Die Probleme der Anderen sind unsere Probleme

Einmal dachte ich, die Probleme der Anderen seien die Probleme der Anderen. Ist noch gar nicht lange her, dass ich es in diesem Blog geschrieben habe. Welch naive Weltsicht!

Nun stelle ich fest, dass dieses Gesetz nur gilt, wenn ich ich bin und du du bist und die Anderen die Anderen sind. Wenn ich und du aber wir sind, dann ist es nicht weit hin, dass wir die Anderen sind, denn andere Ichs und andere Dus sind andere Andere. Deshalb werden wir zu Anderen in den Augen anderer Anderer. Und umgekehrt. Somit sind die Probleme der Anderen unsere Probleme.

Die Gesellschaft, von Konflikten durchsickert

Ein sonniger Samstagnachmittag. Ich lehne neben der Eingangstür von Lidl und überlege, ob ich Kaffee kaufe oder Brot und Butter. Beobachte das Treiben auf dem Parkplatz. Autos kommen, Menschen steigen aus, ziehen am Einkaufswagenschalter einen Einkaufswagen, verschwinden im Markt, Menschen quellen mit vollem Wagen durch die Schiebetür, verstauen ihren Einkauf im Kofferraum, Autos fahren wieder. Nichts ungewöhnliches an dieser Szene? Doch in mir tickt das Sensibel-Barometer, ich schaue genauer hin. Ein kurzgeschorener Typ rast mit Tempo 50 auf den Parkplatz, knallt die Tür zu, jemand schimpft, der Kurzgeschorene mault und verschwindet im Markt. Ein älteres Paar steht in der Einkaufswagenausgabe, zieht einen Wagen, in dem ein bisschen Müll liegt. Die Frau greift den Müll, wirft ihn auf den Boden: „Sauerei sowas, dass die Menschen keine Ordnung halten können.“ Nur zwei Meter weiter steht ein großer, leerer Mülleimer. Kleinlaut sagt ihr Gatte: „Das hättest du in den Mülleimer werfen können.“ „Wieso? Ich hab das nicht da rein getan.“ Nun fährt ein ähnliches Pärchen an, mitte 50, korpulent, alte Karre. Aus dem Kofferraum und dem Fußraum kramen sie an die 50 Pfandflaschen. Der Mann legt eine davon aufs Dach. Die Frau verstaut die Dinger im Einkaufswagen. Mieslaunig wirft der Mann die Flasche vom Dach quer übers Auto. Schlecht gezielt landet sie auf dem Boden. „Du hast was vergessen,“ sagt der Mann mürrisch. Die Frau bückt sich: „Nächstes Mal hebst du das selber auf.“ Geladen verschwinden sie im Markt.

Ich diagnostiziere schlechte Stimmung, kalkuliere die fünf Minuten samstagnachmittags als Mieslauneminuten, als Minuten, in denen etwas nicht stimmt mit den Menschen und zwischen den Menschen, mache eine Schätzung: Wieviele Supermärkte dieser Art gibt es in Deutschland , sagen wir 15000. Multipliziere 15000 mal 5 Minuten Konfliktsituationen und komme auf ein kumuliertes Mittel von 52 Tagen Mieselaune. In nur fünf Minuten!

Ein beachtlicher Wert.

Alles spielte sich vor einem von vier großen Lebensmitteldiscountern in der Stadt Z. ab. 52 Tage Mieselaune, Konflikt, Beleidigung, Wut, unterdrückter Hass.

Die Sonne schien. Ein wunderbarer Tag. Die Menschen sollten glücklich sein, sie sollten einander lieben, sie sollten sich gegenseitig loben und ihre Selbstwertgefühle steigern, dachte ich.

Und was tun sie? Sie maulen, sie treten, sie schinden, sie malen schwarz, pflegen Hass in dem feinen Gewebe, Teil dessen sie sind.

Es wird keinen Krieg mehr geben. Der Krieg ist wie Pilz in einem feuchten Schwamm namens Gesellschaft.

Wie es hier aussieht

Okay. Der Sommer ist heiß. Ich arbeite in einem Zelt, etwa sieben bis neun Stunden am Tag. Täglich radele ich zur Arbeit. 15 km hin und 15 km zurück. Zwei Stunden Sport sind also in meinem Lohnsteuerklasseeins-Wohlfühl-Paket gleich mitgebucht. Als Radler kommt man grundsätzlich ultraentspannt nach Hause, besonders, wenn man an dem malerischen Kneippbecken, nur einen Kilometer vor der eigenen Haustür eine kleine Rast einlegt.

Zu Hause brodelt die Galerie. Ich habe Bilder aufgestellt. Erinnerungen an meine alten Zeiten als Künstler. Ich bin nostalgisch. Manchmal kommt die Band vorbei, welcher ich einen Proberaum vermietet habe und sie spielen schönen Rockreggae, deutschsprachig und mit einem kapitalen Bläsertrio (Sax, Posaune, Trompete und ein bisschen Querflöte).

Die Bude sieht mehr denn je aus wie eine Baustelle. Aber sie wird deshalb auch von Tag zu Tag cooler. Gestern habe ich Kollegen T. und W. eingeladen unter dem Vorwand, ich schenke Weizenbier aus. Sie halfen mir beim Ausbau der Freilandküche unter dem Vordach auf der Südterrasse. Wow. Das hat mal wieder nen Ruck gegeben. 10 qm Boden verlegt und alles vorbereitet, um endlich wohnlich einzuziehen, da draußen, drunten, im Süden, mit direktem Blick in den Garten.

Es ist schon seltsam: je mehr du denkst, du versinkst im Chaos, desto mehr musst du Ruhe bewahren und wenn das gelingt, dann hasten prima Leben.

Außerdem heute: Webdesignauftrag klargemacht und zwei Kisten Weizenbier gekauft, damit die Kollegen T. und W. auch weiterhin helfen ;-)

Ein Öffentliches Gucken musste ich übrigens installieren, damit die beiden mit die Treue halten: Fernseher auf Brett an unverputzter Hauswand unter Nussbaum – ultrastylisch, sage ich Euch …

PS: der Künstler in mir ist zwar derzeit lahmgelegt, aber wenn ich meine Bude und das Drumherum anschaue – normal ist das nicht – wer in solchen Umständen lebt, kann eigentlich nur Künstler sein.

Öffentlich Gucken

Ehe es vorbei ist, möchte ich öffentlich Gucken als pfälzische Alternative für das alte deutsche Wort Public Viewing zur Diskussion stellen. Papplick Viehwing, bäa.