Mit der Fremde freundeln | #UmsLand

Nach all den Landesgrenzen, Saarland, Luxemburg, Belgien und Nordrhein-Westfalen, bin ich nun an der Grenze meiner Kraft angelangt. Das permanente Auf und Ab jenseits des Siebengebirges liegt mir, rein radlerisch, gar nicht. Es bringt mich aus dem Takt. Viertelstunde berghoch, nassgeschwitzt, zehn Minuten bergab – und das den lieben langen gestrigen Tag. Es ist wie ein in Scheiben geschnittener Pyrenäenpass. Deine 1400 Höhenmeter kriegst du in kleinen Dosen, homöopathisches Bergradfahren sozusagen. In Zehntausendstel-Potenz verdünnte Bergetappe. Von Ahrweiler runter zum Rhein radeln war gestern früh fast wie nach Hause kommen. Die Rheinstrecke hatte ich ja letzten Oktober während der Flussnoten-Tour erradelt. Bekannte Orte sind immer auch ein Stück Heimat.

Überhaupt. Wenn ichs mir recht überlege, beginnt auf der Reise ums Land erst mit der Überquerung des Rheins vollständiges Neuland für mich. Im Westerwald war ich noch nie (wenn man einmal von ein paar Autobahnsausfahrten absieht). Über das 48 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet Siebengebirge schafft man sich hinauf auf Höhen um drei-, vierhundert Metern. Das Siebengebirge hat seinen Namen von der Sieben, und zwar nicht als Zahl gemeint, sondern als Begriff für Viele. Wie etwa im Wort Siebenmeilenstiefel. Während ich demütig eine geteerte Waldstraße aus Bad Honnef hinaus aufwärts radele, stelle ich mir vor, wie viel 48 Quadratkilometer sind. Ziemlich genau sieben mal sieben Kilometer. Das heißt, ich bin recht schnell durch, trotz schmackhafter Steigung. Ohnehin sind die alten Vulkanreste im Siebengebirge nur etwa 450 Meter hoch. Die sieben markantesten von ihnen sieht man von der Kölner Bucht aus gut aufragen. Ich stelle mir also vor, ich habe leichtes Spiel mit dem Westerwald. Siebengebirge hoch, dann welliges gemütliches Überlandradeln, doch weit gefehlt. Die Rheinland-Pfalz-Radroute nimmt jede nur erdenkliche Steigung und kostet jedes nur erdenkliche Bachtal aus, so dass der gestrige Tag definitiv zur härtesten Etappe bisher wird. Mein innerliches Flehen um einen Bahntrassenradweg wird nicht erhört. Oh Herr, gib mir Tunnel und Brücken. Stattdessen meist ruhige Landstraßen, Waldwege, oft geteert, garniert mit etlichen Kilometern entlang der B8, was der Etappe eine Note Vier Plus einbringt.

Schon sehe ich mich für den Rest meines Lebens als Radwegtester durch die Welt gondeln, wie so ein Gourmet, der unangemeldet die Sternerestaurants ansteuert, sich den Magen vollschlägt und für den Guide Radelin – sprichs französisch nasal – eine deftige Kritik abgibt. Die Rheinland-Pfalz-Radroute im Westerwald hat jedenfalls seit gestern einen Stern weniger.

Mein Ziel Hatzfeld verpasse ich um einige Bergaufs und Bergabs, zelte stattdessen wild auf einer weitläufigen Wiese unweit des Beulskopfs, auf dem ein hölzerner Aussichtsturm einen phantastischen Rundumblick erlaubt. Man kann bis in den Hunsrück schauen, nach Köln und, oh graus, da drüben im Osten diese graue Masse, das muss der echte Westerwald sein.

Die Nacht ist eiskalt. Das Zelt morgens gefroren, raureif auf der Wiese. Um sieben Uhr breche ich auf. Das Auf und Ab bleibt mir treu bis zur Nister, ein Fluss so groß wie der Glan in der Saarpfalz, der bei Wissen in die Sieg mündet.

