Das eigentliche Ziel allen Vorankommens ist Stillstand, vielleicht | #zwand20

Ein ausgebrannter, rostroter Mähdrescher steht auf einem geschotterten Platz vor einem grünen Feld.

Campingplatz Bayon an der Mosel […]  (unterwegs) kein einziger Laden, keine Bäckerei, nur Landwirtsdörfer. Musste deshalb einen Umweg über Lunéville (bei Nancy) machen, um endlich einkaufen zu können. Im Intermarché vor den Toren der Stadt ist meine Laune etwas besser geworden.

Das ‚Phänomen‘, das ich im gestrigen Blogbeitrag zu erklären versuchte, scheint mich auch schon im Jahr 2000 betroffen zu haben. Der unbändige Drang einzukaufen, der Wille zum Ladenbetreten. Am 18. April 2000 notierte ich weiters:

Gelüste: entwickele ich extrem nach Nahrungsmitteln, ganz bestimmten Nahrungsmitteln, Markenprodukten ‚Yop Lait‘ Trinkjoghurt und ‚Knackis‘, Würstchen […]

Das Tagebuch der Radreise Zweibrücken-Andorra des Jahres 2010, zehn Jahre später, tönt hingegen etwas reifer. Am zweiten Tourtag, dem 22. April notierte ich auf meinem Wildzeltplatz hinter dem Sportplatz von Marainviller nahe der Stadt Lunéville:

Was habe ich alles links liegen lassen auf der Tour im Jahr 2000! Langsam dämmert mir, dass das eigentliche Ziel allen Vorankommens vielleicht ‚Stillstand‘ heißt.

Straßenbild, hochkant mit markanten, schlanken, unbelaubten Alleebäumen, die sich im blauen Himmel verlieren
Nur noch wenige Kilometer bis Bayon an der Mosel erklimmt man auf der D9 zwischen Lamath und Bayon den Rand des Moseltals.

Stillstand? Kannst du haben. Frankreich ist geschlossen. Es herrscht Ausgangssperre. Wie zum Hohn jusquement in den Tagen, in denen ich die Tour nach Andorra ein drittes Mal wagen wollte, wurde eine Sperre auf unbestimmte Zeit verhängt. Ich hänge fest. Und das ist auch gut so. In diesen harten Zeiten müssen wir alle ein bisschen auseinander rücken, um zusammen zu kommen, müssen stillstehen, um vorwärts zu kommen. Nur noch das Nötigste erledigen, die Häuser nicht verlassen. Klar.

Den gestrigen Tag hätte ich noch vor zwei Wochen als Horrortrip bezeichnet. Morgens flattert die Einkaufsliste von Freund Journalist F. ins Mailpostfach. Seit letzten Oktober assistiere ich dem Freund einmal wöchentlich mit unbedingt notwendigen Einkäufen, stopfe die Waschmaschine, fülle den Trockner. Das Sofa ist mittlerweile sein Kleiderschrank geworden. Erst dachte ich, muss man doch zusammenlegen alles und in den Schrank räumen, aber dann wurde mir klar, dass es mit starker Gehbehinderung  einfacher ist, sich auf dem Ecksofa liegend einzukleiden, statt mit Rollator bis vor den Schrank zu humpeln und die Türen aufzumachen, ins Schwanken zu geraten, hinzufallen womöglich.

