Vom virtuellen Kampf Bestie gegen Bestie

70 mal 365 mal 20, optimistisch geschätzt, wenn ich nur noch radeln würde und die Welt erkunden und darüber schreiben und mein Leben ändern, utopisch, ich weiß, aber mit der Vorstellung, auf den Sattel zu steigen, sich treiben zu lassen und seinem ‚Kerngeschäft‘, reisend zu bloggen nachzugehen, darf man ja mal spielen. Okay 70 Kilometer am Tag ist auch schon Phantasie. Man wird älter und müder und bequemer und man wird grundsätzlich aufgehalten. Im Fahrradsattel, unterwegs. Vielleicht nur 50 pro Tag? Es gibt ja so viel zu sehen unterwegs.

Das Wunder Welt als Antagonist der Bestie Mensch.

Ich muss mich sputen in meinem Bestreben, absolute Langsamkeit zu erfahren. Absolute Langsamkeit ist Gegenwärtigkeit. Und Gegenwärtigkeit ist Ewigkeit. Und das ist ein elendes Paradox. Wenn es dir nicht gelingt, die nötige Langsamkeit zu erlangen, um Glück wahrzunehmen, bist du gescheitert. Wenn du dich beeilen musst, langsam zu werden, so langsam, wie du es für nötig erachtest, setzt du diese elenden Gegenkräfte in Bewegung, die genau das, was du erreichen willst, vereiteln.

Das Jahr 2017 hat mir so bitter eingeschenkt, wie kein anderes Jahr je zuvor. Seit Monaten denke ich, wo ist endlich unten, ganz unten, wann bin ich endlich da. Wann kann ich mir die Wände des Lochs anschauen und nach Ritzen und Tritt- und Griffpunkten suchen, um wieder hinaufzusteigen?

Bestie Mensch, Antagonist im Protagonistenmantel.

Die Bestie Mensch manifestierte sich Anfang des Jahres mit der Wahl des Unsäglichen in den USA, legte konsequent nach mit dem Unschuldige-Journalisten-Einknaster vom Bosporus, zeigte sich in etlichen, vermeintlichen Freunden, ganz klein und im Privaten, in denen ich mich massiv getäuscht hatte und ging auf die Zielgerade mit einer diffusen Erkenntnis von einer Art Gesinnungsströmung, in der sich die weltweite menschliche Gesellschaft befindet, die sich darin äußert, dass die Starken die Schwachen mit allen Mitteln klein halten, drangsalieren, niedermetzeln, ausrotten.

Das perfide Glyphosat, das derzeit in den Medien ist, schien mir heute Morgen ein gutes Symbol, wie es läuft. Völlig abgekoppelt von den nackten Tatsachen, dass es ein Vernichtungsmittel für jedwedes Grünzeug ist, sehe ich es als das, was es ist, ein Bild für den Umgang der Bestie Mensch mit der Umwelt und mit anderen Mitgliedern der Bestie Mensch. Auch ich bin ja ein Mitglied der Spezies Bestie Mensch. Nur dass ich nachdenke und mir überlege, wie kann ich Bestie möglichst schonend und ohne anderen Bestien auf die Füße zu treten, koexistieren auf dem Planet der Bestien.

Naiv. Ich weiß. Wenn ich in meine Vergangenheit zurückdenke, merke ich, wie naiv ich schon immer war, wie blümchenträumend, das Miteinander zu etwas Schönem zurecht denkend, ich immer handelte. Da sind Kleinigkeiten wie, sich im Laden an der Kasse hinten anstellen. Nicht nach vorne rempeln und auf seinen Profit hecheln. In den letzten Tagen habe ich mehrere Vordrängelsituationen erlebt. Nichts gesagt. Nur darüber nachgedacht und mich gewundert, dass es früher, vor zehn, zwanzig Jahren doch anders war, dass derjenige, der an der Kasse fälschlicherweise vor einem früher Dagewesenen bedient wurde entschuldigend sagte, äh, ich glaube, der Mann, die Frau war früher da. Nun Fehlanzeige.

