Immer Mehr Gesellschaft

In der Morgendämmerung plötzlich hellwach, was sonst nicht meine Art ist. Vogelkonzert. Ein Wort im Kopf: Ich lebe in einer Immer-Mehr-Gesellschaft. Und noch so einige Gedankenfetzen. Einer zeigt mich auf dem uralten Deutz-Traktor, wie ich letzte Woche die Felder der Saarpfalz durchquere, eine Tonne Wasser auf dem Anhänger, die ich bei einem Freund der Familie geholt habe, der eine eigene Quelle hat. Es ist so trocken diesen Frühling, dass der hauseigene Brunnen des einsamen Gehöfts nicht genug her gibt, um den Garten zu gießen. Ich mit hochgeklappter Scheibe am giftgrünen Traktor. Wehendes Haar. So würde mein Leben schmecken, wenn es keine Unterbrechungen gegeben hätte: bauernd auf einem Dieselmaschinchen, dafür sorgend, dass Pflanzen wachsen und dass Tiere dick werden.

Diesen Frühling verbringe ich im Garten und in der digitalen Welt. Oft denke ich an die vielen Reisen vom letzten Jahr. Wo warst du genau vor einem Jahr? Es macht mich unruhig, zu wissen, dass ich vor einem Jahr schon über einen Monat reisend verbracht habe und dieses Jahr noch fast keinen Tag da draußen auf den Straßen Europas war. Ich lebe in einer Immer-Mehr-Gesellschaft. Es gehört zur Tagesordnung, Indizes zu errechnen, Vergleichskurven zu ziehen, Leistungsdiagramme zu zeichnen. Wenn die Kurven nicht stetig steigen, stimmt etwas nicht mit der Wirtschaft, mit der Gesellschaft. Unglücklicherweise habe ich Ende des letzten Reise-Boom-Jahres dieses Blog hochgradig mit dem Reiseleben verschmolzen, dass es mir nun, da ich zu Hause bin kaum noch wert scheint, weitere Artikel zu schreiben. Vielleicht endet es so? Der Bogen überspannt, das nicht Übertreffbare getan. Nun folgt entweder ein langsamer Abstieg im Nebel, oder ein Sturz in die Tiefe?

Pure Spekulation. Ich bin noch schlaftrunken, laufe rüber zu diesem PC. Ich muss das jetzt aufschreiben. Die Luft riecht gut. Dunkle Wolken hängen im Westen. Eine wunderbare Morgenstimmung. Der Hahn kräht. Ein Flugzeug im Landeanflug auf Zweibrücken-International. In der hohlen Wand der Künstlerbude knabbert eine Maus. Um mich zu überzeugen, was ich letztes Jahr hatte, was ich nun nicht mehr habe, forsche ich im Archiv des Blogs finde im Mai einen Eintrag vom 14. in Borreda, Spanien. Geadacht und geschrieben habe ich ihn am Beginn einer kleinen Pyrenäenstraße. Ein Bild zeigt das Kilometerschild mit der Nummer Null.

Ganz symbolträchtig: am Ende ist immer ein neuer Anfang.

Auch eine Weise wie die Welt funktioniert. Die Welt des brummelnden Bauern in mir. Ein ewiges Rund, ein niemals-Gleich, ein Mal-mehr-Mal-weniger in stetiger Lebensspirale. Mal ist es trocken und heiß und die Ernte nicht gut, mal kühl und feucht. Im einen Jahr wachsen die Kirschen gut, im anderen sind es die Nüsse.

Dennoch sind die Gefahren der Immer-Mehr-Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Sie verleiten einen zu seltsamen Anstrengungen, sie bringen einen dazu, sich im alltäglichen und kleingeistigen Konkurrenzkampf aufzureiben (anstatt gelassen auf dem Traktor zu hocken, wehenden Haares wie auf einer Zeitmaschine die Jahre zu durchqueren ;-)). Die iPhone-Fotografie, die ich seit März intensiv betreibe, führt es mir vor Augen. Die Bilderflut ist inflationär. Die Künstlerinnen und Künstler weltweit sind hochgradig aktiv. Dennoch führt es zu nichts Besonderem. Das Immer Mehr führt zu einer Art Verblendung, die sich wie ein Vorhang vor die Qualität schiebt. Gestützt wird das Immer Mehr durch die informatischen und technischen Möglichkeiten. Erschreckt durchblättere ich Flickr und Co. und frage mich, was wird bleiben? Welches Bild, welche Aktion, welche Kunst ist überhaupt tauglich für die Zukunft (und wie weit weg darf diese Zukunft sein?). Ich darf mir nichts vormachen. Es ist wie Sofasophia schreibt: im Flügelschlag eines Insekts bist du schon vergessen. Das muss nicht schlimm sein.

