Für eine Handvoll Walnüsse – Ostermontag, der 6. April 2026

Blick auf einen Trampelpfad, der labyrinthisch durch eine junggrüne Wiese führt. Ein paar Bäume sind in das kleine Labyrinth integriert.

Ein Server in USA oder Fernost?, schießt es mir in den Sinn, nur falls Europa unbewohnbar wird. Bald wird das „großartigste“ und am oftesten verlängerte Ultimatum ablaufen. Der Weltkrieg droht. Dinge werden teuer. Chaos wird sich ausbreiten. Mein kleines Endzeithirn rotiert zwischen heimischen Klein-klein-Sorgen – wo bitteschön lege ich dieses Jahr die Kartoffeln; wie bitteschön kriege ich die Löcher im Dach möglichst rückenschonend geflickt – und den tragenden, Dekaden fassenden Großsorgen zur Konzernapokalypse, die die nächsten Generationen plagen werden – wo bitteschön kriege ich billiges Öl, sauberes Wasser, Gasheizungsgas und wie bitteschön halte ich mir die marodierenden Soldatenmassen vom Leib, die dreißigjährigerkriegesque kreuz und quer durch die Lande ziehen werden, plündernd und Schlimmeres tuend?

Ich weiß, das ist klein. Das ist naiv. Das ist ängstlich. Das ist bis zur nächsten Ecke gedacht und kein bisschen weiter. Die Kette von Flugzeugen über Ramstein aufsteigen zu sehen, wie sie ausfliegen, wohin, wohin, wohin, und dünkelnd, mit was sie beladen sind, Waffen, Söldnern, Gift und Spionen, tut meiner inneren Unruhe nicht gut. Wir sind auf dem Weg ins Naheland, ein kleines Wandertreffen mit Freundin Lakritze und wenn man dorthin will, ins Naheland, von meinem Atelier aus kommend, muss man am Militärflughafen Ramstein vorbei. Und mit diesem Ort habe ich schon seit Anbeginn der Zeit ein Problem, genauer gesagt seit der Katastrophe bei der großen Flugschau irgendwann Ende des letzten Jahrtausends. Der Ort ist gefährlich. Von dort geht nichts Gutes aus, geht nichts Gutes in die Welt, treibt man Schindluder hinterm Rücken des friedliebenden Normalbürgers, der Normalbürgerin, die doch nur die A6 benutzen wollen vorbei am Kaiserslautern ihres kleinen feinen Lebens von irgendwo nach irgendwoanders.

Wir treffen Frau Lakritze am Bahnhof Staudernheim. Sie trägt Hut, Hemd, Tagesrucksack. Sie hat eine Landkarte aus Papier dabei. Unsere Wanderung wird dennoch nicht sehr lang, denn das Ziel, die Klosterruine Disibodenberg ist gleich da oben auf dem Hügel, der wie ein Sporn im Mündungsgebiet des Glans zum Hunsrückflüsschen Nahe liegt, ein von jungem Grün bewucherter Hügel.

die unteren vier Fünftel des Bildes zeigen eine saftige Wiese mit Löwenzahnblumen. Unscharf ragt darüber ein frühlinghaft noch nicht sehr belaubtes Wäldchen, durch dessen Geäst blauer Himmel schimmert.
Parkähnliches Geänder der Klosterruine Disibodenberg

Wir erklimmen. Wir plaudern. Wir staunen hinunter ins Tal, hinüber zum Lemberg und schon sind wir oben auf dem weitläufigen, hektargroßen Gelände, das fast nur noch aus Grundmauern besteht. Die Abtei muss einst riesig gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich zuletzt 2015 hier oben war, per Fahrrad unterwegs zum Nordkap. Damals war ich ganz alleine und das Wetter war nicht so brilliant wie heute und die Weltenlage nicht so zugespitzt. Ich hatte nicht so viel Ruhe, wollte weiter, aber auch die Ruine schauen. Eine Zerreißprobe an Tag eins der zwei, drei Monate währenden Reise.

Links der Stamm einer Eiche, sehr dick. Kleine Äste ragen ins Bild und zeigen scheinbar in die Ferne über einem grünen Tal eines kleinen Flüsschens
Überm Glantal

