Eventualitäten #AnsKap

Es war keine gute Idee, das Zelt neben dem Småbåthaven, dem Yachthafen in der Bucht von Alta aufzubauen. Obschon das kiesige Gelände recht idyllisch und windgeschützt neben einer Felswand liegt. Sand und Kieshaufen umgeben mich und Teerabbruch. Eine Baustoff- und Bauschutthalde zugleich ist das.Eben noch hat ein Vierzigtonner seine Last abgeladen, dabei ist es schon fast zwanzig Uhr. Ein riesiger Bagger steht verwaist.

Trotz des eigentlichen Ruhetags bin ich schon zu müde, oder sagen wir eher zu lustlos, um nach einem anderen Lagerplatz zu suchen. Es ist ohnehin etwas schwieriger, in einer zwanzigtausend Seelen-Stadt etwas zu finden, als draußen im Niemandsland. 

Herr Irgendlink verbringt den letzten Reisetag in einer leerstehenden Ladenpassage Die Heringe wollen in dem lockeren Split nicht richtig halten. Wenn es nachts stürmisch wird, dann habe ich ein Problem. Auch der Bagger macht mir Sorge: was, wenn der morgenfrüh zum Einsatz kommt? Was, wenn ausgerechnet mein Kieshaufen gefragt ist und aufgeladen werden soll?

Egal. Müdigkeit siegt über die Sorgen. Im Gepäck habe ich die Gewissheit, es gibt immer eine Lösung, dann, wenn Eventualitäten sich aus dem Gedankengewirredes Befürchteten materialisieren.

Um halb Acht donnert der Bagger etwa hundert Meter entfernt und man hört das Scheppern von Schüttgut auf Blech. Okay. Eventualität eins, frühe laute Arbeit ist eingetreten, Eventualität zwei, Sturm, der an den Nerven zerrt und die Heringe rauszieht, blieb aus und Eventualität drei, Mein Kieshaufen soll geladen werden blieb auch aus.

Trotzdem raffe ich meine Sachen zusammen und radele los, ein paar Kilometer durch die weitläufige Stadt bis zu einem Kiefernwäldchen und irgendwo lugt die Sonne zwischen zwei Wolken, so dass ich auf einem Felsen die Isomatte ausbreite und den Kocher ankurbele, Kaffee koche, Frühstückseier, Pfannkuchen aufwärme, alles, was das Reiseleben so gemütlich macht.

Wäre da bloß nicht der Regen, der sich von Norden anschleicht, feiner Nieselregen, eigentlich nicht der Rede wert. Ein guter Radfahrregen, würde ich wohl sagen, ist das. Aber nun mitten im ausgebreiteten Frühstückslager baut er sich auf zu einer imaginären immer schlimmer werdenden Front und im Kopf ist er längst zum Platzregen geworden, obwohl doch alles gut verpackt ist, und nichts was nicht nass werden darf draußen ist, inklusive mir selbst in einer wurstähnlichen, regendichten Pelle, so könnte ich stundenlang gemütlich frühstücken und den äußeren Einflüssen trotzen, aber der Feind lauert in mir. Er denkt sich das Schlimme herbei, das niemals eintreten wird – vermutlich – er packt auch schon seit Tagen das Radel und die Packtaschen zusammen, als wäre das ein ganz besonderer Akt. Der Feind im Innern denkt sich gruselige Welten zurecht, während außen die Vöglein ein fröhliches Liedchen trällern, die Sonne immer wieder durch noch so dichte Wolken schaut, die Bäche murmeln. Verflixt.

Stoisch und mir dies alles vergegenwärtigend frühstücke ich zu Ende. Man könnte tatsächlich sagen, gemütlich. Der Platz liegt auf einer Anhöhe über der E6 und ich könnte mir gut vorstellen, dass dies mein nächster, mein letzter Lagerplatz für diese Reise wird, denn der Flugplatz ist nicht weit.

Später flaniere ich durch Alta, treffe den Radlerkollegen Tim wieder – hatte ich schon erwähnt, dass er doch nicht zurück radelt, sondern sich auf den gleichen Flug eingebucht hat wie ich?

