Verunechtung – was wird echt gewesen sein, was nicht?

Drüben im MudArt-Blog meines Alter Egos Heiko Moorlander gibt es auch ab und zu News aus dem Canigou Massiv. Ich frage mich, wie die Welt mit Abstand von ein paarhundert Jahren diese Epoche der „digitalen Frühgeschichte“ sehen wird. Ob durch das Überangebot an Information, weltweit und überall verfügbar, auch ein Überangebot an Fehlinformation entsteht und man letztlich Schwierigkeiten haben wird, „Echt“ von „Unecht“ zu unterscheiden?
Vielleicht arbeiten wir schon seit hunderten von Jahren an einer Verunechtung der Welt?
Kürzlich las ich einen Artikel zu diesem Thema, dessen Tenor genau der war: durch die unendlichen Möglichkeiten, die uns heutzutage verfügbar sind, um uns zu informieren, wirken wir auch gleichzeitig der Vernunft und Aufklärung entgegen. Was geglaubt werden kann, wird auch irgendwann – zumindest von einem Teil der sich Informierenden – geglaubt.
Frappierender Weise passt zu diesem Kurzblog der Glückskeks, den ich gerade geöffnet habe: „Alle Antworten liegen vor dir“.

Waldbrand, Kipling, Wunderland

Auf der heutigen Wanderung wollten wir eigentlich zu den Cascades d’Anglais. Da das Tal, durch das der Weg führte aber schon im Schatten lag, liefen wir einen Berggrat hinauf Richtung Canigou. Stets in der Sonne. Ein Traum. Auch Rudyard Kipling hatte einst die Aussicht von hier oben genossen, als er als Badegast in den Schwefelquellen hier verweilte.
Durch ein Kiefernwäldchen – oder sind es Pinien? – kamen wir auf über 900 Meter. Die Rinde der Bäume zeigte die Wunden verschiedener Waldbrände.
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Brotjagd in Vernet-les-Bains oder willkommen im Ferienalltag

Diese Ferien, bei denen man auf’s Geratewohl ein Häuschen mietet, laufen immer ähnlich ab. Fast schon möchte ich von Ferienalltag reden. Spätabends Ankunft und das Domizil einrichten. Am ersten Tag dann Erkundung der Umgebung zu Fuß. So laufe ich gestern rüber ins Dorf, ganz Mann, ganz Jäger, um Baguette zu kaufen und ein paar Croissants, während SoSo die warme Bude gemütlich macht. Ein Katzensprung in die Steinzeit der modernen Reisegewohnheiten. Unser Appartementhaus besteht aus vielleicht sechzig winzigen Buden in einem dreigegliederten Bau, A, B und C. Außer dem unseren sind nur zwei drei weitere Appartements bewohnt, was auch gut ist. Das Haus ist ein hellhöriges Betongerippe, das zu einer Zeit gebaut wurde, als der schwimmende Estrich wohl noch nicht erfunden war. Jedes Stuhlrücken hört man. Ich fabuliere für meinen bauesoterischen Roman solch ein Haus, dessen Bewohnerzahl sich anhand des Lärmpegels selbst reguliert.
