Kurze Texte und Bildgalerien vom Pfingsttreffen 2013 Zweibrücken / Boulogne in Boulogne sur Mer.
Blut, Kot und Geschwüre
Der Job hätte gepasst: täglich um die Mittagszeit einen uralten Kleinwagen in die Landeshauptstadt jagen und unterwegs in diversen Kliniken und urologischen Praxen Kisten abliefern, bzw. abholen, Briefe und Röhrchen seien darin, hatte man mir versichert. Die Firma: im Nachbarstädtchen mit dem Rad prima zu erreichen; die Bezahlung: am untersten Ende der Skala; aber: mit wehendem Haar einen friedlichen Fahrjob ausführen, der dem spartanisch lebenden Künstler die materielle Inkonsistenz, die das Künstlerleben mit sich bringt, ausbalancieren kann; kurzum: wie einst Möbel tackern, nur mit Blut, Kot und Geschwüren. Dass alles anders kommen würde, war zu erwarten.
So stellte ich mich bei der Firmenchefin Punkt zwölf in ihrer Privatwohnung vor, die auch gleichzeitig die Firmenzentrale zu sein schien. Küche voller Nippes, eine Weihnachtskrippe auf dem Fensterbrett. Kettenraucherin. Wir saßen am Tisch und ich erfuhr, dass im Herbst der Kopf der Firma, ihr Gatte, gestorben war, und sie nun das Unternehmen zusammen mit dem Bub führen würde. Vier fünf Touren, die täglich Gewebeproben aus dem ganzen Land zur zentralen Pathologie bringen und die Befunde zurück in die Praxen. Der Bub würde gleich kommen, er arbeite als Bestatter. Nachmittags würde er diese, meine Tour fahren, vorläufig, aber das gehe ja nicht auf Dauer, dieses Doppelleben, diese Schinderei, diese ewige Hatz. Der Bub, ungefähr gleichalt wie ich, sieht zehn Jahre älter aus und, wie sich herausstellen sollte, benimmt sich, als wäre er zwanzig Jahre jünger.
Raus aus den Sicherheitsschuhen und dem Totengräberdress, rein in die Autoklamotten, ein Schluck Cola und eine Stulle zwischen den Jobs – in diesem Land stimmt was nicht. Die Einen haben zu viel Arbeit, die Anderen zu wenig. Aber statt etwas langsamer zu treten, herrscht die Tendenz, mehr und mehr und mehr zu machen, ganz leistungsbürgeresque: die Angst, dass man den Job verliert, veranlasst die Menschen, die eigene Grenze zu überschreiten. Ich diagnostiziere gesellschaftliches Glaukom. Der soziale Innendruck steigt kontinuierlich. Das Zusammenleben ist ein Dampftopf ohne Ventil. So erlebe ich den neuen Chef als massiges, ungeduschtes, geisthaftes Wesen zwischen zwei Jobs auf der Jagd nach Geld. Die schneeweißen Turnschuhe aus Kunststoff und die flatternde Jogginghose aus türkisenem, glänzendem Stoff verzeihe ich und steige arglos in das wohl dreckigste Auto der Region. Ein klebendes Etwas, das er liebevoll als sein Ex-Auto vorstellt. PS und Verbrauch usw. schnell erklärt und es hatte nie eine Panne. Das neue steht vor der Tür, ein Audische (Verniedlichung für Audi), ja, über Autos können wir (nein, er) uns prächtig unterhalten. Unser Ziel: meine alte Heimat. In einem der Krankenhäuser, die wir ansteuern, habe ich zwanzig Monate gedient. Kurzum: ich kenne mich bestens aus und wenn man mir eine Liste der anzufahrenden Orte geben würde, könnte ich die Tour blind fahren. Aber Mösjö Bub will den Chef spielen und den Neuen fundiert einarbeiten. Jovial erklärt er mir die Radarkontrollen – er kennt sie alle – und wo es den günstigsten Sprit gibt und kommentiert zwischendurch die Fahrweise der anderen VerkehrsteilnehmerInnen – insbesondere der Innen – während ich überlege, ob wir im Kofferraum wohl Körperteile von Menschen transportieren, die ich kenne. Fußball bleibt mir als Gesprächsthema erspart und ihm die Kunst, da ich weiß, wie allergisch manche Menschen auf dieses unheimliche Thema reagieren. Satanas! Ich ziehe alle Register des Masochismus, lasse duldsam die Kettenraucherei im geschlossenen Wagen, das Geschimpfe und den eigenartigen Geruch – kommt der