Ich sollte drängeln und die Ellenbogen auspacken. Aber das ist nicht mein Ding. Für die heutige Welt bin ich eine Fehlkonstruktion, zum Untergang verdammt.

Sie haben alle ihre Mittel und sie verwenden sie. Sei es greifbares Gift, das man in der Gärtnerei kaufen kann, oder sei es das Gift in ihnen, das sie Kraft des Miteinanders (welch Hohn, Miteinander. Wer? Wir? Wir gibt es nicht mehr, es gibt nur noch die, die und die und die sind sich mit denen spinnefeind …), Gift, das sie (oder wir alle) in uns selbst herstellen und es gegeneinander einsetzen.

Die deutsche Autobahn ist ein Gemetzel. Ich glaube, Autobahnfahren lässt einen den Umgang miteinander am intensivsten erfahren. Da gibt es keine Gerechtigkeit. Da herrscht das Gesetz der Wut, des Affekts, Feindschaft in Reinkultur.

Ende 2016 gab es zwei Bilder, die sich mir eingeprägt haben. Der Wahlkampf in den USA wurde bis aufs Messer geführt. Das eine Bild zeigt den jetzigen Präsidenten, wie er während einer Wahlkampfveranstaltung einen beeinträchtigten Journalisten vor tausenden seiner Anhänger blamierte, ihn nachäffte, sich lustig machte über dessen Sprachfehler – wie so ein Kind im Kindergarten, das sich über ein anderes Kind lustig macht und die dröge Masse auf seiner Seite weiß. Nur eine Situation, die aber ähnlich wie das derzeit in den Medien geisternde Pflanzengift zeigt, wie viele unserer Spezies Bestie Mensch ticken. Dem Bild gegenüber steht das seines Amtsvorgängers, der in einer vergleichbaren Situation – Rede vor vielen Menschen – mit einem querelenden Kerl konfrontiert wurde, der seine Rede störte. Schon hatten einige seiner Anhänger den Typen, einen Veteranen, in die Mangel genommen und wollten ihn rüde aus dem Saal werfen, da gebot er Einhalt und sagte, lasst ihn, lasst den Mann reden, tut ihm nicht weh, hört ihm zu. Großartig. So geht souverän. So ist erwachsen. Es aushalten, es sachlich angehen, deeskalieren, Frieden stiften.

Ich weiß nicht, ob ich die beiden Bilder richtig wiedergebe. Ich war nicht dabei. Ich kenne sie nur aus den Medien und ich habe sicher bei beiden Beispielen meine eigene Interpretation einbezogen. Aber ich denke, dieses Bildpaar ist ein Hinweis, wie die Welt derzeit tickt und wie, mit besonnenen, reifen, intelligenten Gewählten die Welt ticken könnte.

Deprimierend, dass alle Zeichen dafür stehen, dass sich die unreife, gewalttätige, eskalierende Form durchzusetzen scheint.

La Bête et moi

Zurück ins kleine Ich. Hilflos beobachte ich das Wirrwarr der Welt und stehe völlig machtlos den großen Mechanismen, die auf uns alle und auf mich einwirken gegenüber. Vieles ist nicht in Ordnung. Die Grundströmungen habe ich in den beiden Bildern grob skizziert. Sie sind da. Und die gemeine, menschenverachtende ist definitiv im Voranschreiten und mit jedem Meter, den sie gutmacht, schwächt sie die besonneneren, feinfühligeren Typen, die sich nicht an Supermarktkassen vordrängeln, Leute, die nicht die schwächeren oder unachtsameren Verkehrsteilnehmer auf den Straßen wegrüpeln – ich könnte ja auch anders, ich könnte mein Recht einfordern an den Kassen dieser Welt. Wenn mich jemand rempelt, könnte ich zurückrempeln, aber dann müsste ich ja auch andere rempeln, die das nicht können, die unterliegen. Die weltweite Rempelei kennt keine Gnade. Sie erzeugt Schwache und Starke und wer stark sein will, muss manchmal Schwache unterdrücken, auch wenn es ihm noch so gegen den Strich geht. Die anderen ‚Starken‘ machen ihn zum Verlierer unter vermeintlichen Gewinnern, wenn er nicht mitspielt. Stark sein unter einem Gemenge aus Starken und weniger Starken und der Schwäche widerstehen, sie niederzumetzeln: so verdammt schwer.

