Eine Luftblase der Liebe um uns

Umringt von Paparazzis auf der Südterrasse. Wir tranken Kaffee, das Diktiergerät lief mit. Wir schwadronierten über das Wetter und immer wieder über die Kunst und warum ich dies und das einst so und so gemacht habe. Am ehrlichsten wäre wohl die Antwort: „Ich hatte Lust.“ Aber Lust, meine Güte, das ist doch keine Begründung für Handeln. Also versuchte ich aus den letzten Windungen meines Hirnes einige Argumente zu kramen, wieso ich wann auf welche Idee gekommen bin und welches Kunstwerk dabei entstanden ist. Alles was man aus Lust tut, lässt sich mit ein bisschen Phantasie auch normalen Menschen erklären, die ohne logische Erklärung fürs Handeln nicht verstehen. Pressetermine sind anstrengend. Man will vorbereitet sein.

Du musst die Bude putzen. Himmelnocheins, was für ein Dreckloch. Überall lagen Zettel und einige schmutzige Tassen waren kreuz und quer in der Wohnung verteilt. Vor der Tür zwei prall gefüllte gelbe Säcke, ein leerer Bierkasten – wie erkläre ich es meinem Interviewer. Die Journalisten hatten sich für 14:30 angekündigt, standen um 13:45 vor der Tür. Gute Miene zum bösen Spiel. Schnell warf ich eine Wolldecke über die befleckte Couch, aber auch die Wolldecke hatte Flecken. In einer Nacht- und Nebelaktion hatte ich die Spinnweben vom Fenster gekehrt. Soweit also alles okay.

Außerdem, lieber Irgendlink, hast du dir doch vor einigen Wochen versprochen, dich selbst leiden zu können. „Nur, wer sich selbst leiden kann,“ hast du in jener Vollmondnacht geheult, „den können auch andere leiden.“ Das ist die konsequente Umsetzung des Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert Prinzips.

Nicht der DJ is in the House, sondern die Presse. Egal. Love is in the Air. Mit Feinstaubfiltern versuche ich all die Liebe in meiner Luft herauszufiltern, sie in Dosen zu füllen, aufzubewahren für schlechte Zeiten. Die Liebe ist ein Stoff, der dieser Tage sicher unter restriktiven Umweltgesetzen als Sondermüll eingestuft wird. Paragraf 23 Umweltverordnung. Liebe nur noch mit Plakette in der grünen Umweltzone. Das einsame Gehöft ist zum Glück noch nicht Teil einer solchen Zone. Deshalb ist hier auch noch echte, schmutzige Liebe in der Luft.

Der Hass auf sich selbst manifestiert sich gemeinhin in Kleinigkeiten, die einem von der Außenwelt diktiert werden: Rasier‘ dich, schneid‘ dir die Haare, wasch‘ dich, zieh‘ dich sauber an, lass‘ keine Kaffeetassen überall rumstehen. Deine Schuhe sollen nicht knarzen oder quietschen. Dein Lachen ist zu laut. Kürzlich ist mir das mit dem lauten Lachen übrigens passiert, vielmehr war es die gute P., die im Kino laut lachte oder quatschte und mir war das so lange peinlich, bis mir klar wurde, dass wir eigentlich tun und lassen können, was wir wollen. Das Lachen ansich ist gut. Nur der Mensch, der es hört und sich daran stört, der ist böse. Tun und lassen also, was wir wollen, weil wir unseren Eintritt bezahlt hatten, weil uns niemand kannte in der fremden, großen Stadt, weil der Film, Darjeeling Limited, ein wahres Meisterwerk ist, weil sich sowieso niemand daran störte, weil andere auch laut lachten oder quatschten oder Chips knusperten. Eine Luftblase der Liebe um uns. Dazu dieses wunderbare Geflimmere.

Ich schweife ab.

Wisst Ihr eigentlich, warum ich dies hier schreibe?

Weil ich so etwas zu lesen gerade nicht im Netz finden konnte. Also Leute, kniet Euch rein. Oder sagt mir Links zu merkwürdigen Schreibern.

Irgendlink kann jetzt alles.

Heute war dicke Post von Amazon im Briefkasten. Blogkollege Journalist F. hatte an meinen Geburtstag gedacht und eigens in der fernen Schweiz ein handgefertigtes, auf die Bedürfnisse des Allrounders zugeschnittenes Supermesser anfertigen lassen.

