Phase 3: Orientierungslosigkeit

Herr Irgendlink ist zu einem abscheulichen Monster mutiert. Die Mutation ist so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr vom Ich spricht. Drei Leben hat er in eines gepackt. Ein gelungenes .tgz-Archiv (Windows-User würden es als .zip-Datei bezeichnen) mit hoher Kompression.

So nudeln die Tage. Herbst senkt sich über das Land. In der dreiviertel Stunde, die Herr Irgendlink täglich hinüber radelt zu seiner Arbeitsstätte, fühlt er sich wie im Urlaub. Seine Augen kratzen am Horizont und schummeln dem Geist ein fremdes Bild; Geschmack von Ferne auf Grund multipler Erinnerungen an Früheres, denn der Horizont – wenn man ihn genau betrachtet und alles vergisst, was man weiß – ist ein Vorhang vor dem Fremden. Gut und gerne wäre es möglich, dass hinter Dingen, von denen man glaubtzuwissen, nicht das liegt, was man denkt, dass es dort liegt. Somit erhebt sich das Dörfchen K. in den Status einer fremden, geheimnisvollen Gemeinde, verschlafen irgendwo in einem nordischen Fjord. Man schmeckt die See und ein eiskalter Wind aus Nordwest suggeriert Arktis oder noch ein wenig mehr.  Ach, das Dörfchen K.! Dort kehrt Herr Irgendlink allmorgendlich ein und kauft der dicken Bäckerin vier Brötchen ab und manchmal auch ein paar Pralinen, die er dem Kollegen T. auf die Arbeit mitbringt. Die Dinge gaukeln wie im Hamsterrad und so Vieles wiederholt sich im tägIichen Rund. Es wäre da zum Beispiel der kleine schwarze Hund zu nennen, ein fieser Schnapper, der das letzte Haus in der Lieselottenstraße, mitten auf Herrn Irgendlinks Arbeitsweg, bewacht: täglich das unisone Spiel wie er Herrn Irgendlink anbellt und sogleich sich die Vorhänge hinter dem Fenster bewegen, Herrchen kurz nach dem Rechten schaut und sich vermutlich wundert: „Schon wieder dieser werktätige Penner, die Uhr könnte man nach dem stellen.“ Aber der Hund kapiert das natürlich nicht.

Ignorierend die fetten Nebel in den Tälern der Saarpfalz strampelt Herr Irgendlink alltäglich seines Weges und der Computer in der Fahrradpacktasche und die schwere neue Kamera und all die Klamotten, die er mitschleppt, fühlen sich an, als sei er schon seit Wochen unterwegs. In der Tat hat Herr Irgendlink in den letzten Wochen, pendelnd per Rad zur Arbeit, gut 2000 km zurück gelegt. Deshalb ist er nur noch Haut und Muskeln und seine Umgebung sorgt sich um ihn.

„Musst doch was essen, Junge“, bemuttert man ihn.

Dann lächelt Herr Irgendlink und antwortet: „Gewicht schwankt.  Das ist ganz natürlich.“

Was die Orientierung betrifft, ist Herrn Irgendlink klar geworden, dass es sie gar nicht gibt. Denn alles beruht auf Annahmen und willkürlichen, bzw. mehr oder weniger gewachsenen Vereinbarungen. So könnte man natürlich behaupten: der Mann fährt nach Westen. Aber bitteschön, er kann doch nur nach Westen fahren, weil irgendwann jemand den Westen erfunden hat. Gäbe es keinen Westen, so müsste es heißen, der Mann kommt aus Osten. Aber auch hier ist das Dilemma vorprogrammiert: Hätte man vergessen den Osten zu definieren, woher käme dann der Mann und wohin führe er?

Oder die Minute, sechzigstel Untertan der Stunde (hier beißt sich Chronos mit Kairos; mit Kairos hat Herr Irgendlink durchweg gute Erfahrung gemacht, Chronos hingegen ist leidig), gewiss ließe die Minute sich mathematisch begründen und aus der Konstante Pi herleiten. Es führt zu weit, sich weiter darüber auszulassen. Nicht jetzt, nicht in Phase 3, Orientierungslosigkeit.

Phase zwei: Verneinung der Werktätigkeit

Der Owner probt die wundersame Mitarbeiterverdopplung, was zur Folge hat, dass die Tackerqueens (Kollege T. und ich) nie vor 20 Uhr aus der Werkstatt kommen. Selbst die heilige Morgenmüßigkeit ist gestern gefallen und wir waren wie normale Werktätige schon um acht (statt üblich neun-Uhr-X) auf der Arbeit.

