Ans Kap oder UmsLand Hessen?

Was ist es eigentlich, was mich so fasziniert am Nordkap als Reiseziel? Man riet mir ab. Die ganzen 3600 Kilometer durch Deutschland und Schweden auf dem Weg dahin im Jahr 2015 riet man mir ab. Fahre da nicht hin. Das ist langweilig. Ein Fels im Nebel mit einer von Menschen für Menschen gemachten Kugel darauf. Überlaufen. Touristen. Es gibt Schöneres, zum Beispiel Vardø.

Vardø bei Vadsø bei Kirkenes stelle ich mir auch nicht anders vor. Fels, Fels, Fels und drunten brandet die Barentssee. Bis zum Kap sind es von Vardø nur gut 250 Kilometer. Die russische Grenze ist nah. Bei schönem Wetter kann man die Kriegsschiffe in internationalen Wassern aus den Wellen ragen sehen, stelle ich mir vor. Unheimlich. Ich schweife ab.

Seit 2021 plane ich ein Remake meiner AnsKap-Radtour 2015. Aus pandemischen Gründen scheiterte das Vorhaben. Ich feiere sozusagen zwei Jahre nicht ans Kap radeln. Aber stimmt das? War die Pandemie tatsächlich der Grund, die Reise nicht anzutreten? Oder bin ich einfach nur alt geworden und drücke mich um meine Lebensträume herum, versuche ich unbewusst das Unbequeme, was das lange Reisen mit dem Fahrrad mit sich bringt zu vermeiden und schiebe äußere Einflüsse wie die Pandemie vor als Grund fürs Scheitern eines Vorhabens, das ich in Wahrheit gar nicht vorhabe?

Der echte Irgendlink auf dem Prüfstein. Komm, Junge, erzähl dir endlich die Wahrheit. Du willst es nicht. Du willst es. Du willst es, aber. Du willst es nicht, es sei denn … all die Zweifel. All das Weltgeschehen.

Wenn mein Leben ein Roman wäre und ich nur ein erfundener Protagonist, dann stünden dieser Jahre die äußeren und die inneren Konflikte blank und ganz klar. In einem alternden, vom Zerfall bedrohten Körper (ich erinnere an die unklare Raumforderung, siehe Beitrag zuvor), denkt und agiert einer, knallhart konfrontiert mit malmenden äußeren Mechanismen der Pandemie und des Kriegs.

Was denkst du wie das abgeht in der Kapregion, wenn die Sache in der Ukraine sich ausweitet! Die russische Grenze ist gerade mal 200 Kilometer entfernt. Lass die Finger davon, fahr meinetwegen nach Portugal.

Langanhaltendes Rumoren in der Gegend um Lakselv, ein tiefes Brummen wie Nachbrenner, Düsenantrieb, Tausendgestank und abscheuliche Gewalt liegt in der Luft. Ich bin fast alleine auf der E6. Der letzte schöne Sommertag. Weites sumpfiges Land oder Waldland oder ein See. Karger Bewuchs, ab und zu ein paar Rentiere, Holzlaster, spätsommerliche Wohnmobile. Zum Gruß und als Beifall für den Kapradler ein Hupen hie und da. Wenige zig Kilometer bis Lakselv, ein kleines Städtchen an der Barentssee. Natürlich gibt es einen Flughafen, Supermarkt, Tankstelle. Das Donnern in der Luft scheint mir nicht von zivilen Maschinen  zu rühren. Die würden starten, wegfliegen, leiser werden. Bald schon wird sich die Straße hinabstürzen zum Fjord. Links und rechts Schilder mit Warnungen. Militärisches Gebiet. Aha. Wie daheim zu Füßen von Ramstein also. Kampfjets, die nachhaltig nachbrennend und unsichtbar in der Luft liegen. Den akustischen Raum rings um den Fjord minuten-, ach was, viertelstundenlang beherrschen, nichts anderes zulassend als Lärm.

Muss ich mir das noch einmal antun?

