Das Land ist flach. Der See ganz nah. Weit verstreut liegen die Holzhäuschen in dieser typischen, schwedischen Wohnsiedlung. Keines von ihnen hat einen Blitzableiter. Ringsum lichter Birkenwald. Ab und zu eine Kiefer. Eine graue Suppe hängt seit gestern Abend über dem Land, aus der ständiger Nieselregen rieselt. Manchmal etwas stärker, aber mit viel gutem Willen kann man auch sagen, manchmal hört der Regen auf. In diesem wohligen Holzhäuschen kann einem der Regen eigentlich egal sein.Ich verdränge die Vorstellung, dass mir bald schon ein ganzer Monat Radeln und Zelten bevorsteht und der Begriff Regen eine ganz andere Färbung gewinnt, als hier drinnen, wo man die Schuhe auf ein Kunststofftablet stellen kann zum Abtropfen und die Regenjacken unter dem kleinen Vordach über der hölzernen Treppe vor der Tür auf Kleiderbügeln aufhängen kann zum irgendwie trocknen, zum irgendwie wenigstens nicht nasser werden.
Übersetzt in Zelt und Outdoor sähe die Szenerie etwa so aus: du kommst abends verschwitzt an einer stoppeligen Wiese an und baust dein Zelt hastig auf einem eben erscheinenden Stück stoppeligen Etwas auf, öffnest kurz das Moskitonetz des Innenzelts, katapulierst Schlafsack, Matte und die beiden Taschen mit Kocher und Lebensmitteln ins Innere, schließt das Netz schnell wieder, damit keine Moskitos sich Zugang verschaffen. Dann balancierst du dich aus den Schuhen, den Gamschen, den klitschnassen Regenhosen und der Jacke, ziehst den Reißverschluss des Moskitonetzes wieder auf und rollst dich ab ins ungeordnete Chaos im Innern. Nichts ist mehr trocken. Die Regenklamotten und Schuhe bleiben im Vorzelt. Du richtest dich ein, rollst die Isomatte aus, dekomprimierst den Schlafsack. Dein Wohnzimmer ist nun perfekt. Die Küche richtest du – wider den gesunden Menschenverstand im Innenzelt ein. Auf einem schmutzigen, eingenähten Stück Stoff in einer Tasche im Innenzelt liest du genau das: nie im Zelt mit offenem Feuer oder Kocher hantieren, wie es der gesunde Menschenverstand schon vorgibt.
Der gesunde Menschenverstand ist ein Hund, wenn alles nass ist und es keinen mückengeschützten Fleck gibt, als das Innere des Zeltes und wenn dies der einzige halbwegs trockene Platz ist im großen schwedischen Baumnichts. Der gesunde Menschenverstand macht dich die schärfste Klinge deines Schweizer Messers aufklappen und die Schere auch, nur für den Fall, dass das, was du jetzt vor hast schief geht und dann heißt er dich, den Trangia auszupacken, ihn mit Spiritus zu befüllen und ihn auf das unendlich schmutzige, feuchte Geschirrhandttuch zu stellen, das so nutzlos aussieht und doch als Feuerschutzmembrane auf der Isomatte unentbehrlich ist.
Und wie gut sie schmecken, die schnell gekochten, halbgaren Nudeln und die hastig zusammengeschnippelte Gemüsesoße und wie groß die Freude ist auf die Dose Schwedenbier mit der hierzulande höchstmöglichen Alkoholprozentzahl von 3,5. Der Gesunde Menschenverstand hat einmal mehr über sich selbst gesiegt, wenn du den Reduktionsring auf die Flamme wirfst und einmal mehr ist diese Feuerprobe gelungen.
Auf der Reise um die Nordsee vor drei Jahren habe ich diese Koch- und Heiztechnik wider den gesunden Menschenverstand öfter ausprobiert. Manchmal nutzte ich den Kocher sogar als Zeltheizung – im Vorzelt – eine Trangiafüllung ohne etwas darauf zu kochen, kann ein Zelt für kurze Zeit in eine kleine Schwitzhütte verwandeln. Das wirkt Wunder, wenn man völlig durchfroren ist.
Ich schweife ab.
Ein Gewitter zieht auf. Vom See her, aus Südwest rumpelt es langsam näher. Der Tag verdunkelt sich. Wir haben gerade gefrühstückt und es wäre an der Zeit, das Geschirr zu spülen. In der Edelstahlspüle. Mit gut leitendem Wasser gefüllt aus einem Edelstahlwasserhahn, der vermutlich durch ein gut leitendes Kupferrohr gespeist wird.
Gewitterangst.
Der Ofen aus Gusseisen mitten im Raum ist mit einem stählernen Kaminrohr direkt mit dem Himmel verbunden. Dort, wo die Blitze herkommen. Einen Blitzableiter gibt es nicht auf der Hütte. Noch scherze ich mit SoSo, dass ich unmöglich das Geschirr spülen kann wegen der Blitzschlaggefahr und ein etwas zögerlicheres Ich in mir beäugt argwöhnisch den Kamin, da kracht es ganz in der Nähe und zeitgleich funkt unser Ofen.
Hast (vom Stuhl aufspringend) du (Richtung Tür hechtend) das (in die Schuhe schlüpfend) gesehen, rufe ich SoSo zu und sitze draußen auf der Holztreppe. Tür zu. SoSo neben mir. Sind wir nochmal davon gekommen eben?
Eine Viertelstunde dauert der Spuk. Wir starren hinüber zum Nachbarhaus, vorbei am hölzernen Zaun in das ewige Himmelsgrau, das von Blitzen durchzuckt eine Assoziation von Rosinenkuchen weckt. Warum ausgerechnet Rosinenkuchen? Hat der Blitzschlag das Hirn in Mitleidenschaft gezogen? Wie geht nochmal Herzmassage? SoSo, könntest du mich wiederbeleben, wenn ich Herzkammerflimmern hätte? Ich dich?
Fragen über Fragen. Das Hirn hysterisiert, aber es beruhigt auch: der Blitz schlägt nie zwei Mal in die gleiche Stelle. Tut er das wirklich nicht?
An der Haustür lehnend unter dem Vordächlein beobachten wir das Spektakel und machen Witze. Einige bizarre Tweets lang reden wir aufeinander ein, eine Kaskade assoziativer 140 Zeichen langer Aphorismen, die die Welt leider niemals erfahren wird, denn unsere Smartphones sind beide da drinnen, in der elektrisierten Hölle. Wer weiß, ob die Dinger überhaupt noch funktionieren, sage ich. Da entstehen ja Spannungsfelder,die alles Elektrische stören können, habe ich einmal gehört.
Das geballte Halbwissen über Gewitter und Blitzeinschläge prasselt nieder.
Wir sind guter Dinge. Die Einschläge entfernen sich. Es hätte können böse enden. Hätte es?
Hätte hätte Fahrradkette.
Im Artikeltitel: der „Blixten“ von Richard Brixel, ein etwa drei Meter hoher stilisierter Blitz auf einem Verkehrskreisel der Straße 66 in Ludvika.



