Beim Treffpunkt Lieselottenstraße in der Kreisstadt H. saßen wir ein paar Minuten auf einer Mauer und schwätzten – eilig haben wir es ja nicht – und ich eröffnete T.: „Nun sehe ich die Welt mit anderen Augen. Um halb acht ist diese Welt nämlich anders als um halb neun. Ein Gemetzel! Schulbusse, Schulkinder, Autos mit nur einem Fahrer, alle streben in die selbe Richtung hin zur großen selben Firma. Es herrscht Krieg. Die Menschen sind wahnsinnig oder stumpf oder einfach nur müde. Vielen graut es vor der Arbeit, weil sie ein scheiß Betriebsklima haben oder von den Kollegen gemobbt werden oder Kollegen mobben müssen. Nee, keine gute Stimmung, ich fühl‘ sowas.“ Weiters fabulierte ich einen Spruch, mit dem ich mich negativ über diese Werktätigen äußerte wie sie täglich hin und her hetzen – „ein Hamsterrad“, sagte ich.

„Deine Logik hat aber einen Fehler,“ grinste T., “ du bist Werktätiger.“

Dowerpower Vol. 3

Was gäbe ich darum, wenn diese Woche vier Tage länger wäre.

Dennoch: Sonntag war gut. Für einen kurzen Moment auf der Mole in Biel, welche hundert Meter weit den Hafen umsäumt und in den See ragt. Abends ein paar Minuten Ruhe und ein letztes Blinzeln in die Sonne bevor sie hinter dem Jura-Horizont verschwand, ein schnelles Bad, der Zugang zum Wasser, ermöglicht durch eine verborgene Leiter, welche nur Insidern bekannt ist. Derweil schipperten allmögliche Yachten  in den Hafen. Besonders beeindruckend jenes große Schiff, auf dem ein stämmiger älterer Mann das Ruder hielt und eine magere junge Schönheit auf dem Bug räkelte. Das zeichnete in mir das Bild vom Esel, dessen Reiter an einer Angel eine Karotte baumeln lässt, um ihn zum Laufen zu bewegen. Die Geräusche! Das Tuten des Fährschiffs hallt im Tal. Die Eisenbahnen donnern am Nordufer im schnellen Takt. Menschen flanieren händchenhaltend auf der Mole, Miniradios in der Hosentasche. Und ein Angler wirft den Haken raus – auch dies ein wunderbares Geräusch  im gigantischen Lebensmix.

Nun gut: ich hatte meinen ruhigen Moment für diesen Monat. Es war der 10. August zwischen 18 und 19 Uhr.

Ab jetzt gilt Dowerpower bis 13. September.

Ich habe diese drei Leben bitter nötig.

Der Weg des Künstlers ist zu beiden Seiten gesäumt mit … äh

Am Wochenende gehts mal wieder in die Schweiz. Das kommt plötzlich, nicht überraschend und ein wenig ungelegen, weil ich mal wieder drei Leben gleichzeitig führen muss. Drei Leben gleichzeitig führen heißt logischer Weise drei Mal acht Stunden Arbeit am Tag – das ist hirnrissig, aber mit ein bisschen Zeitmanagement klappt das schon.

Freund Marc hat sein Buch fertig und erwartet mich in Biel-Bienne für den letzten Schliff. 40 Jahre Col – die vergessene Kunstrichtung zeigt ein Künstlerleben, das dem meinen vielleicht gar nicht mal so unähnlich ist. Als Marc in meinem Alter war, hatte er die Kunst hintangestellt und bis vor fünf Jahren anderweitig gearbeitet, jedoch immer sehr nahe an seiner Kunst. Ich glaube, ich bin derzeit in einer ziemlich ähnlichen Position, nur dass mein Leben kälter, garstiger, menschentleerter ist, als das von Marc. Nicht dass ich darum traurig wäre. Tatsache ist, dass jetzt statt einer großen Liebe ausnahmsweise einmal die Kunst auf dem Opferstock liegt und ich bin bereit, das Beil zu benutzen (warum sollte es der Kunst besser gehen, als der Liebe?). Dennoch ergreifen mich Zweifel, ob es Sinn macht, die Kunst zu opfern – erhalte ich deswegen die Liebe zurück?

Niemals.

Der König vom Nil (Roman, Vandenberg Phillip) lehrt auf beklemmende Weise, was mit Männern geschieht, die besessen sind: sie erreichen ihr Ziel. Der Preis ist so hoch, dass ein Normalsterblicher ihn niemals zahlen würde.

Der Weg Besessener ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer … ne quatsch, das ist Pulp Fiction … ihr Weg ist zu beiden Seiten gesäumt mit Tränen ihrer Liebenden und der Verbissenheit des Ehrgeiz. Oder so ähnlich.