Im Reich der wilden Dienstnummern #AnsKap

‚Siebenundzwanzig Stunden‘ klingt es von irgendwo im Fahrradabteil. Alles kommt nur gedämpft durch. Es ist spät. Es ist dunkel. Die Nacht ist richtig schwarz. So schwarz, wie ich sie seit Wochen nicht gesehen habe. Neonlichter des Bahnwagens flimmern. Man hört den Dieselmotor und ein paar seltsame ‚als-sei-etwas-kaputte‘ rhythmische Geräusche. Alles sehr gedämpft wohlgemerkt.Ich bin nicht mehr aufnahmefähig nach ein paartausend Kilometern Flug, einer Ewigkeit langen Wartepause im Transit des Osloer Flughafens Gardermoen und der nun schon zweistündigen Zugfahrt seit Frankfurt. 

Blick aus dem Fenster des Wartebereichs im Flughafen Oslo Gardermoen. eine Passagierflugzeug  hält am Terminal 40
Blick aus dem Fenster des Wartebereichs im Flughafen Oslo Gardermoen. eine Passagierflugzeug hält am Terminal 40
 
Die Stimme mit den ’siebenundzwanzig Stunden‘ gehört einer Frau mitte dreißig. Wie einsgeworden mit dem Abteil kauert sie auf einem Klappsitz und ihr achtjähriger Sohn spielt Affe an den Haltegriffen. Vorhin hat er erschöpft auf drei runtergeklappten Sitzen gelegen bis der Bahnwagen bei Neubrücke an der Nahe hart abgebremst wurde und er herunterpurzelte und sich schlagartig in dieses wie von Duracell getriebene Äffchen verwandelte.

Der Zug ist voll von erschöpften Reisenden, die aus den Weiten der Welt, teils um den halben Globus geflogen sind, die in Frankfurt landeten und die nun mit diesem vorletzten Zug ins Saarland unterwegs sind. Vorne im Abteil sitzt eine indische Familie, drei Kinder, Vater, Mutter. Er hockt zwischen fünf riesigen Koffern und passt auf, dass sie nicht durchs Abteil kullern. Immer wieder sackt sein Kopf runter. Sekundenschlaf, hochschrecken, so gucken, als sei er immer wach gewesen.

In der Mitte des Zugs haben sich fünf Jungs in T-Shirts und Bermudas breit gemacht, das Kainsmal des Ballermanns noch auf der Stirn, durchzecht aber stumm und gewiss um Jahre gealtert auf ihrem Kurztrip.

Eine Schaffenerin versucht Ordnung ins Chaos zu bringen. Die vielen Koffer versperren Türen und Fluchtwege und sie legt sich mit einem kräftigen Brummbär an, dem irgendwas nicht passt. Ein düsterer Typ mit Halbglatze und einem Vollbart und er will unbedingt ihre Dienstnummer haben, bitteschön, drückt sie ihm eine Visitenkarte in die Hand. Anscheinend ist man auf solche Typen bestens vorbereitet. Die Frau ist wirklich freundlich. Sie deeskaliert, wo es nur geht, aber der Typ lässt und lässt nicht locker – ich will nicht ihren Namen, ihre Dienstnummer brauche ich! – Was muss sie den armen Kerl in seiner Ehre gekränkt haben, dass er so rumnörgelt. Also hält sie ihm die Visitenkarte vor die Nase und zeigt auf eine Nummer über dem Namen, hier, das ist die Dienstnummer und um es zu bestätigen, deutet sie noch auf das Namensschild auf ihrer Sicherheitsweste, hier steht sie auch und endlich gibt der Kerl Ruhe. In Bad Kreuznach ist er ausgestiegen, jede Wette, dass er gleich nach Hause geht, den Computer ankurbelt und eine Email an den Chef – ja von was eigentlich? – von dem Allem schreibt, aber sowas von Beschwerde. Und Facebook!