Frühstück im Café Alzen, das in der Fußgängerzone direkt am Radweg liegt. Ein ehrwürdiges Etablissement mit getäfelten Wänden und Decke, salonähnlich, barock, schmuck, weiche Teppichböden, na immerhin das alleine ist es schon wert, sich hier herauf zu schinden.

Nun sitze ich – vermutlich – am Mühlenbach oder Eisbach, der von Norden kommt. Die Radroute folgt einer vielleicht vier Meter breiten brüchigen Landstraße, moderat steigend. Sonne scheint. Bach murmelt. Zelt hängt zum Trocknen über dem Brückengeländer. Es soll Regen geben. Morgen. Vor dem garstigsten, windumzaustesten Stück Westerwald, der Gegend um Montabaur, so erzählte es mir wenigstens die Bäckerin im Café Alzen.

Mehr Worte für Eifel als Inuit für Schnee | #UmsLand

Ich bin zu schnell. Meine Arbeitsweise ist roh und grob. Kaum erlebt, schon gedacht, schon in Worte verwandelt und in irgendeinem geheimen Zwischenspeicher des Gehirns abgelagert. Damoklesk gaukelt über mir eine tonnenschwere Tastatur aus Eifelschiefer an haardünner Fahrradspeiche. Es gibt eine Idealgeschwindigkeit bei allem was man tut, die einen ruhigen Gedankenfluss erlaubt, den Körper nicht überstrapaziert und – im Falle des Kunstschaffens – ein harmonisches „Produkt“ hinterlässt. Einen Text, ein Gemälde, ein Musikstück, eine Fotoserie. Nur wenn der Mensch in Einklang ist mit seiner Umwelt, wenn sein Erleben sich perfekt in die Nischen des Durchlebten einpasst, gelingen solche natürlichen „Produkte“. Ich schreibe es in Anführungszeichen, weil mir kein besseres Wort einfällt. Eben das was entsteht, wenn man einfach nur macht, um es salopp auszudrücken.

Gestern Abend war ich total verspannt, weil ich zu schnell radelte, zu schnell dachte, zu schnell handelte. Den lieben langen Tag lang durch die wunderbare Kalkeifel. Die Radroute Rheinland-Pfalz ist in der Eifel besonders vielfältig und dank ihres Verlaufs auf alten Bahntrassen auch moderat von den Steigungen her.

Überhaupt: Eifel. Gefühlt habe ich Hunderte von Eifeln durchquert. Südeifel, Vulkaneifel, Karsteifel, Krimieifel … die Rheinland-Pfälzer kennen wohl mehr Worte für Eifel als die Inuit für Schnee.

Durchs Eifelkrimiland um Hillesheim und Bernsdorf führt der Radweg rüber ins Ahrtal, wo die Bahntrasse jedoch nur spärlich genutzt wird und dem Radler eher Hindernisse in den Weg legt, als ihn voranzubringen. Oft muss man den halbfertigen Bahnradweg verlassen, sprich vom fünfzehn Meter hohen Damm runter und später wieder rauf, weil eine Bahnbrücke nicht restauriert wurde und die Radroute deshalb über andere Wege führt. Wie mache ich aus einer topfebenen Bahnradstrecke eine Hochgebirgsroute? Die Ahrwegbauer wissen wie: gib ihnen die Steigung scheibchenweise, lustiges rauf und runter vom Bahndamm, hahaha.

Aber im Ernst, ich tue den Planern des Ahrradwegs Unrecht. Es ist verflucht schwer, in dem engen, schieferigen Tal überhaupt einen Radweg zu planen. Die alten Bahnbauten, Tunnel und Brücken sind in einem teils verheerenden, unsicheren Zustand. Es würde Millionen kosten, sie zu restaurieren und durch das sich ewig windende Tal mit den schroffen Felsen führt nunmal nur eine begrenzte Zahl von Wegen.

Ein bisschen erinnert mich das Ahrtal an das mittlere Nahetal zwischen Kirn und Bad Münster am Stein. Nur viel höhere Berghänge. Spärlich gibt es, wie an der Nahe auch, Weinberge. Ultrasteile Etwasse auf kleinen Terrassen.

