Akten aus der Psychiartrie

Gefunden bei Robby R. am 9. Juli 2007 (muss man runterscrollen):

“ … Es werden Alltagssituationen beschrieben – meist auch autobiographischen Charakters – was sich z. B. während eines Spaziergangs an einem Sonntag im Frühling 1895 zugetragen habe. Einfach so. Ich lese also, was ein Mensch an einem Sonntag 1895 gedacht hat, was er getan hat; wie er in der Folgezeit gelebt und gearbeitet hat. Wie er zum Vorarbeiter aufgrund tüchtiger Leistung aufgestiegen ist; wegen Reibereien mit seinen Kollegen diesen Posten verloren hat. Dann folgt ein Leben voller Veränderung. Ständiger Wechsel des Arbeitsplatz. Trinken und Saufgelagen. Sittlichkeitsdelikte und kleinkriminelle Taten; und schließlich Unterbringung in eine psychiatrische Anstalt. Und dort scheint er dann die Hälfte seines restlichen Lebens verbracht zu haben.

Eine unwichtige Person, in einer unwichtigen Welt. Ich fühle mich peinlich berührt, da ich Privatdinge gelesen habe, die mich eigentlich nix angehen. Ich habe etwas über seine Eltern erfahren. Sein Vater hat sich totgesoffen; und seine Mutter hat sich als ungelernte Magd verdingt, bis sie wahrscheinlich völlig entkräftet irgendwo in einem schweizer Kaff nahe bei Bern verstorben ist. Er selbst wurde dann als 8 – 14 jähriger Bub von Bauer zu Bauer geschickt (Losbube), um Drecksarbeit zu verrichten. Wurde meist geschlagen und mißhandelt. Kein Jugendamt, keine soziale Einrichtungen oder Sozialarbeiter: Das war normal und üblich zur damaligen Zeit. …“

Muss mich hüten, so einen Unsinn zu behaupten, in Weblogs stehe nur belangloses, verunechtetes Zeug.

Abschaum schwimmt oben

Schweißgebadet aufgewacht, weil die Managergehälter in den letzten Jahren um 30 Prozent gestiegen sind. Fröstelnde herbstkalte Bude. Ich ziehe das luxuriöse Moskitonetz auseinander, pinkele vom Balkon. Erstmal runterkommen von diesem Alptrip.

Puuuh, kannst ja jetzt auch nix mehr anfangen mit der Nacht. Sich wieder hinlegen hieße hin und her wälzen, schlafen bis in die Puppen und es gibt doch noch so viel zu tun.

Da kommen mir die Zahlen wieder in den Sinn aus diesem Bericht, den ich abends geschaut habe: Managergehälter stiegen um 30 Prozent, Angestelltengehälter sagen wir mal um zehn. So genau weiß ich das nicht mehr. Spielt auch keine Rolle. Fabuliere eine Formel während ich Kaffee koche. Zehn Prozent von 2000 Euro sind satte 200 Euro. Nur damit man sich das besser vorstellen kann: das ist eine Zwei mit zwei Nullen dahinter. Von 1,9 Millionen Euro wären 30 Prozent 570000 Euro, also eine Siebenundfünfzigtausend mit nur einer Null dahinter.

Nackte Fakten, die mich zu einem grundlegenden Gedankenloop über das Geld und dessen Wichtigkeit veranlassen. Der Kaffee dampft in der Nacht, der Rechner fährt hoch und ich komme zu dem Schluss: Geld ist nicht wichtig (Anm. d. Psychoanalytikers: dafür sollte man dich für immer wegsperren!)

Beiße mich fest am Wörtchen Wichtig und verfange mich in einer philosophischen Überlegung, was das Wichtige wohl wichtig macht. Ich meine, ähm, zunächst sind doch alle Dinge gleich wichtig, wie auch alle Menschen gleich wertvoll sind, aber der Lauf der Zeit und die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten scheidet das Eine vom Anderen. Wichtiges kristallisiert sich heraus. Das ist wie wenn du durch wasserloses Land läufst immer bergauf, bis weit jenseits des Orts, an dem alle Bäche versiegen und dich plötzlich in einem Arreal sprudelnder Rinnsäler befindest – welchem Bach folgst du? Der Beginn des Wertens ist dort wo alle Bäche versiegen.

Spreu hat mit Abschaum eines gemeinsam, sie trennt sich vom Weizen, weil sie leichter ist. Dies kann man sich physikalisch zu Nutze machen und Maschinen bauen, mit denen man das Leichte oben absondert. So funktionieren Kläranlagen und so funktionieren auch Weizentrennmaschinen.

Ich schweife ab.