Während ich zwischen Klo und Fahrrad und indischen Koffern eingekeilt sitze, bis auch ich den Weg freimachen muss, das Radel nach Hinten bringen muss ins echte Fahrradabteil.

Jetzt wäre es eigentlich an mir, mich in meiner Ehre oder wie auch immer gekränkt zu fühlen. Aber ich spüre nichts. Hätte ich vor der Reise … hmm? Ich wäre wahrscheinlich angespannter gewesen. Nun bin ich in einem geradezu buddhistochristlichmilden Zustand, der die Dinge und Begebenheiten wie eine im Scherenschnitt erstellte Schattenarmee vorbeimarschieren lässt: Du bist im falschen Abteil, na und, was kann geschehen, sie schmeißen dich raus mehr oder weniger galant, dann gehst du raus um der Ordnung willen und falls gar nichts mehr geht in diesem chaotischen überfrachteten Zug, dann gehst du ganz raus, rüber in die Nacht und baust dein Zelt auf irgendwo auf einer herbsttrockenen Wiese. So wo ist das Problem?

Wenn ich bloß wüsste, was dem vollbärtigen Brummbär passiert ist, dass er sich so benehmen musste.

Ach, Deutschland, wieso knallen immer gleich die Welten aufeinander, wo ist deine Gelassenheit, ich weiß, dass du mal ein ziemlich gelassenes Land warst, meine ich mich jedenfalls zu erinnern. Was für ein seltsamer Kleinkrieg brodelt hier, dass man sich wegen allem und jedem in die Wolle kriegt, fast, als wolle man sich in die Wolle kriegen und man nimmt deshalb jede Kleinigkeit zum Anlass.

Sechs Grad zeigte das Thermometer heute Morgen auf dem Flughafen Alta. Es kam mir gar nicht so kalt vor. Das Zelt musste ich nass einpacken. Sag zum Abschied leise Nieselregen. Fahrrad und Gepäck aufgeben, nassgeschwitzt vor Hektik. Dann einchecken und in zwei Hüpfern ging es über Tromsø nach Oslo, wobei die Landung in Oslo im zehnminütigen Sinkflug bei dichtem Nebel recht ungemütlich war.

Ein Tag zum nicht den Flughafen verlassen. Dauerregen. Sicher hätte ich in den sechs Stunden Wartezeit einen Trip durch Oslo machen können, aber bei dem Sauwetter?

Der Transitbereich des Flughafens Gardermoen ist eine einzige Einkaufspassage mit angeschlossenem Dutyfree-Shop. Da ich kein Geld mehr hatte, blieb mir dieser Zeitvertreib erspart und ich lümmelte auf den Ledersesseln in diversen Wartebereichen, die in regelmäßigen Abständen in der länglichen Halle stehen.

Schrieb Blog. Unter den Sesseln gibt es sogar Steckdosen. Heile Welt des Transits. Durch die Glasfront kann man das Flughafentreiben beobachten. Das Ein- und Ausladen der Flugzeuge auf kleine Gepäckwagen, die von Elektrofahrzeugen gezogen werden. Die Ladeleute sind ruppig, werfen die Koffer in hohem Bogen auf die Wagen, so dass die auf der anderen Seite auf den Boden knallen. Im Regen scheinen sie ohnehin nicht gut gelaunt. Bauarbeiten allüberall. Auf einem fünfzig Meter langen und zehn Meter hohen Tunneldach schuftet ein Bautrupp. Angeleint in leuchtend gelben Schutzkleidern. Bagger, Betonmischer und Baumaschinen fahren zwischen den Andockstellen für die Flugzeuge. Auch im Innenbereich wird gearbeitet. Dazwischen strömt der Menschenumschlag aus aller Welt.

Der Anschlussflug ist verspätet. In einem winzigen Flieger werden wir zu hundertachtzigt oder noch mehr regelrecht eingedost.