von den schneeweißen Schuhen oder den Geschwüren im Kofferraum? – über mich ergehen. Mache mir Notizen: „Box für Krankenhaus soundso vorm Fahrstuhl abstellen“ – „In derundder Verwaltung nach Briefen fragen“ – „Den Fahrer vom Nachbarkrankenhaus Soundso abwarten, ggf. die Box, die er bringt, einladen“ usw. So hangeln wir uns über 150 Kilometer durch Arztpraxen und Kliniken, bringen und holen, und ich denke mir den Job als sehr angenehm zurecht, fahre vielleicht schon Morgen, alleine, die Tour bei offenem Fenster und tumber Stille, in der man in meinem Hirn einen winzigen Hamster rotieren sehen kann, in einem winzigen Hamsterrad einer winzigen Möhre hinterher jagend, die sich partout nicht fassen lassen will. In der Kleinstadt A. hupt mein neuer Chef an einer Ampel einem kaum zwanzigjährigen Mädchen zu und grinst dreckig hinüber – ich verschmelze mit dem klebrigen Beifahrersitz. Der Wunsch, unsichtbar zu sein, oder nicht zu existieren, oder zerlegt in Geschwüre in den Boxen im Kofferraum zu sein, ist übermächtig. Innere Kündigung. Die Sache erledigt sich endgültig bei der Ankunft in der Basis, als mir mein zukünftiger Ex-Chef, le Bub Sir, der mich offenbar richtig ins Herz geschlossen hat, väterlich auf die Schulter klopft: Dann sehen wir uns Morgen wieder! Ich würde sagen, Sie fahren diesen Monat mal mit mir, damit Sie das von der Pieke auf lernen! Gleichzeitig offeriert mir die Chief-Mum, dass ich doch sicher Verständnis dafür habe, dass sie mir für die Einarbeitungszeit nichts zahlen kann, weil sie ja den Bub bezahlen muss. Und das Anfang Monat! Elegant verweise ich auf die komplexen Meldungen bei der Künstlersozialkasse und dass ich – beim besten Willen – ohne Vertrag nichts machen darf, und dass es für den Arbeitgeber sehr teuer werden kann … wir verbleiben mit getauschten Telefonnummern.
Seitdem herrscht Friede in mir. Das Hamsterrad steht still. Ich fabuliere an einem Traktat über gesellschaftliches Glaukom und sozialen Innendruck.
Dietmar Wischmeyer zum Thema Vatertag
Kunst in den Mai – Artopie Meisenthal feiert Künstlerfest am 1. Mai
(Zitiert aus dem Newsletter des Künstlers Klaus Kadel (Strasbourg/Pirmasens)
Das 1.-Maifest bei Artopie mit Theater und Musik ist Gelegenheit für eine Ausstellung mit Arbeiten derer, die im vergangenen Jahr in den Ateliers von Artopie gearbeitet haben. In diesem Jahr sind dies Klaus Kadel (Pirmasens), Fédérica de Ruvo (Italien), Damien Deroubaix (Berlin), Laurent Odelain (Straßburg) und Yannick Lang (Meisenthal). Zu sehen sind Siebdrucke, Skulpturen, Video, Foto und Linolschnitte. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr.
Die Fête du 1 Maisenthal beginnt eigentlich schon am Vorabend, wenn um 20.30 Uhr das Theaterstück „Hexelied“ in lothringischer Sprache als Kombination aus Theater, Gesang und Malerei aufgeführt wird.
Am 1. Mai gibt es nach der Vernissage Punkrock-Folk von „Me and the Molku Queen“. Gegen 15 Uhr steht akrobatisches Theater auf dem Programm und um 16 Uhr wird als „Kollektive Performance“ das Ergebnis der Theaterwerkstatt von Artopie präsentiert. 16.45 Uhr spielt die Gruppe „Schaukelperd“ (ohne f) Folkmusik.
Weitere Infos im Internet in französischer Sprache unter www.artopie-meisenthal.org.
Meisenthal in Lothringen – so kommt man hin
Meisenthal liegt zwischen Bitsch und Ingwiller und ist aus Richtung Pirmasens über Bitsch, Lemberg (Moselle) und Götzenbruck zu erreichen. Artopie liegt mitten im Ort neben der riesigen Glasbläserhalle auf dem Gelände einer früheren Vergoldermanufaktur.
Supplement: Klaus Kadel / Corinne Albrecht in Karlsruhe
Immer noch zu sehen ist die Ausstellung „Grand Remue-Ménage“ mit Arbeiten des Duos „Albrecht & Kadel“ in der Straßburger Galerie „No Smoking“ (http://galerie-nosmoking.fr.cr/).