Die Dinge werden besonders, weil eine Mehrheit der Menschen sie für besonders hält. Gold und Blei sind ungefähr gleich schwer, beides nicht essbar, beider Aussehen, reine Geschmacksache. Es soll Menschen geben, die die Farbe Gelb dem Grau vorziehen, andere wiederum mögen eher Grau. Rein von der Farbe und vom Gewicht könnten einem Blei und Gold also egal sein. Wenn du hundert Menschen fragst, ob sie lieber einen Barren Gold haben möchten, oder einen Barren Blei, werden sich genau hundert für Gold entscheiden. Warum nur? Weil Gold verwichtigt wurde.

Zurück zu den Gehältern: die könnten einem ja eigentlich auch egal sein. Hab nen alten Freund, der so einen komischen Spruch gesagt hat: Hauptsache, du lebst. Es war so ein mantrischer Spruch mit einem Schuss unterschwelliger Verzweiflung. Ich würde es in dem Wörtchen Demut zusammenfassen. Und Demut, das ist es, was uns allen gut anstehen würde. Jene Demut, in der die Erkenntnis liegt, dass man nicht mehr als essen, atmen, leben kann und all der Klumbatsch, mit dem wir uns so gerne schmücken – schicke Kleider, goldene Uhren, schnelle Autos, verdingte Menschen, die wir heiraten und unser Eigen nennen – ist nur Ausdruck der Hilflosigkeit, in dieser Welt nicht bestehen zu können.

Bin ich also ein Prediger der Armut und Demut, des Runterkommens vom hohen Ross?

Oder ist das die pure Vernunft?

Der Meister des unerreichten Ziels

Verflixter Konflikt. Ich bin zwei Menschen. Abends lebe ich die Welt der Ferne, in der ich mich in die südliche spanische Wüste sehne. Jetzt und hier losradeln, in einem Monat dort ankommen, leben, leben, leben und dem Unbekannten begegnen. Morgens ist die Pflicht wieder da und ich beiße mich fest im Hier und Jetzt, mit all seinen Komplikationen und Pflichten. Nicht dass ich fliehen wollte. Ich habe im Gegensatz zu den meisten Menschen extreme, denk- und lebbare Alternativen.

Abends stelle ich mir das Leben da draußen vor. Schmachte. Höre Musik. Das macht es so malerisch und so verträumt, aber es ist bei weitem nicht malerisch. Man sagt, wenn man unterwegs ist, der Weg sei das Ziel. Der Spruch ist vollkommener Quatsch. Das Ziel ist das Ziel und der Weg ist der Weg. Wenn es keine Ziele gäbe? Und auch keine Wege?

Vielleicht wäre das ein Ansatz?

Alles so verquer. Soll ich den Vorsitz des Vereins übernehmen? Das wäre etwas für den Künstlerlebenslauf. Ein weiterer Stein in der Mauer. Aber das macht doch keinen Sinn, sich mit den örtlichen Kunstgiganten herumzustreiten. Laufe derzeit wie gegen eine Wand, wenn es nur darum geht, Ausstellungsaufsichten zu finden.

Ich bin von hier, und bin nicht von hier. Zwar geboren, aber nie hier gelebt. Vielleicht ist das mein großes Ding. Nie verwurzelt gewesen zu sein, vielmals an der Liebe vorbei geschliddert, ein losgelöstes Solitärwesen ohne jegliche Bindung, für das es keinen Platz in dieser Gesellschaft gibt. Sehe den erstaunten Blick von Susanne W., als ich letztes Jahr beiläufig erwähnte, ich will dem Kunstclub beitreten, weil ich endlich zu etwas oder jemandem gehören will. Sie konnte das vielleicht nicht verstehen?

Letztenendes muss der Abend gewinnen, sonst bin ich in zehn Jahren unter der Erde. Totgeraucht. Ich muss so vieles beenden. Zur Wahrheit zurückfinden. Die Liebe finden. Eine einzige erwiderte Liebe würde schon genügen.

Aber ist der Weg nach Draußen der Richtige. Alles hinschmeißen. Saußen lassen? Ist nicht vielleicht genau das das Problem? Dass ich nie etwas zu Ende gebracht habe?

Der Meister des unerreichten Ziels.

Die Welt verunechtet

Im Konflikt Privat vs. öffentllich. Eine Perspektive, die sich erst durch das Medium Internet auftut. Damit muss man wohl leben. Es gibt keine Tagebücher mehr, die man irgendwann nach hundert Jahren entdecken könnte und die vollkommen authentisch sind, weil derjenige, der sie verfasst hat, nie daran gedacht hat, dass jemals jemand das lesen wird.

Es gibt nur noch das Web mit all seinen Weblogs, in denen die wahren Empfindungen verschleiert sind, Dinge zurückgehalten werden, Inhalte geklont sind, nichts mehr echt ist.

Das ist ein großer Konflikt. Das ist vielleicht das Ende.

Überall nur noch Masken. Gewäsch, seichter Krempel. Authentizität auf Basis von Marketingmethoden.

Die Welt verunechtet.