Von Südwesten erklommen wir den Klosterberg entlang einer Linie uralter Bäume, die kurz vor den ersten Gemäuern ihren Höhepunkt bei einer mehrere Meter umfangenden uralten Eiche gipfelte. Dort stand auch ein eisernes, hohles Kreuz in den Boden gerammt mit einem Schlitz drin, innen hohl, bereit Geld aufzunehmen. Eine Tafel daran befestigt, dass der Besuch der Ruine „kostenpflichtig“ sei, man bitteschön fünf Euro einwerfen sollte. Die Anlage ist gepflegt und, früh wie wir da sind, noch kaum bevölkert. Wir lassen uns treiben zwischen Laientrakt, Abteiruine und den vielen anderen Gebäuden, von denen es nur noch die Grundmauern gibt. Mich zieht es magisch zum kleinen Labyrinth, das wer wo angelegt hatte. Auf vielleicht 100 Quadratmetern unter Eichen und Ahornbäumen, die ins Labyrinth integriert sind, erstreckt es sich ungewohnt „dreckig“, also unregelmäßig. Schon laufe ich den Weg ins Innere, folge der Spur zwischen Gras, vorbei an den Bäumen, gerate wieder auf die Außenspur wie das beim Labyrinth so ist, du denkst, du bist fast da, die Mitte zum Greifen nah, und schon führt dich der Weg wieder bis ganz weit weg in die äußeren Umläufe. Frau Soso und Frau Lakritze folgen. Immer wieder begegnen wir einander, laufen sogar kurze Zeit alle drei nebeneinander, jede auf ihrer oder seiner Spur, bis sich unsere Wege wieder in andere Richtungen richten und am Ende stehen wir alle im Zentrum, einem lädierten, großen Baum, dessen Rinde an einer Stelle großflächig abgerissen ist. Aber er lebt. Denken unsere Gedanken, scherzen, sinnieren. Der Labyrinthweg ist faszinierend. Es dauert nur wenige Minuten die vielleicht zweihundert Meter lange Strecke zu bewältigen und natürlich könnte man auch einfach geradeaus bis zum zentralen Baum wandern. Wie die Wurzeln der alten Bäume, die die Labyrinthstrecke ohne Rücksicht auf die vom Menschen gemachte Route nahezu schnurgerade durchdringen und ab und zu zu Tage treten.

Mein Desolations-Ich. Das, das sich die Katastrophe ausmalte, noch vor ein zwei Stunden im Vorbeifahren am evil evil Ramstein Airport. Staunend zwischen Himmel und Erde, den eigenen schon zurückgelegten Lebensweg dekadenlang vor Augen, die eine, höchstens zwei Dekaden, die womöglich noch vor ihm liegen im Fokus: Was will ich noch alles erreichen? Lange Radreise hie, kürzere Dinge vor der Haustür da und achja, einen neuen Server bauen, auf dem das „Lebenswerk“ gerettet wird und im Anbetracht der Lage sich fragend, ist es eine gute Idee, wenn alle meine Server an einem Ort stehen, der womöglich zerstört wird? Was also will mein kleines Restleben-Ich noch tun auf dieser Welt? Meine Liste der Zutuns beschränkt sich auf ein paar Kunst- und Schreib-Ideen, die im Konflikt stehen mit den alltäglichen Spontanaktionen, bei denen ich versuche, meine eigene Welt sauber zu halten, jaja, das kann mühsam sein, und auch in der Welt meiner Liebsten ein wenig zu assistieren, falls nötig und gewünscht. Das alles ist Lebenszeit und gerade eben, da oben auf dem Klosterweg sehe ich die vielen kleinen Zu-Wollens der letzten Lebensdekade schön sauber aufgereiht und die Reihe ist nicht etwa gerade, wie ich bis anhin dachte, sondern ein geschwungener, labyrinthischer Weg. Das nächst zu liegen Scheinende muss nicht das sein, was ich als nächstes tue im Leben, erkenne ich. Die Frühlingssonne schimmert durchs seichte Grün jungknospender Ahornbäume.

Nachdem wir das Labyrinth zu Ende gegangen sind, also rein ins Zentrum bis zum maroden zentralen Baum und wieder raus, pausieren wir auf einer Bank. Die Klosteranlage füllt sich mit Tagestourist*Innen. Ein junger Mann läuft das Labyrinth. Eine junge Frau folgt kurze Zeit später. Andere stehen nur davor, schauen nur, gehen wieder. Andere nehmen den geraden Weg zum zentralen Baum. Ich habe Nüsse mitgebracht. Wir knacken sie. Wir essen sie. Für eine Handvoll Nüsse bohre ich mit einem Stöckchen rings ums Labyrinth Löcher, lege sie hinein. Wer weiß?

Das Skagen des desolaten Gemütszustands | Von Morgenangst und Abendmut

Die Träume sind wild dieser Tage. Ich glaube, irgendwann trete ich die endgültige Flucht ins eigene Ich an und komme nie wieder raus. Ich bleibe im Traum. Das Leben im Traum ist jedoch selten leicht. Oft erwache ich mit einem unheimlichen Schwerlastdruck, einem Kratzen an kryptonisch harter unüberwindbarer Mauer mit einem Schuss Gewissheit, dass das große Ganze da draußen eine Allmachtsposition angenommen hat. Ich nenne es die Morgenangst. Im Traum selbst ist die Angst zwar auch real, aber es gibt im Traum keine Nichtangst, die man als Messlatte verwenden könnte.

Ein bisschen erinnert mich das an die Zeit des kalten Kriegs. An das ewige Ausbleiben der finalen Katastrophe, von der man ab den 1990er Jahren erleichtert das Gefühl hatte, es ist vorbei, nichts kann mehr passieren. Die Welt ist marod, aber wir können sie reparieren. Ich glaube, es gab ein zwei Jahrzehnte Hoffnung. Unbeschwertheit.

