Die Wischhafen-Künstler-Abgabe und ein künstlich angelegter, wässriger Wegbegleiter des Herzens – Tag 14, 13 und 12einhalb

Am Tisch sitzen. Die Tastatur ausgebreitet. Komfort. Mags auch kühl sein oder heiß wie vor ein paar Tagen, mögen die Insekten einen plagen. Ich bin alt geworden. Das Schneidersitzbüro erwachsen oder in Rente geschickt. Die Zeiten, in denen ich im Zelt saß, Kaffee schlürfend, sinnierend, schreibend, die Tagesgeschehnisse notierend, sie sind vorbei. Nein, nicht ganz. Sie sind anders. Sie sind nicht mehr so wie auch schon. Letzter Schreibstop irgendwo nahe Hemmoor. Noch zwei drei Stunden Fahrt bis Oelixdorf zu Freund Fliegerhorst, S., auch Itze genannt, weil er lange in Itzehoe lebte.

Praforceritt entlang der Bundesstraße. Irgendwann gibts kein Halten mehr für mich und ich habs satt, mich durchs Radwegegetümmel kreuz und quer lotsen zu lassen, schalte das Navi ab, folge dem schmalen Bundesstraßenradweg, der holprig ist. Im Gestank von Dieselruß, was zum Glück wegen Winds von Nordwest sich verweht und ich mir einbilde, da kriegste nicht so arg viel ab. Aber der Lärm! Ich setze Kopfhörer auf. Ann Clue at Cercle. Technozeugs oder Trance oder was auch immer. Es beruhigt und hält den Straßenlärm ab. Aber es geht natürlich auch viel von der Umgebung verloren. Volle Konzentration aufs Ohr, das widerum sich voll auf die musik konzentriert, um die Hintergrundgeräusche und das schneidende Singen der Straße zu dimmen, es nicht wahrzunehmen, es hinzunehmen. Wischhafen neun Kilometer, acht, fünf, vier, Richtungswechsel der Straße, mehr Feinstaub, Lunge kotzt. Nase noch immer lädiert vom Schnupfen. Radele an einem kilometerlangen Auto- und LKW- und Wohnmobilstau vorbei. Arme Teufel. Anderthalb Stunden Wartezeit, sagt deren App, erzählt mir ein Wohnmobilist, den ich auf der Fähre nach Wartezeit frage. Aber das Warten sei immer noch besser als der Elbtunnel,  sagt er. Alles ist besser als der Elbtunnel. Ich radele natürlich am Stau vorbei. Viele Motoren laufen wegen Klimaanlage oder aus Vergesslichkeit. Dass ich von dem Benzin, also dem Geld, das es kostet, das in dem Stau für Klimaanlage oder aus Vergesslichkeit oder aus Ignoranz verbraten wird, prima leben könnte. Ha! Das wäre mal eine Abgabe für arme Künstler wie mich. Die Wischhafen-Künstler-Abgabe, ein guter Blogtitel eigentlich.

Auf der anderen Seite der Elbe folge ich wieder dem Navi bis das Handy sich wegen Strommangels ausschaltet. Zehn Kilometer vorm Ziel habe ich keine Karte mehr. Was tun? Mich durchfragen wäre eins, eine echte Karte, zum Beispiel an einem Infopunkt in einem Dorf etwas anderes. Man verhilflost im Nutzen von Apps und Technik, denke ich. Ich hätte kaum eine Telefonnummer parat ohne das Handy. Keine Karte, kein Wetter, kein Nichts.

Lade über den Pufferakku und bin nach kurzer Zeit wieder da. Das Handy startet, zeigt Akkuladung null Prozent. Wie ein rohes Ei schalte ich Apps ein und aus, bloß nicht zum erneuten Absturz bringen. Ein Prozent, zwei, drei, ich wage den Blick ins Navi, ahja, das kann ich mir ungefähr merken. Sind ja nur noch zehn Kilometer bis Oelixdorf.

