüte schleppend. Schulterzuckend gehe ich in den Laden entlang einer Glasfassade, wie auch er draußen parallel zu mir läuft. Unsere Blicke treffen sich erneut. Er grinst. Ich grinse zurück. Ein beklommenes Gefühl. Er lässt den Blick nicht von mir. Ich nicht von ihm. Wenn dies ein Zoo wäre, wer wäre dann das Raubtier, das am Gitter hin und her streicht, wer der Zoogast, der sich an diesem Hauch von Wildheit ergötzt? Jetzt hebt er die rechte Hand, fährt sich mit zwei Fingern unter die Nase, streicht zweimal darunter. Was heißt das? Ein Fuckfinger ist es jedenfalls nicht. Es muss was typisch Schweizerisches sein, denke ich. Eine Entschuldigung? Dazu passt aber seine Mimik nicht. Wenn die Scheibe nicht wäre, würde er mich jetzt anfallen. Wenn die Scheibe nicht wäre, würde ich die Geste auch nicht nachäffen. Die Kommunikation endet abrupt, als die ersten Regale mit Trockenfrüchten beginnen, gefolgt von Keksen, Brot, Kaffee und Tee. Ich lasse ihn in der Traurigkeit der Einkaufswagenkolonne zurück.
Wir verlassen Rotkreuz entlang der Bahnlinie, der Hauptstraße, über den Golfplatz. Grübelnd, was die seltsame Nasengeste betrifft, hinüber zum Zugersee, wo wir im Strandbad Buonas ein Bier trinken. Das WM-Spiel beginnt. Hopp Schwiiz! Die Welt ist still. Füße baumeln auf einer Kaimauer, Blick Richtung Nortosten, ist das Cham, da drüben mit den Hochhäusern? Ich sah Cham und siegte nicht, weil ich die verflixte Nasengeste nicht kenne und somit nie mit gewaltbereiten Schweizer Gewichtheber ähnlichen Kerlen kommunizieren kann.
Hopp Schwiiz!
Verirrt nach Maschwanden
Gestern Nachmittag. Die erste Verirrung. An einem Kieswerk in den Auen zwischen Reuss und Lorze. Kurz vor Maschwanden steht ein Bänkli mit einer Bücherkiste daneben, freundlich gestiftet von der örtlichen Bibliothek. Wir spielen Buchorakel, sagen einander Zahlen: fünf, dreizehn, zweiundvierzig etwa, also Buch Nummer Fünf von Oben, „Der Junge Osterhase“, ein Bilderbuch, Seite Soundsoviel, Zeile Soundsoviel: „Die Welt ist auf einmal so schön“, steht da. SoSo trifft es mit Asterix und Majestra etwas schlimmer: „Zu den Waffen! Zum Angriff! Zum gallischen Dorf“, kreischt ein puterroter römischer Comiclegionär.
Zum Abschluss noch ein Zufallsbuch: „ihnen abwich, würde er sich Vorwürfe wegen absichtlicher Ver-“ (aus Petra Ivanov, Tote Träume, S. 107/Z. 12). Hmm? Vom Bänkli aus kann man das dreieckige Naturschutzgebiet in dem die Lorze in die Reuss fließt, sehen. Störche.
In Maschwanden rumtrödeln. Die Kirche ebendort, von hoher kultureller Bedeutung steht auf einer Tafel nebenan. Ein Trauertisch ist aufgebaut. Schirme in den Schirmständern am Eingang, Parkplatz voller Autos. Später, als wir vor einem Volg Laden pausieren quellen die Trauergäste durch die Fachwerkkulisse und just, als wir weiterwandern wollen fängt es erneut an zu regnen, so dass wir sofort weiter pausieren in einem urigen Stallbeizli, siehe Eintrag zuvor, in dem man sich selbst bedient an Tee, Instantkaffee, Schnaps und Kuchen.

Nachtrag: Ein Artikel mit zwei Bildern wurde gestern abend versehentlich ins Moorlander Blog hochgeladen: hier.
Der Fischjakob der Meteorologie
Gestern, als noch nicht so ganz klar Auf dem Rücken liegend durchs offene Zelt betrachtet sieht der Himmel aus, wie frisch gespindelte Zuckerwatte. Obschon die Vorstellung, wie der Kosmos betrachtet durch eine Zuckerwattenspindel wohl aussieht, ziemlich abstrakt ist. Wenn wir nicht den Yahoo Wetterbericht auf dem Smartphone abgerufen hätten und die nette Frau gestern nicht den Fernsehwetterbericht rezitiert hätte, könnten wir jetzt glücklich sein und uns über den schönen Tag freuen. Das war gestern früh. Eine Amsel sang. Bedeutet das nicht, dass es gleich anfängt zu regnen? Die Welt der Deutungen ist gewachsen mit dem Bewusstsein, das der Mensch im Laufe der Jahrzehntausende kultiviert hat. Treu wie ein Hund und voller Flöhe, dieses Bewusstsein. Warum ist Tieren das Wetter egal und Wanderern nicht? Warum wird uns das Wetter mehr und mehr in marktschreierischer Manier angepriesen und ein einfaches Schön oder Schlecht genügt schon lange nicht mehr? Weil sie es verkaufen. Das Wetter ist zur Ware geworden. Und weil es davon so viel gibt, stehen die Wetterhändler miteinander in Konkurrenz. Und deshalb müssen sie marktschreierische Methoden anwenden, um es anzupreisen. Diese Fischjakobe und Käselottes der Meteorologie.
Wir sind ausgerüstet, als würden wir den Kungsleden in Lappland laufen oder den schottischen Westhighlandway. Nahezu autark mit Zelt und Kocher. Im Prinzip ein Ernstfalltest, sage ich zur SoSo. Was wäre, wenn wir tagelang keine Zivilisation sähen, nichts kaufen könnten? Okay, ein paar Dinge mehr würden wir dann schon benötigen. Besseren Regenschutz, mehr Lebensmittel. Wasser würden wir aus Bächen schöpfen. Auch hier trinken wir ab und zu abgekochtes Reusswasser. Der Fluss ist sehr sauber. So schwärmen wir von anderen Touren in anderen Ländern. Das Schönwetter für den Westhighlandwaymüssen wir aber schon jetzt buchen, scherze ich. Ist nicht so wie in der Schweiz, dass man Lastminuteangebote hätte, fischjakobeske Sommerhochs, gespickt mit käselottischen Gewitterzellen, sozusagen der Ballermann der Wetterbranche …
SoSo beim Frühstücken und Solarladen an der Reuss.
Die ersten Berge
Versehentlich ist der Artikel im falschen Blog (hier der Link) gelandet. Dort gibt es aber auch neue Spuren von Heiko Moorlander.

