Die Sonne kämpft mit dichtem Hochnebel. Schon früh rief Künstlerkollege KRD Hundefänger an und holte mich aus dem Bett, das ich dieser Tage nur ungern verlasse. Der Übergang von Traum zur Wachwelt kostet in den letzten Monaten eine ziemliche Überwindung. Ich will nicht da raus! Ich will keine News, keine Probleme wälzen und obschon die Träume alles andere als erquicklich sind, scheinen sie mir dennoch geringer von Übel als das Gezeter und Gezerre der echten Welt.
KRD rief an, um eine Email zu beantworten, die ich ihm geschickt hatte. Sie sei verschlüsselt und er habe nicht die Lust, sich ums Entschlüsseln zu kümmern, also besser Telefon. Gutso. Seit Jahresbeginn schufte ich hart an der Unpluggung, am Umbau von den Konzernen weg hin zu mehr Datenschutz, Datenhygiene, google-und applefreiem Zeugs. Flagschiff ist das neue Handy, das mir die Liebste zum Geburtstag schenkte und auf dem das googlefreie Betriebssystem GrapheneOs läuft. Da ich mit der Neuinstallation, weg vom Konzern, schon einmal dabei war, räumte ich allmögliches Zeug auf: Kalender und Kontakte in die eigene Nextcloud synchronisiert, einige Linux-Maschinen, die bei mir zum Einsatz kommen geupdatet, die Mailprogramme umgestellt, Mails verschlüsselt, die Gmail-Adresse zwar nicht gelöscht, aber weitergeleitet. Und weil es sich anbot im Rausch des Säuberns und Umbaus, räumte ich das Adressbuch auf, entfernte doppelte Kontakte, recherchierte fehlende Datensätze, pi, pa, po. Außerdem drei Raspicomputer in Ordnung gebracht, die mir in der kommenden Ausstellung als Slideshow-Minis dienen sollen; neuen Monitor gekauft extra für die Ausstellung. Ich liebäugele, auf einem der Raspis eine Slideshow zu zeigen und auf dem anderen, dem mit dem handygroßen Miniscreen, einen Film. Entweder den zwanzig Stunden langen Film „Mit dem Rad zur Liebsten März 2025“, oder den Bliestallabyrinthfilm in Echtzeit, der etwa vier Stunden lang ist.
Im Zuge der Filmideeërei habe ich mir auch das ungeschnittene Videomaterial das seit Jahren auf den Rechnern liegt vorgeknöpft und einige Projekte zu Ende gebracht. Mit der letztjährigen Irgendwohintour bin ich nun fertig mit dem Schnitt von Tag zwei. Der Film lädt gerade hoch zu meinem Tchncs-Account. „Mit dem Rad zur Liebsten 2025-März“ habe ich als 800 px breites Video gerendert als heißer Kandidat für die Ausstellung bei Becks. Es ist ein schlichtes Straßenfilmvideo, hatte einfach die Kamera auf dem Lenker mitlaufen und filmte drei Tage der Reise, insgesamt knapp 20 Stunden Film. Gedacht ist das Material eigentlich für meine Zukunft, falls sie nicht so rosig wird, ich womöglich dement oder hinfällig in einem Pflegeheim lande. Dann kann ich meine eigenen Radreisen als eine Art Slow-Movie anschauen.
Ich schlafe schlecht. Nachts grübele ich oft ums Weltgeschehen im Balltanz mit dem eigenen kleinen Leben. Letzte Nacht allerdings ging es in der unruhigen Wachphase um die kommende Ausstellung, die Retrospektive bei Becks. Hab Sorge, nicht fertig zu werden. Ach was, ich werde nicht fertig! Kunst ist nie fertig. Und am Ende, kurz vor Ausstellungsbeginn, mache ich immer Abstriche an die Realität. Am meisten nerven mich die Formalitäten. So muss ich der Galerie logischerweise eine Kunstwerkeliste zukommen lassen. Preise, Titel, Formate, Werksfotos, ein Statement und einen Ausstellungstitel. Nuja, sind noch zehn Tage Zeit.
Dennoch, ich muss endlich auf die Tube drücken. Hätte ich bloß in diesem Blog die begonnene Skizze weiter geführt – vor Weihnachten gab es ein paar Artikel, die sich mit den einzelnen Elementen der Ausstellung beschäftigten und ich hatte überlegt, wenn ich alle Ideen, die mehr oder weniger chaotisch in meinem Kopf miteinander rangeln hier skizziert hätte, dann wäre es leichter, die Ausstellung zu bauen. Was man einmal niedergeschrieben hat, ist oft klarer und sakrosankter als das wieder und wieder Gedachte aber nie Ausgesprochene. Selbst wenn man es nicht noch einmal liest, der Druck der Finger auf die Tasten ist wie ein Geben an die Echtheit der Welt. Ein haptisches Wahrmachen von Dingen, die ansonsten mit all den anderen Gedanken für immer im Kopf geistern, ungeformt, unausgesprochen, ephemer bis zum Gehtnichtmehr.