Die Brotjagd führt mich in den alten Ortskern jenseits des Flusses, der wie ein Ameisenhügel aussieht. Vernet ist ein verwinkeltes Etwas mit winzigen Gassen und Treppen. Ich steige dem Brotduft folgend empor Richtung Kirche, verliere die Witterung wieder, irre umher zwischen Hinterhöfen und unter diesen typisch französischen außenliegenden Verkabelungen, die so charmant improvisiert wirken und einfach ein Muss sind für ein authentisches Frankreichbild. Von oben erinnert mich das Dächermeer an ein zu klein geratenes Salzburg. Allein, es fehlen die Pferdedroschken und die lebenden Mozartstatuen. Das Dorf ist Erster-Weihnachtstag-still. Eine Frau mit Hund ist die Einzige, der ich begegne. Aus ihrer Tasche tropft Wasser. Wie ein Auto mit leckem Kühler keucht sie die Gasse hinauf. Als ich sie darauf aufmerksam mache, sagt sie, das muss so, c’est ça. Und sie zeigt auf den Hund, der hinter ihr her trottet. Die Bäckerei sei da unten, à gauche, à droite, wieder nach links und dann tout droite, immer geradeaus. Tatsächlich tut sich ein kleines Ortszentrum auf mit Bäckerei, Metzgerei, Tabak- und Zeitungsladen ty-pisch fran-zö-sisch, denke ich. Mir geht das Herz auf. Die Sonne, die Stille, die fremde Welt und der riesige Mont Canigou direkt hinter der Häusersilhouette, dieses Sontagsgefühl mitten in der Woche. Wie in die Seele katapultiertes Glück. Ich kaufe Baguette, knipse hie und da ein paar Straßenszenen. Die große Platane auf dem Marktplatz ‚frisst‘ nach und nach das Emailleschild mit den Marktöffnungszeiten, das man ihr vor vielen Jahren angenagelt hat. Zwei Gebirgsbäche schießen durch Vernet-les-Bains. Ich weiß nicht, wie sie heißen. Befestigte, fast schnurgerade Rinnen von etwa zehn Metern Breite, alle fünfzig Meter abgetreppt. Man ahnt, dass hier zu Schlechtwetterzeiten immense Kräfte wirken. Es gibt ein Casino und ein Thermalbad. Auf dem Rückweg in die neueren Dorfgebiete fühle ich mich eigenartig an das einst so florierende Kurstädtchen Bad Münster am Stein in der Nordpfalz/fast schon Rheinhessen erinnert. Ein leerstehendes Gebäude, vor dem ein Schild ‚Residenz‘ steht wirkt abrissbereit. Vernagelte Fenster im Parterre. Die Zeichen stehen, genau wie in Bad Münster auf Schrumpfen, auf Zerfall, Rückbau und Abriss. Was muss ich davon halten? Ich müsste recherchieren. Leute fragen, das Internet. Die Infotafeln, die über die Vergangenheit Auskunft geben übersetzen. Wovon lebt(e) man in Vernet? Aufstieg, Fall, Erneuerung … Recherche auf Livereisen ist ein ganz eigenes Thema. Man ist als erlebender Betrachter abgeschnitten von Information, obwohl man sich doch mittendrin befindet in der eigenen, sich selbst schreibenden Geschichte.
Auch Heiko Moorlander scheint übrigens in der Gegend sein Unwesen zu treiben
Frau SoSo bloggt auch, sozusagen im Duett.
Und zuguterletzt noch eine Bildcollage, gestern getweetet