Altenahr le Mondän. Eine verrückte Stadt. Es gibt, ähm, es gab einmal eine Seilbahn, die den steilen nördlichen Hang hinaufführte. Nun rostet sie vor sich hin und mit ihr verfallen etliche alte Cafés und Restaurants. Ein Trümmerfeld niedergehenden Bädertourismus aus der Zeit der Rheinromantik? Ich weiß es nicht, und ganz so schlimm ist es denn doch nicht, denn als ich von der Seilbahn weiterradele und ins Zentrum komme, das sich an der Hauptstraße neben dem Fluss erstreckt, fühle ich doch noch Puls. Und zwar einen ganz schrägen. Ein glänzendes, riesiges Tanzlokal voller Leute mit Tanz täglich ab 16 Uhr. Fensterfront und schmucke Hausfassaden und viele andere Gastlichkeiten, die an Kurstadt erinnern.

Das Tanzlokal impft mir Eye Of The Tiger ins Ohr und schwupp, stehe ich vor einem Tunnel, eigens für Radler. Vielleicht auch ein Überbleibsel einer einst doppelspurigen Führung der Ahrtalbahn, die noch immer in Betrieb ist?

Ab Altenahr läuft es jedenfalls prima mit dem Bahnradweg. Meist direkt neben der in-betrieb-en Strecke, teils auf Stelzen und Holzbohlen, führt die Radroute gen Rhein.

Festrige Endstation ist der Camping in Ahrweiler, der mitten in der Stadt und direkt am Radweg liegt. Ahrweiler wartet auf mit einem wuchtigen – ich glaube – Ursulinen-Kloster, wenn ich mich recht erinnere, was auf der Plakette am Eingang geschrieben stand, sowie einer wunderschönen Altstadt, die von einer eiförmigen Stadtmauer umzingelt ist.

Ja, ich bin zu schnell. Abends durch die stille Stadt spaziernd wird mir das bewusst. Wirr im Kopf. Im Blog mache ich Fehler – hatte ich doch gestern tatsächlich vergessen, den Text in den vorigen Artikel einzufügen – Danke, Frau SoSo in der Homebase, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast.

Nun, da ich dies schreibe, sind meine Gedanken schon längst jenseits des Rheins. Es soll steil sein bis hinauf nach Wissen. Der Himmel ist trüb. Ich hoffe, es gibt keinen Regen.