Es gibt nicht viel zu tun in Alta. Das wird einem spätestens klar, wenn man in der Touristeninformation vorbeischaut und dort die beiden Tipps erhält: Museum mit den Felszeichnungen und die Kathedrale des Nordlichts. Dazwischen sind drei Shoppingmalls, wobei über Kurz oder Lang wohl nur die eine, das Amfi bleiben wird. Sagt mein Bauchgefühl. Die Universität – ich war noch nicht drin. Pizzerien, ein paar Cafés, ein Plattenladen, der auch Instrumente verkauft.

Im Plattenladen kaufe ich eine Doppel-CD von Bands aus der Finmark, die hier in Alta aufgenommen wurde. Junge Musiker zwischen 16 und 25 Jahren. Klingt gut, ich habe reingehört.

Timo, der Psychologe steht plötzlich neben mir und wir reden noch ein Weilchen, bis er seine Mittagspause beenden muss und zurück zur Uni läuft.

Später döse ich in einem gut achzig Quadratmeter großen fast leeren Laden in der weniger frequentierten Park-Shoppingmall. Eigentlich ist dort nur noch Intersport drin und ein Restaurant und eine Kinderspielecke. Alles andere steht leer.

Mein Raum war vielleicht künstlerisch zwischengenutzt. Ein Sofa steht da, zwei Sessel, eine Steckdose. Was will man mehr?

Nichts ist älter als der Blogbeitrag von gestern. Dennoch. #AnsKap

Eigentlich wäre es ideal, die letzten drei Nächte hier auf dem Camping Solvang zu verbringen. Er ist nur sieben Kilometer vom Flughafen Alta entfernt, wo ich übermorgen um 7:35 Uhr zurück fliege nach Frankfurt.Vielleicht ist er mit 170 norwegischen Kronen pro Nacht relativ teuer – viel Erfahrung mit den Zeltplatzpreisen in Norwegen habe ich nicht. Einzig vom Hörensagen weiß ich, dass der eine oder andere Platz nur 90 Kronen die Nacht kostet, umgerechnet etwa zehn Euro und dieses Hörensagen hörte sich stets ein bisschen nach sensationell billig an.

Egal. Der Platz schließt glaube ich heute die Saison ab. Ein finnischer Psychologe sagte mir das, der gerne bis Freitag geblieben wäre. Timo aus Oulu, fußballkundig, Rammsteinfan, Mann mit Hund, bärtig, Outdoorklamotten und ein Allradauto, das SOLCH einen sonoren Motor hat und SOLCHE Reifen, kurzum, einen Typen, den man nie und nimmer für einen Psychologen halten würde.

An der hießigen Uni wird er ab heute für eine Woche lehren oder referendieren, so ganz habe ich es nicht verstanden. Fakt ist, dass er im September und November wieder kommen will und natürlich wird er zelten, zusammen mit dem Hund neben dem riesigen blauen Auto mit der düsteren Stimme.

Wir verstehen uns prächtig und schwadronieren über Fußball, Rammstein die Band, Ramstein die Stadt und solche Dinge, die mich zwar nicht sonderlich interessieren, und die vermutlich auch Timo nicht so arg interessieren, aber wir Reisende nehmen das Gesprächsfutter wie es gerade kommt. Fußball ist nunmal Deutschland wie die Sauna Finnland ist und das Matterhorn Schweiz und das Baguette französisch.

Mit einer Rumänin, die aus Paris kommt, unterhalte ich mich über die romanischen Sprachen im Allgemeinen und die französische im besonderen und ruckzuck mäandriert das Gespräch zu Ludwig IX, zum Absolutismus, zur Hochsprache der damaligen Zeit, um schließlich zu Norwegen und Alta zurückzukehren.

Hast du die Felszeichnungen gesehen? – Noch nicht. – Den Canyon, immerhin der größte in Nordeuropa? – Boa, das Wetter ist so schlecht.

Kurz schwebt der Gedanke im Raum, gemeinsam mit dem Auto, das sie gemietet hat dahin zu fahren, aber sie hat ja noch zwei Italiener im Gepäck, Rucksacktrampende, die sie um zehn Uhr zum Flughafen bringen möchte und Monsieur Irgendlink, moi même ist noch nicht bereit, das regennasse Zelt abzubauen.

