Error 404 – House not found

Wieviele Verkehrskreisel gibt es eigentlich in Zweibrücken? Sechs? Das Panorama zeigt einen 360 Grad Rundumblick des nördlichsten Kreisels. Amerikastraße Ecke, pardon, Runde Oklahomastraße. Bau 4004 (siehe im Beitrag zuvor die beiden Weitwinkelbilder) ist fast vollständig abgerissen. Nur ein schachtähnlicher Gebäudeteil steht noch. Ein Treppenhaus? Der geheime Zugang zu unterirdischen Stollen? Kommunikationseinheit der NSA? Oder einfach vom Bautrupp vergessen? Im Netz wurde das Gebäude schon umgetauft in Bau 404 (die Fehlermeldung 404 wird von Servern standardmäßig ausgegeben für nicht auffindbare Dateien). Danke an Sofasophia und Maobe für diesen Hinweis.20140804-111056-40256600.jpg
Was befindet sich in diesem Schacht, der als einziges Gebäudeteil des gut achtzig Meter langen Gebäudes vom Abriss verschont wurde?

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Elementares

Zwischen Küche, Garten und Server. Was für ein (All)tag. Aber genau das Leben, wie ich es mag. Von allem ein Bisschen und nichts für die Abhängigkeit vom Willen anderer. Sieht so Freiheit aus? Das bisschen lebbare Freiheit, das man sich im Laufe der Lebensprozesse mühsam erkämpft und sich dabei durch ein kataraktisches Labyrinth aus Verlockungen schuftet, Verlockungen materieller Natur, denen man, über die Jahrzehnte hinweg gelernt, die kalte Schulter zeigt. Harte Schule, die sich lohnt.

Ich packe eine dicke Kartoffel in den Rucksack, dazu den Laptop, den WLAN-Router, auf dem Weg zu Kollege T., der ein Restaurant betreibt in der Nachbarstadt. Zwischen Küchentür und Terrasse schwadronieren wir über dies und das, das Leben, eine zu bauende Homepage. Zur Präsentation, die ich eigentlich vor hatte mit PC und Router, kommt es gar nicht, sondern ich male ihm in blumigen Worten die Optionen auf, die er bzw. seine Bekannte hat, für die die Homepage erstellt werden soll. Ein CMS wäre gut für sie, sage ich, höre näher hin und komme schließlich zu dem Schluss, die Frau braucht eigentlich gar keine Homepage. Wenn ich Vertreter für Mobilfunkverträge wäre, würde ich auf diese Weise nichts verdienen. Die Leute brauchen keine Mobilfunkverträge. Brauchen sie Homepages? Muss man ihnen etwas aufschwätzen, was sie nicht brauchen? Man muss, wenn man in dieser Gesellschaft existieren will. Ich hätte sogar die Argumente, der Dame eine Webseite schmackhaft zu machen, ich könnte sie vielleicht auf einen Job überreden, wenn da nicht das Gewissen wäre und die Gewissheit: die Frau braucht keine Homepage und nur, weil ich mit Homepagegestaltung ein paar Kröten dazu verdienen kann, soll ich ihr eine aufschwätzen?

In der tiefen Gewissheit, dass es A möglich wäre, den Auftrag zu kriegen und B der betuchten Dame nicht weh tun würde, packe ich die dicken Kartoffel aus. T. wiegt sie. 570 Gramm. Butterzartes Ding. Wir schneiden sie in Stücke, tun sie in einen Topf, garen sie, trinken nebenbei ein Glas Hauswein. Die Menschen brauchen Kartoffeln. Sie brauchen Wasser, Oliven meinetwegen und Bier, Käse, Milch, Brot, Luft, aber sie brauchen keine Webseiten, keine Fernseher, keine Smartphones, keine Tablets, keine Autos, Kaffeemaschinen. Mittlerweile hat sich Freund Sch. zu uns gesellt, ein Mann ohne Handy und er erklärt eindringlich, dass Tablets und Smartphones und überhaupt alles Irgendwas-mit-Computer eigentlich völlig überflüssig ist. Wenn man es genau nimmt, sind diese Dinge für vielleicht eine handvoll Leute recht sinnvoll, aber die große Mehrheit, der sie aufgeschwätzt werden, richtet damit nur Schaden an, verseucht sich selbst, degradiert sich letztlich zu Kaufvieh. Der moderne Konsument ist für den modernen Produzenten ungefähr so viel wert, wie ein Sack Steckzwiebeln für einen Zwiebelbauern. Reines Saatgut.

