Höhe 226,325 – der Rotz läuft

Spuckt mich der junge Morgen am Zweibrücker Bahnhof aus. ZW-HBF, titele ich eine Geschichte. Gesprochen ‚Zwuhubf‘ mit ganz grausam verstümmelten Us.

Viertel Stunde zu früh. Auf Gleis zwei brummt der Diesel eines Triebwagens. Fast verwaister Bahnsteig. Ein schlacksiger Typ mit orangener Warnweste schließt die Aushängekästen auf und tauscht die Fahrpläne. Er hat einen Karton bei sich, in dem die gelben Poster gerollt Seite an Seite stehen. Die Ampel für meinen Zug steht schon auf grün. Gutes Zeichen. Keine Verspätung, hoffentlich. Dennoch muss ich die Minuten totschlagen. Schwerer Reiserucksack auf dem Rücken.

Das uralte, vermackte Emailleschild am Bahnhof in Zweibrücken zeigt die Höhe über Normal Null. An den meisten alten Bahnhöfen hängen solche Höhenangaben.

Die Fahrt aus der Pfalz zur Hauptlinie bei Karlsruhe dauert länger als die restliche Strecke mit dem ICE. Der Bahnhof hat weiß Gott schon bessere Tage gesehen. An der Wand bei Gleis Eins hängt ein Höhenschild. 226,325 Meter über Normal Null. Wenn ich ein so tiefes Loch in den Bahnsteig bohre, bin ich auf Meereshöhe. Ungefähr so weit wie bis zur grünen Bahngleisampel. Nur, um es mir bildlich vorzustellen. Wobei die Angabe vielleicht gar nicht mehr stimmt. Der Meeresspiegel steigt ja. Und noch mehr stimmt nicht mit diesem Bahnhof. Zum Beispiel ist das Kiosk verschwunden. Hinter zwei Meter hohen Scheiben klafft ein leerer Raum. Das wäre eine schöne Galerie. Jetzt ist es nur ein öder Raum. Überhaupt ist der Bahnhof in einem erbarmenswerten Zustand. Dort wo früher die Fahrkartenschalter waren, sind Bretter vernagelt. Gegenüber des ehemaligen Schalters könnten vor langer Zeit auch einmal Läden gewesen sein. Nun leere Räume. Nur noch ein Versicherungsbüro kauert hinter Milchglasscheiben. Welch‘ Signal Iduna. Der Taxidienst hat zu. Niemand will so früh mit dem Taxi fahren. Ein ‚zues‘ Restaurant ohne Öffnungszeiten namens Tender. Die Fleischgerichte sind gar nicht mal so teuer. In der Wartehalle tummeln sich einige Schüler. Besonders warm ist es auch hier in dem unheimlich schmutzigen Raum nicht. Klebriger Boden. Als habe die halbe Stadt gekotzt, gespuckt, aus elenden Wunden geblutet. Was für ein grausamer Tatort des Zerfalls. Ich rufe mir andere Bilder des Zerfalls vor Augen aus Frankreich und Spanien. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Provinz in ihrer Abgelegenheit langsam ausblutet, dass Menschen und Arbeitsplätze und der Komfort und das Miteinander und die Zwischenmenschlichkeit in die Städte fliehen. Was habe ich verwaiste Dörfer erlebt in den Cevennen, im Zentralmassiv, in Katalonien und Andalusien. Überall wirkte der Zerfall eleganter als hier vor der eigenen Haustür. Manchmal durchquerte ich Dörfer, in denen nur noch ein Haus bewohnt war, in denen nie ein Bus halten würde, in denen eigenbrötlerische Typen ihren kleinen Traum von Abgeschiedenheit und Ruhe lebten. Aber mit so viel mehr Würde.

In der Wartehalle saß ein dick eingemummelter Typ, schäbige Klamotten, uralte Sneakers, Koffer und Tüten neben sich. Nein, er saß nicht, er hing wie ein Klappmesser auf einem der austernförmigen Drahtmaschensitze. Das sind keine Sitze, das sind Verbrechen. Das ist ein Tatort. Jugendliche im Schmutz des Massakers. Jawohl: Tatort. Die Gesellschaft stirbt ab wie ein Lebewesenkörper. Zuerst die Extremitäten, Füße, Beine, Arme. Dann der Rest. Zuerst die Provinz. Was bleibt, ist Gerippe. Zerfallende Bauten. Und wenn der letzte Mensch die Provinz verlassen hat/gegangen ist, ist es auch sauber. Keine Spur mehr von Tatort, Spucke, Kaugummi und womöglich sogar Blut.

