Eine der faszinierendsten Darstellungen von Freiheit findet sich in einer Folge der Simpsons. Die gelbe amerikanische Zeichentrickfamilie. Opa Abe Simpson ist in einem Altersheim untergebracht. Aus irgendeinem Grund verschwindet das Pflegepersonal, das die alten Leute stets ruhig stellt und ihnen Vorschriften macht. Nun humpeln die Alten auf Stöcken und Rollatoren vor die Schiebetür des Heims und rufen im Chor, Hurra, wir sind frei. Sie bleiben abrupt stehen und starten in eine sonnige, friedliche Welt jenseits der Mauern. Stille. Stillstand. Nichts. Bis jemand kleinlaut fragt, Und was sollen wir jetzt tun?
Um sechs Uhr wach mit dieser Szene im Kopf, fabuliert mein Hirn über den Begriff Freiheit. Stellt die Idee, Freiheit ist, viele Wahlmöglichkeiten zu haben, der provokanten Idee gegenüber, Freiheit ist keine Wahlmöglichkeiten zu haben und garniert das Ganze mit ser Idee, Freiheit ist, alle Möglichkeiten zu haben, aber keine davon zu wählen. Der Traum ist abstrakt. Um acht stehe ich auf, sattele das Radel, stoße vier Bar Luft in die Reifen, gieße noch einmal den Garten, füttere die Katze, instruiere den Major Domus – ich nenne ihn Higgins, er wird im Atelier nach dem Rechten schauen – Higgins, sage ich, Du bist frei, Du kannst tun und lassen was Du willst.
Nun schon zehn Kilometer im Sattel, Hornbach, kurz vor der französischen Grenze. Ein erster Blogeintrag noch im deutschen Netz.
Bild: ein verlassenes Grundstück mitten in Zweibrücken. I like it.
Die Unruhe vor dem Sturm
Angst. Kurz vor dem Start zu einer neuen Livereise. In den Pappeln auf der Westgrenze des einsamen Gehöfts rauscht der Wind. Ansonsten herrscht Stille. Die nervigen, kurzpenisigen Motorradfahrer haben aufgehört, an den beiden Landstraßenkreuzungen oberhalb des Hofs den Gashahn aufzudrehen, Gummi auf Teer zu lassen, ihren Alltagsfrust hinauszuschreien. Die Welt ist fast, wie sie sein sollte. Dunkel, still, scheinbar in Ordnung. Den lieben langen Tag habe ich mit Packen verbracht. Schlafsack, Klamotten, Küche und Hygiene in die Fahrradtachen verstaut. Wie ein Negativ des Bauplans für den Kleinen Uhu, den Balsaholzkultflieger der siebziger und achtziger Jahre. Packen, statt Ausbreiten. Für sechzehn Uhr hatte ich den Tourstart geplant. Per Rad nach Süden, rüber zum Rhein, am Illkanal raus aus Straßburg nach Basel in die Schweiz. Dort stoppover bei einem möglichen Websitekunden vorsprechen und danach zu Fuß weiter. Deshalb mussten auch einige Schönklamotten ins Gepäck und das Notebook. Zwecks Präsentation und Schönaussehen. Nach dem Termin irgendwann nächste Woche beginnt das wilde freie Land unformatierter Zeit. Unfestgelgeter Wege. Der Zufall. Die Würze im Brei des Alltags. Gegen Mittag wird es hektisch. Warum? Weil der Mensch vor dem Aufbruch in Neues immer mit einem Bündel Unerledigtem ringt. Und weil der sechzehn Uhr ich will los Termin gaukelt. Mit Terminen habe ich glücklicher Weise mehr Erfahrung als mit bündelweise Unerledigtem. Wenn Termine drücken und den Puls treiben, die Kehle schnüren, und spätestens wenn sie Schmerzen in der Brustgegend verursachen, verschiebe sie. Warum sollte man als Privatmensch nicht ebenso nonchalant handeln, wie die Bahn oder eine Fluggesellschaft? Lass den Passagier in dir doch einfach vor einer LED-Tafel stehen, auf der steht: Ferienreise Nummer EP2312 delayed oder canceled?