Ich sitze neben einem badischen Paar, Bernhard und Heidi (hallo Ihr Beiden, falls Ihr das lest), die auf den Hurtigruten waren und wir verquatschen den gesamten Flug, sehr sympathisch und sie stopften mich voll mit Keksen und Bonbons wie im Paradies. So dass unsere umtriebigen Hirne ganz vergaßen, dass wir in ‚höchster Lebensgefahr‘ in einem Flieger sitzen. Selbst die Luftlöcher ab und zu konnten uns aus diesem Vergessen nicht hervorlocken.

Perfekt.

In Frankfurt Spießrutenlauf zwischen Gepäckband und Sperrgutausgabe bis ich endlich alles habe, obendrein noch eine Schadensmeldung, denn die ruppigen norwegischen Packer werfen offenbar nicht nur Koffer durch die Luft, sondern auch Fahrräder. Zwei neue Schutzbleche bringt mir der Flug ein. Darüber bin ich nicht unglücklich.

‚Siebenundzwanzig Stunden‘. Wie aus dem Nebel gesprochen kommen die Worte, ach ja, da war doch noch jemand im Abteil und ich stehe schon an der Tür, wir rollen nach Neunkirchen ein und ich hätte beinahe vergessen, Tschüss zu sagen, so müde bin ich. Die Frau kann kaum die Augen aufhalten. Ihr Sohn hangelt an den Haltestangen und noch ehe mein Hirn eine passende Antwort hat oder die vernünftige Gegenfrage – wo kommen Sie denn her – sagt der Mund schon Tschüss und die linke Hand drückt den Öffnungsknopf und irgendeine geheimnisvolle Kraft macht den Körper das Radel hinausschieben auf den Bahnsteig, herrjeh, zu gerne wüsste ich, woher diese Frau und das Kind kamen und wohin sie wollten, aber da hat mich längst der merkwürdigste Bahnhof des Saarlands verschluckt.

Im Blog #AnsKap

Dunkler Bildschirm. Weiße Schrift. Kryptische Textbausteine mit vielen Sonderzeichen. Im Prinzip ist es eine Einmalarbeit, einen Webserver aufzusetzen. Wenn er einmal läuft und Internetseiten ausliefert, ist es wie wenn man eine Wohnung in einem schwäbischen Dorf besitzt. Regelmäßige Wartungsarbeiten, digitale Kehrwoche sozusagen, da kommt kein Serveradministrator (Besitzer einer schwäbischen Wohnung im Internet) dran vorbei.
Die Wohnung kann im Falle Webserver irgendwo auf der Welt sein. Meist in einem gut klimatisierten schwäbischen digitalen Dorf mit Blitzschutz, Überspannungsschutz, Katastrophenabsicherung und Notstromaggregat.

Der Irgendlink-Server, also das Haus des Irgendlinkblogs steht irgendwo im Saarland. Und seine Bewohner, ein Duzend Webseiten haben zwei Administratoren, die die Kehrwoche penibelst einhalten und gut schauen, dass es mit den weltweiten Nachbarn läuft.

Wir sind eine Art digitale schwäbische Studenten-WG sozusagen.

Das Irgendlinkblog ist eine Ansammlung von miteinander verknüpften Programmdateien, die die Beiträge, Daten, Kommentare und Titel in auf Monitoren anzeigbare Webseiten verwandeln.

Alles was ich, der reisende Schreibende und Fotograf zu dem Server schicke wird zunächst in einer Datenbank sortiert. In die eine Tabelle kommt dieser Blogtext, der Titel in die andere, mein Autorennamen wieder in eine andere, Eure Kommentare kommen auch in eine eigene Tabelle, die Zeitstempel werden extra tabellisiert und die Grafiken, Bildtitel, einfach alles kommt in die Datenbank. Wenn jemand einen Blogeintrag sehen will, arbeiten die Programme und setzen alles zu einer schön gestalteten Seite zusammen.

In der Schweiz sitzt der eine Serveradmin, Cousin J., der die letzten Monate fleißig die Kehrwoche für mich erledigt hat.

