Von Kunde zu Kunde und von Künstler zu Künstler

Die ersten Gäste bzw.  der „Staff“ zum Kunstzwergfestival sind eingetrudelt. Gestern nachmittags tuckere ich mit Trecker und Anhänger zum nahegelegenen Getränkehändler, 25 Kilometer pro Stunde schnell, eine ewige Autoschlange hinter mir herziehend. Ab und zu kann überholt werden. Kurz vor der Müllkippe, die sich mit Asbestbeseitigung ein paar Euro dazu verdient, stehen zwei Laster am Straßenrand, die mich zuvor überholt hatten. Die Fahrer zurren die eigentlich luftdichte Abdeckung fest, damit sie bei der Annahme der zwanzig Tonnenlast nicht abgewiesen werden. Muss ja alles seine Ordnung … abends kommt das Organisationsteam mit einem Auto voller Technik, Lautsprecher, Computer usw. Freund QQlka ist auch mit dabei, was mich jubeln macht. Und Ober-Kunstzwerg-Vampir Brandstifter spielt auf dem PC sein neuestes Stück „Von Kunde zu Kunde“, das er gemeinsam mit Edita Karkoschka vertont hat. Den ganzen Abend dudelt das Lied und wir versuchen, die Hintergründe herauszufinden, was den junggebliebenen „Er“, Jahrgang 51 wohl veranlasst haben mag, in einem Edekamarkt in Chemnitz eine Kontaktanzeige aufzuhängen am Schwarzen Brett. Von Kunde zu Kunde. Dass er sich damit in der Asphaltbibliotheque verewigt, hätte er wohl nicht gedacht.

Hier ein Link zu einer Podcastseite, auf der man das Stück hören kann – leider wird zuvor Werbung eingeblendet.

http://www.podcast.de/episode/245331912/Begehungen+2014+-+Von+Kunde+zu+Kunde/

Übervollmonat

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Kunst nur die Fortsetzung der Landwirtschaft mit anderen Mitteln. September ist ein Fluch. Erntemonat. Eine Ausstellung hetzt die andere. Seit halb sechs wach. Kaffee. Kälte kriecht ins Kreuz. Ich bin zu faul, den Ofen in der Künstlerbude anzuschüren. Sonne komm‘ endlich!

Ein Kunstereignis jagt das nächste und über allem gaukelt das Offene Atelier in zwei Wochen. Muss noch Bilder bestellen, Tinte, Papier und obendrein habe ich mir noch das Mittelrhein-Projekt zur Chefsache erklärt, sprich, ich blogge mir innerlich die Finger wund :-). Die Freunde vom Mainzer Kunstverein Walpodenstraße trudeln heute Nachmittag ein und dann wird es für drei Tage ziemlich stressig hier auf dem einsamen Gehöft. Das Atelier ist Austragungsort der elften Kunstzwergfestivals. So spaßig die Sache wird, so schwierig ist es auch für mich. Das Organisationsteam beansprucht die Künstlerbude. Ich habe dann keine Privatsphäre mehr, weil ja die Künstlerbude ein katarktisch fraktales Konstrukt ist, das man am ehesten als Einraumstudio bezeichnen könnte. Sessions bis drei Uhr nachts. Die Suffnasen werden nonstop am Tresen lungern und labern labern labern. Nicht dass ich nicht auch Freude daran hätte, ab und zu, aber doch nicht drei Tage am Stück! Gestern diagnostiziere ich eine Art Autismus, der sich darin äußert, dass ich ruckzuck das Interesse verliere an Gesprächen. Sei es noch so interessant. Irgendwann erreichen Situationen einen Wendepunkt, ab dem es weh tut, zu kommunizieren, bzw. das Gegenüber kommunizieren zu lassen. Unermüdliche Wordbucket-Challenge. Ich selbst verfalle in eine schweigende Starre, die das Gegenüber nur noch mehr zum Reden, reden, reden anstachelt. Meine Schwester besucht uns nachmittags und berichtet über eine Bande von Taubstummneppern auf einem Supermarktparkplatz, die nur so taten, als könnten sie nicht reden und sammelten Unterschriften, baten um Spenden. Wenn es die Situation erlaubt, durchwühlen sie die Taschen ihrer Opfer nach Geld. Die Schwester redet und redet und wiederholt sich. Wendekreis des Schmerzes: ich lasse sie zusammen mit meiner Mutter stehen und als ich ein paar Minuten später zurückkehre ins Haupthaus, redet sie immer noch.