So sitze ich nun noch immer im heimischen Garten und lausche dem Singsang des Windes in den Pappeln. Sterne. Glühwürmchen. Katze zerlegt Maus. Eichhörnchen im Nussbaum. Darunter das gepackte Rad. Fünfzig Kilo. Wenn der sechzehn Uhr Starttermin geklappt hätte, würde ich jetzt jenseits von Bitche in Lothringen zelten oder wäre schon am Rhein-Marne-Kanal.
Es ist nicht der Sinn des Lebens, sich in ein Terminkorsett zu zwängen. Es ist auch nicht der Sinn des Lebens, möglichst viel Geld zu verdienen, einen langen Penis zu haben oder ein lautes Motorrad. Es ist überhaupt nicht der Sinn des Lebens, sich stramm einzureihen in die Schautnurwietollichbin-Spirale. Sie führt ins Nichts. Einklang ist der Sinn. Stille. Das was von Natur gegeben ist zu genügen ist Sinn. Man müsste das Haus eigentlich gar nicht verlassen. Aber darüber muss ich jetzt erst einmal schlafen.
Unterwegs in Sachen Moorlander
Die Baustelle am Stadtrand ist eine perfekte Quelle für neue original Moorlander MudArt Kunstobjekte.
„Don’t Cross The Line“ aus dem Jahr 1996. Heiko Moorlander verarbeitete mit diesem Kunstwerk den belastenden Umzug der Familie von Zweibrücken in die USA. Erstmals konnte mit dem Reifenkonzern Bridgerock ein Großsponsor für seine aufwändigen MudArt Objekte gewonnen werden. Mehr von Heiko Moorlander gibt es auf seiner Webseite Erdversteck
Die Stadt rückt näher
Am nördlichen Stadtrand werden die Überreste der alten Amerikakaserne nun endgültig ausradiert und das Feld frei gemacht für – so steht es wohl im Plan – fachhochschulnahes Gewerbe. Das Züngeln der Startups am westpfälzer Acker. Schon seit Wochen wummern die Baumaschinen, rütteln die Rüttelplatten. Man sagt, die Kosten explodieren, ähnlich wie beim nie fertig werdenden Hauptstadtflughafen und beim Bischhofssitz. Was sich ganz gut deckt mit der Idee von der Erkrankung des gesellschaftlichen Kerngehäuses. Unheilbar.

Amerikastraße Zweibrücken Anfang Juni 2014
Amerikastraße Zweibrücken, Stadtrand, 14. Juni 2014
Es war der Kernel und nicht der Virus
Eine gute Stunde mit Paranoia verbracht, ein Virus hätte sich im System eingeschlichen, der sämtliche Grafik- und Flasheinsetzenden Programme befallen hat, bis mir eingefallen ist, dass ja der Betriebssystemkern daran Schuld sein könnte, bzw. die letzten Updateeinspielungen generell. In der Tat liegt bei der Nichtfunktion von KDEs Digikam – das Programm wollte einfach nicht mehr die Bilderdatenbank lesen und fror ein – die Vermutung nahe, dass die frisch eingespielte kdelibs5 daran beteiligt ist: Über die Paketverwaltung Synaptic also die Vorgängerversion erzwingen (unter Paket>Version erzwingen stehen die älteren Versionen bereit). Aber das war nicht das Problem. Rückkehr zum Vorgängerkernel. Das funktioniert unter Ubuntu, indem man beim Booten die Shift-Taste (Umschalttaste zwischen Groß/Kleinschreibung) gedrückt hält. Es erscheint eine Liste aller verfügbaren Kernelversionen. Standardmäßig bleiben die alten Kernelversionen auf dem System.