Wurmloch nach Welchenhausen | #UmsLand Tag 5

Was für ein Frühstück. Berge von Wurst, Käse und Marmelade. Ganze Kanne Kaffee. Als einziger Gast im Posthotel in Arzfeld werde ich richtig verwöhnt. Was auch bitter nötig ist für die bevorstehende Etappe. Von Arzfeld nach Pronsfeld sind es nur fünfzehn Kilometer über die alte Bahntrasse. Aber ich möchte einen Abstecher zum kleinsten Museum von Rheinland-Pfalz machen, zur „wArtehalle“ in Lützkampen-Welchenhausen. Sechzehn Kilometer querab vom Bahnradweg. Problem: sechzehn Kilometer Eifelradeln, das weiß ich von einer Tour vor dreißig Jahren, ist kein Zuckerschlecken. Nach nur fünf Kilometern muss ich dort wo der Weg vom Bahnradweg wegführt in Üttfeld eine Entscheidung treffen. Mittlerweile erhalte ich aus der Tweetosphäre Information, dass das Höhenprofil sich sehen lassen kann: 290 Meter rauf und runter bis zum Museum. Im ehemaligen Bahnhofsgelände von Üttfeld ist jetzt ein Raiffeisenmarkt. Autos fahren ein und aus. Bushaltestelle zur belgischen Grenze? Fehlanzeige. Das wäre eine Lösung, per Bus rüberfahren. Aber es gibt keine Busse, erzählt mir eine Frau. Ich beschließe eine Art Gottesurteil: wenn mich innerhalb einer Viertelstunde niemand mitnimmt zur belgischen Grenze, dann radele ich weiter auf der Rheinland-Pfalz-Radroute. Der erste, den ich frage, nimmt mich mit. Auto mit Anhänger, ein paar Säcke Hühnerfutter, ruckzuck liegt das Radel auf dem Hänger. Mein Chauffeur ist Imker, liebt die Windkraft und das kleine Museum kennt er auch. Natürlich. Es scheint in der Region berühmt zu sein und nicht nur da. Der Mann nimmt mich mit bis Lützkampen. Ab da geht es nur noch abwärts ins Tal der Our, dem Grenzfluss zu Belgien. Und wie steil! Erst jetzt wird mir klar, dass ich ja auch wieder zurück muss. Verflixt. Aber egal. Erst einmal kleinstes Museum. Das Buswartehäuschen ist vielleicht vier Meter lang und knapp zwei Meter breit und es hat keine Tür. Etwa zehn Kunstwerke im Wert von je 1300 Euro hängen, Tag und Nacht für jedermann frei zugänglich, an den Wänden. Noch nie sei da etwas weggekommen, hatte mein Trampfahrer gesagt. Wie auch. Der Ort mit den 35 Einwohnern ist so klein. Jeder kennt jeden und es würde garantiert auffallen, wenn jemand die Kunst rauben würde. Seit Oktober ist eine Ausstellung von Luc Ewen zu sehen, die sich auch an anderen, „kunstüblicheren“ Orten gut machen würde. „The Zeppelin Story“ erzählt in verfremdeten Bildern surreale Zepplingeschichten, wie etwa in einem Bild, das ein Paar beim Abendspaziergang zeigt. Der Mann trägt einen Regenschirm. Im Hintergrund stürzt ein Zeppelin ab. Garniert ist das Bild mit dem Schriftzug „What an Amazing Sunset, Darling“. Geradezu Monty-Pythonesker Humor. Monty-Pythonesk ist auch meine Situation. Vor einer halben Stunde bin ich einen abartig steilen Waldweg herunter-, ja was? – heruntergebremst, könnte man sagen. Beide Bremsen am vielleicht vierzig Kilo schweren Radel zugekeilt und noch die Füße eingesetzt. Da will ich nicht mehr zurück. Ich weiß gar nicht, ob sich so eine Steigung schieben lässt. Ein Ausweg scheint mir der Ourtalradweg zu sein, der auf der belgischen Seite des Flussidylls über ein schmales, kaum befahrenes Landsträßchen führt. Er mündet in einen anderen Radweg, der wiederum in den Eifel-Ardennen-Radweg mündet und der kommt schließlich, nach vielleicht vierzig Kilometern auf meine Radroute bei Pronsfeld. Gedacht, getan. Die Route erweist sich als Glücksgriff. Ich radele ein Stück auf einer alten Bahntrasse, die bis nach Aachen führt – gut hundert Kilometer durch das Venngebirge -, zweige schließlich vorher auf die Bahntrasse Eifel-Ardennen ab und, voilà, um 14 Uhr nachmittags bin ich nach vierzig Kilometern Umweg da, wo ich morgens um zehn gewesen wäre, jedoch um einige Schönheiten reicher.

Ich schaffe sogar noch mein Tagesziel Stadtkyll jenseits der Wasserscheide zwischen Prüm und Kyll. Unterwegs phantasiere ich vom Arzfeld-Basistunnel mit einem Aufzug in mein imaginärtibetanisches Posthotel. Der Tunnel führt bis zur wArtehalle. Unten im beleuchten undbeheizten Tunnel gibt es Souvenirshops, Kinos etc. Okay, okay, mein Phantastenhirn hat ein bisschen Freigang. Das darf so stehen bleiben.

Wie auch immer. Wer die Rheinland-Pfalz-Radroute radelt, dem empfehle ich einen Abstecher ins Ourtal. Vielleicht bildet sich ja am Raiffeisenmarkt Üttfeld eine Art inoffiziele Radlermitfahrzentrale?