Ein großes Dankeee mit drei E., lieber Cousin.

Etwas sichtbarer sind weitere Mitglieder der kleinen irgendlinkschen Web-WG fleißig im Hintergrund am Werkeln.

Frau SoSo lieferte in den letzten achtzig Tagen jeden Abend Hintergrundinfos für die Reise ans Kap. In Momenten, wenn keine Internetverbindung möglich war, klaubte sie die Tweets des Tages und die SMS zusammen und gab Euch so einen Einblick in den ins Offline geratenenen ‚Artist in Motion‘. 

Der letzte Zeltplatz in einem Kiefernwäldchen beim Flughafen
Der letzte Zeltplatz in einem Kiefernwäldchen beim Flughafen Alta

 Ein dreifach schallendes Dankeee mit drei E an meine Liebste.

Der Vierte im Bunde der kleinen WG ist Der Emil, der als Redakteur die Beiträge sichtet und allabendlich vom Server archiviert, so dass mittlerweile ein umfangreiches Offline-Dokument entstanden ist, das als Basis für ein eBook dient.

Ein hochjauchzendesDankeee vielmals mit drei E, lieber Emil.

Und dann seid da noch Ihr, liebe Lesende, Twitternde, Rebloggende, Kommentierende, Anfeuernde. Ihr seid sozusagen die Gäste unserer kleinen Wohngemeinschaft.

Ein reich gedeckter Tisch voll Dankeee mit drei E für Euch.

Nun sitze ich im Flughafen Oslo und lasse mir die Ansagen aus den Lautsprechern um die Ohren ballern.

Es ist nicht einfach, hier zu schreiben. Zu viel Ablenkung.

Aber es war mir ein Bedürfnis, über diese tolle kleine WG zu schreiben. Wenn ich nur an die vielen schönen Abende denke, in denen wir uns gemeinsam in meinem Zelt bei einer Dose schwedischen Leichtbiers erfreuten …

Tage 79 & 80 | Finale

Liebe Leserinnen und Leser
Liebe Freundinnen und Freunde
Liebe Mitreisende nah und fern

Danke für diese achzig Tage Reisezeit, die ihr mit Irgendlink mitgereist seid und mit mir mitgefiebert habt.

Einen heutigen Streckenlink kann ich nicht liefern, weil Irgendlink noch am Flughafen ist, im freien WLAN, und draußen, wo er sich nachher sein Zelt aufbaut, kein Netz hat. Wir wissen also nicht, wo er nächtigen wird, aber wir wissen, dass er das gut kann. Im Zelt und so.

Morgen früh wird er den Flieger besteigen  – 80. Tage hat er für seine Reise gebraucht wie Phileas Fogg – und am Abend Deutschland erreichen.

Ein letztes Mal bei dieser Reise serviere ich euch hiermit die Tagestweets, um danach das Blogsteuer wieder ganz und gar in Irgendlinks Hand zurückzulegen.

Gute Reise euch allen!

Eventualitäten #AnsKap

Es war keine gute Idee, das Zelt neben dem Småbåthaven, dem Yachthafen in der Bucht von Alta aufzubauen. Obschon das kiesige Gelände recht idyllisch und windgeschützt neben einer Felswand liegt. Sand und Kieshaufen umgeben mich und Teerabbruch. Eine Baustoff- und Bauschutthalde zugleich ist das.Eben noch hat ein Vierzigtonner seine Last abgeladen, dabei ist es schon fast zwanzig Uhr. Ein riesiger Bagger steht verwaist.

Trotz des eigentlichen Ruhetags bin ich schon zu müde, oder sagen wir eher zu lustlos, um nach einem anderen Lagerplatz zu suchen. Es ist ohnehin etwas schwieriger, in einer zwanzigtausend Seelen-Stadt etwas zu finden, als draußen im Niemandsland. 

