Loungeforensik

Frühmorgens die Welt wahrgenommen: ich überlegte, ein Haus zu kaufen in der Kleinstraße im Kraftwerkstädtchen B. Ein uraltes Häuschen mit giftiger Asbestfassade, feuchten Stellen um die Kellerfenster und klassich grauen Gehwegplatten aus Beton vor der Tür. Geht Euch das nicht auch manchmal so, dass Ihr frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit an einem Haus vorbei kommt, das Ihr gerne kaufen würdet? Der Grund für meine Kauflust war, dass mich vor Weihnachten in eben dieser Straße ein wildfremder, älterer Mann freundlich gegrüßt hat. Außerdem wohnt gleich um die Ecke ein Heilpraktiker namens Siedentopf.

Für mich sind das Hinweise aus einem Paralleluniversum. Mit den mantrisch summenden Worten „Kauf das Haus, kauf das Haus, kauf das Haus, ’s will niemand drin leben nur du sauß und brauß“, strampelte ich Richtung Arbeit.

Heute arbeitete ich zusammen mit Kollege T. in der Abteilung Loungeforensik. Die Loungeforensik ist ein hochwissenschaftlicher Bereich der Veranstaltungstechnik, der zu ergründen versucht, was mit den Mietmöbeln auf diversen Veranstaltungen und Partys geschehen ist. Der erfahrene Loungeforensiker kann, ähnlich wie ein Kriminologe an winzigen Details den genauen Ablauf einer Party rekonstruieren.

Kollege T. und ich knöpften uns acht Paletten Möbel vor, die vier Wochen lang beim Zirkus F.-F- gestanden hatten. Sie waren in einem erstaunlich guten Zustand. Nur ein einziges, langes, rotes Haar auf einem Megasitz ließ Rückschlüsse auf eventuelle Ausschweifungen zu.

Gemeinsam rekonstruierten wir die eine oder andere Stellung, was Menschen mit Möbeln eben tun. Das dimmte ein bisschen die Letharegie, die mich seit Anbeginn des Jahres befallen hat – diese wunderbaren loungeforensichen Scherze. Einem französischen Autokonzern haben wir vor einem halben Jahr eine wahre Sexorgie angedichtet … ich schweife aus, das dimmte also meine Lethargie und die allgemeine Schlappheit.

Nun, da ich dies schreibe, bin ich hellwach. Ich radele auch wieder. Radeln hält mich am Leben. Der Heimweg vorbei am Gasthaus R. war, obwohl verschneit, geradezu frühlinghaft. Nach Minus zehn Grad fühlen sich Null Grad warm an. Das Leben ist nunmal eine Kombination verschiedener Gewohnheiten.

am 13. um 13 Uhr 13

Verwirrend dürften manchmal die Veröffentlichungsdaten der Posts sein. Man kann sie einstellen, wie man möchte. So kann ich in Zeiten, in denen ich viel weiß, für die Zukunft sparen.

Unpräzise Aussagen, täglich

Wenn dich jemand am Frühstückstisch bittet: „Reich‘ mir mal die Butter“ und du nimmst die Butter aus der Butterdose und reichst sie ihm, so handelst du im Grunde richtig. Die wenigsten Menschen vermögen Butter in Dose und Butter ohne jegliche Verpackung zu unterscheiden. Du tust gut daran, dich dem allgemeinen Kodex zu unterwerfen und über die Unpräzision dieser Aussage hinweg zu sehen.

Der glimmer-glammer Handschuhdeal

„Und sehet, hoch oben in den Bergen wird eine Stadt aus dem Nichts entstehen, ihr Zentrum sei ein Tempel des Konsums und sie wird zur größten und prächtigsten ihrer Art wachsen. Die kaufenden Zehntausend werden kommen aus weiter Ferne in den Bäuchen großer eiserner Vögel“, sprach der Prophet, „Verdammnis über dich, du stinkender Weiler am schwarzen Bach – bis zu den Knien werden deine Bürger im Blut gescheiterter Einzelhändler waten“.

Der Prophet war müde, legte sich auf eine Parkbank und erfror am letzten Samstag bei minus fünf Grad.

Ich jedoch hatte nur eines im Sinn: Brauchst Handschuhe zum Radfahren. Also begab ich mich hinunter in den stinkenden Weiler, wo in einem City-Outlet-Center ein Vaude-Laden Ausverkauf hatte. Dort gab es alles, nur keine Handschuhe. Also ging ich den beschwerlichen Weg hinauf auf den Berg, oh Golgata, welcher, wie der Prophet mir sagte, eine glänzende Stadt aus dem Nichts hatte entstehen lassen. Das größte Outlet-Center der Republik. Dort, so ahnte ich, muss es doch Handschuhe geben. Gab es auch. Entweder waren sie aus Leder, zu fein, zu dünn, aus Seide, rosa, kitschig oder sie besaßen sonst einen Schicki-Micki-Makel. Die einzig brauchbaren Handschuhe, denen ich zutraute, dass sie auch fürs Radfahren bei Temperaturen unter minus fünf Grad taugen, gab es beim Outdoor-Ausrüster S. Sie kosteten über 100 Euro. Dafür kann man schon ein Auto kaufen.

Meine Überlegung war einfach und knapp: ehe ich 100 Euro hier oben in der bourgeoisen, verwirkten Markenwelt lasse, gebe ich sie doch lieber dem Fahrradhändler unten in der Stadt. Kurz vor zwölf war dieser im Begriff zu schließen. Er hatte einen Dreitagebart, sah übernächtigt aus, aber die Beratung war perfekt. Noch jetzt sehe ich den Glanz in seinen Augen, als ich die wärmsten Handschuhe, die er zu bieten hat für 40 Euro kaufte und noch ein paar Neoprensocken dazu packte, sowie in Aussicht stellte, demnächst ein Fahrrad bei ihm zu kaufen.