Seichtgrauer Winterhimmel hinter verwahrlosten Scheiben. Wie zum Hohn lacht der dreckigste Fußboden der Welt gen Decke. Der arme Teufel muss in Klappmesserchenstellung schlafen. Immer wieder klappt sein Oberkörper zwischen die Knie. Leise schnarcht er. Wie eine Wurst sieht er aus in der dicken, schmierigen, olivgrünen Pelle seines Parkas. Eine Wurst namens Klappmesser.

Fünf Minuten noch. Das Display am Gleis zeigt keine Verspätung an. Erleichternd. Ich krame einen Euro aus dem Geldbeutel und lege ihn dem Schlafenden auf den Koffer. Hoffe, dass ihn niemand bestiehlt, denn wenn dir jemand unbemerkt einen Euro hinlegen kann, kann ihn jemand anderes dir auch unbemerkt wegnehmen. Alles könnte man dem Mann nehmen.

Der Zug nimmt mich und die Schüler auf. Heizung defekt. Im imaginären Abschiedswinken sehe ich den Fahrplanwechsler, wie er an Gleis Zwei sein Werk fotografiert. Langsam setzen wir uns in Bewegung, das Schwarzbachtal hinauf. Man hat wohl eine Schleuse geöffnet. Der Bach hat wenig Wasser. Halbmeterhoch braun bleckt die Wasserfraßnarbe. Bäume liegen quer. Eigentlich ein Idyll, dieser nur etwa fünfzig Kilometer lange Wiesenfluss.  Thaleischweiler Fröschen. Ausstieg links. Bald Pirmasens-Nord, schlimmster aller Bahnhöfe. Verwahrlosung in Reinkultur.

Schaffner pyknisch behäbig nett. Mit Frühmorgencharme kitzele ich ein Lächeln aus ihm.

Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.
Der wachsende Wasserfall nahe Niederehe konnte erst entstehen, als durch den Bau der Bahnlinie viele Quellen vereint wurden. Moos und Kalk bilden seine stetigwachsende Grundlage. Die Bahnlinie ist heute ein Radweg.

Umstieg in Landau. Dieser Bahnhof ist ein bisschen belebter, ein Tick weniger schäbig als Zweibrücken oder der Molloch Pirmasens-Nord. Auf dem Gleis bettelt ein etwa fünfzigjähriger Mann. Schmutzig. Laut und deutlich und ohne uns ’normalen‘ Wartenden zu nahe zu treten geht er auf und ab: ‚Habt ihr fuffzich Cent? Habt ihr fuffzich Cehent?‘ Unermüdlicher Münzenharvester. Sein ganzes Antlitz ist ein nikotinöser Exzess. Insgeheim taufe ich ihn ‚Der beige Mann‘. Unter seiner Nase hat ein gelb-bräunlicher Fluss aus Rotz und Nikotin Lauf genommen, der auch nicht vor der Oberlippe, der plappernden Mundöffnung, Unterlippe und Kinn halt macht. Ich fühle mich an den wachsenden Wasserfall in der Eifel erinnert. Dort fließt seit einigen Zig Jahren, durch die Vereinigung einiger Quellen zu einem Rinnsal gebündelt, ein kleiner Bach. Moos und Kalk des harten Wassers schichten eine erkleckliche grün-braun-gelbe Nase unterhalb eines ehemaligen Bahndamms. Was, wenn der Mann für immer hier auf dem Umsteigegleis in Landau auf und abläuft und ‚Habt ihr fuffzich Cent‘ plappert? Und Nikotin und Rotz schichten einen Wasserfall. Ich scherze bitter in mir selbst. Dabei ist es so traurig. Wie eine Aufziehpuppe aus den Siebzigern klingt seine Stimme, nur dass das 50-Cent-Geleiere der Puppe ein herzzerreißendes ‚Mama‘ war.

Bald bin ich auf der Hauptstrecke. Karlsruhe. ICE. Hochgeschwindigkeit. ‚Normale‘ Reisende, denen ein paar Münzen weniger überhaupt keine Schmerzen bereiten.
Rückblickend im weichen warmen Abteil fabuliere ich: Eine Welt wie das letzte Schütteln eines verflohten Hundes. Wie Schweißausbruch. Aus allen Poren kommt Blut. Oder Bettler. Oder Verzweifelte. Oder Kranke.