Voller Hast riss ich das Paket auf und schmeichelte sofort meine Hände mit dem Wundergerät. Obwohl es nur etwa 6 mal 3 mal 2 cm groß ist, vereint es eine Unzahl von Werkzeugen im kugelsicheren Gehäuse aus Spezial-Titan-Legierung. Sofort fällt die kleine Zange auf, welche Herrn Irgendlink in den Stand eines Zahnarztes erhebt. Dicht gefolgt von einer Miniknochensäge, mit welcher Hirnchirurg Prof. Dr. Irgendlink in der Lage ist, Schädeldecken aufzusägen und mit der mitgelieferten Pinzette sowie der Ahle und dem skalpellähnlichen kleinen Messer komplizierte Hirnoperationen vorzunehmen. Natürlich birgt das handliche Gerät auch einen Tupfer, einen Seifenspender und eine OP-Schwester. Mehr noch, es enthält einen Rasierapparat, welcher durch die Solarzellen im Griff mit Strom versorgt wird, sowie einen 5 Gigabyte USB-Stick, einen Präzissionslaser und ein Mini-Elektronenrastermikroskop.

Der integrierte aufblasbare Weltraumanzug ist prädestiniert für Weltraumspaziergänge außerhalb der ISS, ganz klar, dass Ingenieur Irgendlink nun auch Weltraumforscher ist. Im Päckchen lag nämlich ein Jobangebot der Russen für den nächsten Start ab Baikonur. Apropos russisch: natürlich ist ein Universlübersetzer eingebaut, ähnlich wie die, die man aus Star Trek kennt.

Optional gibt es für diejenigen, die lieber auf der Erde bleiben, statt Weltraumanzug und Präzissionslaser Gummiepuppe Uschi und den 5kW starken Hochleistungsvibrator Brutus.

Da wohl keiner meiner Leser eine Weltraumstation hat, bleibt mir an dieser Stelle nur, Euch Hirnoperationen, Zahnbehandlungen oder türkische Rasuren anzubieten. Na, wer wagts?

Hass ist in der Welt

Wenn man wissen will, wieviel Love in the Air ist, muss man die Anzahl der Liebe in der eigenen Luft mit der Menge der Luft auf diesem Planeten multiplizieren.

Wenn man wissen will, wieviele DJs are in the House, muss man die Anzahl der DJs im eigenen Haus, mit der Anzahl der Häuser auf der Erde multiplizieren.

Wenn man wissen will, wieviel Hass in der Welt ist, muss man die Menge des Hasses, den man sich selbst gegenüber hegt, mit der Weltbevölkerung multiplizieren.

Die Ergebnisse sind jedoch statistisch nicht haltbar. Vermutlich ist mehr Hass in der Welt, als Liebe in der Luft

Die ungedachten Gedanken

„Wie sollte es auch nur möglich sein, die Vorgänge, die sich in einer zehntel Sekunde im menschlichen Gehirn abspielen eins zu eins auszudrücken. Während Welten explodieren, Unzusammenhängendes in klare Kontexte gestellt wird, skippt man das Abstruse, die dunkle Masse, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Dennoch wohnt sie ihm inne.“ (Diktat aus dem Innern, 2008).

Morgens löste Cachekollege O-H. Cachealarm aus. „Ein brisantes Ding,“ wusste er zu berichten, „gleich um die Ecke. Wir treffen uns um Eins.“

(Geocaching, Schnitzeljagd mit GPS; wir waren zu viert unterwegs)

So kam es, dass ich bei bestem Frühlingswetter in die Unterwelt der hießigen Westwallbunker abtauchte, unter bizarrsten Verrenkungen mich in ein Loch zwängte und unterirdisch etwa einen Kilometer durch ein Tunnelsystem spazierte.

Liebling wie war dein Tag? Bizarr. Schnitt!

Eigentlich hätte ich gerne alte Blumenzwiebeln in die Erde gesteckt, mich der erwartungsvollen Freude des Wachstums hingegeben, auf einer hölzernen Bank gefläzt, in den blauen Himmel gestarrt, ein Feuerchen angezündet, Würstchen geschmort. Aber Cachealarm ist Cachealarm. Ich weiß, für Blumenzwiebeln ist es sowieso zu spät.

Das Wochenende plätscherte dahin. Es ist gar nicht so übel, in schmutzigen Westwallbunkern Lebenszeit zu verbringen. Die Akustik ist interessant. Jedes Geräusch wird von den feuchten Wänden hundertfach reflektiert, erschüttert das Ohr. Mitcacher T. fabulierte obendrein, dass der Tunnel ideal wäre, um mit einem Motorrad hindurchzujagen. Das, sagte er, sei insbesondere dann ein Kick, wenn an der Decke alle paar Meter eine Leuchte hängt und man ohne Licht und ohne Helm auf 200 Sachen beschleunigt. Dann entsteht eine Art Dreammachine-Effekt, stroboskopartige Lichtreflexe benebeln das Hirn; es wird träge, spielt verrückt und man beginnt zu haluzinieren. Ich weiß nicht, wieviele Menschen schon in Tunneln ohne Ausgang mit 200 Sachen an eine Wand gekracht sind. Unser Tunnel endete nach etwa 10 Minuten Fußweg in einem schmutzigen Lehmhaufen, in welchem auch das Logbuch für den Geocache versteckt war. Jemand hatte versucht, mit Hammer und Meißel die Wand zu öffnen, in der Hoffnung, der Tunnel führt noch weiter. Teilweise hatte er Erfolg. Hinter der Wand befand sich das, was sich überall in dieser Gegend unter der Erde befindet: feiner, gelber Lehm.

