Gut 1400 Meter hoch. Weites Bergtal. Golfplatz von Andermatt bis hierher. Am Bahnhof sitzen wir wie Spiel mir das Lied vom Tod, wartend, unsere Kopfbedeckungen in die Stirn ziehend. Nieselregen, keine rosigen Wetteraussichten. Sechs Wanderstunden bis zum Gotthardpass und etwas weniger bis nach Airolo im Tessin. Wie das möglich ist, liegt doch Airolo jenseits vom Pass, verstehen wir nicht. In Hospental fließen die Furka- und die Gotthardreuss zusammen.
Bildcollage mit Bildern von gestern und heute.
Teufelsbrücke
Kurz vor Andermatt überqueren wir die Teufelsbrücke. Man sagt, der Teufel habe den Urnern (den Bewohnern des Kanton Uri) beim Bau einst geholfen. Anders sei diese Meisterleistung nicht zu erklären.

1799 umkämpften Franzosen und Russen die Brücke in einer blutigen Schlacht.
Den russischen Gefallenen wurde ein etliche Meter hohes Denkmal gebaut.

Über Jahre lagerten bis zu zehntausend Soldaten im Tal der Reuss und mussten von den etwa tausend Bewohnerinnen und Bewohnern ernährt werden, was zur Verarmung führte.

Heute führt eine neue Brücke oberhalb der Teufelsbrücke über den Fluss.
Think Like An Animal Reloaded
Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, warum man Joghurt im Rucksack stets gut verpacken sollte. Ohnehin ist es ein Vabanque Spiel, überhaupt Joghurt mitzunehmen auf Wanderschaft. Wer es trotzdem tun möchte: die Joghurtbecher sind am besten in den Trinkbechern aufgehoben.
Unser Lagerplatz außerhalb von Göschenen könnte wildromantischer kaum sein. Direkt an der Reuss, tosender Sturzbach, auf einem bewachsenen Felsen.

Das Rauschen des Bachs übertönt weitestgehend den Straßenlärm. Die Gotthardtstraße, die hinaufführt nach Andermatt, ist nur etwa fünfzig Meter vom Lager entfernt. In Serpentinen über Brücken durch Lawinenverbauungen zwängt sie sich durch die Schlucht. Besonders nervig sind vereinzelte Flitzkarrenbesitzer, Fönfrisuren, die es sich nicht nehmen lassen, auf dem siebzig Meter langen Stück zwischen zwei Serpentinen auf neunzig km/h zu beschleunigen, scharf anzubremsen und wie ein aus dem Koma erwachter Schumi um die Spitzkehre zu wetzen. Da lobe ich mir die Bahn, die alle Stunde gemächlich quietschend gen Andermatt ackert.
Nachts klart der Himmel auf. Exorbitant stehen die Sterne zwischen pechschwarzem Fels. Ein steifer Wind rüttelt am Zelt. Betäubender Lärm von Bach und Wind lullt mich bis sechs Uhr in eine Art Halbschlaf, bis die ersten „Männlein“ es sich nicht nehmen lassen, den Gasgriff in niedrigem Gang voll aufzudrehen und hockenheimringesque durch die Lawinenverbauung zu jagen. Ihnen jegliche Art Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme, ja, sogar Intelligenz absprechend blicke ich verdutzt aus dem Zelt. Mein Rucksack ist weg! Abends lag er Seite an Seite mit SoSos gutverpacktem Sack auf einem Stein neben dem Zelt. Und nun: geklaut!
Bei der Inspektion des Tatorts stelle ich an SoSos Schutzfolie Risse fest. Hoffnung keimt auf. Ich erinnere mich an die Übernachtung in einem dänischen Waldstück, damals auf der Nordseeumrundung, als meinem schottischen Freund Ray die Packtasche abhanden kam. Ein Tier hatte die gut acht Kilo schwere Tasche ins Unterholz gezerrt und die Lebensmittel herausgerissen. Mit den Worten Think like an animal hatten wir uns damals auf die Suche begeben und wurden nur zwanzig Meter hinter dem Zelt fündig. So auch jetzt. Der Rucksack lag knapp zehn Meter tiefer in der Reuss, zum Glück auf einem trockenen Stück Treibsand. Einige Schäden. Reißverschluss der Seitentasche zerfetzt, sowie die Regenhaube und am gravierendsten: der Hauptträger, der sich zum Glück wieder festknoten ließ. Unsere beiden Frühstücksjoghurts blieben, Trinkbecherverpackung sei Dank unversehrt. Bildcollage The Reuss Think Like An Animal Desaster by SoSo.
Von Gurtnellen bis Göschenen – Bilder
Die Wanderwegschilder weisen auf den Gotthardpass. Nur noch knapp neun Stunden dauert es zu Fuß hinauf.
Wir zelten oberhalb von Göschenen auf einem flachen Fels, Grasbewachsen, Thymianduft. Um uns serpentiniert die Landstraße und eine Zahnradbahn. Die Autobahn verzeichnete heute Dauerstau ab etwa Gurtnellen. Bedauernswerte Ferienreisende, vollbepackt im Schrittempo, durchsetzt von Omnibussen und Lastkraftwagen. Sie kommen kaum schneller voran, als wir. In der Schweiz haben die Ferien begonnen.
Brunnen in Wassen
Stockrabe an einem Werkschuppen
Per Ampel wird der Verkehr in den Gotthardtunnel reguliert, was zu einem mörderischen Stau führt. Diejenigen, die versuchen über die Landstraße zu passieren, stehen in Göschenen vor verschlossener Autobahnauffahrt und müssen über den Pass – zum Leidwesen der Radler, deren Veloroute auf der Landstraße verläuft.
Rückblick nach Göschenen
SoSo und Irgendlink, Wanderhelden. Das obere Bild ist ein Panoramaselfie in einem Straßenspiegel in Gurtnellen
Gurtnellen
Die Reuss entwickelt sich unweit des Gotthardtunnels zur magischen Schlucht. Der Wanderweg führt auf und ab über Treppen und Hängebrücken. In Gurtnellen gönnen wir uns erstmals seit Wanderbeginn vor einer Woche ein Zimmer im Hotel Sternen. Im anderen Hotel, das etwas nobler wirkt, weist uns die Besitzerin brüsk ab. Ob die verholene Feindseligkeit an deinem ausländisch wirkenden Akzent liegt?, mutmaßt SoSo und weist auf einen Aufkleber an der Tür hin, der auf eine sehr sehr konservative Gesinnung schließen lässt.
Im Sternen sind wir günstig im Etagenbett untergebracht, zudem äußerst freundlich aufgenommen. Das Frühstück ist exorbitant! Kaufempfehlung!
Bilder: Gurtnellen schluchtaufwärts, Gurtnellen Brücke mit Blick Richtung Bahnhof, SoSo rastet, das Wappentier von Uri der Stierkopf.