Überhaupt, wie sieht der Tagesplan aus so zwischen Tür und Angel, kurz vor dem Abflug?

Fakt ist, dass ich den Camping verlassen muss, weil er ja schließt und Fakt ist auch, dass Hotel oder andere feste Unterkünfte nicht in Frage kommen wegen zu teuer und überhaupt, ein wildes Tier kann man ja nur schwer zwischen Hotelmauern sperren.

So schalte ich heute in den Langsamradelmodus, werde vielleicht zur Universität rüber radeln und mir die Zeit im dortigen Wlan vertreiben oder ins Schwimmbad gehen, das direkt gegenüber der Nordlyskathedralen ist. Das ist eine schneckennudelförmige Kirche, ein ziemlich tolles Bauwerk, das so in den Himmel ragt, dass das Nordlicht, welches in den langen Winternächten grün am Himmel züngelt direkt an den Kirchturm anknüpfen kann.

Ich glaube nicht, dass es diese Kirche 1995, als QQlka und ich hier vorbeiradelten, schon gab. Wie mir dieses gesamte Alta so vorkommt, als sei es erst in den letzten zwanzig Jahren gewachsen. Gab es das Scandic Hotel schon? Die riesige Passage mit dem Rema1000 Baumarkt? Ich erinnere mich nicht.

Auch das letzte Bild des Kapschnitts, auf der E6 Richtung Norden aufgenommen in einer leicht ansteigenden Rechtskurve mit dem Hinweisschild ‚Nordkapp 212‘ Kilometer konnte ich gestern nicht finden. Die Entfernung zum Nordkap hat sich sowieso geändert. Überall wurden die Kilometerangaben überklebt, weil die Strecke durch den Bau des Nordkaptunnels um etliche Kilometer länger geworden ist.

Wie wären wir 1995 überhaupt auf die Nordkapinsel gekommen, wenn wir nicht in Alta umgekehrt wären?

Wie sieht die Nordkap-Streckenhistorie aus? Vermutlich musste man irgendwie nach Honningsvåg kommen und von dort auf der erst – ich glaube – 1956 eröffneten Nordkapstraße ans Kap radeln.

Wenn man sich Straßen, insbesondere in Gebirgsgegenden oder auch in den Fjorden einmal näher betrachtet, wird man deutlich die Spuren erkennen wie sie gewachsen sind, wie nach und nach Brücken und Tunnel und tiefere Einschnitte in den Fels die Strecken verkürzten und die Steigungen minderten. Oft findet man die Überreste der früheren Straßenversionen in Form von Parkbuchten wieder.

In Frankreich mag man sich manchmal wundern, warum sich abseits der Straße plötzlich eine Platanenallee befindet, unnatürliche Parallelen im Nichts.

Und irgendwie ist das Prinzip der Straßenbegradingungen, des Wachstums eines Verkehrsweges ansich auch an dieser meiner virtuellen Reise erkennbar. Was früher mühsam mit Hand in Kladden notiert wurde, kommt heute direkt per Bluetooth-Tastatur in ein vielfach umformbares Dokument, ist angereichert mit Bildern und sogar eine Minimalrecherche ist direkt vor Ort dank Internetverbindung jederzeit möglich. Das Tüpfelchen auf dem I dürfte die kommunikative Komponente sein, schließlich kann man via Twitter und Blogkommentar jederzeit mit dem live schreibenden ‚Künstler in Bewegung‘ in Kontakt treten.

Nachdem ich gestern das Sennalandet von Norden kommend durchquert hatte, wurde mir bewusst, wie gut unsere Entscheidung war, 1995, uns nicht noch weiter zu quälen bis zum Nordkap. Ich vermute, die bis um die vierhundert Meter hohe und gut dreißig Kilometer lange kahle Hochebene hätte uns jeglichen Spaß ausgetrieben.

Nun lässt der Regen nach, wie angekündigt. Das Zelt werde ich wohl nicht trocken einpacken können, aber es bleiben ja noch zwei Tage und Nächte, um mein Heimreisepäckchen fluggerecht zu konfigurieren. Da das Fahrrad vermutlich extra berechnet wird, habe ich genug Freigepäck. Um aus fünf Packtaschen ein Gepäckstück zu schustern habe ich hier im Campinggebäude einen großen Müllsack gemopst, mit dem ich die zum Bündel verschnürten hinteren Packtaschen umwickele. Eigentlich sollte alles, was ich habe in diese beiden Taschen passen.

