Das Dilemma kam schleichend. Baute sich im Kopf auf – ha – beinahe so langsam wie eine Luftmatratze, die man mit einer Fußpumpe aufpumpt. Herr Irgendlink, moi même, hat zu viele Möglichkeiten und müsste entscheiden. Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens es hat ja doch keinen Sinn.
Hatte ich erwähnt, dass ich die Gegenwart liebe? Dass ich ruckzuck alles vergesse, was einmal war? Dass Zukunft aus einigen wenigen Terminen besteht, die so abstrus sind wie Zahlen in einem Urwald, nicht dahingehörig. Dass es zwar Pläne gibt oder Absichten in meinem Leben und Denken, aber die sind so lange nicht da, bis sie irgendwann vor der Tür stehen. Sprich gegenwärtig werden. Wie Partisanen in der Nacht. Das widerum verursacht einen gewissen Überfluss an Möglichkeiten und damit einher geht eine eigenartige Form des Stillstands – so muss sich ein überlasteter Prozessor fühlen, dem man zu viele Prozesse gleichzeitig zur Abarbeit gibt.
Manchmal wünsche ich mir mehr Enge im Leben. Ein Job wäre gut. Adieu freie Zeiteinteilung. Adieu Selbständigkeit. Her mit der Struktur. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte. Eher im Gegenteil. Aber es fehlt der regelnde Mechanismus. Die strukturierende Kraft des Geldes. Holz fällen und Garten arbeiten steht gleichwertig neben Server administrieren und Webseiten gestalten und neben Kunst schaffen und Projekte formulieren. Tatsächlich sieht dieses – naja, wie soll ich es nennen? – Künstlerleben oft genau so aus. Ein paar Stunden Körperarbeit dicht an dicht paarungswillig mit Geistesarbeit. Oft ist es sogar so, dass sich die Denkarbeit in die Körperarbeit einschleicht. Dass der Kopf ein Skript denkt, während der Körper im Garten schuftet. Würde ein Brotjob helfen, dieses Gleichwertigkeitsdilemma der Tätigkeiten zu beschwichtigen?
Sich an der eigenen Haarlocke aus dem Sumpf von … ähm, irgendwas … zu ziehen
So eine Hauptstadttour vernichtet dich immer wieder auf’s Neue. Sie zerlegt dich in Einzelteile, lässt dich dich neu bedenken, aber sie lässt dich auch ohne jegliche Rückschlüsse alleine zurück, was desillusionierend sein könnte, aber letzten Endes ist es heilsam. Sich selbst neu orientieren, den Lebensstandort rekalibrieren – die Pfalz hat mich wieder. Ich weiß nicht, wie lange ich hier verweilen werde. Die Mittel sind – wie immer – erschöpft. Aber das hindert einen ja nicht, sich an der eigenen Haarlocke aus dem Sumpf zu ziehen.
Adieu Berlin
Chronik einer Tatort-Premiere
Angefangen hat alles vor etwa zwei Wochen. Sofasophia entdeckt bei ihrer Recherche zu unserer Berlinreise, dass just dann, wenn wir die Hauptstadt besuchen, die Premiere zum 60. Pfalz-Tatort mit Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe (Odental/Kopper) stattfindet. Obendrein gibt es in einem Gewinnspiel per Email Freikarten zu gewinnen. Also nix wie ran, auf Pfälzisch eine Bewerbungsemail schreiben mit dem Betreff: Mir bleiwe a net iwwer Nacht. Veschproch!
So ein Zufall! Da kommt man alle Schaltjahr aus dem hintersten Winkel der Pfalz mal in die Hauptstadt, um die nötigsten Besorgungen zu machen, die das örtliche Outletcenter nicht abdeckt und schwupp, Tatort-Premiere.
Zusammen mit meiner Schweizer Mitreisenden Sofasophia würde ich mich über ein warmes Plätzchen im Babylon sehr freuen.
Mir bleiwe a net iwwer Nacht. Veschproch!
(siehe auch zwei Blogeinträge zuvor)
Letzten Dienstag um 17:17 kam die Gewinnbenachrichtigung. Gestern war es dann so weit. Ein Anflug von Hysterie, was sollen wir bloß anziehen, die sind bestimmt alle ganz fein bei so einer Premiere, unterwirft sich den nackten Tatsachen der Realität. Da wir seit über einer Woche auf Ochsentour sind durch die Republik, teils zeltend übernachtet haben, haben wir logischer Weise kein Opernkostüm dabei. Wir müssen also in unseren abgewetzten Reiseklamotten dahin. Ohnehin ist Tatort keine Oper. Und die Industriestadt Ludwigshafen ist nicht Paris. Nachmittags Treffen mit Bloggerfreund Fritsch. Hauptstadttrubel. Bezirk Mitte. Driften von Café zu Restaurant. Punkt acht erhalten wir unsere Freikarten. Vor dem Kino Babylon liegen ein paar Meter roten Teppichs und Messingpfosten mit kinderarmdicken Seilen suggerieren eine Art Einflugschneiße. Eine Handvoll Fotografen lauert auf die Ankunft der Stars. Neben Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe sind auch der Regisseur und viele weitere Schauspielerinnen und Schauspieler angekündigt. Erstaunlicher Weise herrscht freie Platzwahl. Ulrike Folkerts taucht auf. Handykameras richten sich von den Sitzreihen auf sie aus. Kurze Zeit später setzt sich ein Typ mit ins Gesicht gezogener Baseballkappe, der aussieht wie Mario Kopper hinter uns. Verflixt, das ist Andreas Hoppe! Scheu sitzt er eine Weile da, bis ihn jemand aus einem Pulk Filmcrewmitglieder, irgendwo in der Mitte des Kinos zu sich ruft. Heim in die Familie. Auf der Kino eigenen Orgel wird live musiziert. Der Kinomanager hält eine kurze Ansprache. Dann führt Programmchefin Martina Zöllner in den Jubiläumstatort ein. Ab 20:15 ist Tatorttime auf der gut zehn Meter großen Leinwand. Wie grotesk winzig wirken die Luftaufnahmen Ludwigshafens hier in der Hauptstadt. Neunzig Kinominuten später ist der Mord aufgeklärt – zur Handlung muss ich schweigen, aber es ist gut gespielt, sehr emotional, es lohnt sich – der Film läuft am 26. Oktober in der ARD.