Es herrscht vermutlich Krieg. Auch wenn diese Behauptung sicher etwas zynisch wirkt. Die Gewalt ist nicht offen. Sie ist nicht so gewalttätig wie in einem echten Krieg mit Schusswaffen. Aber sie ist da. Durch die Erfindung der großen Meinungsmaschine mit den wuchtigen Waffen von Shitstorms und der Desinformation haben wir eine Art virtuelle Kriegsszenerie ins Leben gerufen. Es sind nur Worte und Schmutz, aber in unseren Köpfen wirken diese Worte und vernebeln den Blick auf die Realität.

Vielleicht könnte ich in den nächsten zwanzig Lebensjahren noch ein paar mal rund um den Planten radeln und drüber schreiben. Schizophrener Weise könnte ich auch daheim am PC sitzen und mir den virtuellen Planeten betrachten, mir ein Bild von der Welt machen, es glauben, danach handeln. Ich könnte vom heimischen PC aus ermitteln, wie die Inder so drauf sind, die Chinesen, die Perser, die Muslime, die Christen, Juden, Buddhisten. Aber was für ein Bild erhalte ich, geschützt durch den Monitor? Die Elsässer zum Beispiel, erfuhr ich vor anderthalb Jahren, wählen stark den Front National. Das heißt, wenn ich als Fremder ins Elsass reise, muss ich damit rechnen, dass man mich argwöhnisch beäugt, mir missgünstig gegenübersteht, mich bei der Polizei anzeigt, wenn ich in einem Bushäuschen übernachte, weil ein Gewitter über dem Land liegt, ha, wenn ich Glück habe, wenn ich Pech habe, greift mich meine imaginäre, auf Basis meines Webwissens zusammen geschusterte Bürgerwehr auf und verprügelt mich. So läuft das im Elsass. So und nicht anders. Genauso ist es auch mit den arabisch aussehenden Typen, die sich in kleinen Gruppen auf den Plätzen meiner Stadt zusammenrotten. Die berauben mich und vergewaltigen meine Frauen. So will es das Internet. So glauben wir das, ohne uns auf unsere Gegenübers einzulassen.

Anfang 2016 durchradelte ich das Elsass und begegnete keiner einzigen Bürgerwehr. Die Menschen waren durchwegs nett, luden mich zum Übernachten bei sich ein, richteten mir ein Bett, gaben mir Essen und trotz sprachlicher Komplikationen redeten wir über dies und das, ganz normal und ohne Argwohn. Ich war ein Fremder, der in Teilen wie ein Penner aussah, aber aus der Situation geboren doch vertrauenswürdig genug, dass man ihn in seinem Haus beherbergte und ihn speiste. Fast christlich das. Und nicht nur einmal.

So wünsche ich mir die Welt. Eine Welt voller Individuen, die einander vorurteilsfrei begegnen, herausfinden, ob die ‚Chemie‘ stimmt, sich aufeinander einlassen, einander bedingungslos helfen, am nächsten Tag Tschüss, gute Reise wünschen und vielleicht noch fragen, darf ich dir ein Butterbrot mit auf den Weg geben. Und dafür wären diese 70 mal 365 mal 20 Kilometer gut, die ich – bei guter Lebensführung und Gesundheit – noch reisen könnte. Darüber zu berichten und den Molloch aus Argwohn zu bekämpfen, der sich im virtuellen Kampf Bestie gegen Bestie zusammenmobt.

 

Mein Name ist Wolf. Ich löse Probleme. Nicht.