Schnitt.

Gestern Abend Kontrastprogramm in der Galerie B., welcher es gelungen ist, die wohl kitschigste Ausstellung in ihrer nunmehr 40-jährigen Geschichte zu kuratieren. In Rosa, gelb und zartblau dominierten Bilder im Unterzehntausend Euro Bereich. Ein Künstler steuerte Skulpturen bei, die aussahen wie überdimensionale Handschmeichler. Allesamt aus Stealit. Nun hört sich Stealit ja ziemlich hochtrabend an und man wundert sich, dass dieser „seltene“ Stein in solch vielschimmernder Farbenprächtigkeit zur Verfügung steht, sogar in gelb, rosa und zartblau. Speckstein jedoch dürfte jedem meiner Leser aus dem Handarbeitsunterricht bekannt sein.

Das Kunsterlebnis war so einschneidend, dass ich den lieben langen Morgen, bis Cachekollege O-H. Cachealarm auslöste, einen Artikel fabulierte, den ich gerne geschrieben hätte zum Thema Nach-dem-Mund-reden, in dem es nicht nur um Kunst gehen sollte und wie sich die Menschen darüber äußern, was sie von diesem oder jenem Kunstwerk halten. Nein, es sollte eine Abhandlung werden, die alle Bereiche des Lebens und der Meinungsfindung betreffen. Zu diesem Zweck hatte ich eine Pyramide auf Papier gekritzelt, in der ich einige Strichmännchen übereinander skizzierte und ihnen die Namen A, B, C, D und so weiter gab. Ganz oben in der Pyramide stand A, dessen Meinung die allerwichtigste ist, darunter waren B und C auf gleicher Ebene, dann folgten D, E und F und so weiter. Je geringer die Stufe in der Meinungspyramide, desto weniger wichtig die Meinung der skizzierten Menschen.

„Ein tolles Modell,“ rieb ich mich am Kinn. Bloß, was sagt es aus? Was passiert, wenn niemand in der Pyramide eine Meinung hat, etwa zum Thema, ob überdimensionale Handschmeichler aus Speckstein gut sind oder böse? Dann wird es so kommen, dass diejenigen ganz unten in der Meinungspyrmaide überlegen, was wohl diejenigen eine Stufe höher in der Meinungspyramide meinen würden – weil sie in irgendeiner Weise abhängig sind von denen, die über ihnen stehen – und sodann diese mutmaßliche Meinung als die Ihre akzeptieren. So beißt sich die Ratte in den Schwanz, wenn es keine Meinung gibt (umgedrehtes Meinungspyramidenprinzip – die Meinung kommt von Unten – dies wiederum würde einen Aufsatz über die Richtung der Meinungsbildung nachziehen, welchen zu schreiben ich aber nicht in der Lage bin. Trotzdem: guter Einwurf).

In der Regel gibt es aber eine Meinung und die, in der Meinungspyramide Gefangenen, stehen in dem Dilemma, die Meinung, der über ihnen stehenden zu bestätigen – aus verschiedenen Gründen (Chef; Liebe; Sexbegierden; Sex mit Chef; enttäuschte Liebe; oder schlicht, jemand aus Unterwürfigkeit nach dem Mund reden – es gibt unzählige Gründe, keine eigene Meinung zu haben, bzw. eine andere Meinung anzunehmen, inklusive des ehrlichsten Grundes: tatsächlich keine eigene Meinung zu haben: man ist schlicht indifferent).

Schnitt.

Ungefähr in dieser Phase des gedachten Textes über die Meinungspyramide kam der Anruf von Cachekollege O-H. Ich erinnere mich, dass ich, nachdem wir telefoniert hatten, vor dem Blatt mit der soeben skizzierten Meinungspyramide stand und eine Liste von Schlagworten betrachtete und ich mitten im Satz mit der Kritzelei aufgehört hatte.

Verflixt.

Man sollte Gedanken einfach zu Ende führen, denn schließlich ist es schwer genug, das was sich in einer zehntel Sekunde im menschlichen Gehirn abspielt, eins zu eins auszudrücken.

Schnitt.

Dunkle Stellen wabern in unserem Innern. Es sind die unwegsamen Hochmoore der Erkenntnis.