Im Sofasophiablog gibt es auch Bilder von der Premiere.
Zwei Sancho Pansas ohne Don Quichote
Barcelona 1992
Bloß nicht aus dem Windschatten fallen! Ich klebe mit meinem vollbepackten Reiserad fünf Zentimeter nah am Hinterreifen meines neuen Reisegefährten Leb, hinter mir ächzt dessen Kumpel Huber. Auf den Gepäckträgern wackeln Packtaschen. Leb stemmt sich in die Pedale. Seine Rastalocken flattern wild. Mit vierzig Sachen auf einer vierspurigen Vorstadtstraße schüren wir im Berufsverkehr Richtung Innenstadt. Noch vor Dunkelheit wollen wir die Jugendherberge erreichen. Gefühlt sind alle Ampeln rot, als wir die Kreuzungen passieren. Höllenreiter sind wir. Ich hasse Großstädte per Rad, es sei denn, sie haben ein narrensicheres Radwegenetz etabliert, so wie In der City of London oder das Kleinod Canal d’Ourc, das einen sicher bis zum Parc de la Villete nach Paris bringt.
Berlin 2014
Wir haben zwei Fahrräder in unserer Bude stehen, die wir nutzen dürfen. Alte Gurken mit riesigen Panzerschlössern. Gestern ist es so weit. Die Tour führt von Prenzlauerberg nach Kreuzberg. Das Autonavi in der Jackentasche flüstert uns den Weg erstaunlich präzise auf Radwegen entlang der Hauptachsen, durch Radlerzonen. Die Räder sind winzig wie Esel. Die Sättel viel zu niedrig. Wie zwei Sancho Pansas ohne Don Quichote sehen wir aus. Trotten sieben acht Kilometer weit bis zu einem Vietnamesenrestaurant, wo wir mit unserer Freundin Hauptstadtethnologin dinieren. Update der wichtigsten Lebensereignisse. Wir haben uns lange nicht gesehen. Später zum Gleisdreieck, eine kilometerlange Bahnbrache, die zum Naherholungsgebiet umgewandelt wird. Radwege, Skaterbahnen, Spielpätze, Birkenwäldchen. Noch vor Jahren spazierten wir hier querfeldein auf Geocachetour. Nun ist aus dem Lost Place ein schicker Park geworden. Eine Mutter singt ihr Baby in den Schlaf. Ein Teenager sitzt auf einer Bank und übt Gitarre. Auf einem Basketballplatz tummeln sich etliche großwüchsige Jungs, werfen Körbe. Der Radweg Berlin-Leipzig ist frisch geteert. Von der Monumentenbrücke starren wir auf den riesigen, vielversprechenden Schriftzug Berlin Leipzig hinunter. Aber es sind nur etwa zwei drei Kiometer Wohlfühlradeln. Am Ende des Geländes müssen wir wieder auf die Straße. Richtung Innenstadt. Checkpoint Charlie mit echtem Wachpersonal, Fahnen. Appellen. Touristen en Masse und ringsum Souvenirscontainer, Busladungen voller Sightseer. Unheimlich ist das, hier radzufahren. Wir ackern uns durch bis zur Landsberger Allee. Raus Richtung Prenzlauerberg und Weißer See, wo wir Freund Jo treffen. Fast zwanzig Jahre nicht gesehen. Gemütliches Beisammensein und die weltbeste Kürbissuppe. Jo hat sieben Jahre als Busfahrer gearbeitet im Norden und Osten der Stadt. Dass man in dem Job irgendwann verbusfahrert, sagt er, sprich, das Leben nimmt eine nicht umkehrbare Wende und man ist irgendwann ganz alleine, weil man nicht im „normalen“ Lebenstakt lebt, das bringe die Schicht so mit sich. Gerade noch so hat er den Absprung geschafft und arbeitet nun als Projektmanager. Als er uns den Heimweg erklärt, fühle ich mich an meine Zeit als Paketfahrer erinnert. Straßendenken. Eckendenken, die Welt in Linien und Knotenpunkte zerlegen. Das haben Busfahrer und Paketboten, ja, und auch wir Reisenden gemeinsam. Ihr radelt bis zum Strandbad Weißer See, dann den gepflasterten Weg hoch, Hauptstraße überqueren, dem Radweg entlang der Indira Gandhi Straße folgen bis zur Landsberger Allee und dann rechts, sagt er und ich verstehe. In die anbrechende Nacht radelnd bei leichtem Nieselregen, kommt es mir beinahe entspannt vor. Eine Art bicicletter Chillout in einer der größten Städte Europas.