Im Kap #AnsKap

Was willst du denn am Nordkap, das ist doch langweilig! Klingt es noch immer in meinem Ohr. Dabei ist das Telefongespräch mit Freund Sven, dem Seemann, schon ein paar Monate her. Nach sehr vielen Jahren, in denen wir nichts voneinander gehört haben, hatte ich ihn angerufen, um zu erfahren, ob er noch immer am gleichen Ort wohnt, wo wir ihn bei unserer Reise zum Nordkap 1995 besucht hatten.

Fahrräder vor dem Eingang des Nordkapcenters Dass das Nordkap langweilig ist und als Ziel einer Reise nicht wert ist, habe ich seither sehr oft gehört. ‚Mach doch lieber das und das, den und den Fjord, die und die Stadt, das Nordkap ist es nicht wert, dass man dahin radelt‘, hörte ich von zig Motorradfahrern, Auto- und Wohnmobiltouristen und sogar von Radfahrern, die mir auf der über 4500 Kiometer langen Reise in den letzten anderthalb Monaten begegnet sind.

Es sei ein kahler Felsen ohne jeglichen Bewuchs, der zudem meist von einer Wolke verhangen ist.

Das stimmt.

Im dicken Nebel habe ich das Nordkap letzten Montag erreicht. Kaum fünfzig Meter Sichtweite. klamme Kleider. Elender Gegenwind und ich weiß nicht wieviele Minipässe von Fjord zu Fjord steckten mir in den Knochen. Kalt war es.

Wäre nicht ein paarhundert Meter vor dem Nordkapgebäudeeine Schranke, an der alle motorisierten Besucherinnen und Besucher 250 Kronen Eintritt bezahlen müssen und hätte der flache Bau, der so grau ist wie der Fels, auf dem er steht keine seltsame weiße Kugel auf dem Dach, man könnte glatt daran vorbei radeln.

Das Gebäude hat nach Süden hin kaum Fenster und eine kleine Schiebetür mit Wärmeschleuse. Auch ist der fußballplatzgroßeBus- und Wohnmobilparkplatz daneben völlig unbeleuchtet.

Drinnen Wärme. Eine im Prinzip Einraum-Konstruktion mit Raumteilern, zentraler Halle, Souvenirsshop, Café und Frühstücksraum zur Rechten und Bar und Restaurant zur Linken.

Fast menschenleere Halle in der Nachsaison. Musik dudelt. An einem Infoschalter sitzt eine Frau vor einem Monitor. Wetter- und Windbericht für eine Woche liegen aus. Und ein Gästebuch. Nach Norden ist die Halle auf ganzer Fläche verglast und wenn kein Nebel ist, sieht man hinaus auf das Denkmal, und aufs Meer. Ungebremster Nordpolblick sozusagen. Das Denkmal ist eine unspektakuläre Erdkugel auf drei Beinen, aus Eisenstäben zusammengeschweißt.

Aber das Gebäude hat es sprichwörtlich in sich: drei Stockwerke tief ragt der Flachbau in den Fels. Es gibt ein Panoramakino, in dem im Stundentakt ein Nordkapfilm (dauert eine viertel Stunde) auf Panoramaleinwand gezeigt wird. Sanitäranlagen natürlich und ein paar thematische Ausstellungen. Eine zur Kriegsvergangenheit, denn die Fjorde waren ja beliebte deutsche Militärstützpunkte. Als Finale führt ein Gang schräg nach unten in den Fels, vielleicht hundert Meter lang, in dessen Wänden Schaukästen zur gut 500jährigen Geschichte des Nordkaps szenisch Ereignisse nachstellen.

