Man sagt, Wasser habe ein Gedächtnis. Schlechtwetter hat auch ein Gedächtnis | #zwand20

Roquecourbe, Le Pont-de-Montvert, Zweibrücken – Tag 15 der Reise. Seit zwei Wochen im Sattel, bzw. auf dem Bürostuhl.

Der Camping Municipal von Roquecourbe ist in dieser frühen Jahreszeit noch geschlossen. Doch ein verschmitzter, alter Mann verriet mir, dass die kleine Tür neben der Telefonzelle immer offen ist. Problem: es gibt kein Wasser und die Toilettenhäuser sind mit Wellblech verbarrikadiert. Beim Schlachter auf der anderen Seite des Flusses kriege ich zwei Flaschen Wasser. Die gestrige Strecke: kein Verkehr! Aber ein Pass nach St. Sernin (29./30. 4. 2000).

In Lincou verlasse ich das Tal des Tarn und schwitze über die D 33 hinauf zu einem kleinen Pass und wieder hinab ins Tal des Flusses Le Rance, dem ich ab Plaisance/Curvalle folge. Über einen weiteren Pass, immerhin 15 Kilometer weit bergauf hinter Saint Sernin, ‚hüpfe‘ ich hinüber ins Tal des Gijou.

Grün. Frühlinghaft. Die Felsen strotzen vor Wasser, scheinen zu schwitzen. Die Vielfalt der Vegetation. Ein Sentier Botanique, ein botanischer Rundweg, ist ausgeschildert. Das Felsenland von Sidobre reicht bis ins Tal. Alle Felsen haben Namen und sind beschildert. Die sonst so kahlen Straßeneinschnitte, die der Mensch durch die Felsen gehauen hat, sind bewachsen mit hängendem Grün. Fast tropisch wirkt die Szene.

Derweil gut 200 Kilometer weit zurück, erreiche ich im Jahr 2010 über die ‚Königsetappe‚ Le Pont-de-Montvert in der Tarnschlucht. Das Wetter könnte nicht gruseliger sein. Hier auf etwa 850 Metern über dem Meeresspiegel hat es in der Nacht begonnen, schneezuregnen. Gerade noch so habe ich es geschafft, den über 1500 Meter hohen Col de Finiels im Massiv des Mont Lozère zu überqueren. Eiskalte Bergpassage, an dessen Gipfel ich mir einerseits wünschte, es würde immer so weiter gehen, höher, höher, höher hinauf, denn dann bliebe der Körper auf Temperatur. Gleichzeitig sehnte ich mich nach einem warmen Nachtlager.

Ein alter Grenzstein, unten weiß mit schwarzen aufgemalten Ortshinweisen, oben ein halbkreisförmiger Bereich, gelb mit der Höhenangabe 907 M
Grenzstein zwischen Departement Lozère und Aveyron

4. Mai 2010, im Zelt auf dem Campingplatz. Gestrige Königsetappe relativ gut überstanden. Statt wie angenommen drei Pässe, musste ich vier überqueren. Insgesamt etwa 1600 Höhenmeter. Bewegte mich in Höhen zwischen 1000 und 1541 m. Zunächst sanft steigend durchs Chappeauroux-Tal auf 1200 Meter in der Nähe von Rocles; ab Sange Rousse, wo ich einige Stevenson-Pilger traf abwärts nach Cheylard (1100 m), hinauf auf 1350 Meter, runter nach Bleymard (1050 m) und wieder aufwärts zum Col de Finiels. Im Skihotel unterhalb des Passes traf ich einen anderen Radler, der sich dort eingemietet hatte. Ich überlegte, mich auch dort einzumieten. Da aus Nordwesten dunkle Wolken aufzogen, entschied ich mich, die letzten hundert Höhenmeter bis zum Pass auch noch zu überwinden.

Nicht, dass wir über Nacht einschneien. Das Spiel mit den Bergen ist immer unkalkulierbar. Im Wettlauf gegen die Schlechtwetterfront lag der Pass umhüllt von unheimlichen, dunklen Wolkenschwaden, die die folgende Mondlandschaft düsterlich akzentuierten. Im Tagebuch lasse ich mich, im Zelt sitzend im Schneidersitzbüro auf dem Campingplatz am oberen Tarn-Lauf über das Unwetter zu Beginn des 15. Reisetags aus.

Ein Blick ins grün schimmernde Zelt auf Lebensmittelvorräte, die ausgebreitet auf dem Zeltboden liegen
Der chaotische Europenner-Kühlschrank liegt ausgebreitet im Zelt.

Seit über 12 Stunden Sturm und Regen, nun Schneeregen. Ich zelte auf etwa 850-900 Metern Höhe, habe mir den Schlafsack um die Nieren gewickelt, trage fast alle meine Kleider. Das Zelt ist gut trocken, trotz der sporadisch aufkommenden Schluchtenböen, die ordentlich an den Heringen zerren. Ich habe genug zu essen für zwei Tage und ein Stieg Larsson-Buch zur Unterhaltung, das iPhone für den Kontakt zur Außenwelt und eine Telefonzelle direkt vor der Tür. Dennoch überlege ich, eine Gîte zu suchen, um mich einmal richtig aufzuwärmen. […] auf der langjährigen Skala für miese Wetterbedingungen outdoor, kommt dieser Tag den Extremen der Öxi-Route in Island 1992 und jener stürmischen Nacht in Teneriffa 1990 ziemlich nahe. Wie sich plötzlich die Erinnerungen bündeln, ich gedanklich mal in Lappland 1995 bin, mal in Spanien des Jahres 1991 mit Freund Leb in einer Bauruine einen dreitägigen Sturm aussitzend, mal im Causse Mejan winterwandernd mit Freund I. Alle Schlechtwettererlebnisse im Zelt bündeln sich auf engstem Raum, wenn du wieder einmal bei Schlechtwetter im Zelt hockst.

