Irgendlink hat heute erneut einen Loop gemacht. Um Ulm rum. Und auf Ulm rauf. Will heißen auf den Turm des Münsters. Danach hat er sich weiter südlich, wieder – wie gestern – an die Iller, geschafft, wo er vor dem Regen und der Müdigkeit ins Backhaus Häussler in Illertissen geflüchtet ist. Dort hat er von einem rosa Tortenstück geträumt, das, als er aus seinem Nickerchen aufgewacht ist, plötzlich vor ihm stand.
Derart frisch gestärkt machte er sich auf die Suche nach Jedesheim. Weil das so gut zu seinem Namen passt. Irgendlink in Jedesheim – hat was.
Nun hat er sich auf dem Campingplatz in Aitrach eingerichtet – einträchtig hoffe ich – und macht sich im Dorf auf die Suche nach etwas Essbarem.
Das heutige Wegstück (Track) könnt ihr hier → gucken.
Wie fühlt sich eigentlich der Weg an? Mehrere Tage radelnd, eine Woche oder gar mehrere Wochen am Stück vom Ausgangspunkt bis zum Ziel. Hinterher wird es immer ein wunderbares Abenteuer gewesen sein. Ich glaube, unser Erinnerungsvermögen tickt so. Es blendet die weniger schönen Etappen einfach aus und was bleibt und im eigenen Tourgeschichtsbuch steht, sind die Blitzlichter der Reise. Ihr hättet dabei sein sollen, als ich am gestrigen Samstag auf dem Donauradweg von Dillingen nach Ulm radelte. Etwa vierzig Kilometer. Der Donauradweg ist ja ein touristischer Mythos. Vielfach prämiert. Und er ist tatsächlich ein Zuckerstückchen. Fast autofrei. Perfekte Infrastruktur. Von den Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants bis hin zu Infotafeln an den Ortsrändern, die den Radlerinnen und Radlern alles verraten, was für sie nötig ist. Reparaturstellen, Fahrradläden, Bed & Bike-Unterkünfte, Sehenswertes.
Aber Infrastruktur und guter Ruf sind schnell verspielt, wenn man endlose Kilometer auf einem Schotterweg durch dichten Auwald radelt. Der tristgraue Himmel dimmt die Stimung zusätzlich. Kurzum, das gefühlt über zehn Kilometer lange Stück durch den Wald um Günzburg geriet gestern zu einer elenden Schinderei. Eine Weile noch erfreute ich mich an den Erinnerungen ans quirlige Lauingen. Den ziemlich schief wirkenden, über fünfzig Meter hohen bunt bemalten Schimmelturm, das Albert Magnus-Denkmal und die mannshohe Polyester-Eistüte auf dem Marktplatz, garniert von Käse- und Wurststand-Markttreiben.
Der Schimmelturm in Lauingen
Doch dann? Ringsum nur noch dichter Wald, einzig gelindert von ab und zuen Passagen auf dem Donaudamm. Alle zweihundert Meter ein halbmeter breites Blechschild mit den Flusskilometern bis zum Schwarzen Meer. Wir befinden uns bei Zweitausendfünfhundert-nochwas. Wenn man die alle nebeneinander legt, hat man eine Fläche von 0,5 mal 0,2 Meter mal fünf mal Zweitausendfünfhundertnochwas mit Stahl bedeckt. Wenn die Schilder denn durchgehend in einer Frequenz wie in dieser Gegend aufgestellt sind. Aber vielleicht stehen sie ja nur hier, um dem tristen Flussreisenden, moi-même, eine Rechenaufgabe zu geben, während er knirschenden Reifens durchs Dickicht radelt? In meiner Not stoppe ich bei jedem Hochsitz und fotografiere ihn und fluche, warum stehen hier nicht alle paar Kilometer Skulpturen im Wald. Ein Opel Manta mit Teufelsrochenschwingen zum Beispiel, ein Ufo, barocke Putten, Einhörner oder Hundefänger’sche Kreise. Warum nicht? Waruuum, schallt es imaginär. Ich werd‘ noch irre. Erst bei den beiden Elchingens, Ober- und Unter-, kommt man wieder aus dem Wald. Gleich ein Baggersee. Ich erwäge ein Bad. Da habe ich längst mein Inputs-Hungertuch bis zur Gänze ausgenagt. Die skurrile Baustellentür an einer Gerüstbaustelle nahe Lauingen zum Beispiel, das Bild ist im Artikel zuvor zu finden, oder die Ruine eines Römertempels in einem Wohngebiet. Ich weiß nicht, ob ich ohne die Erinnerung an diese Abwechslungen den Wald um Günzburg überstanden hätte.