Von der Entdeckung und erstmaligen Verzeichnung auf einer Karte im sechzehnten Jahrhundert bis zur Eröffnung der Nordkapstraße Mitte der 1950er Jahre. Auch berühmte Besucher, wie zum Beispiel der erste Nordkaptourist, ein italienischer Pfarrer, werden gewürdigt. Es gibt eine winzige Kapelle und ganz kurios ein Thailändisches Minimuseum, die beide in den Fels gehauen sind. Ganz unten öffnet sich die ‚Cave of Light‘, eine Art Lounge mit Sesseln und Sofas und Tischen, in der eine Licht- und Soundinstallation alle sechs Minuten in Endlosschleife läuft. Die Kingsview ist nicht, wie man vielleicht vermuten würde ein Durchbruch durch die Felswand zu einem Balkon, der über das Meer hinaus ragt, sondern eine Kammer, die einem franzöischen König huldigt, auch einer der berühmten Nordkaptouristen,der kurz nach der französischen Revolution incognito das Nordkap besuchte. (Nachtrag: Die King’s View ist sehrwohl ein Balkon, habe ich mir sagen lassen. Es gibt wohl eine Tür nach draußen, die ich übersehen hatte in den zweieinhalb Tagen, in denen ich mich im Kapcenter rumgetrieben hatte. Ich muss wohl noch einmal ans Kap radeln :-)).

Das Nordkapcenter ist eine gut funktionierende Maschine, wird mir im Laufe des Tages klar, den ich mal drinnen, mal draußen dort verbringe. Anfangs scherze ich noch auf Twitter, ich bleibe jetzt hier, rede mit dem Chef, werde Nordkapblogger und erzähle die Geschichten der ein- und austrudelnden Touristen, Radler, Motorradler, Wohnmobilisten oder der täglich in etlichen Bussen herangekarrten Gäste von den Hurtigruten- und Kreuzfahrtschiffen.

Gegen Abend merke ich, dass ich vermutlich verrückt werden würde, wenn ich hier einen ganzen Monat schreibend verbringen müsste, wie ein Tier im Zoo, wie Rilkes Panther käme ich mir vor, trotz all der Weite und Gitterlosigkeit drumherum. Hier oben ist man definitiv gefangen. Es gibt zwei drei Kunstwerke außerhalb des Gebäudes, die man schnell besichtigt hat. Das Bemerkenswerteste sicher sieben bronzene übergroße Nachbildungen von Tontafeln, die Kinder aus allen Kontinenten in gemeinsamer Aktion vor knapp dreißig Jahren hier am Kap gestaltet haben. Ansonsten nur kümmerliche Blaubeeren, Gräser, Moos und Flechten und das tägliche Ein und Aus der Touristen, die das Kap doch nur abhaken wollen.

Ein Siebzig Kronenbier, ein Gläschen Wein, Siegesfoto am Kapdenkmal, Eintrag ins Gästebuch und schnell wieder weg.

Nordkapschreiberwäre sicherlich ein Knochenjob, und da man das Kap als bezahlter Schreiber nicht in die Pfanne hauen darf, wäre es umso komplizierter.

Die italienischen Radler, die mit mir am Nordkap sind, sind hartnäckige Kerle. Irgendwie sind all ihre Klamotten nass geworden, die Schlafsäcke und alles weitere auch und jeder, der sich mit Radfahren auskennt, weiß, dass nasse Radler jegliche Skrupel und jeglichen Respekt verlieren, weshalb sie ihre Fahrräder in die Warmluftschleuseam Eingang des Nordkapcenters stellen, woraufhin die Frau an der Rezeption sie maßregelt und die Räder hinauskomplementiert.

Von kurzer Dauer. Schlafsäcke und Klamotten finden sich irgendwann über Stühlen in der leeren Frühstücksbar wieder, die Räder stehen wie von Wunderhand wieder im Durchgang und die Frau von der Rezeption herrscht mich an, ob mir die Fahrräder gehören, friedlich wie ich da sitze und auf dem Handydisplay Postkarten kreiere und ich ihr auf Deutsch sage nein. Aber da bin ich längst kollektiv mitschuld, auch wenn ich noch so sehr versichere, wenn ich die Schurken sehe, sage ich ihnen Bescheid und natürlich sehe ich die Schurken kurze Zeit später und erkläre ihnen die Sachlage, die Frau habe gesagt, es gehe ums Prinzip und das sei ein Fluchtweg und sie erklären mir ihre Sachlage, alles ist nass, das Leben da draußen die Hölle, nur so kann trocken werden, was trocken gehört.