Ich bin ziemlich geknickt, weil ich sein Blog nicht retten konnte. Nach all den Jahren, die wir einander aus den Augen verloren hatten, hatte ich letzten Freitag eine Mail im Postfach, sein Blog sei nach Umstellung des Servers auf https (Verschlüsselung) nicht mehr erreichbar und tatsächlich, ein Blick im Browser zeigte einen 500er Fehler, irgendwas mit Server. Ich sei der Einzige, dem er vertraue, und dem er zutraue, das installierte Plugin, das die Seitennamen von http auf https umschreiben soll, zum Laufen zu kriegen. Was ich dann auch intensiv versuchte, voranscheiternd, die Seite wieder in einen wenigstens erreichbaren Zustand zu bringen. Das übliche Prozedere: nachfragen, ob es Backups gibt, den Zugriff aufs Blog und die Files und die Datenbank kriegen, mit den wenigen erreichbaren Serverkonfigurationsdateien (.htaccess) experimentieren, nach und nach alle Plugins des Blogs deaktivieren, wieder aktivieren und schauen, wo es klemmt. Immerhin geht die Seite wieder, aber keines der Bilder in den Artikeln wird mehr angezeigt und somit habe ich ein ohnehin zerschossenes Blog zerschossen, so dass es nur noch halb am Leben ist, aber wieder am Leben. Und https wird immer noch nicht sauber umgeschrieben.

Ich liebe diese Arbeit als Problemlöser. Ein bisschen komme ich mir dabei vor wie Mr. Wolf in dem Film Pulp Fiction, den man ruft, wenn es schmutzig wird. Mein Name ist Wolf, ich löse Probleme, denke ich immer, wenn jemand Blogrettung von mir erhofft. Sage ich natürlich nicht. Und die unheimlich schmutzige Szene aus Pulp Fiction mit dem Auto voller Blut und Knochensplitter, das gereinigt werden muss, die Leiche entsorgt, alles wieder poliert und fein hergerichtet, geht mir durch den Kopf. Sieht natürlich niemand, dem ich entgegendenke, „Mein Name ist Wolf, ich löse Probleme“.

Heute Morgen war ich dann mit meinem Latein am Ende. Ich hatte nur noch den Rat, das Oktoberbackup wieder einzuspielen und den Provider zu instruieren, alles, was mit https zu tun hat rückgängig zu machen und auf Verschlüsselung zu verzichten.

Wollen hoffen, dass das Hobokollektiv mit seinen wunderbaren urbanen Schwarz-Weiß-Fotos und den korrespondierenden Songtexten irgendwie wieder das Licht des Netzes erblickt.

Zum Thema Umstellung von http auf https so viel: Seit geraumer Zeit warnen aktuelle Browser dann, wenn die Seiten ’nur‘ unter http laufen am Anmeldebildschirm, dass die Verbindung unverschlüsselt und somit unsicher ist und die eingegebenen Daten, Nutzername und Passwort ggf. mitgeschnitten werden können. Alles richtig. Die Gefahr hält sich aber in Grenzen, wenn man sich nur vom heimischen Rechner hinter dem heimischen Router und der heimischen Firewall anmeldet. Wenn sich im heimischen Netzwerk niemand herumtreibt, können die Daten auch nicht abgegriffen werden.

Mir bleibt nun nur noch der Frust bei gleichzeitig nervenkitzelnder Idee, den Irgendlink-Server auf https umzustellen (naives Serverbübchen, das ich bin, bilde ich mir ein, dass ich mit dem Heimvorteil, die Serverkonfiguration einzusehen und verändern zu können, eine realistische Chance habe, das zu meistern).

Haltet mich zurück!

The Golden-Ass-Situation

Ärsche, Ringe, hart arbeitende Menschen, feine Damen, alter Turm. Die Stadt erzischt unter dem Schütten Frischbetons. Eine eigenartige Form von Stille. Alle wollen von Wo nach Wo. Taube in taumelndem Flatterflug, teernah, ein unachtsam weggeworfenes Stück Brot im Fokus. Wohin geht die Welt im Vorbeizischen eines elektrogetriebenen Lastenrads? Surren der Ketten im Gleichklang klappernder Feindamenschönschuhchen. Ich bin zurück, die Ellbogen gestützt auf eine Bauabsperrung unter der Einflugschneiße des Zürcher Flughafens. Adventisch diabolische Glitzerläden voller sündhaftteurer Glitzerdinge für die Wohlgenährten.