Wenn man in Dänemarks Norden, in Skagen ein paar Kilometer durch die Sanddünen läuft bis zur äußersten nördlichen Spitze Jütlands, blickt man auf ein beeindruckendes Schauspiel zweier Meere, die sich nicht vereinen können. links, im Westen die Nordsee, rechts die Ostsee. Die Wellen schwappen von hie nach da und von da nach hie, aber wegen des unterschiedlichen Salzgehalts fällt es den beiden Wassern schwer, sich zu vermischen. Ein wunderbares Bild für mein Gefühl der Morgenangst, das sich tagsüber mit dem auch existenten Gefühl des Abendmuts mischen will. Halbherzig, schwer mischbar, unneutralisierbar, so dass ein Status Quo zwischen diesen meinen beiden Gemütszuständen nicht möglich ist. Seltsam, dass mir das erst jetzt klar wird. Ich bin dieser Tage wie in den 1980ern. No Future auf gutbürgerlichem Fundament, nicht frech genug Punk zu sein, nicht angepasst genug, im sicheren Schwamm der Gesellschaft aufgesogen zu werden. Ich bin eine Chimäre, ein unmögliches Halbwesen.

Als Irgend Link eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheuren Oma gegen Rechts verwandelt.

Ganz ehrlich? Im Nachhinein scheint mir der Kalte Krieg mit Wettrüstung und stets über uns gaukelnden, damoklesken Atombomben wie ein Theaterstück, dem man zuschaut, es endet und man geht mit gemischten Gefühlen raus.

Ja, man ging raus und man hat überlebt. Die Katastrophe blieb aus. Mag sein, dass ich das nur nachträglich schöne und deshalb die jetzige Situation mit ebenso damoklesk gaukelnden Atombomben um so bedrohlicher erscheint.

Ich vermute jedoch, dass jetzt und heute ganz anders ist. Unberechenbarer Autoritarismus, gedeckt von milliardenschweren empathielosen Egoisten, die die Weltbevölkerungen als ihr Melkvieh ansehen, das sie über die Jahrzehnte auf leicht beeinflussbaren Konsumdrang eingeschworen haben. Ganz ehrlich, machmal wünsche ich mir einen weltweiten solidarischen Konsumstreik, der die Sümpfe der Weltenmelkenden ein für alle Mal trocken legt. Welch schöne Utopie? Illusion? Na, jedenfalls ganz und gar unrealistisch. Selbst ich, der fast ohne Geld lebt, habe es schwer, es zu 100 Prozent umzusetzen. Wer verzichtet schon gerne auf seine Krankenversicherung, seinen Mobilfunk. Die Blogs hosten sich leider auch nicht kostenlos …

Im Skagen meines allgemein desolaten Gemütszustands spaziere ich jeden Tag hinauf zu Spitze wo sich die Meere der Morgenangst versuchen zu mischen mit den Wassern des Abendmuts. Vergebens. Dieses mein Skagen des desolaten Gemütszustands ist ein dystopischer Ort. Am Ostmeer des Muts stehen alte Betonbunker, sieht man die Tanker auf dem Weg zu fremden Häfen, Mut und Aufbruch, uralte Bunker, die im Sand versinken, die seit bald einem Jahrhundert keinen Krieg mehr gesehen haben und an deren Wänden sich Tang verfängt, Einsiedlerkrebse verlassen ihre zu klein gewordenen Muscheln und schlüpfen in alte Getränkedosen, toter Fisch, Netz und Strandgut, die See ist blaugrün. Eine gerade Linie nordwärts zeichnet sich ab. Beide Wasser züngeln. Links die kalte, salzhaltige Nordsee. Nordwestwind wirbelt Sandwolken über die Meerzunge, vernebelt die Sicht. Schemenhaft fahren von Pferden gezogene Touristenkutschen so weit es geht über einen festgefahrenen Weg durch die Dünen. Die Menschen steigen aus, frösteln, schießen ihr Foto, gehen zurück zur Kutsche, die sie zum Infozentrum bringt. Ansichtskartenkauf und Leckeis. Ich verloren da draußen.

Der Abendmut, muss ich sagen, ist vorzüglich. Ein wirklicher und echter und wahrhaftiger und kraft spendender Mut. Er bringt Weitsicht. Er teilt den Nebel. Er macht den Beobachter in mir zum Akteur. Jaja, der Abendmut dieser Tage ist wirklich etwas Feines.

Ich bin zwei Öltanks. (*)

Zwei Ichs überlagern sich in mir. Das kann ich nicht erklären. Ich lebe in Spaltung.

* Der Satz fiel mir ein, weil ich kürzlich mit der Bahn am Dorf Gensingen in Rheinhessen vorbei fuhr. Damals in den atomar damoklesken 1980er Jahren gab es ein großes Öltankgebilde am Ortsrand, auf dem der Schriftzug „Ich bin zwei Öltanks“ zu lesen war. Damals wunderte ich mich. Heute denke ich nach.