Herr Irgendlink verbringt den letzten Reisetag in einer leerstehenden Ladenpassage Die Heringe wollen in dem lockeren Split nicht richtig halten. Wenn es nachts stürmisch wird, dann habe ich ein Problem. Auch der Bagger macht mir Sorge: was, wenn der morgenfrüh zum Einsatz kommt? Was, wenn ausgerechnet mein Kieshaufen gefragt ist und aufgeladen werden soll?

Egal. Müdigkeit siegt über die Sorgen. Im Gepäck habe ich die Gewissheit, es gibt immer eine Lösung, dann, wenn Eventualitäten sich aus dem Gedankengewirredes Befürchteten materialisieren.

Um halb Acht donnert der Bagger etwa hundert Meter entfernt und man hört das Scheppern von Schüttgut auf Blech. Okay. Eventualität eins, frühe laute Arbeit ist eingetreten, Eventualität zwei, Sturm, der an den Nerven zerrt und die Heringe rauszieht, blieb aus und Eventualität drei, Mein Kieshaufen soll geladen werden blieb auch aus.

Trotzdem raffe ich meine Sachen zusammen und radele los, ein paar Kilometer durch die weitläufige Stadt bis zu einem Kiefernwäldchen und irgendwo lugt die Sonne zwischen zwei Wolken, so dass ich auf einem Felsen die Isomatte ausbreite und den Kocher ankurbele, Kaffee koche, Frühstückseier, Pfannkuchen aufwärme, alles, was das Reiseleben so gemütlich macht.

Wäre da bloß nicht der Regen, der sich von Norden anschleicht, feiner Nieselregen, eigentlich nicht der Rede wert. Ein guter Radfahrregen, würde ich wohl sagen, ist das. Aber nun mitten im ausgebreiteten Frühstückslager baut er sich auf zu einer imaginären immer schlimmer werdenden Front und im Kopf ist er längst zum Platzregen geworden, obwohl doch alles gut verpackt ist, und nichts was nicht nass werden darf draußen ist, inklusive mir selbst in einer wurstähnlichen, regendichten Pelle, so könnte ich stundenlang gemütlich frühstücken und den äußeren Einflüssen trotzen, aber der Feind lauert in mir. Er denkt sich das Schlimme herbei, das niemals eintreten wird – vermutlich – er packt auch schon seit Tagen das Radel und die Packtaschen zusammen, als wäre das ein ganz besonderer Akt. Der Feind im Innern denkt sich gruselige Welten zurecht, während außen die Vöglein ein fröhliches Liedchen trällern, die Sonne immer wieder durch noch so dichte Wolken schaut, die Bäche murmeln. Verflixt.

Stoisch und mir dies alles vergegenwärtigend frühstücke ich zu Ende. Man könnte tatsächlich sagen, gemütlich. Der Platz liegt auf einer Anhöhe über der E6 und ich könnte mir gut vorstellen, dass dies mein nächster, mein letzter Lagerplatz für diese Reise wird, denn der Flugplatz ist nicht weit.

Später flaniere ich durch Alta, treffe den Radlerkollegen Tim wieder – hatte ich schon erwähnt, dass er doch nicht zurück radelt, sondern sich auf den gleichen Flug eingebucht hat wie ich?

Es gibt nicht viel zu tun in Alta. Das wird einem spätestens klar, wenn man in der Touristeninformation vorbeischaut und dort die beiden Tipps erhält: Museum mit den Felszeichnungen und die Kathedrale des Nordlichts. Dazwischen sind drei Shoppingmalls, wobei über Kurz oder Lang wohl nur die eine, das Amfi bleiben wird. Sagt mein Bauchgefühl. Die Universität – ich war noch nicht drin. Pizzerien, ein paar Cafés, ein Plattenladen, der auch Instrumente verkauft.

Im Plattenladen kaufe ich eine Doppel-CD von Bands aus der Finmark, die hier in Alta aufgenommen wurde. Junge Musiker zwischen 16 und 25 Jahren. Klingt gut, ich habe reingehört.

