Le Courant

Le Courant, der große Strom des Lebens macht, dass Du dich gerade im Moment an der Position befindest, an der Du bist. Du liest diese Zeilen.

Le Courant zeichnet verantwortlich dafür, wen Du wann kennen gelernt hast, wen Du kennen lernen wirst. Die Kombination willkürlicher Zufälle lässt Dich bei Aldi an der Kasse stehen. Hinter wem stehst Du? Knüpfst Du ein Gespräch mit diesem Menschen? „Ah, Rotwein! Der Merlot ist gut und gar nicht mal so teuer.“ Wen lässt Du vor, nur weil Dein Karren elends voll ist? „Kommen se, ham ja nur Katzenfutter, gehn se nur vor.“

Le Courant ist unerbittlich. Der träge Kahn Deines Daseins lag fest verankert am Ufer? Kein Erbarmen kennt der Strom, er reißt Dich trotz massivster Ankerketten mit.

Ein kurzer Claim vom Regnen

„Was nass wird, wird auch wieder trocken“, ist einer meiner Lieblingssprüche beim Radfahren. Das Zitat wird in den großen Zitatensammlungen der Zukunft einmal Herrn Irgendlink zugeschrieben werden. Ich habe das Wort in Skandinavien erfunden, benutzte es in Irland, am Rhein, in Frankreich, der Schweiz und Italien. Selbst im unsäglich heißen Sommer 2003 benutzte ich den Spruch, den Neckar hinauf radelnd, in umgedrehter Form: „Was trocken ist, muss unbedingt genässt werden“. In regelmäßigen Abständen tauchten wir unsere T-Shirts in Brunnen oder in den Fluss und streiften sie klatschnass über, um uns von der bis 40-Grad Hitze zu schützen.

Einzig in Island 1992 setzte ich den Spruch zeitweilig außer Kraft, bis es mir gelang, die Trockenheit neu zu definieren; ich nenne die Eigenschaft seither „island-trocken“, was ungefähr dem Zustand frisch geschleuderter Kleider aus der Waschmaschine entspricht.

Heute erster Regentag seit Langem.

Die Seele des Kollegen T.

Für Kollege T., sieht es nicht gut aus. Seit Jahrzehnten steht seine Seele in einem Einmachglas auf einem staubigen Regal in einer Garage in der Birkensiedlung im Kreisstädtchen H. Zusammen mit vielen anderen Einmachgläsern voller Seelen. „Das erzähle ich dir nur, damit du weißt, wie dieser Backes tickt“, sagte T., „für 20 Pfennig hat er jedem, der es wollte, die Seele abgekauft. Das war eine Menge Geld. Damals kriegte man dafür ein großes Eis. Fein säuberlich hat er auf alle Gläser Zettel mit Namen geklebt, so als würde sich darin Erdbeermarmelade, hausgekocht, befinden.“

„Ne, echt? Was für eine bizarre Story.“

„Das ist erst der Prolog. Die eigentliche Geschichte ist noch viel krasser. Backes ist zwei Jahre älter, als ich. Schon zweimal sitzen geblieben und in dem Schuljahr, war er schon wieder versetzungsgefährdet. Er durfte sich keine Fünf mehr leisten, um durchzukommen. Auch nicht in Kunst. Unser Kunstlehrer war ein Grüner, Friedensbewegung, Bart, gutmütig. Also ermahnte er Backes jede Schulstunde, er solle endlich sein Bild abgeben, wenn er es nicht tue, müsse er ihm eine Sechs geben. Die Aufgabe lautete: Male ein Plakat.“

„Hä? So einfach? Und er hat es nicht abgegeben?“

„Am letzten Abgabetermin fragt der Lehrer wieder: Wo ist Dein Bild. Backes trägt einen DIN A 4 großen Schulranzen. Wir haben immer auf A3, also doppelt so groß gemalt. Niemand glaubte, dass er ein Bild dabei hätte. Aber Backes zückt aus dem Ranzen ein Blatt Papier, faltet es auf und sagt: „Da!“ Alle staunen. Der Lehrer ist verblüfft. Auf dem Blatt hatte Backes vor der Schule mit Kuli geschrieben: Der Wald ist grüner, als die Grünen glauben

„Ahahaha“, ich schlug mir auf die Schenkel, „das ist ja eine bizarre Story“.

„Es kommt noch besser“, sagte T., „Der Lehrer betrachtet das Plakat, und kommentiert: Backes, da fehlt ein L. Du hast geschrieben der Wald ist grüner, als die Grünen gauben. – Gib her, sagt Backes, nimmt sein Kunstwerk und reißt am unteren Ende das Wort gauben ab. Der Wald ist grüner, als die Grünen.