Weil es im Restaurant hoch her geht, packe ich hie und da mit an. Dinge hin und her schleppen, dies und das und ich bewundere Kollege T., wie er die Lebensmittel veredelt, Köstlichkeiten kredenzt, die Menschen satt macht. Elementares. Nicht Wegzudenkendes. Eine sinnvolle Arbeit. Genau wie mein Gartenschuften, das ich seit diesem Frühling intensiviert habe. Verlockend die Vorstellung, eine hohe Mauer um das einsame Gehöft und den Garten zu ziehen, die Stromleitung zu kappen und gemeinsam mit Kartoffeln, Gurken, Tomaten, Hühnern, der Katze ein friedliches Leben zu führen.

Nicht weit eigentlich bis zu Marlen Haushofers Roman Die Wand.

Schlagartiger IQ-Verlust

Die Geschichte der Dummheit muss neu geschrieben werden. Ein Hieb mit der Hacke hat genügt, um jeglichen Traum vom Nobelpreis für Philosophie, Kernphysik, Medizin usw. zu Nichte zu machen. Mit einem Schlag ist Monsieur Irgendlink rotzdumm. Dabei hatte alles so gut begonnen: den IQ von Goethe potenziert mit dem von Einstein mal Newtons IQ unter Berücksichtigung der Eulerschen Zahl und Einberechnung der Fibonaccifolge … Dann Pi bis zur letzten Nachkommastelle ausgerechnet. Aber nein, es hat nicht sollen sein. Der Pfälzer sagt, die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln. Das Bild zeigt Monsieur Irgendlink mit seiner Tagesernte, nachdem er die Hacke testweise in den Kartoffelacker gerammt hatte: links 450 Gramm, rechts 650 Gramm.

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Die Früchte hingen an einer Pflanze, die vom letzten Jahr noch im Acker war und die ich im April verpflanzt hatte. Somit steht fest: Kartoffeln lassen sich auch, nachdem sie schon zehn Zentimeter hoch gewachsen sind noch verpflanzen. Zum Abschluss noch eine pfälzer Weisheit: Wenn se owe bliehn, kannsch se unne krien.

Im Würgegriff von Zeit und Geld

Rückkehr nach Zweibrücken nach fast einem Monat per Radel und zu Fuß durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Sofort stehen Termine auf dem Plan. Die Zeit, die auf der Wanderung nur in Form von Tag und Nacht spürbar war, wird wieder feingliedrig. Wie ein Tausendfüßler durchwandert sie das Leben. Was für ein Tag ist heute? Haben die Geschäfte noch auf? Sind Zeit und Geld von Menschen gemachte Werkzeuge, um Menschen zu beherrschen?, durchzuckt mich eine Frage. Irgendwo auf einer lothringischen Landstraße, nicht mehr weit von daheim. Ich bin verträumt vertieft und erschrecke deshalb umso mehr, als ich in den Rückspiegel schaue und ein Tsunami von LKW auf uns zu rollt. Ein Actros. Blau. Dämonisch. Die Szene erinnert an den frühen (ich glaube Spielberg?) Film, in dem kaum ein Wort gesprochen wird. Ein Handlungsreisender in den USA wird von einem Truck verfolgt, bedrängt, gerammt. Scheinbar ohne jeglichen Grund gejagt, gehetzt. Blick auf den Tacho. Knapp neunzig. Eigentlich genau das Limit auf französischen Landstraßen. Selbst LKW-Fahrer, kenne ich aber das Problem. Die Dinger sind auf exakt neunzig getrimmt und man fährt dann auch exakt neunzig. Kleinwagenfahrern, die einen mit neunundachtzig ausbremsen, gibt man am besten durch dichtes Auffahren zu verstehen, dass sie zur Seite fahren sollen. Zeit ist Geld.
Zurück im streng getakteten Alltag. Kaufrausch in einem französischen Supermarkt. Käse. Baguette. Belgisches Bier. Wurst. Drei Schreibkladden. Europäisch billig nach dem schweizerischen Hochpreishorror der letzten Wochen. Die Grenze. Die Stadt. Meister. Welt. Alltag. Das einsame Gehöft. Zwei Briefe im Briefkasten. Eine vergangene Ausstellungseinladung und die Aufforderung zur Abgabe der Steuererklärung. Verflixt.