
Neues aus der Erotten-Serie. Hier ein Sandwich aus gebrochenen Eierschalen und der Aufnahme eines verwitterten Softpornohefts.
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Neues aus der Erotten-Serie. Hier ein Sandwich aus gebrochenen Eierschalen und der Aufnahme eines verwitterten Softpornohefts.
Das örtliche Wahllokal muss erwähnt werden. Es befindet sich in einer kleinen Grundschule, an deren Außenwänden im Schulhof die Kinder allmögliches Getier gemalt haben, Elefanten, Löwen, HundKatzeMaus. Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Kuh gemalt habe, deren Euter aus Zündkerzen bestand. Das ist lange her, ich glaube, es war mein erstes und einziges Bild, das ich in der Schule gemalt habe. Dann verließen wir die Stadt und ich kehrte erst ein viertel Jahrundert später zurück.
Dreißig Autos vor dem Wahllokal, ich der Einzige, der mit dem Radel durch die düstre Waldschlucht gekommen ist. Stelle das Fahrrad so, dass man es nicht sieht – die denken doch sonst alle, der wählt Grün, wenn sie mich mit dem Radel sehen. Sie scheinen zu tuscheln zur besten Morgengebetszeit. Im Foyer liegen einige Jacken, die von Kindern vergessen wurden, allesamt gelb und auch ein paar Schuhe stehen da, auch gelb mit blauen Schnürsenkeln. Wenn das die Wahlbeobachter der OSZE mitkriegen sind wir geliefernt. Noch während ich mich innerlich köstlich über die Gags mit dem Fahrrad und der Gesinnung und den gelben stinkenden Kinderklamotten amüsiere, fülle ich etwas linkisch den Wahlzettel aus. Bewundernswert, wie die Kollegen Wahlhelfer zu viert in dem Lokal lümmeln, stark wie ein Mittelstand; besonders gefällt mir die Frau mit den eigelben Haaren, sie prüft die Wahlbenachrichtigung und sagt: „Gelben sie den Stimmzettel bitte in die Urne bei meinem Kollegen, gleich hier rechts,“ und während ich ihr brav gehorche fügt sie hinzu, „ja, so ist es recht“ und der Kollege lockt mit den Worten; „fühlen sie sich frei, demokratisch zu wählen.“ Mir wird gelb vor Augen. Mit Mühe und Not bewahre ich die Kontenance, „nein, ich werde Euch nicht anschwärzen,“ sage ich mit hochrotem Kopf, drehe mich links um und verlasse den Schulraum. Vorbei die Zeiten, in denen man mir hier den roten Teppich ausgerollt hat. Später im tiefgrünen Wald umweltbewusst mit meinem Radel durch die Schlucht zum einsamen Gehöft hinauf ächzend, fühle ich mich müde, alt und inhaltslos wie eine Volkspartei.

Abgestorbener Baum in der Nähe des Nachbargehöfts S., Aufnahme ca. Frühjahr 2009. Mittels Gimp>Farben>Schwellwert in Strichzeichnung verwandelt.
25. Juli 2009, 17:31 Uhr MESZ, Kapelle nähe Mouterhouse, 8 km südlich von Bitche, Frankreich
Der Kerl mit dem Designterrier hatte sich auf einer Stahlbank breit gemacht; wie ein Leuchtturm oder eine mächtige Schachfigur beherrschte das Hundchen den Raum. So dass mir nichts übrig blieb, als mich auf einen kalten Stein im Schatten mitten in einem schmutzigen Beet zu setzen, die Szene zu beobachten. Wie das Hundchen knurrend leinezerrend schachmatt einen viel größeren anderen Designhund im Zaum zu halten versuchte, der den Schwanz einkniff, während Frauchen alle Hände voll zu tun hatte, ihre übervollen Design-Einkaufstüten voller Markenware beisammen zu halten. Im Hintergrund eine Ansammlung von über 100 Geschäften mit den gängigsten weltweiten Kleidermarken.
Aus der Sicht des Europenners ist ein Designer Outlet Center die Ausgeburt allen Bösen. Ausgerechnet in Z. hat man vor einigen Jahren das größte seiner Art aus dem Boden gestampft, welches sich in Nah und Fern so großer Beliebtheit erfreut, dass der riesige Parkplatz zwischen Autobahn und den Markengeschäften fast immer voll belegt ist und die Leute sogar morgens mit dem Flieger aus Berlin kommen zum Einkaufen und abends wieder heim fliegen. Es wäre eine Studie wert, ob die Menschen, die in der Nähe von Designer Outlet Zentren leben signifikant besser gekleidet sind, als anderswo in der Welt.
Ich saß auf meinem Stein und dachte. Dass man sich den Luxus, hier einzukaufen eigentlich nur leisten kann, wenn man in Brot und Futter steht und dazu gehört zur wohlverdienenden Gesellschaft. Jeder, dachte ich weiter, möchte gerne dazu gehören, wenn er das sieht, Glanz, Schönheit, Markenmacht. Es ist wie früher in der Schule, ein unerträglicher Zustand, am Rand zu stehen und nicht in Cliquen organisiert zu sein, ein Außenseiter – klar herrscht in aller Schönheit und Geborgenheit auch gähnende Langeweile, aber das nimmt man für gerne in Kauf, Herdentrieb machts möglich? Egal: im Taumel des gegenseitigen sich übertreffen wollens und des besser aussehen wollens oder wenigstens genauso gut gekleidet sein wollens wie die Anderen, haben sich die Genugverdienenden hier zusammen gefunden, um sich mit bis zu 30 Prozent vergünstigter Markenware einzukleiden. Bringen ihre Designhunde, die zum Outfit gehören mit und ihre quengelnden Designkinder, ihre Designfrauen und -männer und natürlich ihre schicken chrompolierten Designautos.
Blick in einen der Läden, welcher zwei Eingänge hat im Abstand von 20 Metern. Ganz vorne locken Schnäppchenständer voller T-Shirts für nur 15 Euro. Ich gehe hinein, geradezu aufgesaugt vom Tiefdruckgebiet des Preises, fingere an den labbrigen 15-Euro-Hemdchen, Kotzfarbe, falsche Größe, schlecht genäht, widerlicher Schnitt, blicke mich um und mit einem Mal wird mir die Isobare des Niedrigpreises bewusst. Der Laden ist organisiert wie eine Wetterkarte, durchzogen von Linien gleichen Preises, die sich blasenförmig nach Hinten ausweiten. Nach der 15- Euro-Linie folgt die Zwanziger, die Dreißiger, die Fünfziger und die Hunderter. Frappierend.