Ein Samstag. Regen durch die Nacht und übler Sturm. Ich gehe es langsam an auf dem Campingplatz Kommandörs-Gard im Süden Römös. Kaffee, Frühstück, Schreiben. Das Schneidersitzbüro par excellence, ganz wie früher. Meine Haltung tut weh, obschon es dem Rücken besser geht denn je, sitze auf der Luftmatratze bequem, die Beine verschränkt, Tastatur auf dem Boden, etwas zu tief (nun, da ich dies schreibe, liegt sie wie ein Brettchen auf den gefalteten Unterschenkeln) aber gestern noch unerfahren, ich Greenhorn, lange nicht geschneidersitzbürot. Die letzten Artikel schrieb ich an Picknicktischen sitzend. gestern die Witterung so mies, dass ein Verlassen des Zelts unangebracht schien. Zudem gabs im Kommandörsgaard keine Sitzbänkelchen in der Nähe. Der Platz ist wie jeder „gute“ moderne Campingplatz auf Autotouristen getrimmt, Leute mit Wohnwagen oder mit Wohnmobilen oder ohne Wohnwagen aber mit genug Geld für eine der Hütten hinter mir. Die Hütten beleben gegen halb sieben. Da bin ich schon hellwach, koche Kaffee, bummele in den Tag, denn der Regen lässt ohnehin erst gegen zehn nach. Früher kriegste mich hier nicht weg. Ich gönne dem Geschirr eine erstmalige echte Spüle, hatte ich es sonst doch nur mit Grasbüscheln ausgewischt und gut. Der Putzmann im Campingwaschhaus gibt mir von seinem Spülmittel, Schwämme liegen herum, wohl vergessen von anderen TouristInnen. Ich spüle Topf, Löffel und sogar das Kaffeemaschinchen, ein Geschenk der Liebsten, mein einziger Luxusgegenstand, den ich noch im Gepäck habe. Über fünf Kilo überschüssiges Gepäck hatte ich bei Freund Fliegerhorst gelassen: die beiden Fronttaschen und den vorderen Gepäckträger. Das schwere Trelockschloss, das ich schon längst hätte abmontieren sollen, wir tauschten es gegen ein leichteres, billiges Drahtschloss, das mir Fliegerhorst lieh. Das Trelock hatte ohnehin den Makel, dass es beim Aufschließen hakt, weshalb ich stets das Gefühl hatte: was, wenn ich es einmal nicht mehr öffenen kann? Fliegerhorst erzählte dazu eine Geschichte wie er in Kassel sein Schloss nicht mehr öffnen konnte – hoffentlich nicht das, das er mir lieh – man wirkt dann ja wie ein Fahrradieb, wenn man so rumfummelt.
Der Tag: Bei einem wuchtigen Walfischunterkiefer, sicher zwei drei Meter lang in einem Vorgarten mache ich einen Fotostop. Parke das Radel auf dem zweispurigen Radweg, da kommt mir mein dänischer Mopedfahrer entgegen, hupt, winkt, schüttelt den Kopf. Es ist nicht unsere erste Begegnung, realisiere ich. Dieses Mal ist er also nicht freundlich sondern erbost offenbar. Auf dem gestrigen Hinweg auf dem Deich hatte er auch gehupt und gewinkt, tolles Bild, das ich gerne gefilmt hätte und insgeheim gehofft, dass er mir wieder auf dem Deich begegnet. Moped mit großer flatternder Dänenflagge und Mensch, wahrscheinlich Mann, der darauf sitzt im Sturm. Nuja. Erbostes Hupen und ich frage mich mal wieder, wann es angefangen hat mit diesem pingeligen Protektionismus, mit diesem, hey, hier ist die Grenze, haste was falsch gemacht, musste gerügt werden durch Hupen und böse Blicke und Kopfschütteln. Keinen guten Gefühls geht es weiter. Auf den Deich, spreche aufs Video, wann ich bei welchem Kilometerstand losfahre, vergesse zehn Kilometer weiter auf dem Festland, auf die Uhr zu schauen, bin aber etwa sicher, dass es mit Rückenwind nur etwa 25 Minuten gedauert hatte.