Ich übertreibe natürlich. Die triste Vorregenstimmung macht mich unleidig. Aber das ist genau das Thema des Langstreckenreisens über mehrere Tage oder gar Wochen. Der Weg bietet harte, unbarmherzige Abschnitte, die von Rosinen durchsetzt sind. Manchmal sind diese Rosinen irgendwelche von Menschen für Menschen gemachte Dinge, Museen, Orte, Schönheiten, manchmal naturgeschaffene Wunder, Baumruinen, Wasserfälle, Hexenfelsen, manchmal auch Menschen selbst, wie etwa Franzisco aus Brasilien. Vor einer in die Stadtmauer eingelassenen Phalanx aus Bronzetafeln steht er mit seinem klapprigen Sperrmüllrad und schaut sich die vielleicht zwanzig Tafeln an. Besonders fasziniert ihn die, auf der Brasilien abgebildet ist. Dort kommt er her. Aus São Paulo. Direkt unter der Stelle, an der São Paulo liegt, ist auf der bronzenen Landkarte der Ort Entre Ríos eingezeichnet. Das Ensemble an Tafeln zeigt die Oyssée der Donau-Schwaben in alle Welt, die getrieben von Not und durch Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten und sich an fernen Orten im Banat, in Australien, in Ulm/USA und sonstwo eine neue Existenz aufbauen mussten.
Es ist zum Heulen, dieser Tage Naziaufmärsche en gros erleben zu müssen und an dieser Stelle ein Monument der Vertreibung und Flucht der eigenen Landsleute ebendieser Nazis zu sehen.
Franzisco ist seit einigen Monaten im Land. Er kam in der Hitze und wunderte sich, dass das Klima ziemlich ähnlich ist, wie bei ihm in São Paulo. Er hatte Schnee erwartet. Er hat noch nie Schnee gesehen. Das wirst Du, sage ich. Der Winter ist nah in Kaltland, wirf einen Schneeball für mich.
Gegen Abend habe ich also das Dickicht um Günzburg gemeistert und konnte die Tristesse aus meinem Innern vertreiben. Am Abzweig zum Iller-Radweg steht eine Infotafel. Rüber über die Radlerbrücke, den Fluss entlang. Die Iller kommt dann schon. Problem: der Iller-Radweg ist gesperrt. Rot-weißes Band, niedergetrampelt. Ein Radler kommt aus der Sperrung. Der Sturm vor drei Tagen habe den Wald zerfetzt, man komme vielleicht durch. Also riskiere ich es. Übersät mit Zweigen und Laub ist die Schotterpiste. Einmal muss ich das Rad tragen. Ab Iller-Kilometer 1,6 wird es besser. Zeltplatzsuche. Frage einen entgegenjoggenden Jungen, ob es weiter oben gute Zeltmöglichkeiten gibt und er sagt, komm mit. Zwei Kilometer bei den Paddlern von Ulm. Und so kam es, dass ich zurück fuhr zur Donau und mich im hießigen Kanuverein einmietete – neben zwei anderen Radlerzelten – und in der ziemlich unaufgeräumten Küche des Vereinsheims, an der Steckdose hängend, diesen Artikel schreibe. Der Kühlschrank surrt und vorhin schwätzte ich mit einer Keramikerin, die morgen einen Marktstand betreibt und an ihr und am Kühkschranksurren werde ich mich festklammern, wenn ich mal wieder kilometerweit durch dichten Wald radeln muss.
Heute ist Irgendlink von Katzenstein zur Donau bei Dillingen geradelt, an Günzburg vorbei immer der Donau entlang nach Ulm.
Als er bereits an Ulm vorbei war, traf er einen joggenden Paddler, der ihm als Nachtlager die Wiese des Paddelclubs als Lagerplatz empfahl. Darum ist er wieder zwei Kilometer die Iller aufwärts gefahren, zurück nach Ulm – was den Iller-Loop im Track erklärt.