Die Schwester trifft keine Schuld, klar. Ich vermute, das Problem liegt darin, dass wir im weltweiten aufblähungs- und immer-mehr-Wahn verlernen, was Stille ist, was Stillstand und Rückschritte sind. Hand in Hand geht der große Bruder Wachstum mit seinen Geschwistern aus allen Bereichen des Lebens. Die Menschen verlernen, Leerräume zu lassen. Und je mehr man selbst Leerräume lässt, zum Beispiel im Zwiegepräch, desto mehr werden sie von anderen vereinnahmt.

Halb neun jetzt. Keine Sonne. Klamm sind die Finger. Ich überlege, ob ich diesen Artikel ebenso wie den vorigen in die Privatschleife des Blogs schicken soll … ach, seis drum, es muss auch mal wieder Alltagstexte geben, gewürzt mit der Bitternis eines guten Schusses Larmoyanz, sonst verliert man ja jegliche Leutseligkeit … schaut mal vorbei beim Kunstzwerg.

Und jetzt raus, schuften.

Protokolle am Fluss – Next Exit Mittelrhein

“Ich möchte ein Buch über den Rhein schreiben. Protokolle am Fluss soll es heißen. Ich will über Schiffe berichten, Fahrradfahrer und Menschen, die mit ihren Hunden gassie gehen. Ich will den Fluss von der Quelle bis zur Mündung bereisen und ihm in jeder Minute so nah sein wie nur möglich, damit ich nichts verpasse”

In einem Artikel aus dem Jahr 2009.

Langsam ist die Irgendlink’sche Roadmap länger, als das zu erwartende Restleben. Mit voller Wucht rüttelt mich die Mittelrhein-Idee und weckt ein uraltes Projekt, das seit – ich musste nachdenken – 1996 in meinem Hirn gaukelt: Die Protokolle am Fluss. Ein Buch über den Rhein. Ha! Als ob es nicht schon genug davon gäbe. Die alten Romantiker haben die Wiese doch längst abgefressen. Schon vor zweihundert Jahren! Aber Gras wächst bekanntlich nach.

Burgenblogger am Mittelrhein werden – Fluch oder Segen?

Irgendwie meine ich Harmonien zu erkennen zu der Ausschreibung des Jobs als Burgenblogger auf Burg Sooneck im Mittelrheintal. Kongruenzen, teilweise Deckungsgleichheiten. Das Hirn mag die Sinne trüben und Geld oder die Aussicht darauf tut sein übriges. Und so schustert man sich seine Welt zurecht, ist es nicht so: Junger Mann zum Mitreisen gesucht! Versprochen wird die here, freie Welt der Gaukler, generös flitzt du in deinem Boxauto der Illusion durch streng abgestecktes Terrain. Der Mittelrhein ist nicht der Rhein, sondern nur ein Teil davon. Ein sechzig siebzig Kilometer langer, unwegsamer Abschnitt voller Gefahren. Das womöglich länglichste UNESCO Welterbe der Welt. Einst eine der bizarrsten und urwüchsigsten Landschaften Deutschlands, nun zu einem hochentwickelten Trampelpfad geworden, durch den die Leute zwar auf Teufel komm raus durchwollen, aber nicht verweilen. Es muss laut sein dort. Die Züge brettern im Minutentakt – Tag und Nacht – habe ich in einem Fernsehbericht vor einigen Jahren gesehen. So dass man noch  nichtmal einfach auf der Straße stehend ein Schwätzchen halten kann, ohne zig Sekunden lang abzuwarten, bis man dem Gegenüber den nächsten Satz erwidert. Schienen sind unbarmherzig und das Geräusch schleifenden Metalls auf asbestversetzten Bremsklötzen ist erbarmungslos. Kürzlich gab es eine Kostprobe, wie sich das in „echt“ anfühlen mag. Bei unserer Wanderung hinauf zum Gotthard folgten wir ab dem Vierwaldstättersee einer immer wilder werdenden Reuss in ein immer enger werdendes Tal, das sich gen Göschenen so sehr verengt, dass der Wanderweg durch das Idyll mittels komplizierter Brücken, Tunnels, Stege und Treppen zwischen Autobahn, Schiene und Landstraße jongliert. Der Lärm ist allgegenwärtig und wird nur dadurch gemildert, dass der Fluss von Natur aus das meiste übertönt. Der Mittelrhein ist im Vergleich dazu lammfromm. Er übertönt nichts. Und er wartet mit zwei Bahnlinien auf und mit zwei Bundesstraßen und es tuckert dort Europas Schwerlast auf riesigen Schiffen.