Timo, der Psychologe steht plötzlich neben mir und wir reden noch ein Weilchen, bis er seine Mittagspause beenden muss und zurück zur Uni läuft.

Später döse ich in einem gut achzig Quadratmeter großen fast leeren Laden in der weniger frequentierten Park-Shoppingmall. Eigentlich ist dort nur noch Intersport drin und ein Restaurant und eine Kinderspielecke. Alles andere steht leer.

Mein Raum war vielleicht künstlerisch zwischengenutzt. Ein Sofa steht da, zwei Sessel, eine Steckdose. Was will man mehr?

Nichts ist älter als der Blogbeitrag von gestern. Dennoch. #AnsKap

Eigentlich wäre es ideal, die letzten drei Nächte hier auf dem Camping Solvang zu verbringen. Er ist nur sieben Kilometer vom Flughafen Alta entfernt, wo ich übermorgen um 7:35 Uhr zurück fliege nach Frankfurt.Vielleicht ist er mit 170 norwegischen Kronen pro Nacht relativ teuer – viel Erfahrung mit den Zeltplatzpreisen in Norwegen habe ich nicht. Einzig vom Hörensagen weiß ich, dass der eine oder andere Platz nur 90 Kronen die Nacht kostet, umgerechnet etwa zehn Euro und dieses Hörensagen hörte sich stets ein bisschen nach sensationell billig an.

Egal. Der Platz schließt glaube ich heute die Saison ab. Ein finnischer Psychologe sagte mir das, der gerne bis Freitag geblieben wäre. Timo aus Oulu, fußballkundig, Rammsteinfan, Mann mit Hund, bärtig, Outdoorklamotten und ein Allradauto, das SOLCH einen sonoren Motor hat und SOLCHE Reifen, kurzum, einen Typen, den man nie und nimmer für einen Psychologen halten würde.

An der hießigen Uni wird er ab heute für eine Woche lehren oder referendieren, so ganz habe ich es nicht verstanden. Fakt ist, dass er im September und November wieder kommen will und natürlich wird er zelten, zusammen mit dem Hund neben dem riesigen blauen Auto mit der düsteren Stimme.

Wir verstehen uns prächtig und schwadronieren über Fußball, Rammstein die Band, Ramstein die Stadt und solche Dinge, die mich zwar nicht sonderlich interessieren, und die vermutlich auch Timo nicht so arg interessieren, aber wir Reisende nehmen das Gesprächsfutter wie es gerade kommt. Fußball ist nunmal Deutschland wie die Sauna Finnland ist und das Matterhorn Schweiz und das Baguette französisch.

Mit einer Rumänin, die aus Paris kommt, unterhalte ich mich über die romanischen Sprachen im Allgemeinen und die französische im besonderen und ruckzuck mäandriert das Gespräch zu Ludwig IX, zum Absolutismus, zur Hochsprache der damaligen Zeit, um schließlich zu Norwegen und Alta zurückzukehren.

Hast du die Felszeichnungen gesehen? – Noch nicht. – Den Canyon, immerhin der größte in Nordeuropa? – Boa, das Wetter ist so schlecht.

Kurz schwebt der Gedanke im Raum, gemeinsam mit dem Auto, das sie gemietet hat dahin zu fahren, aber sie hat ja noch zwei Italiener im Gepäck, Rucksacktrampende, die sie um zehn Uhr zum Flughafen bringen möchte und Monsieur Irgendlink, moi même ist noch nicht bereit, das regennasse Zelt abzubauen.

Überhaupt, wie sieht der Tagesplan aus so zwischen Tür und Angel, kurz vor dem Abflug?

Fakt ist, dass ich den Camping verlassen muss, weil er ja schließt und Fakt ist auch, dass Hotel oder andere feste Unterkünfte nicht in Frage kommen wegen zu teuer und überhaupt, ein wildes Tier kann man ja nur schwer zwischen Hotelmauern sperren.