Nur weil du nur die Immer-Mehr-Gesellschaft kennst, denke ich beim Aufwachen, muss das nicht heißen, dass es nichts anderes gibt.

Zehn Jahre Online-Schreiberei heute.

Brennesselfotografie

Auf dem Arbeitsweg, den ich stets mit dem Rad fahre, habe ich mittlerweile schon jeden Stein umgedreht, rein fotografisch. Mitunter bin ich auf den 10 Kilometern durchs Lambsbachtal gut zwei Stunden unzerwegs, weil ich ständig Neues entdecke zum Fotografieren. Ich entwickele die Theorie, dass das Alltagsland – mein Las Vegas – im Grund unerschöpflich ist und es gerne ein Menschenleben dauern kann, ohme die genau zwei Gleichen zu sehen. In tristen Momenten, in denen ich den Glauben an das Neuentdecken im Alltag verliere, weiß ich dennoch, dass ich nur einige Meter den gewohnten Weg verlassen muss und ich bin in einer anderen Gegend.

20110511-105450.jpg

Von Einem, der Eines suchte und Anderes fand

Unterschwellig gaukelt stetig die Idee, den Nordsee Küstenradweg (NSCR), immerhin über 6000 km lang, als Livereise anzugehen. Ich weiß auch nicht, was mich reitet. Die Vorstellung vom süßen Leben unterwegs prescht voran wie ein junger Hund. Der Nordsee Küstenradweg ist etwas komplizierter als der Camino. Ihn kann man nicht in 35 Tagen machen. Derzeit folge ich einem Livereisenden, der die Runde in 90 Tagen schaffen will. Michael aus Hamburg. Zur Zeit in Edinburg, schon seit 2000 km on the road. Gestern, als ich nach Hause radele, erlebe ich erstmals das Gefühl, das vielleicht die Leserinnen und Leser des Irgendlink-Blogs im letzten Winter gehabt haben mögen: ich habe mich gefreut, von Michael zu lesen. Den ganzen öden Tackerarbeitstag lang. Jetzt weiß ich, wie sich die werte LeserInnenschaft letzten Winter gefühlt haben mag. Das macht Mut, ein weiteres Projekt anzugehen.

Vom NSCR träume ich, seit ich im Februar nach einer radelbaren Route von Zweibrücken nach Schweden gesucht habe. Durch Zufall auf der Nordsee-Rundweg-Seite gelandet. Seither bin ich wie besessen.

Das Problem ist: es ist fast unmöglich, ein Loch im Jahr zu finden, das groß genug ist. Einmal mehr wird mir bewusst, wie sehr das Menschenleben von Terminen zerstückelt ist: Geburtstage hier, Ostern da, Pfingsten jenerorts, ein Arzttermin für den chronisch Kranken alle viertel Jahr. Aus dem Korsett der Termine gibt es kaum ein Entrinnen. Dabei gehöre ich noch zu der Kategorie Mensch, die relativ große Lücken im Jahr finden können. Selbst ein „läppischer“ kleiner Camino von 35 Tagen, ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Niemand kriegt so lange Urlaub. Niemand lässt Frau und Kind so lange alleine. Niemand ist so rücksichtslos gegenüber sterbenden Verwandten, neu zu gebärenden Neffen und Nichten, zu taufenden kleinen schrumpeligen Etwasen oder gegenüber zu feiernden Hochzeiten, runden Geburtstagen, goldenen Konfirmationen. Nur 90 Tage. Ein viertel Jahr. Ein Blick in den Terminkalender zeigt, dass das dieses Jahr nichts mehr wird. Nicht ohne erhebliche Opfer: Arbeitsstelle, Auto, Haus und Boot. Eine Kunstausstellung müsste ich auch opfern, Freunde und Kollegen verprellen, last but not least wäre es der pure Stress für die Liebe. Irgendwo hat alles seine Grenze im persönlichen Lebenegoismus. Irgendlink, der Ehrfürchtige geht schulterklopfend Arm in Arm mit dem Besorgten. Denn sorglos wäre der Sturz in das 90 Tage große Schwarze Loch rund um die Nordsee nicht. Ich müsste die Lohntackerei aufgeben. Und schlimmer: die geliebte SoSo würde ohne Ende darunter leiden.

Den Sverige Leden anzugehen, mit seinen etwa 3000 km Länge, das könnte klappen. Das Loch im Jahr müsste nur sechs Wochen groß sein. Wieviele Tage sind das? So war es doch ursprünglich geplant, Herr Irgendlink? Damals, im Februar der zerschnittenen Zeit 2011, als du arglos Eines suchtest und Anderes fandest?