Beim Flugplatz Oppenheim saß ich oft am Rheinufer, lehnend an einer Pappel oder Weide – weiß nicht mehr, welche Art Baum das war – und starrte hinüber ins hessische Ried und beobachtete die Schiffe. Fast zwanzig Jahre her. Die Kunststraße zum Nordkap war gerade fertig geworden und meine allererste Ausstellung debütierte in der Mainzer Galerie Walpodenstraße. Ich hatte keinen Computer. Das Internet hatte eben erst sprechen gelernt. Handys waren schwere Knochen mit vielen Knöpfen. Von einem flächendeckenden Mobilfunknetz keine Spur. Fotoapparate enthielten Kleinbildfilme. Wenn man in die Fremde wollte, nutzte man Karten zur Orientierung. Ein Gerät fast ohne Knopf, auf dessen Minimonitor man Texte tippen, mit dem man telefonieren, sich orientieren und fotografieren kann, war Science Fiction. In A5-großen Kladden notierte ich die Bildstandorte meiner Kunststraßen: „Hundert Meter hinterm Ortsschild, Feldweg rechts“ oder „Ortsanfang Dorf soundso“. Die ersten Kunstreisen, die durch Fotos in zehn-Kilometer Abständen dokumentiert wurden, waren nicht viel mehr, als Planwagenpioniertaten der feinen Künste. Ich glaube, das Leben war ruhiger damals. Sicher bin ich mir nicht. Als Mensch ist man im Strudel der Zeit ähnlichen Problemen unterworfen, wie der legendäre Frosch, der in einem langsam erhitzten Glas Wasser zu Tode kocht, ohne es zu bemerken.

Mit dem Rücken an einem Baum Schiffe beobachten und der Welt beim Nichts-passieren zuzuschauen, hatte einen gewissen Reiz.

Rheinschiff Witha 1996 - DIA Sandwichtechnik
Rheinschiff Witha 1996 – DIA Sandwichtechnik – ob sie auch heute noch durchs Mittelrheintal tuckert?

Offene Ateliers Rheinland-Pfalz – 20. und 21. September

29 Nordseeradweg Reifenstücke - Reliquien eines Europenners 2012-2014

Nach zwei Jahren Pause öffnet das Atelier Rinck seine Pforten wieder anlässlich der Offenen Ateliers Rheinland-Pfalz. An der landesweiten Aktion öffnen 250 Kreative zwischen Altenkirchen und Wissembourg, Ludwigshafen und Trier ihre Pforten und präsentieren neue Arbeiten aus allen Sparten der feinen Künste. Auch aus den grenznahen Gebieten, wie dem Elsass und dem Saarland beteiligen sich Künstlerinnen und Künstler.

An den beiden mittleren Septemberwochenenden, 13./14. und 20./21. September 2014 sind die Ateliers geöffnet.

In diesem Jahr wird der erste Sonntag der Offenen Ateliers am 14. September in Absprache mit der Landesdenkmalpflege mit dem Tag des offenen Denkmals zusammengelegt. Deshalb finden die Offenen Ateliers dieses Jahr am 2. und 3. Wochenende im September statt.

Das Atelier Rinck freut sich am 20. und 21. September jeweils von 14 bis 19 Uhr auf Besucherinnen und Besucher. Neben handelsüblichem Kaffee und frischem Zwetschgenkuchen (Quetschekuche) besteht die Möglichkeit, auf einem eigens bereit gestellten Lagerfeuer im Ateliergarten vegetarische Nahrung zu grillen. Nichtvegetarische Nahrung muss selbst mitgebracht werden. Das wichtigste jedoch die Kunst!