Tag 13. Ein Tag bei Fliegerhorst im Garten. Wunderbar. Zelt steht fast ganztägig im Schatten. Es ist superheiß. Nachdem S. einen Arbeitseinsatz erledigt hat, machen wir eine Tour nach Itzehoe, etwa 15 Kiloemter hin und zurück, essen Eis. Telefonisch löse ich ein Webseitenproblem für Herrn Traumspruch. Tat gut, so unkompliziert helfen zu können. Spätnachmittags kommt Freund R. hinzu, Künstler, Autor, Journalist und klasse Mensch. Leider ziemlich angeschlagen wegen Chemotherapie. Er nimmts trotzdem gelassen und was bleibt einem auch übrig?

Tag 14. Wow. Mittwoch, der zweite Juli. Schon 14 Tage im Sattel und ich muss sagen, die Tour entwickelt sich bestens. Als hätte ich den Resetknopf gedrückt, gerät sie erneut zur Irgendwohin-Tour im kleinen Raum. Morgens noch peile ich ein strenges Tageszierl etwa 100 Kilometer entfernt nördlich von Husum an, da sagt Fliegerhorst, fahr doch so und so. Und so mache ich es denn auch, radele erstmal Richtung Wilster und Brunsbüttel. Dort kommt der Nordostseekanal aus der Elbe. Es ist unendlich heiß – achja, am frühen Morgen half ich Fliegerhorst noch bei der Montage seiner Anhängekupplung und der Stoßstangen an seinem historischen Auto. Weils ja besser ist, das nicht so in der Hitze … und nuja, geht auch alleine nicht so gut. Gegen Mittag also los. In einem Supermarkt, in dem es Lebensmittel mit kyrillischem oder snskritischem Etikett zu kaufen gibt, ich meine Mühlendorf, gleich einmal das Nötigste gekauft: Bananen, Dosenfisch, Haferflocken. Brot und Marmelade hatte mir Fliegerhorst mitgegeben. Fliederbeerenmarmelade. Hab sie noch nicht angebrochen, bin gespannt.

Ohne  Navi kann ich nicht fahren. Entweder habe ich es verlernt, vermutlich aber liegt es daran, dass ich das Beschilderungskonzept nicht verstehe. Oft ist ein Ort ausgeschildert, zum Beispiel Brunsbüttel und wenn es keine Verzweigungen gibt, gibts nur Radwege-da-lang-Plaketten wie ich es auch von daheim kenne. Bloß eben, dass ich mich dann trotzdem verirre und irgendwann ist eben Brunsbüttel nicht mehr auf dem Wegweise und das Schild zeigt ins Nachbardorf in 1,5 km Entfernung. Woher soll ich denn wissen, ob das richtig ist. Die Wege, meist auf winzigen Sträßchen, führen ohnehin zickzack.

Das ist gut. Gibts keinen konsequenten Gegenwind. Das ist schlecht, neigt man dazu, im Kreis zu fahren.

In Burg überquere ich den Nordostseekanal. Am WC bei der Fähre nässe ich T-Shirt und Haube und fülle Flaschen auf. Wie ich es zuvor in mindestens zwei Supermärkten gemacht habe. Bei den Leergutabgaben gibt es meist auch einen Wasserhahn. Irgendwo kriege ich auch endlich Briefmarken zu kaufen. Die Post in einem Reweladen hat tatsächlich geöffnet. Fehlen noch die Ansichtskarten, die ich in einem touristischen Ort besorgen werde.

Wo er schon da liegt, der Kanal, und beidseits Radwege führen, denke ich, dem folgste jetzt mal. Er führt zwar nicht zur Nordsee, denn da kommt er her, aber er führt inländisch nordwärts und ich hab keine Lust mehr auf Nav und Zickzack und Suche und Orientierung. Er ist mein Rhein-Rhône-Kanal des Nordens, mein künstlich angelegter, wässriger Wegbegleiter des Herzens. Zwei Betonspuren für Autos, gut verlegt, dazwischen Gras. Direkt am Kanal. Der Kanal ist etwa acht Mal so breit wie der Rhein-Rhône-Kanal (gemessen auf der Karte: etwa 150 Meter). Ab und zu kleine Boote, motorisierte Segler auf dem Weg von See zu See. Ein Raddampfer voller Touristen, der eine oder andere große Pott. Ich filme, denke nicht, folge nur dem Kanal. Hochbrücken und Fähren – das könnte man vergomringisieren. Hochbrücken und Fähren und ein Radler, der daran und darunter vorbei und hinweg … ach lassen wirs.