Chronologie vs. Thema am Beispiel serielle Fotografie

Stefan Münz‘ – im Beitrag untendrunter – verlinkter Artikel, hat mich auf eine Spur geführt, die derzeitigen Probleme mit der Kunst zu analysieren. In einigen, auf privat geschalteten Beiträgen in den letzten Tagen – sie werden nicht öffentlich angezeigt, spielen zum Verständnis keine Rolle, balancieren hart an der Larmoyanz-Klippe – habe ich folgendes Problem umrissen:

In der irgendlinkschen Datenbank liegen zigtausende Bilder, die bei ihrer Entstehung dazu vorgesehen waren, zu großen 1×1 Meter Bildtafeln montiert zu werden wie zum Beispiel meine Hausnummern-Serie.

Ich drohe an der Masse der Daten zu scheitern. Das neue Verboten-Blatt kostet unglaublich viel Zeit, so dass ich kaum Lust habe, aus der Sammlung von Verboten-Schildern ein großes Ganzes zu montieren. Ich liege wehrlos auf dem Opferstock der Datenflut.

In Stefan Münz‘ Beitrag wird der Unterschied zwischen Blog und Wiki angerissen. Blog ist chronologisch. Der neueste Beitrag steht immer oben. Es gibt, abgesehen von einigen Kategorien (wie etwa hier im Blog dem Zettelkasten) wenig Sortierungskriterien. Wiki hingegen ist themenbezogen. Alle Beiträge werden getaggt und in Rubriken sortiert.

Ähnliche Muster erkenne ich in der Bilderdatenbank: Kreuz und quer verteilt liegen die Einzelfotos, welche alleine gezeigt meist wertlos sind. Erst wenn man sie zu Themen fasst und nebeneinander zeigt, entsteht eine eigenwillige Brillianz. Es ist wie Puzzle. Ein Stück ansich macht keinen Sinn. Erst wenn man die richtigen Elemente miteinander verbindet, entsteht ein Bild.

Seit 15 Jahren in der Chronologie-Falle gefangen, kein roter Faden zu erkennen. Alle Fotos enthalten Aufnahmedatum und neuerdings auch Geodaten. In den drei Hauptdisziplinen, Fotokunst, Schreibkunst und Lebenskunst stehe ich vor dem gleichen Problem: die Essenz dessen, an was man arbeitet, wird gestört durch das Hintergrundrauschen unnützer oder am falschen Platz sitzender Daten. Buchschreiben und Bildtafeln arrangieren und Lebensweg haben also eines gemeinsam: Das Rohmaterial ist da, aber es muss sortiert werden.

Kann es klappen, das eigene Leben zu taggen, Brotkrümel zu streuen, das Gewirre aus Spuren, denen man einst folgte, mit einer neuen, geradlinigeren, eindeutigen Spur zu überlagern? Ich glaube, darin liegt die große Herausforderung.

Noch vor fünf Jahren war ich überzeugt, dass ich Wege, die ich selbst beschritten habe, mühelos wieder beschreiten könnte. Heute weiß ich, ich habe mich auf meiner eigenen Landkarte verirrt. Natürlich wäre es möglich, den zurück gelegten Weg in umgekehrter Richtung zu verfolgen. Die Zeit umzukehren. Sehr aufwändig. „Was du brauchst, Mann,“ murmele ich vor mich hin, „ist eine Autobahn durch dein bisher gelebtes Leben.“ Mit Ausfahrten und Rastplätzen (entsprechend deinen Hauptthemen in der Kunst und beim Schreiben).

Zusammenfassend kann man sagen: die chronologische Methode ist bei Weitem leichter, als die thematische Methode. Chronologisch heißt spazieren gehen, nicht stehen bleiben, die Flüchtigkeit des Moments skizzieren. Die thematische Methode hingegen erfordert Disziplin, Stillstand, Besinnung, Fleiß und jede Menge Geduld. Womit ich wieder bei der Jeden-Tag-ein-bisschen-Methode gelandet wäre. Jeden Tag ein Bild auf einer Bildtafel gesetzt, und in zwei Monaten ist das Gesamtwerk fertig. Jeden Tag nur eine Seite schreiben, und in einem Jahr ist das Buch fertig. Jeden Tag nur 100 km radeln, und in drei Wochen ist man in Sizilien.

(Anmerkung zur Hausnummern-Serie: diese Art Bildtafel lässt sich natürlich einfach montieren, da es sich um stinknormale 10×15 cm Fotos handelt, welche man binnen einer Stunde mit dem Bildprogramm setzen kann. Bei der Verboten-Serie liegen komplizierte Bildbearbeitungen vor, so dass es vorkommt, dass man für ein Einzelbild schon eine halbe Stunde benötigt, um es zu verwenden. Die Hausnummern-Serie besteht mittlerweile aus vier Bildtafeln und reicht von Eins bis 221.)