Der große Fußballweltmeisterschaftsroman

Fabelhaft, wie ich gestern früh die Landstraße hinaufjage Richtung Arbeit, irgendwie mit 120 Sachen, was sonst nicht meine Art ist, dabei über das streng getaktete Leben nachdenke, wie die Zeit zu Tagen zerkleinert wird und die Tage zu Stunden – so gelange ich recht schnell gedanklich in die Achtundsechzigste Spielminute des Deutschlandspiels vorgestern. Als das 3 zu 0 fiel und alle jubelten. Ich bog ein ins düstre einsame Gehöft.

Doch zurück auf die Landstraße frühmorgens, etliche Minuten nach dem Deutschlandspiel und nach dem 3 zu 0. „Die wievielte Minute wir wohl gerade haben?“, denke ich gegen 9 Uhr am 14. Juni, ich meine, gerechnet nach diesem Deutschlandspiel. Der Spielbeginn am 13. Juni 2010 um 20 Uhr 30 sei Minute 0. Alles was davor an Minuten war, hat ein Minus, alles was hinterher kommt, hat ein Plus. So rase ich nach Käshofen rein, vorbei am Wasserturm, bremse scharf hinter einem Traktor, die 750. Spielminute, das 4 zu 0 ist längst gefallen, die Bundesregierung wird sich wohl halten, wenn die so weiter spielen. Wie Blitze schießen die Gedanken. „Jetzt müssteste das alles aufschreiben, ha, das wäre ein Blogartikel, eingeteilt in Minuten, ein knallharter Bericht wie ein Fußballspiel. Achwas, das könnte sogar ein Roman werden. Ein Buch mit elf Siegeln, 90 Seiten dick, kugelrund“. 752te Minute in einer Linkskrurve auf dem ewigen Weg zur Arbeit. Ich lächle selbstzufrieden. Mannmannmann, den großen Fußballroman gibt es noch nicht. Das ist in der Literaturwelt fast so ein bedeutendes Ding wie der große Berlinroman, nach dem sich alle die Finger lecken. „Und ich werde ihn schreiben“, denke ich in der 753ten Spielminute, „genau: das Ding in Spielminuten einteilen“. Ich durchquere ein kleines, kühles Wäldchen, passiere einen Vorgarten in der 755ten Spielminute, in dem ein Mann einen Rasenmäher zu Tode quält. Weißer Dampf steigt auf und man riecht förmlich, wie sich der Kolben des Viertaktmotors in den Zylinder frisst.

In der 758ten Spielminute erreiche ich die Tackerwerkstatt, notiere hastig ein paar Gedanken auf einem Stück Karton: „Blogartikel im Fußballtakt schreiben“, steht drauf und: „ach was, ganzes Buch“, und „Mann mit qualmendem Rasenmäher“.

Raus aufs Land

Geocachingtour westlich von Bern. Wàhrend des D-landspiels dann retour nach ZW. Leben, wenn andere es nicht tun. Sich eine Parallelwelt außerhalb jeglicher Saison schaffen, bedeutet Verzicht: auf das, was alle wollen: fußballgucken :-)

Die fliehenden Stunden des Lebens …

„Ich bin die marode Bundesregierung der feinen Künste“, denke ich vor dem Rasierspiegel. Was denen mit Geld passiert, passiert mir mit der Zeit: eine gemeine, exponentielle Kurve, auf der wir schliddern, die mit dem Geld und dem Zinseszins und ich mit der Zeit im ewigen Rund der tickenden Sau.

So schabe ich den Bart runter – längst aufgegeben den Versuch, das täglich zu tun wie andere anständige Männer. Tickitick Tickitick Tickitick-Tick-Tick. KeineZeit KeineZeit KeineZeit-Zeit-Zeit.

Noch vor zwei Jahren hatte ich irgendwie die Hoffnung, dass sich das Leben nochmal entschleunigen lässt, dass ich das Ruder vielleicht nochmal rumreißen kann, indem ich viele langsame Dinge tue, meditiere, Rad fahre und zu Fuß gehe, anstatt mit dem Auto von A nach B zu hetzen und eine möglichst schnelle Internetverbindung anzustreben.

Nach der letzten Reise nach Andorra, damals vor zwei Wochen, muss ich diese Illusion über Bord werfen. Die Geschwindigkeit meiner gefühlten Zeit steigt exponentiell oder hyperbell – eine Phantasie sagt mir, dass dann, wenn alles gleichzeitig passiert im Kopf, der Tod kommt.

„Die fliehenden Stunden des Lebens …“ sage ich gestern zur blutjungen Kollegin A. und lege besonderen Wert auf die drei Punkte, die Ellipse am Ende des Satzes, die der Aussage über die fliehenden Stunden des Lebens ein großes Gewicht geben soll. Gerade wuchten wir um kurz vor fünf gemeinsam einen großen Tisch vom Tisch, verstauen ihn auf einer Palette und verpacken das Ganze, da zweifelt Kollegin A. dass sie mit der Arbeit wohl nicht bis fünf Uhr fertig werden wird. Ich ihr explosionsartig zu erklären versuche, dass die Zeit nie reichen wird, egal wofür sie benötigt wird und dass wir Menschen der Zeit immer weinend hinterher rennen werden, weinend wie kleine Kinder, deren Väter nach Amerika auswandern oder sowas. Nienienie hat auch nur ein einziger Mensch den Wettlauf mit den fliehenden Stunden des Lebens gewonnen. Das versuche ich der Kollegin zu erklären, besser gesagt, ich denke darüber nach, es zu versuchen. Ihr zu erzählen: „wie ich mal so jung war wie du, da hatte ich auch die Illusion, es schaffen zu können mit dem Wettlauf mit der Zeit, jawoll mein Kind, alle haben das, aber werd du erstmal 30, dann drehste schon schneller …“ denk ich nur, sag ich nicht, „und wenn du 40 bist, oha, dann sackt dir das Herz langsam in die Hosentasche, denn selbst wenn du einmal das hohe Alter von 80 erreichen solltest, ist 40 gefühlt nicht etwa Leben halb gelebt, sondern du bist eigentlich schon bei den letzten zehn Prozent angelangt.“ Denk ich so vor mich hin, gemeinsam schuftend mit Kollegin A. Die Uhr rennt gen 17. und das Einzige, was ich rausbringe ist dieser Stiummelsatz über die fliehenden Stunden des Lebens mit der Ellipse hintendran „…“