Ein Organismus ist dieses Nordkapcenter mit dreißig vierzig Angestellten, die in zwei Schichten Bars, Caféterien, Restaurant und Souveniersshop aufrechterhalten, sagt mir ein Kellner. Wieviele genau hier arbeiten, weiß er gar nicht, aber alleine bei den Souvenirs wären es vierzehn und die meisten leben hier.

Es muss also einen Mitarbeiterwohnbereich geben mit einfachen Zimmern, vielleicht ein Wohnzimmer und eine gemeinsame Küche – die Freundin des Kellners hat ihren freien Tag und sitzt mit Laptop in dem ‚rund-wie-ein-Ufo-en‘ Restaurant und surft.

Doch doch, bin ich mir nach anderthalb Tagen in dem Gemäuer sicher, eine Maschine von Menschen für Menschen geschaffen ist das. Mit allem was das Menschsein so ausmacht, Hierarchien, Chefbüro, Verwaltung, Anlieferung von Waren, Entsorgung von Waren. Über die Abwassermanagement bin ich mir noch nicht so ganz sicher, immerhin geht hier in der Hochsaison eine Kleinstadt täglich ein und aus, oder ein riesiges Dorf wenigstens. Bei einem Spaziergang auf der Windschattenseite des Gebäudes meine ich die Kläranlage zu riechen.

Havøysund  # AnsKap

Ziemlich zerknautscht im Hafen von Havoysund, wo mich die Hurtigrutenfähre Vesterålen um – äh wann? – perversfrüh ausgespuckt hat. Ich glaube, ich war der einzige aussteigende Gast. Das Schiff lag noch im Schlaf, als es um 5:45 in Honningsvåg ablegte. Wegen Übermüdung und falsch gestellter Fahrraduhr hätte ich es beinahe verpasst. Um 5:43 schaue ich aufs Handy und realisiere, dass die Fähre in zwei Minuten ablegt, während ich hundert Meter entfernt um die Ecke im offenen WLAN vor der Touristinfo lustig vor mich hin twittere. Völlig außer Puste erreiche ich den letzten Lift aufs Autodeck, melde mich an der Rezeption, wo man mir eine Chipkarte gibt, die beim Auschecken gescannt wird. 

Blick aufs Meer über die orangenen Rettungsboote des Hurtigrutenschiffs Vesterålen Oben auf dem Panoramadeck, das rundum verglast ist und sogar in der Decke Fenster hat, lasse ich die Fjordstraße an mir vorbei ziehen. Möwen driften mit dem Ostwind parallel zum Schiff. Wir überqueren den Sund, der durch einen Tunnel die Nordkapinsel mit dem Festland verbindet. Jene fast sieben Kilometer lange Röhre, die ich vor drei Tagen durchradelt habe. Unheimlich. Ich bin vielleicht genau da, wo ich geradelt bin, nur ein paarhundert Meter höher auf dem Wasser.

Was hatte ich ein seltsames Gefühl da unten. Neun Prozent steil sackt die Straße fast drei Kilometer weit durch den Fels und windet sich unterm Meer durch, um auf der anderen Seite genauso steil wieder hinauf zu führen. In Zwischenstops alle fünfzig bis hundert Meter, in denen ich durchatmend die rechte Hand an der glitschigen Tunnelwand abstützte, ackerte ich wieder hinauf, im Gepäck immer eine kleine, hollywoodeske Roland Emmerich-Inszenierung, in der der Tunnel ein Loch kriegt und das Meerwasser eindringt.

Gestern begegnete mir in Honningsvåg ein franzöischer Radler, Stan aus Paris/Toulouse. Schiebend. Ziemlich zerknirscht. Nach vier Uhr. Alle Läden außer dem Lebensmittelladen zu. Auch der Fahrradladen. Seine Kette ist ihm achthundert Meter vor dem Tunnelausgang gerissen. Er fährt ein Rennrad mit Anhänger und einer geradezu barbarischen Rennübersetzung. Kein Wunder, dass bei neun Prozent Steigung die Kette ächzt.