Man sagt, Wasser habe ein Gedächtnis. Schlechtwetter hat auch ein Gedächtnis.

Wetter? Was ist das? Die Enge der Mondsiedlung sieht keinerlei Abwechslung vor. Noch nicht einmal beim künstlich erzeugten ‚idealen‘ Klima. Seit dreihundert Jahren leben wir permanent in einem Hochdruckgebiet. Keine Wolken, keine Stürme, kein Regen, kein Schnee. Willkommen im adiabatischen Zeitalter! (Lind Kernig, 31. März 2420)

Mann, Mann, Mann, was wäre dieses Zweibrücken-Andorra 2020 für ein herrlicher Durchmarsch geworden! Soweit ich die Wetterkarte beobachtete, hätte diese meine Fahrradtour vor zwei Wochen bei strahlendem Sonnenschein begonnen. Bei angenehmen Radeltemperaturen zwischen fünf und fünfzehn Grad. Im Vorfeld hatte ich zwei Wetterstationen markanter Punkte auf der Wetterapp geladen: Dijon (vier Tage vom Start entfernt), Roanne (acht Tage). Ab Tag acht wäre mir sowieso alles egal, weil ich dann mitten in der Radtour selbst bei miesestem Wetter nicht Halt machen würde. Ein kleiner Virus hat das geschafft, was tausend Winde nicht konnten. Hose Hose Wetterprognose. Ein Ritt durch klimatisch bereinigte Lande wäre das geworden. Millau am Tarn zeigt jusque-au-moment sieben Grad, leicht bewölkt. Das Wetter soll stabil bleiben. Der deutsche Name des Hochs beim Start der Tour ist übrigens Jürgen. Als wollte man mich verhöhnen.

Der gestrige Tag war schreiberisch recht anstrengend. Den ganzen morgen hatte ich am Blogartikel gearbeitet, bin immer noch hin und her gerissen von der Idee, Lind Kernig mit ins Boot zu holen und dieses eigentlich recht reale Blogbuch mit seinen täglichen Berichten über das ganz normale Dasein in Zeiten der Corona, bald in eine fiktive Geschichte überzuführen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Literarisches Neuland. Abwendung vom Ich.

Nachmittags das Haus voller Verwandtschaft. Der Neffe hatte Geburtstag. Ein trauriges, einsames Fest für den 17-Jährigen. Es muss verdammt hart sein. Ich hielt mich fern. Zu stark ist die Erinnerung an den schrecklichen Lungendefekt vor bald fünfzehn Jahren. Ich möchte solch eine Enge nie wieder erleben müssen. Selbst der lecker Sahnetorte konnte ich widerstehen.

Dem Neffen schenkte ich nach langem Überlegen ein Kunstwerk. Wahrscheinlich kann er nichts damit anfangen. Aber irgendwie wollte ich ihm ein kleines Geschenk machen. Ich habe doch nichts, außer Kunst.

Abends ein kleiner Ausritt mit dem Ebike. Runter in die gespenstisch leere Stadt. Es wird fast zur Gewohnheit, die sonst so stark befahrene Landstraße zu benutzen – ein Tag mehr ‚radeln wie in den Achtzigern‘.

Den Marker auf der Karte lege ich für den heutigen Blogartikel auf den Öxipass in Island, für mich das Urbild allen schlechten Wetters. Fast bin ich versucht, mich in die kleine Hütte auf dem etwa 600 Meter hohen Pass im Südosten Islands zu sehnen, fast dreißig Jahre rückwärts im eigenen Leben. Wie der Sturm an dem Bretterverhau zerrte, der mit vier armdicken Stahlketten am Boden verspannt war. Ich meine, ich hatte Tee gekocht, um mich aufzuwärmen. Ob ich ein Buch dabei hatte, in dem ich las? Mein 26-jähriges Ich? Wie sah es die Welt, was erhoffte es sich? Gibt es Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit? Ich muss mal suchen.

 

5 Antworten auf „Man sagt, Wasser habe ein Gedächtnis. Schlechtwetter hat auch ein Gedächtnis | #zwand20“

  1. Lieber Juergen,
    meine Mutter hat immer darauf gehofft, dass Wasser ein Gedaechtnis hat. Wenn wir einmal knapp bei Kasse waren, meinte sie immer, „Wo Wasser war, kommt Wasser wieder.“ ;) Ist auch immer gut gegangen.
    Liebe Gruesse und bleib‘ gesund,
    Pit

  2. ja gibs ihm
    – das Kunstwerk!
    Eigentlich sollten wir ja zwar nichts verschenken.
    Aber wir haben doch keine andere Wahl, die nächste Generation an den Ernst des Sammels
    langsam vorsichtig heranzuführen …
    Hebs auf!
    Ohne großes Aufhebens.
    Wir hams ja!

  3. Nun habe ich die zwei letzten Einträge gelesen, ist es zu makaber, wenn ich sage, dass ich mich auf die Fortsetzung nach Zielerreicht freue, so mit Lind Kernig, dem Gedächtnis von Wasser und schlechtem Wetter als Presswurst? Ach was, ist es nicht, auch wenn ich uns unser eigentliches Leben zurück wünsche.
    Liebe Grüße
    Ulli
    Mail angekommen?

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