Urban Artwalk Dahn

Am Kultursonntag in Dahn hatten Frau SoSo und ich mal wieder die Gelegenheit, „live in Action“ einen sogenannten Urban Artwalk zu unternehmen. Einen künstlerischen Stadtspaziergang, bei dem man sich durch die Stadt treiben lässt, hinschaut und hinhört, eins wird mit der Atmosphäre und wie ein digitaler Jäger und Sammler Fotos, Filme, Texte ins Smartphone bannt.

Rezept für einen Urban Artwalk
Rezept für einen Urban Artwalk (zum Vergrößern bitte anklicken)

Der Clou an der Sache war, dass wir die Daten direkt an unseren Onlinedrucker übermittelten und in der Galerie N im alten Rathaus eine eigens bereit gestellte, leere Wand nach und nach füllten. SoSo und ich wechselten uns in zwei Sessions spazierend und am Drucker ab. Zwar gab es ein paar technische Schwierigkeiten – wir hatten kein WLAN und mussten uns mit zwei Mobilfunknetzwerken behelfen, wobei eines der Smartphones partout nicht vom Drucker erkannt wurde … lassen wir das, die Sache lief trotzdem irgendwie und wir füllten die Wand.

Knapp 200 Fotos haben wir gemeinsam erjagt und ersammelt und daraus eine Collage erstellt, wie wir das mit jedem unserer Artwalks machen (in dieser Artwalk-Liste  findet Ihr eine Karte aller Kunst-Stadtspaziergänge 2007 bis 2015).

Das Panoramabild des Dahner Wahrzeichens, des Jungfernsprungs im Kopf dieses Artikels wurde ebenfalls auf dem Smartphone gestaltet. Es ist eine Art Hipstamatic-Autostitch-Hybrid. Also mit zwei verschiedenen Apps auf dem Smartphone realisiert.

Die folgende Collage zeigt eine Urban Artwalk Auswahl von Bildern von SoSo und mir.

Urban Artwalk Dahn Bildcollage
Urban Artwalk Dahn Bildcollage

 

Villefranche-de-Conflent

Ein Ausflug ins fünf Kilometer nördlich von Vernet gelegene Villefranche-de-Conflent. Sonntags Urban Artwalk. Charmante Vauban-Festung, die einst das Tal des Têt hinauf nach Spanien kontrollierte. Es gibt nur zwei Stadtore: die Porte d’Espagne und die Porte de France. Der Festungsbaumeister Sebastien Prestre de Vauban stand über 50 Jahre im Dienst Ludwigs XIV. Er erbaute in Frankreich zahlreiche Festungen und Seehäfen und revolutionierte die Befestigungen. Lange galten seine Bauwerke als uneinnehmbar.
Heute führt auf der einen Seite die Nationalstraße 116 vorbei an Villefranche und auf der anderen Seite die Train Jaune, die berühmte gelbe Bahn, von Perpignan nach Bourg Madame. Sie ist eine der am höchsten hinaufführenden Bahnen Europas (vielleicht die höchste), die ohne Unterstützung durch Zahnradantrieb den Höhenunterschied überwinden. Eine Hin- Rückfahrt von Villefranche bis Bourg Madame an der spanischen Grenze kostet im Wintersonderangebot 11 Euro. Die Strecke soll atemberaubend sein. Ein Weg dauert drei Stunden. Ob ich wohl SoSo zu solch einer Ochsentour überreden kann?
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Die hintersten Winkel der Stadt