Irgendwann hab ich das Kanalradeln doch satt, schaue in die Karte. Zwar wäre jenseits von Rendsburg etwa 45 km entfernt ein Shelterplatz von Wildes SH, aber es gibt ja noch mehr. Mein ursprünglich angepeilter Platz nördlich Husums ist mit 65 km zu weit weg. Zu heiß und es wird Unwetter geben. Man sieht das Schlechtwetter nun auch schon ohne App. Ich orte einen Shelterplatz in Drage an der Eider, nur noch 40 km entfernt. Fast in Richtung Husum, rufe bei den Leuten an, die ihn betreiben, melde mich an. Steuere darauf zu. Parforce reitend plötzlich, denn der Himmel wird immer düsterer. Fast schon so verbissen, dass ich nicht wage, fürs Pinkeln mal kurz anzuhalten. Kurbelnd und dennoch ruhig und entspannt sinniere ich, was denn nun dabei ist, sich das zu verkneifen, wegen der halben Minute. Es kommt wieder das uralte Problem des zuerst das, dann das und um irgendeine fiktive, selbst gebastelte Ideallinie zu finden. Bedingungslos geht anders. Das wäre auch impulsiver und vermutlich auch natürlicher, mehr im Fluss, denn der Fluss, den ich gerade lebe mit der Prämisse, so lange wie möglich im Trockenen und un-geunwettert zu radeln, der ist künstlich. Das ist das Nordostseekanal-engstirnig kapitalistischen Denkens, sinniere ich, stoppe, pinkele in die Hecken, lasse den Blick übers Weite Land schweifen, erstaune, als ich feststelle, da ist gar kein garstiger, Unwetter ankündigender Wind. Das was ich die ganze Zeit bedrohlich im Ohr hatte, was mich schneller treten und hasten ließ, das war mein eigener Fahrtwind. Ich habe die Maschine gebaut. Ich habe sie erfunden. Ich trieb sie an, auf dass sie mich drangsalieren möge und mich schneller, schneller, schneller werden lies.

Dann doch. Einzelne Tropfen. Mehr Wolken, mehr Rumpel, aber auf die Idee, dass einen das Kleingeistige erst dies, dann das und dann … auf diese Idee muss man erst einmal kommen, dass einen das zu einem Getriebenen Selbstversklaver macht.

Ich überquere die Eider über eine urige Schleusenpassage südlich von Drage, nur noch zwei Kilometer bis zum Platz. Weiß nicht, was mich erwartet. Das macht es aufregend. Der Platz ist am Dorfrand. Ich folge wieder dem Track des Navis bis zu einem Schild, Hof Drage. Noch hundert, fünfzig, dreißig Meter, bin da. Haustür offen. Handy fummeln, Track ausschalten, schon steht U., die Betreiberin vor der Tür, begrüßt mich herzlich, zeigt mir alles. Gerade noch vorm Regen und Gewitter kann ich das Zelt aufstellen, koche im Zelt, sinniere über Metall in der Nähe, denn es blitzt und donnert, aber Host S., zeigte zuvor auf die Blitzableiter des nahen Hauses: Da schlägt er ein, wenn er einschlägt. Sollte er zumindest, fügt er hinzu und sollte er besser auch nicht, lachen wir beide.

Morgens kommt S. zum Zelt, interviewt mich, macht ein Foto, klärt mich auf, dass einst u. A. Robert Habecksich für die Initiative fürs Wildzelten in Schleswig-Holstein stark machte und das wärmt mir doch gerade mal wieder das Herz für den eigentlich einzigen Großpolitiker meines Herzens.

Wie zum Hohn lese ich quer in den Kurznachrichten, dass der jetzige Kanzler mal wieder eine Entgleisung verbaler Natur hatte. Traue mich gar nicht, die Nachrichtenseiten zu schauen. Und du, das mache ich auch nicht!

Nun am Bänkchen des Trekkingplatzes dies tippend. Das Zelt trocknet hinter mir. Wind rauscht in den Bäumen. Der Platz ist so liebevoll angelegt. Neben der Bank gibt es eine Betonplatte, auf der man den Trangia zum Kochen aufstellen kann. Im Haus Dusche und WC. In der halbmeter hohen Wiese ist eine Art Labyrinth gemäht zu einzelnen Zeltaufbaumöglichkeiten. Mindestens drei schöne individuelle Alkoven gibt es.