Gestern dieser Film auf 3sat von zwei tschechischen Filmstudenten. Sie machten im Vorfeld des Beitritts der Tschechischen Republik zur EU ein Experiment mit einer Marketingkampagne. Ein Suermarkt mit dem Namen Tschechischer Traum wurde erfunden und promoted auf Plakaten, Prospekten usw. mit tollen Angeboten. Ohne eine einzige Lüge zu verbreiten bereitete man das Volk auf die Eröffnung des Monstermarktes vor, eine Fassade aus Plastikfolie auf einem Messegelände. Zweitausend Leute waren gekommen, in der Hoffnung, Schnäppchen zu ergattern. Wow, was für ein geiles Exempel.

Tschechischer Traum bei Wikipedia

Die Welt verunechtet.

Man sollte die Augen schließen.

Selten kauft ein Mensch etwas, weil er es kaufen will.

Er kauft die Dinge, weil sie billig sind, weil sie vorgeben gut zu sein, weil er sie kennt.

So, nun wirds aber schwer, den Rückschluss zum Weblog zu finden. Und warum es verunechtet.

Ich bin Berufslügner in einer wahrheitssüchtigen Welt.

Die Lüge ist eine von vielen Wahrheiten.

Die Irren, die ich rief

Süße Musik. Schon spät. Ich schreibe kurze Texte, die den Tag skizzieren. Will mir Disziplin angewöhnen. Schließlich bin ich Künstler, somit könnte alles was ich tue in Zukunft Interesse wecken.

In den letzten vier Wochen einem kompletten Irrenhaus begegnet. Muss somit zu dem Schluss kommen,  ich bin ausschließlich von hochgradig gestörten Menschenwesen umgeben.

Ich weiß nicht, ob mir die seltsamsten Irren in der Landeshauptstadt M. begegnet sind, oder in der Nachbarstadt S. Oder auf meiner Terrasse (vom 2. auf den beinahe 4. Oktober besuchten mich alte Freunde – ich war so gutmütig spätabends zu denken, kannst sie doch nicht besoffen heimfahren lassen, also haben sie hier überall verstreut im Garten, der Scheune und auf dem Freilandsofa gepennt. War ja auch ein schöner Abend. Früh um zehn am 3. Oktober machten sie ihr erstes Bier auf. Da war ich immer noch positiv, weil ja nur noch acht Bier da waren, da müssten sie in einer Stunde weg sein. Dachte ich. Waren sie auch, kamen aber wieder mit einer Kiste Bier und Würstchen von der Tankstelle. Ist so schön sonnig hier bei dir).

Nuja, der Tag war lang, und sie sind dann noch öfter zur Tanke gefahren. Wetter war ja gut. Mit viel Glück und behendem Schweigen und einer gehörigen Portion Skrupellosigkeit, gute Freunde besoffen heimfahren zu lassen (Logik sagte: sie müssen besoffen fahren, sie kamen voll, blieben voll und voll werden sie auch gehen :-)), sind sie dann spät am 3. abgedüst. (Hey Leute, war ne schöne Zeit, nicht übelnehmen was ich hier schreibe).

Ganz besonders bemerkenswert war Künstler M., schon zwei Wochen her, in der Landeshauptstadt,  der vollkommen abgehetzt auf einer Veranstaltung auftauchte und von seiner 13-jährigen Tochter erzählte, die er gerade eben noch am Flughafen abfangen konnte, wo sie mit gefälschtem Pass, von München umsteigend, in den Transatlantikflieger steigen wollte. Nun ist das nicht so erschreckend, dass eine 13-jährige mal eben nach Übersee ausbüchst, aber das Seltsame an der Geschichte ist Künstler M., Rabenvater, den ich bisher für kinderlos gehalten habe, mehr noch, an seine zwei zwölfjährigen Beziehungen kann ich mich auch noch erinnern, nette Mädchen. Dass er nebenbei mit einer Münchnerin verheiratet ist und drei Kinder hat, für die sie sich bereit erklärt hat, die ersten 16 Jahre zu sorgen – er danach, der Schlawiner … Tss.

Man denkt, man kennt die Menschen: Künstler M. allabendlich so voll, dass man ihn Mitte der 90er stets neben dem Tresen schlafend vorfand. Der kann doch gar keine Kinder haben. Einer jener Irren, denen ich in den letzten Wochen begegnet bin.

Aber es gibt noch viel seltsameres zu berichten.

Tse.

Wie gehts weiter hier im Blog? Ich muss erst mal wieder schreiben lernen. Den Kopf sortieren. Die tägliche Disziplin besser pflegen.

Nimm ein Ereignis vom jeweiligen Tag, konzentriere dich. Beschreibe es. Ist das ein Weg? Sicher. Aber ist das mein Weg? Die Zeit verschwimmt. Ich bin gleichzeitig in den Neunzigern und heute und hier, aber in gewisser Weise auch schon viele Jahre voraus.

Machs so, dass die Anderen das verstehen und dass sie Freude daran haben.

Tja Leute, und das ist die Kunst. Und dafür muss man konzentriert sein und die Dinge auf den Punkt bringen.