Kontinent Mittelleben

„Nachdem ich die kleine Insel Touch verlassen hatte, schwamm ich wie paralysiert durch die wilde See. Ziellos überlebend, bis ich mich an das Leben im Meer gewöhnt hatte. Algen, Tang und kleine Meerestiere waren mein täglich Brot. Sie nährten, labten, kränkten mich. Manche versuchten mich zu töten und ich schaute tagein tagaus zum Horizont, in der Hoffnung, etwas kommt, etwas ersetzt die kleine Insel Touch, die ich irgendwo im Osten wähnte. Bei jedem Sonnenaufgang schaute ich zurück und sah, wie die Horizontlinie kleiner, verschwommener, unschärfer wurde und schließlich verschwand. Ich verbrachte Jahre auf See.

So trieb ich im unberechenbaren Ozean und just, als ich die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals wieder Land zu betreten, erspähte ich die schroffen Klippen des Kontinents Mittelleben.“

Autor unbekannt.

Hum? Kontinent Mittelleben.

Im Westen gibts nichts Neues – außer vielleicht, dass ich gestern zusammen mit Journalist F. 150 km nach Osten gefahren bin, um einen Tag im Paradies für Männer zu verbringen. Dem Technikmuseum Sinsheim. Die Tupolev ist auf jeden Fall schöner als die Concorde – nicht zuletzt wegen der marmorierten Gepäckablagen.

Die Tour war auch gleichzeitig ein Slipped Disc Belastungstest. Ich will mal sagen, auf Biegen und Brechen habe ich die Tortur – über zum Teil original vom Phürerrr (dem Arsch) gebaute Autobahnen (Huckelstrecke Hockenheim) – überlebt.

Heute dann einen Spaziergang auf dem Jakobsweg, welcher just hier am einsamen Gehöft vorbei führt, angehängt. Auch wieder auf Biegen und Brechen.

NoRisc NoFun, oder, um es mit den Worten des Gymnastik-Gotts zu sagen: Arbeite mit dem Schmerz, nicht gegen ihn.

Aber ich will hier nicht langweilen.

Larmoyanzblog-Ende.

Erkenntnisse wären zu vermitteln aus dem Kontinent Mittelleben. Aber der Kopf ist müde. Alles, was in den letzten Wochen gedacht wurde, setzt sich sedimentös zu Boden, mischt sich in chaotischer Form mit Belanglosem, so dass am Ende nur eine breiige undefinierte Masse übrig bleibt, vor der man kinnreibend steht und sich wundert: „Was denn, das soll erkenntnisreich und lehrsam sein, dieses lehmig-knetbare Etwas soll die Essenz allen Wissens sein?“ Hum?

Eine Erkenntins ist die, dass man geneigt ist, der Zukunft hinterher zu rennen wie ein Hund dem Rudelführer und dafür Lunge, Herz und alles aufs Spiel setzt. Wenn man Glück hat, erkennt man rechtzeitig, dass man bei all dem Zukunft-hinterher-rennen verpasst, eine Gegenwart zu leben.

Eine weitere Erkenntnis ist die, dass man recht schnell das Maß verliert und sich überschätzt und dann dazu neigt, die Schritte zu groß zu machen, die Zeiteinheiten zu intensiv werden zu lassen, sich von simplen Äußerlichkeiten, die einen überhaupt nichts angehen, beeinflussen, antreiben zu lassen – Glück dem, der zurück geführt wird und die Chance erhält, die Schritte genau so weit ausladen zu lassen, wie es ihm entspricht.

Das Urinell ist das Likörell des kleinen Mannes

Hochbettbesitzer sind schon ein bisschen spinnert. Insgeheim streben sie wohl nach Macht, nach Größe, nach Weitsicht und Erkenntnis. Je höher das Hochbett, desto wohler fühlt sich sein Besitzer – wäre da nicht das Problem, nuja, wenn man vor dem Schlafengehen zu viel trinkt oder ein gewisses Alter überschritten hat, muss man nachts raus.

Aber Hochbettbesitzer haben da einen Trick: sie pinkeln einfach in eine Flasche oder in einen Topf.

Nicht, dass ich sowas tun würde. Deshalb ist dieser Artikel auch höchst theoretisch. Er handelt von den Farben des Urins, von Maltechniken, von alternativen Malmitteln.

Vor einiger Zeit bin ich wegen eines Zeitungsartikels, den ich schreiben musste auf den Begriff „Likörell“ gestoßen. Kurze Recherche ergab, dass es ein Malverfahren ist, welches von einem bekannten Hamburger Maler seit einiger Zeit mit Vorliebe angewandt wird. Auf dieser Seite kann man seine Likörelle downloaden (15 Euro pro Download) und sie dann mit dem eigenen Drucker und eigener Tinte auf eigenem Papier ausdrucken.

Nun ist es nicht jedem vergönnt, sich teuren Likör leisten zu können oder gar einen Aquarell-Malkasten – aber Hochbettbesitzer mit schwacher Blase atmen längst auf, denn Urin kann – zwar meist in Gelbtönen aber bei entsprechendem Lebensmittelkonsum auch mal rötlich – durchaus den unerschwinglichen Likör oder die Aquarellfarbe ersetzen.