So zeltet Irgendlink also heute Nacht für 9 Euro auf dem Zeltplatz der Ulmer Paddlerinnen und Paddler. Dusche, Badehaus und das Hintergrundrauschen von Stadt und Donau inklusive.
Das heutige Wegstück (Track) könnt ihr hier → gucken.
Hier nun ein paar Bilder von Irgendlinks viertem Reisetag:
Ein Brautpaar beim Fotoshooting blockiert den Donau-Härtsfeld-Radweg bei Wittislingen. Ich muss die friedvolle Szene auf der Wiese umfahren und wünsche ihnen Glück.
Ein eingerüstetes Haus außerhalb Lauingens mit viel Schwarz-Rot-Gold markiert. Die ungewöhnliche Bautür wird einfließen in meine Serie verrammelter Türen mit dem Titel ‚Du kommst hier nicht rein‘.
Eine Begegnug mit einem lebensgroßen Ernst Thälmann in einem Natursteinwerk. Auch Stalin tummelt sich dort, sowie Elefanten und hunderte Grabsteinrohlinge.
Zwischen Lauingen bis weit westlich von Günzburg führt der Donauradweg kilometerweit durch dichten Auwald. Eine mühsame Schinderei ohne kulturellen Input. In meiner Not besichtige ich jeden Hochsitz, den ich am Weg sehe. Gut für die Kanzel-Serie.
Ist nicht jedes Gesetz eine Grenze? Nicht jeder Richtwert eine mehr oder weniger willkürlich von Menschen gesetzte Grenze. Die Bewertung, was sich diesseits und jenseits der Grenze befindet, hängt ab von Zeit und Raum und einer guten Portion wie wir Menschen in unserer Zeit ticken.Der Wachturm des Limes ist nur achthundert Meter abseits meiner Radelroute im Ort Mönchsrot. Braunes Sehenswürdigkeiten-Schild. Da musste doch hin, Irgendlink, hast doch noch nie einen Limes-Wachturm gesehen. Die Spannung steigt von Meter zu Meter, bis ich endlich am Waldrand ein steinernes, etwa vier Meter hohes Ruinending zu sehen bekomme, sorgfältig restauriert. Man sieht das Turmfundament. Hinauf führt eine hölzerne Treppe und ein paar Meter Mauer deuten ungefähr den Verlauf der Grenze an, Mann, Mann, Mann, das ist schon bald zweitausend Jahre her, was ist geblieben? Der Klotz und ein paar Infotafeln.
Was wird wohl von Bayerns Grenze in zweitausend Jahren zu sehen sein? Wird man auf den Servern dieser Welt meine Reise als Text- und Bildwerk finden und sich sagen, aha, da war mal ein Freistaat?
Bloß nicht überheblich werden, Herr Irgendlink.
Von der Bayerischen Grenze nehme ich so gut wie nichts wahr. Es gibt nicht die erwarteten Grenzsteinmonumente (was hab ich mir bloß gedacht, dass es anders ist als in anderen Bundesländern, wohl liegt es an dem vorurteilhaften Bild, das man sich immer und überall von allem und jedem macht), es gibt nicht das Meer blau-weiß-rautiger Fahnen und es gibt nicht das in FC-Bayern-Fabern bemalte Haus als Ausdruck der tiefen Gläubigkeit des Bayerischen Fußballmännleins. Zumindest gibt es nicht übermäßig viele deutlich als Bayernfanbehausungen erkennbare Domizile und nicht übermäßig viele Blau-Weiß-Flaggen in den Vorgärten.
Aber ich bin ja noch nicht rund ums Land. Und die Franken hier in der Region gelten ohnehin ein bisschen als Abtrünnige. Das weiß ich von meinem Freund Leb, dem Franken.