Atelieradresse: Jürgen Rinck | Rinckenhof | 66482 Zweibrücken (Infos anfragen per Kontaktlink oben im Hauptmenü).
Wegskizze zum Atelier Rinck ab Ausfahrt 32 der A8

Gastkünstlerin im Offenen Atelier Rinck: Denise Maurer (CH)

Lebensrad Denise Maurer - Teil der Installation "Mit allen Sinnen"
Lebensrad Denise Maurer – Teil der Installation „Mit allen Sinnen“

Als Gast habe ich die Schweizer Künstlerin Denise Maurer eingeladen. Sie  ist bereits zum zweiten Mal (erstmals 2011) als Co-Künstlerin auf dem Rinckenhof. Sie zeigt eine dreidimensionale Installation, welche die Betrachtenden dazu verführt, sie mit allen Sinnen zu erleben. Die Inhalte der einzelne Objekte – als Vorratsgefäße gestaltet – werfen die Frage auf, was uns wirklich nährt. Die Künstlerin hat für ihren „Vorratsschrank“ vor allem Holz, Glas, Farben und Papier verwendet.

Hundert Jahre Hipstamatic – eine Reise durch die Bilderchronik Jürgen Rincks

Best Hipsta Smartphonefotos aus vier Jahren
Best Hipsta Smartphonefotos aus vier Jahren – die sechs Meter lange Atelierwand wird behängt mit etwa 350 Fotos

Nach vier Jahren Smartphonefotografie haben sich im digitalen Rinck’schen Fotoarchiv etwa vierzigtausend Bilder angesammelt – viele davon geschossen mit einer sogenannten Fun-App namens Hipstamatic. Die Retrokamera App erzeugt quadratische Fotos mit Rahmen und Vignette und weißt ein ganzes Arsenal von Filtern auf, die sich gezielt einsetzen lassen oder per Zufallsmodus teils erstaunliche, manchmal auch weniger anmutige Fotoergebnisse kreieren. Ausbelichtet auf Postkartengröße werden die 350 „Best Hipsta“ auf einer sechs Meter langen Wand präsentiert. Die Reise durch gefühlte hundert Jahre Smartphonefotografie darf mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtet werden.

Urban Artwalk Windisch (Aargau)
Urban Artwalk Windisch (Aargau) Frühjahr 2014 gemeinsam mit Denise Maurer.

Auch großformatige Arbeiten im Leinwand-Druck und auf Aludibond werden die Wände zieren und wenn es Zeit und Lust erlauben findet spontan eine Liveprintaktion statt, bei der wie von Zauberhand Kunstwerke per E-Mail aus dem permanent mit dem Internet verbundenen Drucker flattern. Rinck und Maurer setzen diese Technik seit zwei Jahren während ihrer sogenannten Urban Artwalks ein.  Urban Artwalks sind GPS-gestützte, live auf dem Monitor verfolgbare Spaziergänge, die mittlerweile in über dreißig europäischen Städten stattgefunden haben und deren oft spontanes en-Passant Bild-Output zu quadratmetergroßen Bildcollagen arrangiert wird.

Weitere Offene Ateliers im Kreis Südwestpfalz

  • Mein nächstgelegener Ateliernachbar Artur Bozem öffnet sein Atelier in Rosenkopf am 14./15. September – vielleicht sieht man sich dort?
  • In Dahn öffnet Franz Martin (auf der Seite des BBK unter M: www.bbkrlp.de) an den beiden Sonntagen.
  • In Donsieders zeigt Wolfgang Beck Malerei, Grafik, Plastik und Objekte. (Beide Wochenenden)
  • Sehr ans Herz legen möchte ich den Kollegen Peter Padubrin-Thomys, der jüngst im Künstlerbahnhof Ebernburg stipendierte (beide Wochenenden offen – vielleicht sieht man sich ja am ersten :-) )
  • Auch im Saarland sind Ateliers in Reichweite (Ingrid Lebong, Peter Köcher (auf der Seite des BBK unter K: www.bbkrlp.de) und Michael Hussmann)

Und hier gibt es die vollständige Liste aller 250 Offenen Ateliers in Rheinland-Pfalz zum Download als PDF.

Kuchenbacken

Webpublishing ist wie Kuchenbacken. Zuerst bäckst du das große runde Ding und dann schneidest du es in Stücke und verfütterst es an die kleinen, sozialen, hungrigen Mäuler Twitter, Facebook, Google+, Tumblr und Co.