Geschrieben nachts um drei Uhr im frostigen Europennerzelt auf einem Landal Camping am rauschenden Bach. Brrr.

Mitten in einem imaginären Tibet voller Wunder und Fremdheiten | #UmsLand

Tourtag 4 – von der Mosel nach Arzfeld.

Die Klospülung rinnt. Superweiche Matratze. Schneidersitz. Gelber Frotteebezug. Tastatur und Handy vor mir. Gelbes Licht aus einer uralten Nachttischlampe mit Messingfuß und einem Lampenschirm, der aussieht wie eine umgedrehte, abgeschnittene Eistüte. Pechschwarze Nacht. Der Mond ist verschwunden. Auf der Hauptstraße, die man durch das zugige Fenster gut hören sollte, herrscht Stille. Sehr selten rauscht ein Auto vorbei. Das Hotel ist ein Labyrinth. Ich bin im Südflügel untergebracht. Überall in den Fluren stehen alte Möbel, Regale, Nippes, Dekoration. Weiche Teppichböden. Als ich eintraf, musste ich dem Besitzer erst einmal helfen, zwei Sofas aus dem Flur zu räumen, rüber in die alte Kegelbahn, damit mein Radel durchpasst. Der Mann ist schon im Rentenalter. Seine Frau auch und der unglaublich dicke, pelzige Hund sieht auch nicht mehr jung aus, wie er sich sonor bellend hinter dem Tresen hervorschleppt, wenn Fremde kommen.

Das Haus ist in den 1970er Jahren stehen geblieben, wenn man so sagen kann, wenn Häuser stehen bleiben können. Generationen von Mobiliar machen einen eigenartigen Designmix. Die Heizung ist abgestellt. Das Wasser ist eiskalt. Ein kleiner Elektroheizer bringt mein Zimmer auf vielleicht fünfzehn Grad. Mir macht das nichts aus, denn so ist es bei mir daheim ja auch. Ob Gäste kommen? Und wenn ja, ob sie bleiben? Das Haus entspricht ganz und gar nicht den Standards. Aber es hat einen wunderbaren Charme, was so manchem hochgezüchteten Hotel, das den sogenannten Standards entspricht, fehlt. Ein geradezu kultiger Ort. Wie maßgeschneidert für Vagabunden wie mich, oder für Hostel erprobte Weltenbummler, die von weither nach weithin unterwegs sind. Und irgendwie passt das. Ich komme mir nun, gut zweihundert Kilometer von Zweibrücken entfernt und noch über achthundert Kilometer bis wieder daheim, ein bisschen wie auf Weltreise vor. Hab die Seidenstraße des kleinen Mannes gemeistert, wenn man so will und befinde mich mitten in einem imaginären Tibet voller Wunder und Fremdheiten. Da kommt der Funken Wärme meines Backpacker-Hostels zur Post gerade recht.

Die Etappe von der Mosel hier herauf ist ein Erste-Sahne-Stückchen auf der Rheinland-Pfalz-Radroute. Fast durchgängig auf Radwegen oder kaum befahrenen Sträßchen, geht es stets bergauf entlang der Flüsse Mosel, Sauer, Prüm, ein kurzes Stückchen Nims bei Irrel und dann über eine Landstraße und eine Kuppe hinüber ins Enztal. Einige Kilometer vor Neuerdorf radelt man schließlich in eine felsige Minischlucht und hinterm Tunnel Neuerdorf auf dem zehn, fünfzehn Meter hohen Damm einer alten Bahntrasse etwa zwei drei Prozent steil bis nach Arzfeld.

Die Route verläuft in Grenznähe zu Luxemburg.