Denken wie ein Archivar

Der Welpenschutz ist wohl endgültig vorbei. Normalerweise brauche ich einige Tage, bis mir die jeweilige Reise passt. Einswerden mit dem Unterwegssein. Auf der Nordseerunde hat es fast zwei Wochen gedauert, bis ich „drin“ war, der Rhythmus aus Radeln, Bloggen und Fotografieren sich eingependelt hatte.

Diese Zeit habe ich bei der momentanen Tour leider nicht. In knapp zwei Wochen bin ich schon wieder daheim. Auch ist die Aufgabe, von unterwegs Material beizuschaffen, das es wert ist, auf Keramiken in einem Salzstock archiviert zu werden, eine Herausforderung. Wie schrieb ich doch kürzlich: wenn man dem Künstler nicht sagt, was er machen soll, dann macht er, was er will. Ich habe freie Hand, was das Archivmaterialbeschaffen angeht. Leere Weite.

Was will der (zukünftige) Mensch – sagen wir besser, das intelligente Wesen, das in der Lage ist, die Zusammenhänge zu erkennen, die auch wir kennen –, was will dieses Wesen überhaupt wissen? Ist es so gestrickt, wie wir, dass es nimmt, was es kriegen kann und reimt sich dann sein Bild einer längst vergangenen Zivilisation. Als ich gestern an einer Pferdekoppel vorbeiradele, auf der zwei Stuten neben einem Wasserfass stehen, weiß ich: das wird ein Kunstwerk, diese beiden armen Tiere in der Hitze, umschwirrt von Mücken. Insbesondere haben es die Insekten auf die Augen abgesehen. Nahezu schutzlos sind die Pferde dieser Hundertschaft ausgeliefert. Selbst ständiges Kopfschüttelen schafft keine Abhilfe. Nun habe ich endlich eine Erklärung, warum auf mancher Koppel Pferde stehen, denen man Hauben über den Kopf gestreift hat. Wohl, um zu verhindern, dass die Mücken sich in der Oase ihrer Tränen laben. Ich mache eine Serie von Fotos, die zu einer Collage montiert wird – siehe ein paar Einträge zuvor. SoSo in der Homebase fragt sogleich, ob das wohl ein Bild fürs MOM-Archiv wäre. Damit die Zukunft weiß, wie Pferde aussahen, wie sie lebten.

Das Archiv. Siedend heiß wird mir, wenn ich daran denke. Was, wenn die Wesen der Zukunft gar keine Augen haben, wenn sie ihre Umgebung nicht sehend wahrnehmen, was, wenn es in Zukunft gar kein Licht mehr gibt. Man darf sich nichts vormachen. Die Welt der Menschen ist eine phantasielose, beschränkte Welt, im Vergleich zu dem Großen und Ganzen, was da draußen lauert. Was, wenn wir die intelligente Lebensform sind, die ein Archiv entdecken könnte, das vor Jahrmillionen angelegt wurde, aber wir zu dumm dafür sind, uns der Sinn fehlt? Vielleicht wurde einst das Wissen der Zeit in die molekulare Struktur von Steinen geschrieben, und immer, wenn wir einen Kiesel aufheben, halten wir eigentlich einen Wissensschatz in der Hand? Zugegeben, das sind kühne Gedanken.