Und im Haus sei auch eine Ferienwohnung verfügbar, erzählen mir Ute und Jörg aus Sachsen. Die Beiden kamen gestern per Zug nach Husum und wollen nach Radebeul zurück radeln. Sind auch neu im „Wilden SH“.

Von der Weser zur Elbe – Tag elf

Ein Sonntag. Ich hatte umsichtiger Weise eingekauft, vorgesorgt für den geplanten Abreisetag auf dem Woldhof. Der Pausentag hat gut getan, war jedoch, das weiß ich nun, da ich dies schreibe, nicht genug. Die Erkältung und das Dauerradfahren, täglich im Schnitt 100 Kilometer haben mich massiv erschöpft. Merkwürdiger Weise merke ich das nicht, wenn ich im Sattel sitze und kurbele. Dann könnte ich immer so weiter machen. Es ist faszinierend. Ich spüre auch nicht, dass ich erkältet bin. Mein Steißbein tut nicht weh. Vor ein paar Tagen noch dachte ich, es sei endlich ausgeheilt, der Druckschmerz, den ich seit bald zwei Jahren habe beim Sitzen, war weg. Bzw. ich sitze ja nicht wie sonst auf Sofas oder Stühlen. Also war nicht der Schmerz weg, sondern die Position, in der man ihn spürt. Da mal drüber nachdenken. Okkulte Irgendwas-Vorgänge im eigenen Körper.

Etwa acht Kilometer bis Oldenburg. Ich versuche Freund Schlager anzurufen, der mal hier gewohnt hatte und den wir, Kollege T. und ich mit dem LKW abholten, ihn und seine Habseligkeiten zurückzogen ins Saarland. Ich glaube, ich bin durch seine Straße geradelt oder eine Parallelstraße. Genau weiß ich es nicht mehr. Vor den Häusern standen überall kleine Gratis zum Mitnehmen- Kisten. Bücher, Tassen, Krempel. In einer unglaublichen Menge. Ein Phänomen, das ich sonst nur aus der Schweiz kenne, aber nicht in dieser Dichte. Beim Woldhof hatte ich B. eine schwarze Tasse dagelassen, die ich auf einem Regal bei einem Reiterhof, Bossel oder so ähnlich, dort wo ich das Gewitter ausgesessen hatte, südlich von Bremen, ja, genau dort, die ich also dort gefunden hatte zusammen mit einer weiteren Tasse und einem Hasenfigürchen mit Krokodilklemme daran. Weiß auch nicht, was mich geritten hat. Nicht nur, dass ich viel zu viel Zeug mitschleppe, ich lade mir unterwegs auch noch Dinge obendrauf. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich mal eine ultimative Minimalpackliste machen für eine ultimativ minimal gepackte Tour.

Die Hängematte könnte ich auch daheim lassen. Obschon ich sie schon benutzt habe und nuja, da stellt sich die Frage, was ist wichtig. Was braucht man wirklich und worüber freut sich das Gemüt. Die Kaffeemaschine, die mir die Liebste schenkte etwa. Ich nutze sie täglich mehrfach, aber es ginge auch ohne. Auch nur einzelne Teile des Maschinchens, die nicht unbedingt nötig sind, um Kaffee zu kochen, könnte ich tatsächlich weglassen.

Aber man möchte ja auch ein bisschen Komfort. Die Kladde habe ich nicht benutzt. Dafür diese Tastatur, auf der ich dies tippe. Ein einziges Handy wäre auch okay, wenn alles darauf laufen würde (die Tastatur lässt sich nicht mit dem Shift koppeln).