Alle waren natürlich gespannt auf die Notenvergabe und keiner glaubte, dass Backes auch nur den Hauch einer Chance hätte, versetzt zu werden. Vier Minus.“

Scheitern – ein Annäherungsversuch

Vom Scheitern.

Vom Scheitern, sage ich eben großmütig, könnte ich ja ein Buch schreiben.

Ich bin das Scheitern.

Menschen, die scheitern, sind mir grundlegend sympathisch, wie sie an einem Bauzaun lagern und hungerleidend ausschauen und jämmerlich eine geklaute Krücke in der Hand halten, um ihren Mitmenschen zu zeigen, ich bin notleidend – vor sich einen Pappbecher, in den nie nie nie jemand einen Pfennig wirft und am Bauzaun hat ein Hip-Hopper geschrieben „1-Mann-Armee“. Selten sieht man solche Menschen, aber sie sind mitten unter uns. Für gewöhnlich werfe ich einen Euro in solche Pappbecher, weil ich weiß, dieser Mensch kann sich ein Brötchen dafür kaufen oder Bier. Und für gewöhnlich scheint die Sonne, denn in diesem Weblog scheint immer die Sonne.

Seit etwa zehn Jahren ist mir bewusst, dass wir Menschen das Scheitern-Gen besitzen. Es löst nach 30 Jahren einen Prozess aus, dem wir uns mit aller Macht zu widersetzen versuchen und dessentwegen wir Dinge tun, die uns selbst zwar verraten, aber weil alle das Gen haben und alle letztlich scheitern, nehmen wir das nicht wahr. Es ist wie ein blinder Fleck. Gescheiterte sind mitten unter uns und führen ein ansehnliches Familienleben, aber wir erkennen sie nicht!

Ich sitze auf der Südterrasse und lausche dem Wind in den Pappeln an der Südgrenze des einsamen Gehöfts, was wie Melodie in meinen Ohren ist – und über Jahre, gar Jahrzehnte, wenn ich so lange lebe, so sein wird. Über das Gesäusel in den Bäumen hinweg, werde ich das Scheitern als Lebensprinzip nie wahrnehmen, es sei denn, ich habe den Mut, es mir einzugestehen.

Gute Gedanken zum Scheitern ereigneten sich eben, vor drei Minuten in meinem Kopf und ich dachte, musste unbedingt aufschreiben, ist ein Lehrstück für alle anderen da draußen: wenn du das, was du eben gedacht hast, so auf Tastatur bringst, wie du es gedacht hast, wird jeder, wirklich jeder, das verstehen und das Scheitern verliert all seinen Schrecken, weil es ja eine genetische Sache ist, für die niemand etwas kann. Es ist wie schwul sein, autistisch intelligent, oder mit 35 Krebs kriegen, oder Zwillinge gebären. Es ist von der Natur gewollt und du kannst dein Konto endlich auflösen, deinen Gläubigern sagen, tschuldigung, schulde ich dir, ist genetisch, kannichnixfür. Du bist fein raus im genetischen Scheitern.

Was ist mit den Porschefahrern mit den grauen Haaren und den 25-jährigen Freundinnen? Die sind doch nicht gescheitert,  trotzdem über 40, oder? Natürlich sind sie gescheitert! Sie sind die schöngelifteten Feinfrisure der modernen Scheiterungskosmetik. Allein kraft ihrer Bankenpotenz sind sie in der Lage, ihr persönliches Scheitern zu verschleiern (das sind ganz miese kleine Typen, die sich jeden Zentimeter ihres imaginären Schwanzes teuer erkaufen – der bekennende Scheiternde hat so etwas nicht nötig).

Ja, wir sind Lügner, wir Menschen. Allesamt gemeine kleine Lügner, die im Spiegelgefecht, gut aussehen zu wollen, über jedwede Leiche gehen, um unseren Status aufrecht zu halten.

Dass Status eine leicht durchschaubare Sache ist, mit der sich seit Jahrtausenden die Machtmenschen luftsaugend über Wasser zu halten versuchen, enttarne ich an dieser Stelle.

Für immer.

Dies ist ein provokanter Artikel. Ich habe ihn, zugegebener Maßen nicht in ganz nüchternem Zustand geschrieben. Als Blogautor kann ich mich also auf ganzer Linie als gescheitert bezeichnen.

Ich bin einer von vielen – je est un des toutes – um es brachial mit Rimbaud zu sagen, der zu jung starb, um dies zu formulieren.

