Ein Donnerstag. Ich ahne, wie sich Schiffsbrüchige fühlen müssen. Die Zeit, die Zeit, die Zeit. So alldominant, dass man sie immer und überall hin mitnehmen möchte. Möchte?
Es liegt einem wohl im Blut, dass man misst, vergleicht, wiegt, haushält. Der innere Buchhalter, bloß wann fing das an? Es muss sich um ein erlerntes Verhalten, bzw. Symptom handeln. Das kann doch kein Instinkt sein, der sich so akribisch und allumfänglich in dein Leben schleicht?
Schon werde ich nervös, weil der Wind in den Bäumen überm Biwackplatz rauscht, ich das Geräusch zusammentue mit dem roten Bömpel in der Wetterapp, der für nachmittags Werte über 30 für die Insel Röm verzeichnet. Und Röm ist noch weit weg. 71 Kilometer rechnet das Navi. Die letzten fünf Kilometer führen schnurstracks über einen Deich bis ins Dünenland zum unheimlich breiten Strand, auf den man auch mit dem Auto auffahren kann. Und mit dem Radel, mit Mortorrädern, Quads, Wohnmobilen und LKW. Hinz und Kunz kann mit was auch immer über den ewig breiten Strand der Insel Röm bis in die Nordsee hinein fahren. So zumindest war es vor etlichen Jahren, als Frau SoSo und ich die Insel besuchten. Ich glaube, es war unsere Rückreise von #KursNord aus Schweden als wir einen Schlenker über Skagen machten und anschließend die Nordseeküste entlang gen Süden bummelten.
Wenn ich bloß das Drängen, das Vorankommen wollen endlich loswerden könnte. Es macht mich unruhig, katapultiert mich aus dem Moment, nimmt mir das Gefühl, zu sein, einfach nur zu sein. Die vollkommene Einheit mit dem Jetzt. Ja ja, es gelingt ja schon manchmal, aber dann kommen doch immer wieder solch übelsinnige Kleinigkeiten wie rote Windbömpelsymbole in abstrakter App mit Bläterrauschen, die einen zurück auf Spur bringen. Das zieht sich durch die Tage, durch die Lebens- wie die Reisetage, durch die gesamte Zeit auf dem Planeten, die man wahrnimmt.
Gestern ging es gemächlich, mit viel Ruhe im Gepäck los auf Hof Groene. Ich verabschiedete mich von Ute und Steve, den Hosts. Die beiden sächsischen RadlerInnen, die im Bauwagen übernachtet hatten, sind auf dem Weg in die Heimat. Sie waren per Zug nach Husum gereist und wollen nach Radebeul. Adressen tauschten wir nicht, schade, ich hatte es angesprochen, wollte mich aber nicht aufdrängen und beim Abschied winkten sie nur, hatten es entweder vergessen oder ich war ihnen zu aufdringlich. Okay okay, ich hatte auch einen Hintergedanken: Falls ich jemals mein Projekt UmsLand Sachsen angehen sollte, wäre es hilfreich, einige Menschen mit Herz am richtigen Fleck zu kennen, die in dem Bundesland wohnen. Inseln in braunem Geflecht sozusagen und die beiden schienen mir so: weltoffen, Reisende, Radelnde.
Der Tag meist gegenwindig. In Friedrichstadt ein Modelleisenbahnmuseum. Ich trinke einen Kaffee und esse einen selbst gebackenen Erdbeerkuchen, gehe nicht in die Ausstellung. Drinnen wo die Bähnlein bimmeln, ist es dunkel. Ich hätte keine Ruhe. Die Frau an der Kasse schenkt mir eine Postkarte des Museums, die ich ohnehin gekauft hätte, um sie Fliegerhorst zu schicken. Zuvor hatte ich, ich glaube in Wilster bei einem Edekamarkt mit angegleiderter Postfiliale endlich Briefmarken gekauft. Obschon diese Märkte ja immer offen sind, macht die integrierte Postfiliale doch Pause. Die einzige Bedienstete arbeitete gerade eine Frau am Lottostand ab, also reihte ich mich dort ein und fragte, als ich darn kam, Post offen, ja, da nebenan am anderen Schalter, wo sich gerade eine weitere Kundin angereiht hatte, aber da ist jetzt jemand vor Ihnen. Tse. Ich nahms gelassen.
Nun da ich dies schreibe: Das Posterlebnis war ja vorgestern, egal.
In Drage verirre ich mich erst einmal. Ich muss wohl meine langjährige Erfahrung, dass ich mich etwa zehn Prozent der bereisten Strecke verirre oder Umwege mache, um etwas zu besichtigen oder einzukaufen, etwas nach oben korrigieren. In den Beinen dürfte ich nach 15 Reisetagen mit zwei Ruhetagen etwa 1300 Kilometer haben. Beachtlich. Die längste Tour seit langem.