In Oldeburg versucht, einen Bummel durch die Stadt zu machen, aber weil eine Veranstaltung war, überall Leute und Polizei, bin ich umgedreht und dem Hunte-Radweg gefolgt. Und wie üblich, ihn verloren, umher geirrt, das Navi wieder eingeschaltet. ich weiß nicht, was nicht stimmt mit der Gegend. Nein, mit dem Radwegekonzept. Das ist es. Die Gegend kann nichts dafür. Mehr oder weniger rankend rund um den Hunteradweg komme ich zur Weserfähre. Fahre an den Autos vorbei bis vorne. Es gibt keine festen Abfahrtszeiten. Motorradfahrer kommen auch nach vorne. Einer sagt, dass anderthalb Stunden Wartezeit sei für die Schlange und, gell, als Motorrad darf man doch vor, fragt er andere. Sag das den Autoleuten, die hinten zwei Fähren abwarten müssen, denke ich. Wir Radler? Nuja, im Grunde ist mein vollgepacktes Radel ähnlich voluminös wie ein Motorrad. Die Fähre kommt, nimmt fast alle mit. Ich bin übrigens wieder im Bundesland Bremen. Vielleicht habe ich deswegen wieder das Stadtgefühl? Gefällt mir nicht, navigiere mich nordostwärts und erst nach zehn Kilometern wird die Gegend schön und zwar so richtig schön. Wälder, uralte Bäume, seltsame Wurzeln und Verwucherungen. Felder, Hügel. Das Navi schickt mich auch auf Wald- und Kieswege und obschon das sicher nicht die schnellste Methode ist, voranzukommen, bin ich zufrieden. Freund Fliegerhorst ruft irgendwann an. In dem Dorf, in dem ich mit ihm telefoniere, steht ein Bücherschrank in einer Telefonzelle, also gehe ich in die ehemalige Telefonzelle zum Telefonieren. Wann ich komme und dass alles vorbereitet ist will er wissen. Ich nehme aus der Bibliothek noch drei Taschenbücher mit. Alexander Puschkin der Postmeister, einen Krimi und ein Buch, das eine Neonlichszene einer Tankstelle in den USA als Titelbild hat. Als Geschenk für Fliegerhorst.

Unterwegs immer wieder Wasser erfragen von Leuten am Straßenrand: Haben sie einen Wasserhahn in der Nähe und ja, natürlich. Eine Frau füllt mir sogar Eiswürfel in die Flasche. Herrlich. Spät abends noch bei einem Friedhof gefüllt und schließlich hinter einem Wald namens Falle auf einer Wiese gezeltet. Nicht ganz sicher, ob es ein Naturschutzgebiet ist. Vom Gefühl her und nach dem wilden Aussehen könnte die ganze Gegend ein Naturschutzgebiet sein.

Nun Tag zwölf schon. Das Zelt stand so am Waldrand, dass die aufgehende Sonne nicht gleich drauf knallte. Ich bin hin und hergerissen, ob das gut war. Einerseits kam ich dadurch erst spät los, andererseits taten die zwei Stunden Schlaf bis fast acht Uhr auch ganz gut. Neun Uhr im Sattel. Den Schlenker über Cuxhaven lasse ich aus. ich komme dann zwar immer noch nicht ans Meer, aber zu Fliegerhorst wären es über Cuxhaven bald 150 Kilometer. Auf dem direkten Weg sind es nur etwa 90 und man weiß ja, zu welch Irrwegen das Navi und die beschissene Radwegelage hier in der Gegend in der Lage sind. Je nach Verirrungslage kann ich womöglich etliche Kilometer mehr radeln müssen. Der Morgen fängt schon mit dem ersten Verirrungs-Problem an: Das Navi leitet auf einen Sandweg. Da kann ich nicht fahren. Da kann niemand fahren und schieben ist auch nicht, also muss ich ummodeln. Auf einer Brücke eines Kanals treffe ich zwei Radlerinnen. Aus Rheinland-Pfalz vom Nürburgring. Sie seien gestern der Hitze entflohen, erzählen von ihren frühen Touren von Insbruck nach Venedig etwa und an der Müritz, und noch einigen Schmankerln und wir sind uns einig, dass Radeln ein Heilsbringer ist. So gehts in den Tag. Irgendwann große Freude, dass ein Schild den Ort Hemmoor, der auf meiner Route liegt, weit ausschildert. 30 Kilometer. Navi aus. Schildern folgen. Für sieben Kilometer gehts gut. Dann ist Hemmoor von den Hinweisschildern verschwunden und ich müsste mich wieder von Dorf zu Dorf hangeln. Tue ich auch in Kombination mit Navi. Ein kurzes Stück auch entlang der Bundesstraße. Bis Wischhafen an der Elbe sinds nur 30 km über die Bundesstraße. Ich könnte ja … aber Lärm und Gestank. Brauche Pause. Tausche Leergut in einem Edeka in Lamstedt, kaufe einen Trinkkefir. Zahle an der Selbstzahlerkasse, weil an der richtigen Kasse zu viel los ist. Bloß: Die Selbstzahlkasse erfordert Kassenpersonal, wenn man einen Leergutbon scannt. Also doch warten auf Kassenpersonal. Zu guterletzt verschussele ich den Bon, den ich scannen mus, um durch die Schleuse ausgelassen zu werden und muss dann doch durch die andere Kasse. Ey. Mistdinger. Ich kenne die Selbstzahlerdinger ja schon, aber sie sind nie einheitlich und mal so, mal so, Alterskontrolle hier, Leergut da und finaler Zahlungsbelegbon vor Schranke dort.