Die Stadt durchspaziert, die so eigenartig im Umbau scheint. Überall stehen Baukräne, quietschen Ketten, werden Lasten gezogen, geschwenkt, an Ort und Stelle gesenkt. Die Sonne kämpft gegen Hochnebel und Smog. Die alte Burg Baden reckt ihre Zinnen wie Zacken ins Licht, darunter ein stark frequentierter Straßentunnel, Durchgang verboten, so dass mich mein Weg eben nicht durch diesen Tunnel, sondern direkt ins Manor-Kaufhaus lotst, wo die Ärsche-Situation – The-Golden-Ass-Situation auf mich eindrischt in Form von vor mir auf der Rolltreppe stehenden dahintriftenden Menschen mit vollen Einkaufstüten – ja, wo soll ich denn sonst hinschauen als auf die Ärsche vor mir. Ich komme mir vulgär vor, zwinge den Blick nach links und rechts, mogele mich vorbei am Restaurant, ach was, ich laufe mitten durchs Buffet des weitläufig offenen Restaurants, in dem Gegrilltes neben gesunder Rohkost liegt unter Plexiglasabschirmungen. Alle taumeln zur Kasse und bezahlen und suchen sich einen Platz im durchaus noblen Schnellrestaurant. Die Rolltreppe habe ich gemeistert und schummele mich an der Schmuckabteilung vorbei bis zur Schiebetür auf der anderen, stadtgewandten, Seite des Kaufhauses. Endlich draußen torkele ich zu den Rabatten einiger Stadtbäume, die von Metallabsperrungen umgeben sind.

Das uralte Handy zwischen den Händen, Ellbogen auf die eiskalte Absperrung gestützt wie so ein Mann am Tresen. Fast zärtlich streicht der Daumen über den Screen, diese Worte tippend. Ich sehe kaum etwas, so ganz ohne Brille. Vermutlich treffe ich dennoch die meisten Buchstaben.
Woanders stehen die Kehrrichtsäcke vor den Haustüren, daneben vier fünf leere Feldschlösschendosen und auf den Säcken prangt der Schriftzug ‚Baden ist Service‘. Man wird sie bald abholen und verbrennen oder zerquetschen und deponieren.

Welt ist im Takt, aber nicht in Takt. ‚Bewerten Vermarkten Verkaufen‘, steht über den drei Schaufenstern von, ja, was ist das für ein Laden? Und gleich gegenüber prangt das Wort ‚Sidestep‘ über einem anderen Was-ist-das-für-ein-Laden. Was wollen mir die Worte über den Schaufenstern sagen? Hier unterm alten Stadtturm?

Verfolgt von einem Stadtbus weiche ich unter ebendiesem Turm in eine Nische aus, unverpisste Ecke, kalkweiße Wand. Fluchttier. Und der Fahrer lächelt und ich nicke und so machen wir einander unseren Tag durch einfaches zur Seite gehen, Lächeln und Nicken, rücksichtsvoll sein. Ich fotografiere Müllsäcke, Schaufenster, Tand und murmelnd mahnt der alte Brunnen, in dessen Mitte eine steinerne, kletternde Löwenskulptur steht, auf deren Kopf eine Taube ruht. Gehe drumherum, nein, das ist gar kein Löwe, das ist ein … was ist das? Stein? Den sollteste fotografieren, den Stein, der Was (?) ist und aus dem Wasser sprudelt, und nicht den Müllsack. Bimbam halb Elf.
Die Besitzerin eines Modeladens tritt heraus und fotografiert ihr Werk. Nüchterne Schaufensterdeko. Luftballonsäulen neben Kleidern in Laden. Drinnen viel Licht. Eng ihre Kleidung. Gepresst der Körper, wie Wurst, aber sehr sehr schick.

Stille kniet auf einem kleinen Platz zu Füßen eines schiefen Kirchturms mit grün-gelb-rot-schwarzen Ziegeln und ein kleiner weißer Köter mogelt sich ins Bild und kläfft Unsichtbares an. Auch er trägt eng und sieht aus wie Wurst mit Zotteln. Von Menschen besessene, schön gekleidete Wurst.