Weiter zunächst ein paar Kiloemter auf Kieswegen, schwer fahrbar, kaum 15 km/h, Rückensturm dennoch, obschon es sich zwischen Hecken und Schilf verliert. Wenn das so weiter geht bis Esbjerg, dann kann das eine heftige Sache werden. Kies wie in Lappland, relativ neu und noch nicht festgefahren. Von Gehöft zu Gehöft durchs Hinterland, ja ja, ich hatte von meinen drei Entscheidungen Esbjerg, Aabenraa oder Kolding, die letzteren beiden wahrscheinlich mit Rückenwind, Esbjerg gewählt, welches nördlich liegt und eher eine Seitenwindfahrt werden würde. Später am Deich radele ich mit einer Art Wirbelwind oder Windlosigkeit, wähne mich derweil im Rückenwind, aber als ich einmal umdrehe, um zu schauen, wie anstrengend es ist, in die andere Richtung zu radeln, stelle ich fest, dass ich mich in einem vom Deich abgeschrimten Art Wischiwaschi an Wind befinde. Stur weiter. Dunkle Wolken. Es bleibt trocken. Bin müde, aber stoisch genug, dass ich immer weiter fahren könnte. Bei einem Vogelbeobachtungshaus kurze Pause, die länger geworden wäre, wenn der Wind nicht durch alle Ritzen gepfiffen hätte. Es gibt in dem Häuschen ein Buch, in das man seine Beobachtungen eintragen kann. Vier fünf kubische Hocker, Sehschlitze, die mit Brettern verbaut sind, die man bei Bedarf abnehmen kann. Einer große Scheibe nach Süwesten, die aus Plexiglas ist, schirmt die Witterung ein wenig ab.
Kilometer gehen ins Land und ich bin meist allein. Ab und zu ein paar andere Radler. Ein kilometerlanges Stück Kiesweg, vorankriechend, zwei Radler entgegen, einer mit Brevetaufbau, Typ Bikepacker, aber er trägt auch einen riesigen Rucksack on Top auf dem Rücken. Der andere Radler, dem ich begegne, fährt klassisch wie ich mit Packtaschen und Gepäckrolle.
Bei der Kammerslus, einer gr0ßen Schleuse, die das Hinterland schützt, schaue ich mich ein bisschen um. Es gibt eine Art Atrium, ein Innenhof, in der ein 3D Modell des Gebiets um Ribe modelliert ist und wo die Schleuse quasi en miniature erklärt wird. Sie reguliert Ebbe und Flut und auch das Flüsschen Ribe. Riesiges Gebiet. In dem Modell kann man selbst Wasser hinein schütten und die Schleuse betätigen, um zu schauen, wie das funktiooniert. Interessanter und versteckt ist ein Raum mit Wandausstellung und Schautafeln, in dem sich vier Picknickgarnituren befinden. In der Ecke steht eine kleine technische Installation, eine Kurbel, mit der man das Ton abspielen kann. Und, für den Radreisenden ein Jackpot: Es gibt Steckdosen. Ich ruhe eine Weile, esse, lade das Telefon und den Pufferakku (obschon ich noch genug Kapazität habe, aber eine eiserne Regel ist, lade was geht wann immer es geht – nun, da ich dies schreibe lädt der Pufferakku an der Solarzelle, die hinter dem Zelt liegt. Bei bedecktem Himmel nur mäßig).
Im Kammerschleusen-Raum mit seinen Steckdosen ging es jedenfalls viel komfortabler zu. Leute kommen, Leute gehen, ein Platzregen geht nieder. Viele denken, das sei das Klo, andere picknicken auch. Zwei deutsche Radlerinnen, ein Deutsch-Dänisches Paar aus Hamburg. Sie radelten heute früh in Klanxbüll los, wohin sie per Zug kamen, wollen in ein 70 km nördlich gelegenes Ferienhaus der Eltern der Dänin. Zwei holländische Tagesradler, die mit dem Wohnmobil in Ribe sind.
Nach einem Platzregen gehts weiter, Esbjerg entgegen immer wieder mit Wind aus allen Richtungen. Der ist ziemlich laut und mürbt an den Nerven. Ich finde einen weiteren Picknickplatz, direkt daneben ein Shelter, markiere es in der Karte, denn es ist offen, ob ich, wenn ich in Esbjerg bin, nicht die gleiche Strecke retour fahre. Mein Ziel ist die riesige Skulptur ‚Der Mensch im Meer Mensch im Meer‘ , nördlich von Esbjerg. Etliche Meter hohe, sitzende schneeweiße Figuren, die hinaus aufs Meer starren. Schon 2012 hatte ich ein hastiges Foto gemacht, das Wetter war schlecht. Und nuja, ist es heute besser? Will trotzdem da hin und dann schauen, ob zurück oder weiter zu einem Shelter nordlich Esbjergs oder gar zur Insel Fanö.