Straße, je t’aime

Dann doch wegfahren. Obwohl kaum Geld auf dem Konto. Ein Angebot auf Francevoyage.com lockte mit einem Appartement für 170 € die Woche. Ganz unten in den Pyrenäen. Nur fünfzig Kilometer vom Meer. Nix wie gebucht. Die anfallenden Fahrtkosten und Autobahngebühren liegen zum Glück noch im Blinden Fleck.
Dienstags abends die 300 km Fahrt zur SoSo in die Schweiz sind schon speziell. Vorbei an den Vogesen, dunkle Silhouette vor Sonnenuntergang, aggreable Fahrt, wenig Verkehr. Müde und angeschlagen bin ich – morgens gab es noch eine Hörsturzdiagnose inklusive hochdosierter Kortisoninfusion – was eine Art Trotzreaktion auslöste, jetzt erst Recht. Raus aus dem alljährlichen Weihnachtstrubel. Wie auch immer hat uns am acht Uhr frühen Heiligen Abend 2014 die Straße wieder. SoSo kutschiert uns durch die morgenfrostige Schweiz vorbei an der Aargauer Industrie, Gewerbeparks, Glasfassaden, dampfende Schornsteine vor Jurafels. Hinüber ins Seeland, Solothurn und Biel-Bienne zur Rechten, Bern zur Linken. Lange Schatten von einzelstehenden Bäumen auf grün-raureifiger Wiese, garniert mit zwei Reitern. Hundegassigänger. Vom Beifahrersitz versuche ich die Szenen fotografisch einzufangen. Vergeblich. Die Leitplanke stört. Andere Autos und LKWs, die wir oder die uns überholen stören. Immer schiebt sich ein Hauch Geschwindigkeit ins ansich ruhige Bild. Man müsste anhalten können. Autofahren, selbst nur als Beifahrer, und Fotografieren geht nicht. Schon lange denke ich darüber nach, welche Kunstform mit welcher Art, sich fortzubewegen gut harmoniert. Fotografieren und Radfahren oder Wandern hat sich bewährt. Überhaupt könnte der Grundsatz gelten, je langsamer, desto Kunst. Dass es auch etwas gibt, was mit dem Autofahren harmoniert, sollte ich am gestrigen Heiligen Abend erkennen. Längst sind wir in Frankreich. Rauschen auf Grenoble zu. An LED Infotafeln über der Fahrbahn blendet die Mautgesellschaft Vinci immer wieder Botschaften ein. Fröhliche Weihnachten. Achtung Baustelle.
Straße, je t’aime, denke ich plötzlich. Ich liebe dieses von Menschen geschaffene Monstrum, das sich durch Tunnel und über Brücken kreuz und quer durch die Lande zieht.
Pollution. Reduisez votre vitesse, wird uns in der Nähe von Valence auf den Tafeln mitgeteilt. Schon sind wir im Rhône-Tal. L’Autoroute du soleil. Aber mit Sonne hat dieser eigentlich sonnige Tag nichts zu tun.
Der Himmel ist gelb. Die Horizontlinie wirkt schmutzig. Die Sonne ist ein schmieriger Ball, der in einer Kloake zu schwimmen scheint. Die Luft ist verpestet. Pollution! Jetzt wissen wir, was die Vinci Botschaften auf den Tafeln bedeuten: Luftverschmutzung, langsam fahren.
Der fünfte Apokalyptische Reiter, das sind wir. Wir Menschen. Der fünfte Apokalyptische Reiter ist ein zieseliges, schizophrenes Kollektiv egoistischer, voranstrebender Individuen. Unaufhaltsam schiebt sich einjeder von uns durch seine Welt in seine ihm wohlgefällige Richtung und trägt damit zur natürlichsten Form der Apokalypse bei, phantasiere ich. Das wäre mal ein Blogartikel wert. Dass es die biblische Form der Apokalypse zwar nie geben wird, dass die Wesen aber sehr wohl und ohne es zu ahnen, ihre eigene Apokalypse kredenzen. Von innen heraus, wuchernd wie Krebs.
Auf dem Beifahrersitz twittere ich, während SoSo das TomTom zum Jaulen bringt. Immer wenn sie die zulässige Geschwindigkeit überschreitet, bimmelt das Ding. Vorbei an Montélimar. Atomkraftwerk. Hundert Meter hohe Dampfsäule über Kühlturm in giftgelbem Himmel neben einem schrägen Ausläufer des Zentralmassivs, dessen Abhang so gerade verläuft, als wäre er von deutschen Ingenieuren konstruiert. Das Kernkraftwerk von Pierrelatte, dessen Kühltürme mit spielenden Babys bemalt waren. Ich vergesse, zu schauen, ob die Gemälde noch immer darauf sind. Vorbei an Montpellier. Eine französische dreispurige Autobahn vermittelt einem irgendwie das Gefühl galanten Miteinanders. Kein Gemetzel wie in Deutschland manchmal, wo man mit 250 km schnellen Geschossen rechnen muss, die von Hinten wie aus dem Nichts auf einen zurasen.
Die Fahrtrichtung führt uns immer genau Richtung Sonne. Zunächst nach Süden und ab Bezier/Perpignan dann nach Westen. Die Helden reiten in den Sonnenuntergang. Wir beiden millionstel apokalypischer Reiter, wir.
Gegen 19 Uhr erreichen wir unser Domizil in Vernet-les-Bains. Die Hausverwalter sagen, wir sind 750 Meter hoch. Das hatte ich nicht bedacht. Dennoch. Der Winter ist noch nicht gekommen. Tagsüber 12 bis 15 Grad. Nachts leichter Frost. Das Studio ist ein gemütlicher Raum in einem Appartementhaus, Balkon nach Osten. Die Sonne sollte bald hinter den Bergen hervor kommen.
Die Luft wirkt sauber.
Nachtrag: Hier geht es zu meinem Twitter-Account

Vorweihnachtliche Resterledigungen

Oder sollte es besser heißen: diesseits und jenseits der Warteschlange? Oder: wie ich einmal dachte, ich würde Weihnachten daheim verbringen und plötzlich: eine andere Gegend?

Egal.