Journalist F. geht es schlecht. Mit fahriger Stimmer erzählt er von der Dialyseärztin, die ihm – sein wundes Bein betrachtend, im Tonfall der gutmütigen Märchentante  – erzählte, es war einmal eine Patientin, die hatte ganz ähnliche Probleme mit dem Bein. Wir haben ihr den Unterschenkel amputiert und seitdem waren die Probleme wie von Zauberhand verschwunden. Mir kommen fast die Tränen, wie er so da sitzt, mir gegenüber an seinem Esstisch, der schon viel bessere Zusammenkünfte, Feste mit Freunden, leckere Essen, gemeinsames Lachen erlebt hat. Schwankende Stimme, gegen den niedrigen Blutdruck anredend, sich selbst auffordernd, bloß nicht lallen jetzt. Er lallt. Versucht aufs Handy zu schauen, die Uhrzeit abzulesen. Die Augen wollen nicht. Auch nicht mit Brille. Er legt das Blutdruckmessgerät an. 60 zu 40. Normalerweise wäre ich zu Tode erschrocken, aber eine ähnliche Situation in der Woche zuvor, hatte mich, hatte uns, abgehärtet. Damals packte ich seine Krankenhaustasche und wir überlegten, zur Dialysestation ins nahe Uniklinikum zu fahren. Nach ein bisschen Schlaf ging es ihm besser. Am gestrigen Tag sah die Sache dank der Pandemie schon schlechter aus. Wenn wir den Notarzt riefen, würde man ihn in ein anderes Krankenhaus bringen, nicht in die Klinik mit seiner Dialysestation. Wenn es uns gelänge, die Treppen hinunter zu humpeln und mit meinem Auto zur Dialysestation zu fahren, wäre uns womöglich die Einfahrt zur Klinik verwehrt. Alle Zufahrten werden kontrolliert. Nur noch Personal und Notfallpatienten per Krankentransport werden eingelassen. Was für ein Horror. Ich bleibe lange in der Wohnung und wir reden. Zwei Mal fällt der Freund vom Stuhl, rappelt sich wieder auf. Wir essen. Ich räume Küche und Wohnzimmer auf. Wir schwätzen. Das Lallen wird besser. Der Blutdruck steht bei 80 zu 40. Wieder und wieder pumpt das Gerät, piepst, zeigt Fehlermeldungen, zeigt Blutdrücke. Wir plaudern weiter. Die Spülmaschine surrt. Wir messen. Unter 100 zu nochwas kann ich hier nicht weg, denke ich, beschließe so lange zu bleiben wie es nur irgend geht. Ich taue zwei Brötchen auf in der Mikrowelle. Dazu Fleischkäse. Das hatte in der Woche zuvor gewirkt. Das und der Schlaf. Und tatsächlich, nach dem Essen klingt F.s Stimme klarer, kann er besser sehen, wir albern über die bitterböse Comedy Little Britain, in der zwei Brüder vorkommen, einer im Rollstuhl, der andere assistiert. Immer wenn der assistierende Bruder wegschaut, stellt der, der im Rollstsuhl sitzt irgendwelchen Unfug an, steht etwa auf, als wäre nichts, macht einen Kopfsprung ins Schwimmbecken, zieht eine Bahn, setzt sich tropfnass zurück in den Rollstuhl und sein Bruder wundert sich dann über die nassen Haare. Ach wäre es doch so einfach!

Der Blutdruckmesser klettert langsam und steht irgendwann bei 116 zu 70. Bilderbuchblutdruck. Früher Nachmittag. Ich packe die Wäsche in den Trockner, schalte ihn ein und fahre nach Hause durch eine zunehmend gespenstische Welt. Weit weit weg bin ich von dem, was ich eigentlich – hätte hätte Fahrradkette – jetzt in diesen Tagen gerne tun würde. Das Andorra, das ich in den Jahren 2000 und 2010 mühelos in zwei bis drei Wochen per Fahrrad erreichte, gibt es nicht mehr. Sechzig Kilometer per Auto war ich auf engstem Raum mulmigen Gefühls unterwegs und bin am Abend genau dort wo tags zuvor und zwei Tage zuvor … mir wird bewusst, dass das lange so weiter gehen wird. Was bleibt, ist dieser Bürostuhl, der PC und, welch‘ Segen, ein riesiger Garten direkt hinter der Künstlerbude.

Der heutige Markierung in der Landkarte Zweibrücken–Andorra zeigt auf  eine Apotheke. Am gestrigen Tag, an dem ich für Freund F. zahlreiche Rezepte einlöste und für über 100 Euro einkaufte, standen die Kundinnen und Kunden Schlage auf der Straße. Die Regel lautete, dass immer nur zwei Personen den Raum betreten dürfen. Die beiden Verkaufstheken, die noch vor einer Woche ungeschützt waren, hatte man mit Spritzschutzglas verkleidet. Die Apothekerinnen trugen Handschuhe und desinfizierten die Theken nach jedem Verkauf. Das winzige Wartezimmer der Arztpraxis gegenüber, in der ich Rezepte abholte, ist normalerweise mit etwa 20 Menschen voll besetzt. Dieses Mal war es Gott sei Dank leer. Ganz leer.