So schalte ich heute in den Langsamradelmodus, werde vielleicht zur Universität rüber radeln und mir die Zeit im dortigen Wlan vertreiben oder ins Schwimmbad gehen, das direkt gegenüber der Nordlyskathedralen ist. Das ist eine schneckennudelförmige Kirche, ein ziemlich tolles Bauwerk, das so in den Himmel ragt, dass das Nordlicht, welches in den langen Winternächten grün am Himmel züngelt direkt an den Kirchturm anknüpfen kann.

Ich glaube nicht, dass es diese Kirche 1995, als QQlka und ich hier vorbeiradelten, schon gab. Wie mir dieses gesamte Alta so vorkommt, als sei es erst in den letzten zwanzig Jahren gewachsen. Gab es das Scandic Hotel schon? Die riesige Passage mit dem Rema1000 Baumarkt? Ich erinnere mich nicht.

Auch das letzte Bild des Kapschnitts, auf der E6 Richtung Norden aufgenommen in einer leicht ansteigenden Rechtskurve mit dem Hinweisschild ‚Nordkapp 212‘ Kilometer konnte ich gestern nicht finden. Die Entfernung zum Nordkap hat sich sowieso geändert. Überall wurden die Kilometerangaben überklebt, weil die Strecke durch den Bau des Nordkaptunnels um etliche Kilometer länger geworden ist.

Wie wären wir 1995 überhaupt auf die Nordkapinsel gekommen, wenn wir nicht in Alta umgekehrt wären?

Wie sieht die Nordkap-Streckenhistorie aus? Vermutlich musste man irgendwie nach Honningsvåg kommen und von dort auf der erst – ich glaube – 1956 eröffneten Nordkapstraße ans Kap radeln.

Wenn man sich Straßen, insbesondere in Gebirgsgegenden oder auch in den Fjorden einmal näher betrachtet, wird man deutlich die Spuren erkennen wie sie gewachsen sind, wie nach und nach Brücken und Tunnel und tiefere Einschnitte in den Fels die Strecken verkürzten und die Steigungen minderten. Oft findet man die Überreste der früheren Straßenversionen in Form von Parkbuchten wieder.

In Frankreich mag man sich manchmal wundern, warum sich abseits der Straße plötzlich eine Platanenallee befindet, unnatürliche Parallelen im Nichts.

Und irgendwie ist das Prinzip der Straßenbegradingungen, des Wachstums eines Verkehrsweges ansich auch an dieser meiner virtuellen Reise erkennbar. Was früher mühsam mit Hand in Kladden notiert wurde, kommt heute direkt per Bluetooth-Tastatur in ein vielfach umformbares Dokument, ist angereichert mit Bildern und sogar eine Minimalrecherche ist direkt vor Ort dank Internetverbindung jederzeit möglich. Das Tüpfelchen auf dem I dürfte die kommunikative Komponente sein, schließlich kann man via Twitter und Blogkommentar jederzeit mit dem live schreibenden ‚Künstler in Bewegung‘ in Kontakt treten.

Nachdem ich gestern das Sennalandet von Norden kommend durchquert hatte, wurde mir bewusst, wie gut unsere Entscheidung war, 1995, uns nicht noch weiter zu quälen bis zum Nordkap. Ich vermute, die bis um die vierhundert Meter hohe und gut dreißig Kilometer lange kahle Hochebene hätte uns jeglichen Spaß ausgetrieben.

Nun lässt der Regen nach, wie angekündigt. Das Zelt werde ich wohl nicht trocken einpacken können, aber es bleiben ja noch zwei Tage und Nächte, um mein Heimreisepäckchen fluggerecht zu konfigurieren. Da das Fahrrad vermutlich extra berechnet wird, habe ich genug Freigepäck. Um aus fünf Packtaschen ein Gepäckstück zu schustern habe ich hier im Campinggebäude einen großen Müllsack gemopst, mit dem ich die zum Bündel verschnürten hinteren Packtaschen umwickele. Eigentlich sollte alles, was ich habe in diese beiden Taschen passen.