Im Hier und Jetzt macht mir die Hitze arg zu schaffen. Vielleicht brennt sie mir den letzten Fetzen Hirn aus dem Kopf und nur deshalb muss ich mir solche komischen Gedanken machen. Ab etwa Gonderexange folge ich mehr oder weniger auf Treidelpfaden dem Canal du Marne au Rhin, dem Rhein-Marne-Kanal. Nur selten muss ich auf kleine Landstraßen ausweichen. In einem Dorf namens Schneckenbusch lege ich eine Mittagspause ein unter einer kleinen Platane bei einem Picknick-Platz. Es gibt da sogar einen Zugang, der es ermöglichen würde, im Kanal zu baden, aber das Wasser ist brackig, schmierig, so dass ich auf der Picknick-Bank liege und vor mich hin döse, bis eine Gruppe Jungs sich zu mir gesellt und lärmend, die Arschbombe machend, ins Wasser springen. Einer klettert sogar auf die Straßenbrücke und lässt sich ins Wasser fallen. Es fahren kaum Boote auf dem Kanal. Alle halbe Stunde ein Touristenboot. Früher muss das ganz anders gewesen sein. Da wurden Waren und Rohstoffe transportiert, dafür wurde das weitverzweigte französische Kanalnetz schließlich gebaut. Wir erleben eine ständige Umwidmung von althergebrachtem, bzw., wenn es nicht umgewidmet und den Bedürfnissen der gegen wart angepasst wird, dann verkommt es. Nur wenige Jahre genügen und die Natur holt sich alles zurück, was der Mensch je geschaffen hat. Spätestens in Arzviller wird das deutlich. Der erste Kanal führte über etwa fünfzehn Schleusen, die auf einer Strecke von vielleicht zwei drei Kilometern untergebracht waren, den Berg hinauf, der die Wasserscheide zwischen Rhein und Saar bildet. Als sei das noch nicht genug, führt der Kanal dort durch einen Tunnel. Eigentlich eine Straße wie jede andere auch, nur eben eine Wasserstraße. Die Strecke mit den vielen Schleusen liegt heute brach. Ersetzt wurde sie durch ein Schiffshebewerk, einer riesigen Badewanne, die auf Schienen den Berg hochgezogen wird, und in die gleich mehrere Schiffe hinein passen. Der Versuch, die Badewanne zu sehen und sie zu fotografieren, scheitert leider. Nach zweieinhalb Kilometern, die ich stets dem Kanal folge, ende ich an einem Zaun beim Hintereingang des Hebewerks. Der Vordereingang wäre genau auf der anderen Seite, aber dazu müsste ich zurück und wieder hin. Mittlerweile kostet der Besuch Eintritt. Als ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal hier war, konnte man noch durch das Gelände radeln. Weder gab es damals Würstchenbuden noch Ansichtskarten.
Kurz denke ich darüber nach, wie man die Monetarisierung der menschlichen Gesellschaft archiv-technisch darstellen könnte. Ich meine diese Art schleichende Prozesse, die eine Gesellschaft unter der Motorhaube antreiben, die sie sich entwickeln als auch degenerieren lassen. Du kannst Bauwerke zeigen, und Gegenstände und Szenen, die den Umgang miteinander darstellen, Kriegsszenen, Pornoszenen, oder wie es im Unterricht aussieht oder wie etwas produziert wird. Aber Prozesse, die über Jahrzehnte wirken und sich nur langsam wandeln, lassen sich wohl kaum auf eine Keramik brennen.

Die Enttäuschung, die Schiffsbadewanne nicht sehen zu dürfen, dauert nur kurz. Das alte Kanalstück, an dem der offizielle Radweg entlang führt, ist viel spannender. Die einzelnen Schleusenabschnitte sind wie gekapselte Biotope. Meist wachsen Schilfe in ihnen, manchmal sogar Bäume. Eines ist völlig verkalkt und unter der hellgrauen Oberfläche erkennt man Pflanzen, Äste, Holzstücke, Müll, die nur noch als Kontur geblieben sind. In einigen hundert Jahren werden sie ganz verschwunden sein als Basis eines Kalkfelsens, der nicht weiß, das ganz unten Beton ist, der eins gegossen wurde, um eine künstliche Rinne zu schaffen. Die alten Schleusenbauwerke sind völlig verrostet, die Tore stehen halb offen, oder die hölzernen Teile sind verfault. Die Schleusenhäuschen sind bis auf wenige zu Ferienhäuschen umgewidmet. Im unteren Teil stehen zwei drei, die schon zu Ruinen verkommen sind.

Über Lutzelbourg radele ich abends nach Saverne, ein durchaus sehenswertes und archivwürdiges Städtchen, aber ich bin zu müde, zu verbrannt, zu verschwitzt, zu sehr Künstler, der einfach macht, was er will. Deshalb lasse ich es bei einigen en passant-Szenen beruhen. Beeindruckend das Schloss – so zumindest deute ich diesen riesigen Ludwig-der-Vierzehntesquen Bau gegenüber dem wohl größten Hafen am Kanal zwischen Strasbourg und dem Teichland.

(per Mail mit vielen Tippfehlern erhalten um 12:40, gepostet von der Homebase)