Vom Tunnel nach Honningsvåg sind es über zwanzig Kilometer. Die hätte er eigentlich laufen müssen, wenn nicht das erste Auto, das er sah, als er wieder draußen war gestoppt hätte, das Kanu vom Trailer geladen und bei einem Nachbar gelassen und sein Radel mitsamt Gepäck aufgeladen hätte, um ihn nach Honningsvåg zu bringen.

Auch die sieben Kilometer bis zum Campingplatz hätte er schieben müssen und vielleicht sogar den Rest der Strecke zum Nordkap, wenn er mir nicht begegnet wäre. Ich habe nämlich einen Kettentrenner im Gepäck.

Ich zweifle ein bisschen, dass die Kette nun durchhält, denn wenn sie im Tunnel bei neun Prozent Steigung reißt, kann sie auch auf den drei Anstiegen zum Nordkap reißen.

Havøysund nun. Kleines Städtchen im Fjord, das alles hat, was das Herz begehrt. Sogar eine Bibliothek gibts hier, eine Schule, Kirche, Bank, Hafengebäude – apropos: die Warteräume in den Hurtigrutenhäfen – ich nehme an, es gibt sie nicht nur hier in Havøysund, sind beheizte, bequeme Etwase mit Toilette und Kaffeeautomat (nur für die Kapakten und falls man mal auf den irrwitzigen Gedanken käme, über Norwegen ans Nordkap zu radeln).

Hier an meinem Schreibplatz stehen ein paar Tische und Parkbänke an einem kleinen offenen Platz vor dem örtlichen Coop-Laden. Die Sonne scheint. Ich habe Kaffee gekocht auf dem Trangia. In der Fähre hätte ein Kaffee siebenunddreißig Kronen gekostet, etwa fünf Euro. das ist knapp halb so viel, wie der Campingplatz in Olderfjord/Russens kostet, den ich heute abend anlaufen möchte.

Das GPS zeigt eine Distanz von neunundfünfzig Kilometern bis dahin. Luftlinie.

Havøysund erwacht mit dem Ablegen der Fähre. Hinter mir der Hafen. Ein Fischkutter läuft ein. Die Seile, mit denen die Flaggen an den Fahnenmasten hochgezogen werden, klappern im Wind. Der macht das Sitzen hier ein bisschen ungemütlich. Vermutlich wäre es ziemlich warm, wenn die Sonne ungestört scheinen würde.

Auf dem Tisch habe ich fast alle Sachen ausgepackt, die in den vier Fahrradtaschen sind. Viel ist es nicht mehr. Meist Lebensmittel, der Kocher, Notizbuch, Kleinkram. Die hinteren Packtaschen sind fast leer, weil ich sämtliche Kleider trage, die ich dabei habe. Nur noch Socken und Unterhosen, die Badehose sind darin.

Ich schätze, dass ich mit etwa 30 Kilo inklusive Radel in Alta abfliegen werde. Punktlandung. 23 Kilo als Gepäckstück und bis zu acht Kilo im Handgepäck.

Der Rückflug ist nächsten Mittwoch um 7:35 mit einem halben Tag Aufenthalt in Oslo, bis es um 16 Uhr weiter geht nach Frankfurt. Fast drei Monate Radeln werden in zwei kleinen Hüpfern von je zwei Stunden weggewischt.

Wie ich so hier sitze, zerknautscht, wie oben erwähnt, wird mir klar, dass mir die schnellen Verkehrsmittel nicht liegen. Auch die Fähre heute Morgen war stressig.

Ich könnte jetzt gut einen stillen Platz brauchen, schön warm und ohne Wind, an dem ich eine Weile dösen kann, danach mich ins Schneidersitzbüro begeben und ein paar Blogeinträge schreiben.

Kommentaroverflow

Hallo liebe Irgendlink-Bloglesende.

Erstmals komme ich in den letzten Tagen nicht mit Kommentare beantworten nach.

Einerseits weil es so viele sind, andererseits weil die WordPress-App und der winzige Touchscreen es erschweren.

Ich sitze im Nordkapcenter vor der riesigen, nach Norden gerichteten Glasfront und schaue über die Nordkapkugeldraußen auf der Klippe Richtung Nordpol.

Euch allen gilt mein Dank fürs Mitreisen, Mitfiebern, Anfeuern.

Herzliche Grüße, meine Lieben Mitreisenden

Euer Irgendlink.