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iDogmakarte 128 2015

Wenns möglich ist, warum nicht! In meiner Erinnerung kratze ich allmögliche Orte zusammen, die ich während der Reise 2015 durchquerte. Einige, seltsamerweise nicht einmal die schönsten, sind immer da. Harte Gesteine die aus erodierten Erinnerungen ragen. Unheimlich geschundene Nutzwälder in Schweden etwa; jener verregnete Tag in Batskärsnäs im nördlichsten Bootshafen Schwedens; die starrenden Magmaaugen in einer Felswand an der E69; Steinmännchenstrand am Porsangerfjord und schließlich die drei Kilometer lange neun prozentige Sturzfahrt hinunter in den Nordkaptunnel …

Nichts ersetzt die Gegenwart. Früh morgens, einsames Gehöft. Mein Geburtstag 2023. Kann nicht mehr schlafen, also stehe ich auf, schüre den Holzofen ein, beginne bei 16 Grad, stelle das Nordkap in Frage. Wie so oft dieser Tage. Eigentlich musst du doch gar nicht mehr reisen, Herr Irgendlink. 2016 mit der letzten großen Tour nach Gibraltar hattest du all deine Ziele erreicht.

Mit dieser Reise geht eine Trilogie zu Ende. Ums Meer 2012, Ans Kap 2015 und Gibrantiago sind die Rohdaten für eine Europenner-Trilogie. Ich kann endlich beruhigt heimkehren und auch da bleiben und mich auf ein Leben als Schriftsteller freuen. In Gedanken fabuliere ich, dass mit diesen drei Reisen und den Kunstfotos daraus auch fast schon ein kleines Lebenswerk fertig geworden ist.

Ich bin sehr zufrieden. (Europenner-Blog 2016)

Das Ziel ist nicht das Ziel. Der Weg ist auch nicht das Ziel. Es gibt keine Ziele. Alles läuft auf Orientierungslosigkeit hinaus und mit ihr kommt das Vertrauen. Vertrauen darin, dass es immer irgendwie weiter geht. Auch im Stillstand geht es weiter. Nur eben so langsam, dass man es nicht bemerkt. Auf diese Weise wirst du ein Ziel erreichen, ohne ein Ziel zu haben, vertrau dir. Postuliere ich altklug.

Das Jahr ist offen. Das Nordkap im Visier wie jedes Jahr. Na klar. Was soll ich denn sonst ins Visier nehmen … achje, da gibt es Vieles. Das Viele ist mein Fallback, falls das mit der Raumforderung schief geht. Dann mache ich die kleinen feinen Dinge. Durchs Elsass zur Liebsten radeln. Ha, die Tour, nur 350 Kilometer, wiederholste doch auch immer wieder und es ist immer anders, immer neu, immer abwechslungsreich, obwohl du oft die gleiche Strecke radelst. Wenn man sich von der viel beschrienen Bucketliste der Zutuns in dieser Welt verabschiedet, findet man seinen Frieden. Dann weicht jeder Druck. Darf wieder und wieder, darf anders. Man kann alles immer wieder tun und es wird Freude bereiten. Es wird trotzdem etwas Neues. Im Alteingelatschten können wir immer Neues entdecken, sagt die Hoffnung, sagt die Ahnung. Wir dürfen uns nur nicht blenden lassen von den Verlockungen vermeintlichen Neuens.

Im mürbenden Nachdenken über den Sinn der bevorstehenden Reise gebiert sich die Erkenntnis, dass das Einzige was ich an Langstreckenabenteuern noch tun könnte und was wirklich neu wäre, eine Umradelung der Erde wäre. Möglich wärs. Tun werde ich es nicht. Warum? Weil ich an einer früheren Stelle des Lebens eine andere Abzweigung genommen habe. Mich ein zwei Jahre rauszunehmen, die Liebsten und Nächsten zurück zu lassen, wäre eine Gewalttat gegen die Liebsten und auch gegen mich.