Hum?! Eigentlich fehlt zum Malen nur noch blauer Urin (gelb ist normal, rot wirds durch rote Beete). Jemand Ahnung, wie man den „herstellt“? Nicht dass ich mich für sowas interessiere … neinein

Siehe aber auch zum Thema Urinelle …

Und in der nächsten Folge erzähle ich, wie man aus Schamhaaren einen prima Pinsel bastelt.

Immer im Kreis

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, für immer im Kreis zu laufen.

Die Künstlerbude ist so sehr zum Saustall geworden, dass ich keinen Besuch mehr empfange. Selbst engste Freunde wimmele ich am Telefon ab und vertröste sie auf nächste Woche.

Alles was auf den Boden fällt, bleibt liegen.

So bildet sich Schicht um Schicht ein feines Sediment – wir befinden uns im Äon oder Jura oder Kartaus des gelebten Lebens (die Wohnungssediment-Zeitalter habe ich eben frei erfunden, kompletter Nonsens). Die Spüle liegt voller alter Kaffeefilter – zum Glück ist der Kaffee alle und es werden in nächster Zeit keine Kaffeefilter mehr hinzukommen.

Alles was im Supermarkt im Regal steht, bleibt im Supermarkt im Regal stehen.

Ich habe noch löslichen Kaffee, den ich für die Reise gekauft hatte. Genüsslich wollte ich ihn am Strand in Kalabrien zwischen haushohen Dünen frühmorgens auf dem Spirituskocher kochen. Dafür wollte ich Regen- oder Quellwasser verwenden.

Der Plan war perfekt. Die Vorzeichnung für das schöne Bild, das zu malen wäre, war äußerst gelungen.

Wie ich im Schmutz der Wohnung auf und ab spaziere und geschickt die Dinge umkreise, die herunter gefallen sind und nun liegen bleiben, kreisen dunkle Gedanken. Das Leben ist witzlos, wenn man sich nicht bewegen kann, wenn man die Ziele, die man hat, nicht erreichen kann. Vielleicht muss man allerdings seine Ziele anders definieren. Was könnte man, statt meilenweit per Fahrrad durch Europa gondeln, sonst tun? Zu Fuß gehen. Zu Fuß gehen klappt ganz gut.

Zur Genesung kann ich nicht allzu viel tun. Täglich laufe ich im Kreis, spaziere den Teerweg vor dem einsamen Gehöft auf und ab, entferne mich dabei nie mehr als 300 Meter Luftlinie von zu Hause. Der Teerweg ist ziemlich interessant. Er überwindet eine Höhendifferenz von 44 Metern – ich habe es mit dem GPS ausgemessen – und eine Runde beträgt etwas mehr als ein Kilometer. Wenn ich ihn fünf Mal auf und ab spaziere, bin ich also fünf Kilometer gelaufen, praktisch ohne mich von der Stelle bewegt zu haben. Das Laufen tut gut. Es fördert die Durchblutung und ist die Haltung, die am wenigsten Schmerz bereitet.

Der Lauf im Kreis ist auch in mentaler Hinsicht eine äußerst interessante Erfahrung. Ich erinnere mich, dass ich meinem Freund QQlka vor einigen Jahren mal geraten habe, er möge die 160-stufige Treppe vor seiner Haustür, welche zwei Straßen miteinander verbindet, als Trainingsstrecke nutzen, um sein Gewichtsproblem in den Griff zu kriegen. Er solle einfach jeden Tag diese Treppe auf und ab spazieren und dies als kleine Auflockerung im Alltag betrachten, jeden Tag wenigstens einmal hoch und einmal runter (runter muss er ja sowieso, wenn er wieder nach Hause will). Das war damals so eine Idee – QQlka hat sie leider nie umgesetzt.

Der Teerweg vor dem einsamen Gehöft funktioniert im Prinzip genauso wie die Treppe vor QQlkas Wohnung. Das wurde mir vorhin klar, als ich zum vierzigsoundsovielten Mal auf und ab spazierte. Und ich erinnerte mich wieder an den Tipp, den ich QQlka damals gegeben hatte. Ich hatte das vollkommen vergessen.
Und noch viel mehr ist mir klar geworden: „Du hast dir den Rücken zu voll geladen. Du kanntest keine Gegenwart mehr – nun hast du wieder eine. Manchmal muss man langsamer werden, um überhaupt voran zu kommen. Zeit spielt keine Rolle, Geld erst recht nicht.“ So viele kluge Sprüche sind mir in der letzten Woche auf dem kurzen Hausweg durch den Kopf gegangen, dass ich schon dachte: „Mann schreib’s auf, das ist wichtig“, aber da war noch ein Spruch, der besagte, „versuch‘ nicht immer alles festzuhalten. Lass die Dinge fließen. Halte den Strom deiner Gedanken nicht auf, indem du ihn unterbrichst, um etwas niederzuschreiben. Alles kehrt wieder. Du musst das Denken vom Schreiben trennen, so wie du das Fotografieren vom Sehen trennst. Erfreue dich an winzigen Veränderungen.“