Körper geht bestens. Das Genickproblem der ersten Tage ist weg, Po tut nicht weh. Ich könnte ewig radeln. Einzig das Steißbeinproblem bleibt erhalten. Obschon auch das besser wird. Gespannt aufs MRT am 5. August.
Friedrichstadt, ahja, da war ich stehen geblieben. Neben Modelbahnmuseum, das ich übrigens nur entdeckte, weil ein Hinweisschild am Wegrand war, ist die Stadt als Holländerstadt bekannt. Kanäle und Häuser mit faszinierenden Treppengibeln, aneinander gebaut, rings um den Marktplatz, Klinker und Enge, aber auch Weite. Es ist als wären die Enge der Gassen und Weite der Parks und Plätze miteinander im Clinch. Voller Touristen, wobei voll? Hier oben? Naja.
Orientiere mich gen Husum, folge dem Navi und teils auch Radwegen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe das Radwegekonzept endlich verinnerlicht, ein eigentlich logisches. Schilder gibts, wo sich die Radwege verzweigen, ansonsten immer nur Plaketten mit Pfeilen. Bloß eben, man hat es wohl öfter vergessen und Radweg ist hier oben überall. Endlich Deich. Ich könnte weiter nach Husum, bin aber neugierig und schaffe mich übern Deich, nur, um Ebbe zu sehen, aber wunderbare Watt-Moorlander-Motive, Bagger im Schlamm, unendlich viele Schafe, Schafscheiße, folge dem Deich auf der Meerseite bis zu einem Hafen, wo ich im Windschutz pausiere, den Kaffee, den ich morgens gekocht hatte und im Thermosbecher transportierte, trinke, Banane esse, eine Dose Sprotten, die ich im kyrillischen Laden in Mühlendorf nahe Oelixdorf gekauft hatte.
Weiter durch Husum ohne anzuhalten. Hie und da erkenne ich ein Da-warn-wir-schonmal, die Liebste und ich oder auch ich alleine, aber Husum ist definitiv eine Die-Liebste-und-ich-Erinnerung. Komme allerdings nicht am Hafen vorbei, schlenkere durch die Stadt und setze Ziel Trekkingplatz Leck, ein Privater. Werden wohl doch wieder bald 100 km heute, sagt das Navi. Es müht. Der Wind zaust mich und kommt oft entgegen. Einem Regenschauer unter langgezogener Wolke entgehe ich knapp. Kurz überlegte ich, mich in einem Blechhäuschen vor einem Hof unterzustellen, bzw. unterzubücken, denn das Ding ist nur etwa 1,20 Meter hoch.
Bei Sand, südlich von Leck, lotst mich das Navi auf den Ochsenweg, einen Wandwerweg, Sandpiste, fahre ich nicht, muss ich umrouten, komme an einem weiteren Trekkingplatz vorbei, schön groß, alles Sand und seltsame Gebilde wir Reiterhindernisse stehen darauf. Autospuren führen darauf und obschon ich müde bin, radele ich weiter. Keine Lust auf Wüstenfahrzeuge, deren Besitzer das Konzept Trekkingplatz nicht kennen. Und Bubis, die Moped-Akrobatik betreiben. Denn danach sehen die Spuren auf dem Gelände aus.
Schließlich lande ich doch beim geplanten Platz nördlich Lecks. In der Stadt hatte ich noch Trinkwasser gefüllt bei einem telefonierenden Kerl, dem ich mit Gesten zu verstehen gab und der verstand und der meine Trinkflasche telefonierend mit ins Haus nahm, sie füllte, sie mir wieder gab, wird uns, er telefonierend mit Blicken und Lächeln verabschiedeten.
Dann der Platz. Ein Privatplatz neben dem Naturschutzgebiet. Erst will ich es nicht kapieren, stehe vor einem Eisengatter, hinter dem ein schmaler gemähter Weg beginnt. Da soll eine Zeltwiese sein? Sieht eher nach einem Pfad rund um den Teich aus. Doch doch, da ist das Wildes SH Schild dran. Die Platzregeln stehen klein gedruckt und so folge ich durchs hohe Gras auf dem Pfad bis sich zwei gemähte Stellen weiten für Zelte. Bin alleine. Tisch gibts und Bank. Ich koche, schlafe wunderbar. Die Landstraße hört man zwar, aber auch Pferdegetrappel, einen Kuckuck, Singvögel, Wiehern und nachts einmal ein Geräusch – von einem Tier – das ich zuvor noch nie gehört hatte.