Künstlerbude, fast sechs Uhr früh. Der Artikel nimmt einen komplizierten Lauf, so dass ich ihn wohl erst einmal in den Privatmodus setze. Ist es den Lesenden zuzumuten, hin- und her- und abzuschweifen? Dieses katzengleiche, sich mit einem Wollknäuel balgende Künstler- und Schreibendenhirn. Putzig.

Kap oder nicht? Alles ist offen. Im Mai könnte ich starten. Ich habe ein Winterzelt gekauft, das ich mir selbst zum Geburtstag schenke. Ich habe aber auch Radrouten Hessens herunter geladen, denn ein Hessen wäre natürlich auch ein feines Projekt. Beständigkeit, Beharrlichkeit. Abwarten. Vorankommen im Verharren. Zusehen wie sich die offenen Fäden der Zukunft zu Gegenwart verwinden, für den Moment klar und stark und unzerreißbar und schon Momente später spleisen die Fasern, löst sich alles auf, verschwindet in einer mal zu mal verschwimmenden Unschärfe der Erinnerung bis zur Unkenntlichkeit des Nichts.

Ich spraye ein Graffito auf die Paywall am Ende des Artikels.

 

 

 

Vom Anbeginn der Niere und Raumforderungen in der eigenen Psyche

Zwei Arzttermine blockten den gestrigen Tag. Ein Fixpunkt im Monat. Dritte FSME-Impfung und allgemeines Arztgesprächsgeplänkel, was beim Hausarzt mitunter einen anregenden bis beschwichtigenden, beruhigenden Charakter hat. Meist jedoch sind die Gespräche hektisch, zwischen Tür und Angel und der Doctor biegt sie immer in seine Richtung à la das und das habe ich auch seit langem, das ist nicht schlimm, Sie sind ja noch gut beisammen für Ihr Alter; da kann man nix machen; da, eine Überweisung und jetzt weg. Mein Vater hatte unseren Familienleibarzt Doc Holyday getauft, weil es in ihrer beider Gespräche stets ruckzuck um Ferien, Reisen usw. ging. Mit Medikamenten und der Erkenntnis, dass man da nix machen kann, verließ er die Praxis.

Ich bin da eher beharrlich, habe in der Hinterhand stets einen Fresszettel mit Notizen dabei, den ich aus dem Ärmel ziehe wie so ein Falschspieler das letzte As. Auf dem Zettel steht meine gesundheitliche Roadmap. Impfung check, dieses Medikament nehmen oder nicht, weil es steht doch im Widerspruch zu dem und dem? Eins noch, wenn es da weh tut, muss ich mir dann Sorgen um Herz, Leber, Lunge machen? Der Doc nutzt seine Chance, um einen Vortrag über den Anbeginn der Niere, Vererbung und seltene nephrologische Phänomene zu knüpfen. Die Raumforderung (ich erwähnte sie in einem anderen Blogbeitrag), kurz RF ist jedoch in mir drin und es beunruhigt mich, was es auf dem Nierenmarkt an absonderlichen Dingen gibt. Als der Doctor über Wandernieren erzählt, gelingt es ihm, mich abzulenken. Schon schmunzele ich beim Gedanken an Radlendennieren, Autofahrernieren, Pilgerinnennieren und ÖPNV-Nieren.

So schlau als wie zuvor und noch immer einen guten Monat vom MRT entfernt (gottlob hatte ich den Termin schon im November ausgemacht), verlasse ich die Praxis. Nachmittags noch eine Untersuchung beim Urologen. Das war ja auch so eine Sache. Mit dem Befund aus der Nephrologie Ende November fragte ich den Doc, hey, da steht RF drauf, drei Zentimeter groß, verkalkt, ist das schlimm, können Sie vielleicht den Termin in der Röntgenpraxis für mich ausmachen, dann geht es vielleicht schneller, woarufhin er sich windet, gehen sie erst einmal zum Urologen, wieso Urologe, frage ich, weil der dafür zuständig ist. Das Rollen verdörrter Büsche in den Tiefen meiner phantastischen Seele, aber was weiß denn ich, ist eben der Urologe zuständig, wenn der Doctor es sagt und immerhin gibt es den Urologentermin sogar früher als das MRT. Dennoch: mehr als Ultraschallen wird er wohl nicht machen, denke ich, aber vielleicht auch doch und überhaupt, vielleicht sieht er dann ja, dass RF zurück gegangen ist, herrje, so war es dann genauso. Zehn Minuten Urologie mit lieblosem Ultraschall (in der Nephrologie dauerte das Ganze eine dreiviertel Stunde und man bezifferte die RF auf den Millimeter genau. Der Urologe sagte jedenfalls, dass das Ding um die drei Zentimeter groß ist, schluss mit von selber Weggehen und nuja, MRT sei noch lange hin, aber nicht so schlimm. Gut, dass ich es schon im November angefragt hatte. Falls die RF schädlich sein sollte, würde er mir die örtliche Uniklinik anraten, denn bei anderen Kliniken verlöre man ruckzuck die ganze Niere.