Missmutig raus. Musik im Kopfhörer entlang der B und nun bei einem schönen Bänkchen schon seit über einer Stunde. Geschlafen. Hühner gackern wo. Wind nur leicht, kühlt. Solarzelle lädt das Shiftphone. Hab das Puschkin-Buch drauf gelegt, dass die Sonne es nicht verbrutzelt.

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten

Beitragsentwurf vom ersten Juni 2025, bearbeitet 21. Oktober 2025

„Die Welt krankt an alten weißen Männern, die im Stehen pinkeln …“, postuliere ich, „… und die ihr Geschirr nicht selbst spülen müssen und nie ein Klo geputzt haben.“ – „Nein nein, das ist abgeschmackt“, mildere ich mein Urteil, „nenn‘ sie nicht alte weiße Männer, denn das ist genau das, was sie wollen. Dann können sie schön in ihre Opferrolle schlüpfen, während sie röhrenden Auspuffs mit wehendem grauem Haar in ihren Cabrios in den Sonnenuntergang brausen. ‚Typen‘ reicht vollkommen. Ignorante Autoritaristen. Und ja, es sind fast immer Männer.“

Meine Hände im warmen Wasser der Spülschüssel. Licht in der Küche schummert. Das Becken ist voller Geschirr. Wasser schäumt. Zwischen Schüsselchen, Tellern, Besteck und ein paar Konservengläsern schwimmt eine Bürste und ein Schruppschwamm. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst spülen soll. Greife ein Messer, dann einen Kaffeelöffel, dann die hölzerne Kelle, an der die Nudelreste vertrocknet sind, scheitere an der Kelle, lege sie zum Einweichen zurück, nehme eine kleine gläserne Schüssel, in der eingetrocknetes Mehl sich noch nicht lösen will, scheitere auch damit, greife ein paar weitere Gegenstände vom Spülstapel, der seit Tagen steht, lege sie ins Wasser und erkenne.

Genau so sieht mein Hirn aus. Voller Gedanken, die alle gleichzeitig als Ketten von Seins und Tuns laufen. Im Hintergrund ein geheimisvoller cerebraler Peitschenschwinger, der die Herde antreibt, los, voran, macht schon, ohne zu erkennen, das ein jedes dieser zarten Gedankentierchen, die den Karren ziehen, seinen Raum braucht, seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, um aus dem Chaos erlöst zu werden, um zu Ende gedacht zu werden.

Ich kann mich nicht konzentrieren. Beginne einen Blogartikel zu denken über alte weiße Männer, die ihr Klo nie selbst putzten, stelle mir diese Männer vor wie frisch Gewählte, die ihr Hitlerbärtchen frei auf der Stirn tragen, schmunzele, da kommt mir die unverputzte Wand im Keller der Frau Mama in den Sinn, „Mann, Mann, Mann, da müsstste doch auch mal dran arbeiten!“ Stelle mir vor, wie ich das Spezialgemisch an isolierendem Schlämmputz anmische, zuvor mich in Schutzkleidung, Brille, Staubmaske etc. gehüllt habe, die Mischung genau abwiege … herrjeh, dieser Gedankengang verliert sich auch wie so viele, ohne dass der dazu nötige Körper je in Betrieb genommen würde. Ein Reisekunstprojekt im Sommer drängt sich nach vorne, will geplant, gedacht und auf Möglichkeit geprüft werden. Auch dieser Gedankengang reißt ab. Zu groß. Ebenso wie verwaltungstechnisches Zeug, das mich ohnehin anekelt zu denken und zu tun. Dann schon lieber Geschirr spülen.