Es ist ziemlich trist, bei Nieselregen ins Nördlinger Ries hineinzuradeln. Zudem die Jahreszeit mit den vielen abgeernteten Feldern geradezu auf Tristesse gebürstet ist, weshalb ich im Kopf auf den Hexenfelsen, hinter Nördlingen auf einem Hügel, zuradele, Tritt um Tritt darauf hin fiebere. Wie ich mich neben den etwa zwölf mal zwölf Meter großen Klotz setzen werde und pausieren, stele ich mir vor, während traurig gerupfte Maisfeldruinen an mir vorbei ziehen und der Nieselregen mich zernagt. In Nördlingen selbst gäbe es auch sehr viel zu sehen, aber mir hat es nunmal dieser eigentlich unscheinbare, buckelige Klotz angetan. Da es ohnehin regnet und ich unlaunig bin, radele ich schnurstracks durch die Stadt, ganz vergessen, einzukaufen und da ich nicht mehr zurück will, nehme ich das Risiko in kauf, auf den etwa vierzig Kilometern bis nach Dillingen an der Donau gar nichts mehr einkaufen zu können. Ein paar Reste sind ohnehin noch in der Packtasche.
Rechnung ohne den Regen gemacht. In Christgarten erwischt mich ein ziemlich starker Guss, der nie nie nie zu enden scheint. Obendrein im massiven Funkloch. Hier könnte ich liegen bleiben und verrotten und keiner würds merken. Volle Regenmontur. Kleine Straße aufwärts. Kolonne Luxuskarossen kommt mir entgegen, wovon einer den Motor aufjaulen lässt, als er an mir vorbei fährt und ich die ganze Gruppe verdamme, sie kilometerweit über einen Kamm schere, sie als Luxuskarossendeppen betituliere, bis mir im Rund mantrischen Kurbelns klar wird, wie schnell man ein Vorurteil züchtet. Mann, das war nur ein Idiot in einer homogenen, gleichwirkenden Masse und jetzt züchtest Du hier ein Bild, das, wenn Du es so publizierst, ruck-zuck ein gigantisches Vorurteil freisetzt, das unsichtbar wie schleichendes Gift in die Köpfe derjenigen sickert, die leichten Gemütes genug sind, dies zu glauben. Und selbst an den Widerstandsfähigsten mit den vernünftigsten Köpfen wird es nicht vorbei gehen.
So kurbele ich, ein allgemeines menschliches Prinzip erforschend, dem des über einen Kamm scherens, bergauf Richtung Bayerische Grenze. In Aufhausen, mutmaße ich selbstscherzend, gibt es bestimmt einen Dorfladen, der AUF ist. Oder kommt der Name Aufhausen eher daher, dass es auf dem Berg liegt? Flockig weiche Gedanken nach all dem politisch-gesellschaftlichen Verzweifelnszeug. Nichts ist auf in Aufhausen. Obwohl: das Herz der Frau mit Hund ist auf, als sie mich fragt, ob sie helfen könne. Laden sag ich. Da lang, Radweg links, zehn Minuten Amerdingen, sagt sie, Blick auf die Uhr, was für ein Tag heute? Freitag. Freitag ist gut hat auf von 16 bis 18 Uhr.
Derart gerettet schwelge ich durch die Regale des winzigen Dorfladens in Amerdingen, ein kleiner Umweg von der geplanten Route und schaffe mich über einen Feldweg durch dichten Wald wieder zurück Richtung Katzenstein.
Bombastische Burg. Sehr sehenswert. Aber ich habe Bayern verlassen, erfahre ich später, als ich mich in Dischingen im Goldenen Rössle einmiete. Nur 25 Euro kostet die Übernachtung mit Frühstück. Das Hotel ist aber auch recht spartanisch eingerichtet. Einbaudusche auf dem Zimmer, WC auf dem Flur. Aber so herzlich. Abendessen gibts auch. Und ich lulle ein mit der Melodie Hey hey hey, hier kommt das Goldene Rössle, frei nach, schießmichtot, wie hieß er noch gleich, dem, der später das Album Bayreuth gemacht hat.
Unterwegs in der bayerischen Pampa war es gar nicht mal so einfach, etwas Essbares aufzutreiben. Aber irgendwo ist ja doch immer ein Dorfladen offen. Zum Glück!
Schließlich ist Irgendlink ein Stück dem Weg Ries 5 und der Mozartroute nach Dischingen gefolgt, wo er im Goldenen Rössle, nun am Donau-Härtsfeld-Radweg, ein warmes Bett gebucht hat. Nach einem eher kühlen und feuchten Tag ist ihm das zu gönnen. Ab und zu warm duschen kann ja auch nicht schaden.