Okay. So sieht das also in mir aus gerade. Die Raumforderung ist längst rein mental im Kopf angelangt und ich muss ständig darüber nachdenken, obwohl ich null Probleme habe. Keine Schmerzen, kein Blut, kein Unwohlbefinden, nichts.

Sorgen, dachte ich jüngst noch, sind die größte Verschwendung von Zeit. Wie oft im Leben denkt man, dies und das könnte passieren und es passiert meist entweder nicht oder es passiert und ist nur halb so schlimm.

Wenn man alle Lebenszeit, in der man sich mit Sorgen belegte, zurück erhielte, könnte man vermutlich einige Jahre Ferien machen.

 

Alltagsfetzen, nicht von Belang feat. ich baue eine Zwischendecke

Wohnung in Transition. Technodudel. Zehn Uhr früh. Trister Morgen. Kälte ante Portas sagt der Wetterbericht. Ich habe alle Bilder von der Wand gehängt, Kleinkram weggeräumt. Nur noch der PC steht auf dem Tisch, eine Lampe, eine Maus, eine Tasse und ein Brillenetui. Noch ziere ich mich vor der Arbeit.

Im Oktober schon hatte ich prepperesk propagiert, ein paar Winterbaumaßnahmen in der zugigen Bude durchzuführen, damit die Wärme sich nicht im vier Meter hohen Dach kuschelt, während die Künstlerfüßchen zu Eisklumpen geraten. Eine schlichte Zwischendecke täte not, sagte ich mir. Balken liegen irgendwo auf dem Gehöft. Es fehlten Bretter, Schrauben, und der Mut aufzubrechen. Okay, dann kam Covid und verhagelte all meine Pläne. Statt eitel Bau- und Holzfällerbübchen-Winterfürsorge war Bettruhe angesagt. Auch gut. Wenn man das Verharren durchhält. Noch immer danke ich meinem hochsommerlichen Vorcovid-Ich, dass es bei vierzig Grad im Schatten genug Brennholz vor der Haustür geschichtet hatte, um die „große Schlappe“ zu überstehen.

Der November kam und der Dezember kam und nun ist schon mitte Januar. Nach kurzem Kälteintermezzo vor Weihnachten herrschte absolut mildes aber sudeliges Klima in der Saarpfalz; zudem war ich kaum zu Hause. Eine Woche nahe Avignon zum unheimlich entspannten Jahreswechsel, dann Nürnberg, Mainz, beheizte Buden oder auch nicht, schon bald zweitausend Bahnkilometer im Hintern.

Soll nochmal kalt werden. Die Materialien für die Zwischendecke sind da. Gestern und vorgestern hobelte ich die Balken, tränkte sie in Leinöl. Im Prinzip sollte die Sache in zwei drei Stunden erledigt sein. Dann würde die Hitze nicht mehr abhauen, ich weniger Holz verbrauchen, so mein Plan.

Tja, ein Blogartikel wäre auch noch zu schreiben. Einer, der fürs bezahlte Bloggen taugt – die Vorlage im Reallife lieferte die Rückfahrt per Bahn aus Mainz.

Dieser Artikel läuft unter der Rubrik Alltagsfetzen, nicht von Belang, aber doch da.