Frühmorgens frage ich einen Mann am Moselufer nach einem Frühstückscafé. Er erklärt mir den Weg: zur Brücke, ins Dorf, bei der Kirche. Da gibt es Kaffee für einen Euro, sagt er. Der Dialekt klingt fremd und vertraut zugleich. Kehlig kindlich witzig. Es ist schwer zu beschreiben. Der Mann hat ein Feuer angezündet, in dem er die Gartenabfälle verschürt. Das dürfe er zwar nicht, aber was soll man machen, sagt er und zeigt mir die Himbeeren, die er freigelegt hat. Der Garten ist direkt am Radweg. Manchmal kommen Frauen vorbeigeradelt und bedienen sich an den Himbeeren und wenn er sie erwischt, sagt er: Erste Hand gratis, zweite Hand Hütte. Er grinst durchtrieben. Später im Café, das ein Salon de thé ist, so steht es über der Tür, werde ich Zeuge von einem seltsamen Sprachengewirre. Die Bäckerin begrüßt mich auf Luxemburgisch „Moie“, was fast klingt wie bei uns in der Westpfalz, schaltet aber auf Hochdeutsch, als sie merkt, dass ich alles andere nicht verstehe. Nahe beim Verkaufstresen setze ich mich. Andere Menschen, andere Sprachen. Ein Mann mit amerikanischem Akzent gefolgt von Leuten aus dem Dorf, dann Franzosen und schließlich eine Engländerin – ein wunderbarer Sprach-Pingpong. Immer grüßt die Bäckerin fröhlich „Moie“ und schaltet dann in die Sprache ihres Gegenübers um. Ich würde wetten, sie kann alle Sprachen der Welt.

Der Supermarkt ist geöffnet, obwohl Sonntag ist. Am Fenster kleben Werbeplakate für Kaffee. Alles ist viel günstiger als auf der anderen Seite der Grenze und durch die schimmernde Scheibe kann man Regale voller Kaffee und Zigaretten sehen. Natürlich gibt es auch stinknormale Lebensmittel.

Unterwegs, den Flüssen folgend, bereue ich es ein bisschen, nichts gekauft zu haben. Auf den kleinen Dörfern auf der deutschen Seite herrscht Sonntag. Vor den Kirchen parken Autos. Glockengeläut. Sonntagsstaat. Alles zu. Es gibt ohnehin kaum Läden. In Holsthum, kurz vor der Wasserscheide zwischen Prüm und Enz mache ich Mittagsrast. Stiller Ort. Zwei Gasthöfe, von denen einer geschlossen ist, bzw. er ist schon geöffnet, aber es gibt vorsaisonbedingt noch kein Essen. Stattdessen Dart, viele Menschen aus der Umgebung, man darf sogar rauchen und: ein Hund namens Mozart.

Holsthum scheint ein guter Ort als Basis für Wanderferien. Die Teufelsschlucht sei nah, viele Wanderwege, die mich ein bisschen ans Tessin erinnern. Schmale Pfade, ab und zu eine lange, steinerne Treppe. Felsdurchwirkter Laubwald, Vorfrühlingslicht und ich könnte mir vorstellen, dass ich bei den Prümkaskaden kurz vor Holsthum schon in der Teuelsschlucht radelte. Aber vielleicht liegt die ja an einem ganz anderen Ort.

Über Hunsrück und Hochwald zu Mosel, Saar und Ruwer | #UmsLand

Birkenfeld, Tag drei der Reise. Samstagfrüh. Am Ortsrand arbeitet ein Mann mit Axt und Kettensäge, was ist auf dem Gelände?, frage ich und weise über den Stacheldrahtzaun, an dem in regelmäßigen Abständen Schilder hängen, Militärisches Irgendwas, aber das Gelände scheint verlassen. Syrer? fragt der Mann zurück, zögert, fragt weiter: Nichts mehr? Okay, das Militär ist weg und zwischendurch war es eine Auffangstelle für Asylbewerber, rekapituliere ich. Im Hinterstübchen flimmert noch ein Funke Erinnerung, dass Zweibrücken und Birkenfeld zu Hochzeiten der Flucht große Auffanglager waren. Nun herrscht wieder Stille in dem kilometerlangen Areal. In Birkenfeld ist samstagfrühwenig los. Nur in der Bäckerei an der Hauptdurchgangsstraße hat sich eine Menschenmenge gebildet. Frischbrötchengieriges Volk. Ein junger Papa mit zwei Kindern vor mir. Der kleinere der Buben fällt aus unerfindlichen Gründen hin und fängt an zu plärren, was der Vater beflissentlich ignoriert. Ist der Bub vielleicht gar nicht sein Sohn? Ich bin perplex. Er steckt das Wechselgeld ein und sagt zu dem vielleicht Dreijährigen: Komm jetzt, oder willst du alleine hier bleiben? Der Bub schreit. Der Vater geht zur Tür und lässt ihn zurück. Irgendwann rafft sich das Kind auf und rennt hinterher. Alle in der Bäckerei sind wie paralysiert.