Außerdem steckt das Duo „Albrecht & Kadel“ in den Vorbereitungen für die große Einzelausstellung am 9. Juni in der Karlsruher Galerie „Artpark“ (www.artpark.eu) und im August gibt es eine Neuauflage von „Frisch gepresst – Druckgrafik pur“ in der Kreisgalerie Dahn mit Siebdrucken aus dem Atelier „Albrecht & Kadel“.
Irgendwann zuletzt vor zwanzig Jahren
Der alte W., den ich nicht gut kannte, wohnte im letzten Haus rechts in der steilsten Straße des Dorfes, ganz hoch oben, so dass man es sich zwei Mal überlegte, ob man zum Spielen bei seinen Kindern vorbei schaute. Nur der Tennisplatz lag weiter oben, in einem alten Steinbruch. Auch wenn ich den alten W. seit über zwanzig Jahren nicht gesehen habe, bestürzte mich sein Tod. Auf dem Klo war er zusammengebrochen – zack, das Herz – seine Frau fand ihn morgens schon fast kalt. Am selben Tag, letzte Woche, starb auch H., den ich besser gekannt hatte, als den alten W. H. war noch kürzlich bei meinen Eltern zu Besuch nach einem langen Tag in der hiesigen Spezialklinik, den er wartend und bangend um sein Augenlicht in den altmodischen Fluren verbrachte. Ich hatte überlegt, mal rüber zu schauen und ihm und seiner Frau Hallo zu sagen, wie geht’s, was macht die neue Hornhaut, und ihm Mut zu machen, die schaffen das schon in der Klinik, die sind Spezialisten, aber der Abend war hektisch, ich hatte einen ach so wichtigen Termin. So kam es, dass ich H. an seinem zehntletzten Lebenstag nicht mehr getroffen hatte und erst per Telefon benachrichtigt wurde, dass der Tumor im Hirn, der ihn zusätzlich zu seinem lästigen Augenproblem zu weiteren Klinikbesuchen zwang, ihn zerfressen hatte. Das Kortison habe aus ihm einen Mann gemacht, den man kaum wieder erkannt habe, aufgeschwemmt, kaum fähig aufzustehen, zudem psychisch so am Ende, dass sein Gesicht kein Lächeln hatte. Da musste ich an den alten Sch. denken, den ich so gut wie nicht kannte, und der mir vor ein paar Jahren, nur wenige Wochen vor seinem Tod durch Hirntumor, sein altes Fotolabor geschenkt hatte, weil er sich frei machen wollte von jeglichem Besitz. Er verbrachte seinen letzten Tage im Bademantel, erinnerungsunfähig mit einer unvorstellbaren Kortisondosis und Morphium.
Der Winter 12/13 hat so viele gekostet, wie nie zuvor.
Eine Weile verbrachte ich letzte Woche damit, zu grübeln, wie schlimm das sein muss, zehn Tage vor dem Tod in einer Spezialklinik Lebenszeit auf den Fluren wartend zu verbringen und zu hoffen, dass man wieder sehen kann. Ich komme schließlich zu der Erkenntnis, dass der eigene Wille einem das Leben ganz schön schwer machen kann und dass man uns Menschen entweder bei der Eitelkeit packen kann, oder bei der Hoffnung, dass es sich zum Besseren wendet, dass am Ende alles gut wird. Ein Zehntel seines Restlebens verbrachte H. im Wartezimmer, bis Ärzte, Schwestern, Laborleute, ihren geheimen Tagesrhythmen gehrochend, ihn endlich durch den Klinikalltags-Loop schleusten. Ein Zehntel Restleben. Während der alte W., nichts ahnend, auf dem Klo, hochoben in der steilsten Straße des Dorfes, die unumstößliche Regel, Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal, zu widerlegen schien.
Die Kalkulation der eigenen kleinen Situation ergibt, dass ein Lebensjahr mittlerweile das Gewicht von einem Dreißigstel Restleben hat, also nun schon doppelt so viel wert ist, wie ein Jahr vor dreißig Jahren – so macht der eintrudelnde Lullifullifrühling kaum Spaß, obschon mich der Gedanke eine Nacht lang beschäftigt, dass irgendwann für jeden der Zeitpunkt ist, dass er einen anderen Menschen vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen haben wird und dass auch er selbst, aus vielen Perspektiven, zuletzt vor zwanzig Jahren jemandem begegnet sein wird – ich weiß, dieser letzte Satz ist holprig, und er macht auch vielleicht keinen Sinn, aber seine Lebenszeit damit zu verbringen, ihn zu denken, ist doch erhellender, als hoffend in einer Augenklinik zu warten.