Runter in die Stadt. In der Landstuhler Straße hat jemand ziemlich Pech, dass ich an ihm vorbei brause, während er gerade versucht, sich in den fließenden Verkehr einzufädeln; und warten muss bis ich vorbei; und dann hinter so einem Idioten herfahren muss, der exakt fuffzig fährt. In der Stadt.  Ich. Obwohl es sowieso nicht schneller geht. Trotzdem hängt er mir Dezimeter entfernt an der Stoßstange. Telefoniert. Jetzt bremse ich auch noch, weil vor mir der Idiot, ein Gülleabpumplaster nur dreißig fährt. Hier auf der knapp zwei Meter breiten Fahrspur.

Willkommen im Land der blankliegenden Nerven.

Die Stadt ist übervoll. Auf der Post stehen aber nur sieben Leute vor mir in der Schlange. Vier Schalter geöffnet. Einer davon ist jedoch dauerbeschäftigt mit einem komplizierten Fall, in dem es um Geld und das Postsparbuch geht. Die anderen laufen fließend. Bis ich dran komme. Ein Paket nach Norwegen. Herausforderung. Ob ich denn keine Telefonnummer hätte von der Empfängerin, fragt die Frau am Schalter. Das sei so üblich. Die haben gar kein Telefon, an die das Paket geht, kontere ich. Kompliziertes Formularausfüllen. Dreißig Euro kostet das Paket. Das letzte hatte nur fünf oder sieben Euro gekostet, kam aber auch nicht an. Ich brauche diese Tracking-Nummer. Die Schlange hinter mir wächst. Der komplizierte Fall mit Irgendwas-mit-Geld und ich, blockieren nun die Hälfte aller Schalter.  Asozial. Als ich endlich fertig bin, stehen fünfundzwanzig Leute Schlange. Sechzehn Uhr. Der mit dem Geld debattiert noch immer. Auf zur nächsten Station, zur Hausbank. Drei Leute stehen mit verdrossenem Blick Schlange. Das dauuuert, stöhnt eine Frau. Seien sie froh, dass sie nicht auf der Post sind, antworte ich, fünf-und-zwan-zig! Wir schwätzen ein bisschen über Menschenschlangen und Vorweihnachtshektik. Ich plädiere dafür, ab dem 31. Oktober das Haus nicht zu verlassen bis zum Aschermittwoch, sage ich. Das bricht das Eis. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte, oder zumindest ein paar Intimitäten, die von der Sehnsucht nach Freiheit handeln. Der Mann vor uns beiden hört gespannt zu. In Österreich und im Schwarzwald wäre sie jetzt gerne. Die Mutter sei kürzlich gestorben. Ich erfahre so viel von ihr und ich erzähle auch viel von mir. Dass es ins Land der Katharer geht übermorgen und dass mir Weihnachten zum Hals raus hängt. Weiß ich, sagt die Frau, sie haben doch gesagt, dass sie vom 31. Oktober bis Aschermittwoch nicht aus dem Haus wollen. Ich kann ja nicht, wegen des Hunds, aber warten sie nur, nächstes Jahr, dann muss meine Tochter auf den Hund aufpassen und dann … wie lange warten sie eigentlich schon, frage ich. Zwanzig Minuten, sagt der Mann ganz vorne. Zwan-zig-mi-nu-ten! Boa. Irgendwie ist Geld plötzlich unwichtig geworden und Lebenszeit jenseits der Schlange plötzlich so kostbar, dass ich den Beiden ein schönes Leben wünsche und die Bank unerledigter Dinge verlasse. Wollen doch mal sehen, ob es nicht auch mit ungedecktem Konto ins Land der Katharer geht. Ha! Wie der Retter der Stadt flaniere ich am herzöglichen Schloss vorüber – Supermaaan – und sinniere, einen Blogeintrag über diese diesseits und jenseits der Menschenschlange Sache zu schreiben. Wie ist das eigentlich datenschutzrechtlich? Ich meine, auf jeder Webseite muss man doch heutzutage einen Disclaimer haben, in dem man die Leute darüber aufklärt, was sie gerade an Daten hinterlassen, wie sie gespeichert werden usw. Gilt das nicht auch für Leute am Bankschalter, mit denen man sich mal eben unterhält? Müsste man nicht ein T-Shirt tragen mit einer Datenschutzerklärung darauf: Hallo, alles, was sie mit dem Träger dieses T-Shirts gerade reden, wird in dessen Hirn auf unbestimmte Zeit gespeichert und es wird in ironisch bissigen Blogartikeln nach Belieben verwurstelt, also passen sie gefälligst auf, wenn sie über ihren Hund reden oder den Skiurlaub.