Heute Morgen großes Meeting mit dem Owner. Thema: die Zukunft der Lohntackerei, die Zukunft der Firma. Unser aller Zukunft. Eine besondere Eigenschaft des Owners ist, dass er nie eine konkrete Aussage macht. Für ihn scheint es die Worte Ja und Nein überhaupt nicht zu geben. Für ihn gibt es nur Vielleicht. Das könnte daran liegen, dass er Sternzeichen Waage ist. Ich bin Steinbock, sowohl Sternzeichen, als auch Aszendent. Hier regiert der Kopf! Es gibt nur Ja und Nein. Dazwischen gibt es nichts. Ich liebe Fragen, die man nur mit Ja oder Nein beantworten kann. Sie erleichtern einem den Fortlauf der Zeit ungemein. Hat man sie beantwortet, kann man die Frage vergessen und weiter in die Zukunft schreiten. Ich hatte nie eine Freundin, die Waage war. Vermutlich können Steinböcke ganz prima eine Weile mit Waagen zusammenleben, weil zwischen Ja und Nein ein temporärer Puffer ist, in dem man mit dem Vielleicht ganz viel Spaß haben kann. Aber auf Dauer wird das nix. Journalist F. sagt, entscheidend für die sternzeichnerischen Eigenschaften eines Menschen sei eigentlich der Aszendent, also das Sternzeichen, das gerade über dem Horizont aufgeht, wenn der Mensch geboren wird. Keine Ahnung, welchen Aszendent der Owner hat. Aber Doppelwaage könnte durchaus sein. Eventuell auch Skorpion (das wäre wiederum interessant: mit Skopionen gibts erfahrungsgemäß guten Sex – nicht dass ich mit dem Owner schlafen möchte, aber wenn man die sexuelle Komponente transzendiert, so behaupte ich, ist die geschäftliche Beziehung zwar riskant, aber erfolgreich, und das ist ja wichtig in einer Arbeitsbeziehung).
Wie auch immer. Frühmorgens: Rückkehr ins Paradies. An einem geheimen Ort hat der Owner den Tackercontainer, unsere Werkstatt, wieder aufgebaut, und heute war Aufräumen angesagt. „Damit wir uns nicht missverstehen“, sagte ich, ganz Steinbock, „ich bin rein privat hier. Alles, was ich heute arbeite, kostet dich keinen Pfennig. Es ist wie wenn ich dir als guter Freund beim Umzug helfe.“ Der Owner machte einen indifferenten Gesichtsausdruck, den ich als Ja deutete. So schufteten Kollege T., Owner und ich eine gute Stunde und richteten die Werkstatt neu ein, damit wir bald schon uns um den Großauftrag kümmern können, der viiiielleeeicht irgendwann kommt. Es geht um eine sechsstellige Summe (pure Schätzung), die sich wie folgt aufteilt: Tacker T. und ich kriegen einen vierstelligen Betrag, der Insolvenzanwalt erhält für die ungemein harten 15 Stunden, in denen er mindestens zwei Briefe schreibt eine knapp fünfstellige Summe, ein Vielfaches also von dem, was wir Tacker für unsere lächerlichen 200 Stunden Arbeit erhalten. Der Rest bleibt beim Owner und die Firma ist gerettet. (Gerne hätte ich den Zahlenkrempel ausgeklammert, aber am Ende der Geschichte geht es nicht ohne).
„Ist die Welt gerecht, Steinbock Irgendlink?“
„Ja“ (Zum Thema Ja und Nein habe ich an anderer Stelle in diesem Blog schon geschrieben. Zusammengefasst: man kann zwei Wegen folgen, dem Einfachen und dem Flann O‘ Brien’schen. Ich bin leider ein einfacher Mensch).
Warum Rückkehr ins Paradies? Der Owner hat instinktiv alles richtig gemacht. Vielleicht ist er Aszendent Steinbock? Der Grill loderte vor dem Tackercontainer und eine Kiste Bier stand bereit. Das Belohnungssystem nach Journalist F. par Excellance (ich schrieb darüber vor Kurzem). Der Container steht auf dem Gelände eines Miettoiletten-Imperiums. Garstiges Gelände, seichter Himmel, Frühlingssonne und hunderte von Toilettenboxen, toi toi toi. An eine hatte jemand den Spruch „Kaisa Du“ geschmiert. Klasse Szene.
Zu dritt räumten wir auf, bookmarkten, was noch alles fehlt, um mit der Arbeit loszulegen – das heißt, ich bookmarkte still für mich, denn der Owner ist ja Waage und Kollege T. ist Stier. Schöne Scheiße.
Später saßen T. und ich auf einer Terrasse in der Kreisstadt H., schlürften Kaffee, ließen die letzte Stunde revue passieren. „Bist du schlauer?“ fragte ich. „Weißt du, woran wir sind und wie es weiter geht?“ fragte T. Für den Steinbock gibt es nur eine Möglichkeit, Ja oder Nein zu vermeiden: Schweigen. Ich betrachtete einen Bettler, der mit einer Krücke an einen Bauzaun lehnte und den Hut hin hielt. Niemand warf etwas hinein. An den Zaun hatte jemand gesprüht: „1-Mann-Armee 425“. Ich bestellte ein Eis. Als wir das Café verließen warf ich einen Euro in den Bettel-Hut. Wenn der Insolvenzanwalt eine fünfstellige Summe einstreicht und ich eine vierstellige, dann muss für diesen Mann doch eine einstellige Summe raus springen.
Schäbig genug.