Einkauf in Esbjerg bei einem Rema 1000. Norwegenerinnerungen werden wach, denn die Supermarktkette kenne ich vor allem aus Norwegen. Sieht leer aus, der Parkplatz, aber als ich drin bin, wimmelt es von Menschen. Kaufe Knäckebrot, Milch, Käse, Bier und Butter und eine kleine Snacksalami. 109 Kronen. Die Kasse zickt und obschon der Automat sagt, meine Karte sei akzeptiert, muss ich nebenan neu einscannen. Hoffen wir mal, dass es nicht doppelt berechnet wird (es wurde). Durchs samstäglich leere Esbjerg entlang der Hauptstraße. Traktor mit Anhänger voller Schulabgänger. Nordische Tradition offenbar. Im bösen Horizontalsprühregen erreiche ich die Skulptur. Einige wenige weitere Touristen und das ist das Gute am Mieswetter: nur mäßig von Touristen verstellte touristische Attraktionen. Filme mich mit Gorpro. Es ist verflixt. Der Wind zaust, sher schwer, gute Bilder einzufangen.
Im Ekelwettergetöse vergesse ich ein Handyphoto zu machen, um es zu posten. Also nix mit auf Mastodon damit angeben. Egal, der Goprofilm taugt hoffentlich. Radele retour Richtung Hafen: Es wird Fanö, habe ich entschieden, wenn es mit der Fähre klappt. Ich fahre mal zum Anleger, dreieinhalb Kilometer südlich durch trostlose Industrie und Fischerei. Ein Automännlein mit grünem Rennwagen braust laut, samtäglich verwaiste Gelände, auf denen Gerät und Zeug und Müll liegt. Ein paar Schläuche, die aussehen wie Kunst, nehme es per Handyfoto mit. Am Anleger liegt schon die Fähre und ich lasse mir den Fahrkartenkauf und das boarding von einer Frau am Schalter erklären: raus vor die Tür, Fahrkartenautomat, Sprache wählen, Anweisungen folgen, Reisendenanzahl und Radelanzahl eingeben, mit Karte zahlen und zack … 49 Kronen kostet es und ich kann mit dem QR-Code auf der Fahrkarte durch ein Gatter, durch das gerade so mein bepacktes Radel passt. Welche mit Anhänger müssen durch den Innenraum auf dem Fußgängereingang, weil das Gatter zu sperrig ist. Mir ist kalt, ich filme an Bord, auf dem Deck usw. Tolle Fahrt durch eine schmale Rinne im Watt, die offenbar auch bei Ebbe befahrbar ist und die Fähre fährt immer und drei Mal die Stunde. Offenbar ist Fanö ein Stadtteil von Esbjerg. Drüben Stille, weniger Hektik, Menschen verlaufen sich, verteilen sich auf der Insel und ich hole Wasser bei einem WC im Hafen, mache alle Flaschen voll, dann raus zum Trekkingplatz, der in der Openstreetmap gelistet ist. Bin gespannt, was mich erwartet? Samstagsparty mit Schulabgängern? Autorowdys? Müll, andere Touristen? Fast finde ich den Platz nicht, verirre mich auf einem Berg. Zumindest ein dicht bewachsener Hügel in dem Wäldchen. Urwüchsig. Immer wieder zücke ich das Handy zum Fotografieren oder um mich zu orientieren. Dann finde ich den Pfad zum Shelterplatz. Welch ein Idyll. Drei große Shelter und ein Plumpsklo etwas abseits, sowie zwei umzäunte kleine Areale, die wohl fürs Zelten vorgesehen sind. Im Shelter logiert schon eine Frau, deutsche Radlerin, seit langem unterwegs. ich baue mein Zelt vor den beiden verwilderten Umzäunungen auf. Später kommt noch ein junges Paar aus Holland. Sie haben das Auto unweit im Wald abgestellt und ihren Fliegenschutz und die Schlafsäcke hierher geschleppt.