Später, wieder auf dem Rad, mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht reagiert habe. Ich hätte das Kind aufheben müssen, es trösten, als Stellvertretender einfühlsamer Mensch. Warum kommt einem in Krisensituationen nie der richtige Gedanke, warum immer zu spät? Wer weiß, vielleicht ist das Erlebnis in der Bäckerei ein Schlüsselerlebnis für das Kind, das ihn ein Leben lang prägen wird? Vielleicht hat er diese Schlüsselerlebnisse aber auch täglich und sie liegen auf ihm wie Mist.

Jenseits von Birkenfeld führt der Radweg durch einen Mix aus Kuhweiden und Wald hinüber zum Traunbach, der einen schließlich in die Berge, zu seiner Quelle hin entführt. Die Gegend ist spannend. Es gibt ein Buddhistenkloster und viele große Anwesen, in denen womöglich viele faszinierende Menschen wohnen. Es folgt eine schier endlose Steigung auf geteertem Waldweg.

Plötzlich fast auf dem Erbeskopf. Ein Hinweisschild sagt, dass es nur 7,7 Kilometer sind bis zum Thron des Hunsrücks. Das GPS zeigt 726 Meter. Kalter eisiger Wind. Das verschwitzte T-Shirt fühlt sich beim Abwärtsradeln nach Thiergarten an wie ein kaltes Korsett.

Thiergarten hieß nicht immer so, erzählt mir ein Mann, der auf Morgenspaziergang ist. Er trägt Filzpantoffeln, stützt sich auf einen Stock und empfiehlt mir, zum Baumarkt zu fahren zum Mittagessen. Da gäbe es das halbe Hähnchen für 2,50 und überhaupt wäre es besser über den Baumarkt zu radeln, anstatt runter nach Hermeskeil. Günstigeres Esses, weniger Schwitzen weil nicht runter und wieder rauf müssen und die alte Bahntrasse mit dem Radweg sei in der Nähe. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Nicht nur wegen des Hähnchens, sondern auch wegen des Zauberworts Bahntrassenradweg. Sags noch einmal, Bahntrassenradweg. Das heißt Tunnel und Brücken und kein Straßenverkehr und Picknickbänke und Idyll. Hier oben in Thiergarten ist es recht garstig. Kahle Wiesen und Felder, umgarnt von Fichtewäldern. Dazu pfeift der Wind. Irgendwo auf einer Wiese steht ein alter Bitburger Bierlaster, umfunktioniert zum Hühnerstall. Thiergarten sei das höchste Dorf der alten Rheinprovinz, sagt der Mann mit den Filzpantoffeln. Bevor die Fürsten kamen und hier ihre Tiere weideten oder jagten, was genau, weiß er auch nicht, hieß der Ort Tranken. Tranken wie Trinken, nur mit A. Mit dem Kinn weist er nach unten ins Neubaugebiet. Dort gab es einst eine Quelle. Die Nikolausquelle. Die Leute im Dorf trieben Handel mit dem Wasser. Aber dann kamen die Jungen und wiesen ein Baugebiet aus und die Quelle, die man sich wie eine wässrige von Rinnsalen durchzogene Wiese vorstellen muss, wurde zugebaut und überall liegen Drainagen. Das Wasser fließt nun in die Prims. Futsch. Für immer. Und er wettert über die Verantwortlichen, da muss man doch zweimal blöd werden. Wie bitte, frage ich, haben Sie eben zwei mal blöd werden gesagt? Ja, zweimal blöd werden. Der Spruch gefällt mir. Auf dem Weg durch den Wald lasse ich mir die Worte im Hirn zergehen. Plötzlich eine Rakete, senkrecht in den Himmel ragend, bereit zum Start, so scheint es. Und Flugzeuge. Sogar eine Concorde steht auf dem Gelände praktisch mitten im Niemandsland. Ein Schild am Eingang erklärt, dass es sich um die Hermeskeiler Flugzeugausstellung handelt. Die Ausstellung öffnet aber erst am 1. April.