Wie die Motten ins Licht des Sehenswerten – jenseits der kilometerlangen al-hambresquen Stadtmauer parken wir das Auto auf dem scheinbar letzten freien Parkplatz der Stadt. Nachunskommende behelfen sich mit widrigen Plätzen in Durchfahrten, auf Gehwegen, vor Zebrastreifen, provençealisch legèr schlagen sie die Türen verbeulter Kleinwagen zu und verschwinden in einem winzigen Loch in der Stadtmauer. Wir nehmen das Haupttor die Rue de Thiers mitten ins Herz der Stadt. Rue de chiers, rue de chiers, rue de chiers, rattert dabei ständig die Gedankenmühle und ein monalisa-isches Lächeln umspielt meine Lippen.
Papstpalast, Parks, Plätze, riesenseifenblasenblasender dreitagebärtiger Mann und Bob Marley persönlich scheint auferstanden im Schatten einer Platane zu singen. Eine Drohne schwirrt über den Dächern, umkreist die goldene Madonna auf dem höchsten Turm, dazu das schräge Winterlicht und die halbe Rhône-Brücke. Welches ist das meistgedachte Lied jetzt hier?, fragt SoSo. Für einen Moment vertreibt Sur le Pont d’Avignon, on y dance on y dance mein mantrisches rue de chiers.
Später, abseits des Mahlstroms des Tourismus, der einen zähen Allerweltsbrei durch die engen Gassen treibt, entdecken wir eine kleine, schlafende, aufgerissene, in Umbau befindliche Straße entlang eines Mühlbachs. Die Bäume am Rand sind allesamt mit knallrotem Plastikrohr umwickelt zum Schutz vor Baggerschaufeln. Im Mühlbach hängen verwitterte, festgefahrene Mühlräder, deren Achsen in einem nichtendenwollenden Gebäude verschwinden und auf der anderen Straßenseite reihen sich Cafés, Läden, Theater, Ateliers, winzig winterzu. Schon schmeckt man den nächsten Frühling, die renovierte Straße, das pulsierende Leben jenseits der Jahreswende.
Eine Bildtafel zum Thema findet sich in diesem Artikel ganz unten.
Straßenszene in Avignon

Jahr ohne Termin

Ein Jahr ohne Termin!, schießt es mir kürzlich in den Sinn. Ich stehe auf der Treppe zur Künstlerbude, umlullt von Herbstluft und phantasiere, wie es wäre, wenn sich Zeitempfinden in Luft auflösen würde. Eine nicht enden wollende Kette von Ewigkeiten wäre die Folge. Ich öffne die Wohnungstür, greife zum Telefon und vereinbare einen Arzttermin um Punkt acht Uhr im Februar. Kurze Zeit später liebäugele ich mit Winter in der Provence, greife zum Internet und buche eine Ferienwohnung von dannunddann 2013 bis dannunddann 2014. Das wars dann endgültig mit der phantastischen Idee vom Jahr ohne Termin. Wir müssen dannunddann um Punkt elf den Ferienwohnungsvermieter treffen und die Bude sauber geputzt zurück geben. Auch Silvester ist nicht gerade terminfrei. Um vier Minuten vor vierundzwanzig Uhr stehen SoSo und ich auf der Burgruine von Saint Viktor. SoSos Handywecker klingelt, damit wir rechtzeitig in Position sind, um über das knapp 2000 Seelendorf und die Rhône-Ebene zu schauen und uns ein schönes neues Jahr zu wünschen. Wir sind alleine. Vom Dorf hören wir zwei Silvesterparties, nervöse Hunde, durchsetzt von Stille und dem leisen Säuseln der weitwegen Autobahn. Der Tumult mit Rauch und Tamtam um Punkt null Uhr zeigt sich sehr verhalten. Ein zehntausend-Watt-Strahler streicht weißes Licht über die erste Burgmauer und erhellt das dahinter stehende einstige Burggebäude. Mit den Armen rudernd werfen wir Schatten an die Wand, scharfe, winzige Menschenschatten, die man von unten aus dem Dorf vielleicht gar nicht wahrnimmt, so weit oben sind wir. Flaggenanalphabetismus … was wir wohl gerade ausdrücken mit unseren ungelenken Flaggenarmbewegungen?
Nordöstlich über Orange zuckt Feuerwerk. Avignon, fast zwanzig Kilometer entfernt und ohne Wolkendecke, ist nicht zu erkennen.
Bild: Urban Artwalk Avignon, im letzten Jahr. Einige Stunden erforschten wir die als Welterbe anerkannte Stadt. Die Hipstamatic-App wurde auf Zufallsmodus gestellt. Die Fotos später in appspressionistischer Manier per TurboCollage zu einer sieben mal sieben Bildertafel arrangiert. Auch auf erdversteck.de gibt es eine Szene aus Avignon. MudArt Künstler Moorlander hat in seinem skandalumwitterten Werk Sur le gâchis d’Avignon eine bizarre Kulisse im Vordergrund der berühmten Pont d’Avignon geschaffen.

Bildcollage mit 49 Hipstamatic Fotos aus Avignon quadratisch
Urban Artwalk Avignon 30. Dezember 2013