Wenn ich bloß die Worte zusammenbrächte, die ich vor drei Minuten auf der Südterrasse dachte! Rimbaud hätte das gekonnt.

Aber ich, ich bin schlichtweg an diesem Artikel gescheitert.

Sry

Schreiben ist Knochenarbeit! Seit gut 20 Jahren hänseln mich gute Freunde: Du erzählst immer nur von dem Buch, aber schreiben tust du es nicht. Dabei habe ich immer wieder Anläufe genommen, ein größer gestricktes Ding zu fabrizieren, habe auf diese Weise im Selbstversuch, ohne etwas literarisches zu studieren, meine Erfahrungen gemacht und teilweise akribische Experimente gestartet. Erstaunt war ich, dass ich in fünf Stunden etwa 35.000 Zeichen schreiben kann. Das sollte ein Kurzkrimi werden und wenn er mit 35.000 Zeichen zu Recht gekommen wäre, wäre er auch fertig und lesbar. Nun liegt er als Dateileiche auf dem Rechner.
Als leistungsorientierter Bürger waren mir diese 35.000 Zeichen irgendwie wichtig.
Dabei ist Schreiben für mich etwas ganz anderes, als möglichst viele Buchstaben auf einer Tastatur in den Computer zu hacken. Das ist eine stupide Arbeit, die nichts mit Kreativität zu tun hat. Die eigentliche Kreativität meines Schreibens findet unterwegs statt. Nur dort bin ich gut. Nur dort kann ich mir Erinnerungsstützen schaffen, um später in harter Schufterei etwas Gutes zu generieren. Mein ledernes Notizbuch ist Anlaufstelle für kryptische Satzfetzen, mit denen eigentlich nur ich etwas anfangen kann. Diese Satzfetzen sind wie Fertigsuppe, die man aufkochen muss, um ein schmackhaftes Etwas zu verzehren. Manchmal, wenn ich nicht dazu komme, etwas zu notieren, baue ich mir am Wegesrand eine Merkstrecke, an der ich das Wichtige, was ich gedacht habe, befestige. Autistische Genies machen das genauso. So radele ich durch die Welt und neben einem Holzstapel habe ich DIE IDEE, also befestige ich sie an dem Holzstapel und wenn ich auf dem Rückweg daran vorbei komme, erinnere ich mich daran.
Manchmal kommt mir mein ganzes Leben wie eine Merkstrecke vor. Dann ist plötzlich alles wichtig.
Als ich vor ein paar Wochen die Kreisstadt H. durchquerte, wurde mir klar, dass ich das Buch, welches „Europenner“ heißen soll, irgendwann doch noch schreiben werde. Es gibt diese Momente, dass Vieles auf einen einzigen Punkt fällt und man sich plötzlich sagt, das ist es, das ist das Konzentrat. Es ist wie im Traum, der bekannter Maßen schnell und unbarmherzig ist, und der Ecken und Kanten und unerwartete Wendungen hat. Der Traum ist im Grunde auch nur en Komprimat von einem unglaublich großen Ding, das es gilt, nach dem Aufwachen mit viel Fleiß und ohne dabei zu verzweifeln auszubreiten, um endlich klar zu verstehen, worum es geht.
Nicht anders funktioniert mein Buch.
Es ist komprimiertes Wissen, auf den Punkt gebrachtes Leben, assoziative Wendigkeit, und ich alleine bin derjenige, der das Thema ausbreiten kann.
Um es nicht zu vergessen, notiere ich an dieser Stelle:

  • Die Ereignisse 1988 am norwegischen Fluss eröffnen das Dokument
  • Die Durchquerung von Kreisstadt H. am 6. April schließt das Dokument
  • Den Tag zu formen ist eine schwere Bürde
  • Diese Reinheit wirst Du nie wieder erlangen
  • Neben dem Bettler steht grundsätzlich geschrieben: 1-Mann-Armee
  • Du bist der Bettler. Du bist der Geringste. Du bist der, der es tut
  • Waterframe – nenne es den Waterframe. Er rahmt die Geschichte.

Dies sind Notizen an mich selbst, wie sie in meinem ledernen Buch stehen könnten. Tut mir Leid, dass Ihr damit nichts anfangen könnt. Aber so ist das nun mal, wenn man versehentlich das Notizbuch eines Anderen aufschlägt. Es ist eine Bürde, ein Geheimnis. Es lässt einen den Kopf zerbrechen, ob man nicht doch etwas herausfinden könnte. Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Deshalb liebt er Geschichten. Deshalb braucht er Rätsel. Die Geschichten mit Rätseln zu spicken und die Rätsel zur rechten Zeit aufzulösen, das ist die Aufgabe der Autoren.