Zeit Zeit Zeit. Alles kostet Zeit. Kostet, schreibs in Anführungszeichen „KOSTET“, so weit ist es schon, dass du rechnest, Mann.

Wozu wozu wozu? Lass fließen. Hab Geduld. Nur so kannst du dem Chaos in deiner cerebralen Spülschüssel Herr werden. Wie auch in der echten.

Männer, die nie ihr Geschirr selbst spülen mussten. Geschweige denn den Tisch abräumen. Arrogante Kreditkartenzücker, die sich mit anderen arroganten Kreditkartenzückern auf Restauranttoiletten treffen, um sich stehend an Urinalen zu vergleichen: die Güte ihrer Anzüge. Armbanduhren blitzen. Scharf klingt ein Autoschlüssel in der Jackentasche, womöglich. Oberflächliche Gespräche zwischen Waschtisch und Toilette. Und dann zurück zum Tisch, wo das Frauchen wartet oder die Geschäftspartner, die Geliebte, ein Kreditgeber oder ein paar arme angestellte Hansels, die man mal beeindrucken wollte.

Mittlerweile ist das Spülwasser nur noch lauwarm. Ich werde es wechseln müssen. Es taugt bestenfalls noch als Vorspülwasser. Nehme in den eingetrockneten Töpfen je ein bisschen des Wassers, und entledige mich des Geschirrs, das ich als sauber gelten lasse rüber auf das Abtropfgestell. Bevor ich weiter mache, muss der Boiler erst aufheizen, kann ich ein bisschen abtrocknen und Platz schaffen auf dem Gestell, kann das lauwarme Spülwasser in den schwer zu bewältigenden, eingetrockneten Töpfen wirken, kann ich eigentlich auch unterbrechen und das finale Rettungsspülen auf ein Andermal vertagen.

Wie so ein Parallelgedanke über eine zu verputzende Wand, der Hand in Hand läuft mit einem Gedanken zu sommerlichem Reisekunstplan und anderen wichtigen Gedanken.

Mein Hirn ist eine Spülschüssel, in der das Wasser schmutzt und kühlt und es funktioniert deshalb nicht mehr richtig und ich muss alles rausräumen und neu einrichten und das geht am besten beim Radfahren, beim Ausüben einer linearen Tätigkeit, in der Eins aufs Andere folgt, Kilometer um Kilometer, Kreuzung um Kreuzung, Bergetappe um Bergetappe.

Dies ist der Beginn meiner Radeltherapie. Paar Tage her, dass ich die Spülschüssel leerräumte, ein paar Töpfe nur noch stehen ließ, das Radel sattelte und längere Tagestouren machte. Die erste, ringst um Pirmasens, war hektisch, Vatertag wars, die Welt ohnehin grundaggressiv, alkohlgetränkte Bollerwagenarmada, die aber mitten im Pfälzer Wald sich verlor oder gar nicht existierte. Je pfälzer der Wald, desto freundlicher die Menschen, postulierte ich.

Kehrte abends heim mit 140 Kilometern in den Beinen, erschöpft glücklich. Diagnostizierte da erst mein Spülschüssel-Hirn-Syndrom, beschloss, weiter zu machen und über allem gaukelte das Mies der Welt, die falschen am Ruder, aber daran kann ich ja nichts ändern. Betonköpfe, die rückwärtsgewandt eine fossile Ära hochleben lassen und alles Neue abwürgen. Typen, nenn sie Typen, die im Stehen pinkeln und sich des feinen Urinsprühs nicht bewusst sind, der die schneeweißen Hochglanzfliesen ihres Badezimmers benetzt und der sich zu einer klebrigen Kruste schichten würde. Typen, die nie Geschirr spülen mussten, weil sie arme Teufel dafür bezahlen, den Schmutz zu beseitigen. Das Geschirr. Die Urinsteine …