Weiter zum Baumarkt. Samstagliches Treiben. Zwei Fressbuden. Keine Grillhähnchen, aber die hätte ich mir wohl sowieso nicht angetan. Stattdessen gibt es eine Currywurst und Smaltalk mit einem Gästepaar am Stehtisch. Ein scharzer Kleinwagen fährt vorbei mit offenem Fenster und sol-chen Bässen. Die Anfangssequenz von Pink Floyds Wish You Were Here dröhnt aus den Lautsprechern. Das macht mich ganz melancholisch. Der Himmel trübt ein. Solllte Wikipedia recht behalten wollen und extra für mich nun Regen über Hermeskeil machen? Immerhin sei es einer der regenreichsten Orte Deutschlands.

Es regnet nicht. Ab Hermeskeil folgt die Rheinland-Pfalz-Radroute dem Ruwer-Hochwald-Radweg. Gut dreißig Kilometer bis zum Dörfchen Zerf. Dann geht es durch Felder, vorbei an Höfen und Viehweiden hinauf zur Wasserscheide, um schließlich kilometerweit steil abwärts ins Saartal zu führen. Weinberge. Hände tun weh vom Bremsen. Ich verpasse Saarburg, dessen Wasserfall ich mir so gerne angeschaut hätte. Als ich an der Saar stehe, folge ich dumm wie ein Schaf der Beschilderung nach Konz, statt den Schlenker nach Links durch Saarburg zu machen. Es ist bald dunkel. Ich bin müde und unaufmerksam. Nur noch knapp 15 Kilometer. Dort ist ein Campingplatz, der offen hat, und auf dem ich übernachten möchte. Drei Feuerwehrmänner, die für die Webseite Fotos von ihrem Feuerwehrauto machen, erklären mir den Weg: über die Saarbrücke (unter der wir gerade stehen) nach Konz, da, schau, da kannst du ihn schon sehen. Die machen auch Essen und es gibt Wohntonnen, die man mieten kann, ist ja noch recht kalt und als Essen empfehlen sie Hähnchenflügel mit Pommes, das sei eine Spezialität und typisch für diese Gegend. Wieder läuft mir das Wasser im Mund zusammen und im Geiste miete ich eine der Tonnen, dusche heiß und ewig. Die Männer erzählen mir auch von einem kuriosen 24 Stunden-Lauf, der als Wohltätigkeitslauf für ein Trierer Hospiz jährlich stattfindet. 198 Kilometer von Koblenz die Mosel hinauf bis hierher. Schon acht Läufer, die es tatsächlich geschafft haben, die gesamte Strecke in 24 Stunden zu laufen. Ein Kollege von ihnen sei einmal mit einem uralten Rad von Morbach im Hunsrück nach Koblenz geradelt und habe anschließend noch am Hospizlauf teilgenommen. Der Mann war siebzig.

Halboffenen Mundes ob so viel Leistungswillen verabschiede ich mich. Neunzig Kilometer in den Beinen.

Der Camping ist zu. Eine Telefonnummer am Eingang. Die Campingwartsfamilie erlaubt mir, dennoch mein Zelt aufzuschlagen und eine Flasche Wasser schenken sie mir auch. Ohnehin habe der Kaufland im Ort bis 22 Uhr auf und das Schwimmbad, falls ich mich waschen möchte, sei bis 21 Uhr auf. Egal. Ich bin glücklich. Nur laut ist es hier, umringt von Straßen.