Zwischen der Kirche und anderen Gotteshäusern und -hüttchen ist die Stadt plötzlich still. Ich nähere mich dem Fluss, der Limmat, und bewundere sie, wie sie sich über Jahrtausende durch den Fels gefressen hat. Diesseits Häuser, jenseits Häuser und zackig der Fels, den sie zernagt hat, Fels mit Erodiertem auf dem sich vereinzelt Bäume krallen. Nichts wird mehr sein in tausenden von Jahren. Ich im Jetzt, beobachte dies und die Wogen allen Erlebten – herrjeh, so wenig, so kostbar – schlagen über mir zusammen, während ich die Eingänge eines viele Stockwerke tiefen Parkhauses passiere, wo Menschen stehen, schwätzen, den Automaten Geld geben, um ihre Autos wieder frei zu kriegen.

Bildcollage mit Szenen aus Baden, Häuser, Müllsäcke, Kirchen, Graffitys
Urban Artwalk Baden November 2017

Ich bin wieder da. Bin ich wieder da? Die Blogstille war unerträglich. Wieviele Monate habe ich nicht geschrieben? Wieviele Monate war ich tot, co-tot, ausgehöhlt, depressiv, leer, gelähmt, während all das, was ich eben durchschritten habe immer war, immer pulsierte, immer lebte. Ich will das wieder. Ich will das durchleben. Ich will es beschreiben. Ich will wieder reisen, darüber schreiben, mein Bild der Welt zeigen, wie ich es im steten Jetzt durchwandere. Noch bin ich schwach, merke ich, verletzlich, aber die Finger tanzen über den winzigen Smartphonebildschirm hie und da in den Winkeln meines Stadtspaziergangs. Fast wie damals als alles begann, als ich die Wanderung nach Santiago tippte. Das ist meine Welt, merke ich, eine Welt ohne Halt. Ein ziemlich korruptes, perverses, gewachsenes und von Menschen geprägtes Stück Sein. Mit allem Bösen und Guten, Ausbeutung und Nutzen, Gewalt und Schönglanz, Schaufenstern und Müll, Hochsicherheitstüren und Offenem, sündhaft teuren Vehikeln und heruntergekommenen Pennern, allem Bezahlten und Gewollten, ein paar Zeiteinheiten genutzten, für wertlos befundenen und wieder weggeworfenen Dingen.

‚Bloggen ist Service‘ kann ich nur entgegenbringen, und hey, ich bin wieder da, ich werde darüber schreiben. Kommt mit.

Ach und Ärsche, natürlich.

 

Sunny fliegt

Plötzlich fuseln die Pappeln im schneidenden Gegenlicht jenseits ihrer Schattengrenze, riesige Baumsilhouetten und davor tausende kleine, weiße, federleichte Etwase driftend im Westwind. 35 Grad heiß. Wir haben uns unterm Vordach auf der Südseite des einsamen Gehöfts verkrochen im halbwegs erträglichen Schatten. Kaltwasserbad für die Füße. Katzen liegen versteckt unter halbmeterhohen Lilien. Ich sage „plötzlich“, weil die Pappeln tatsächlich vor etwa zwei Stunden mirnichts dirnichts mit diesem Seelenregen angefangen haben. Morgens noch war die Luft klar. Dann diese Invasion aus feinstem Gefieder, das mit ein bisschen Phantasie und in einem Disney-Fantasy-Schmachtfetzen gut und gerne als die Seelen aller Verstorbenen durchginge, denen man irgendwann in der Vergangenheit zu deren Lebzeiten jemals begegnete; was wollen sie einem sagen?

Natürlich sind wir nicht im Disney-Schmachtfetzen, sondern wieder hat sich eine Woche Realität über all die anderen Wochen Realität gelegt. Seit etwa Dienstag hat sich die Grippe vollständig zurückgezogen. Im Atelier und Hof gab es etliche Arbeit, Rasenmähen, Pflanzengießen oder etwa am Holzvorrat für den kommenden Winter schuften. Schon lange liegen dürre Fichtenstämme im Hof, die ich im Frühjahr aus dem Wald gezerrt hatte, käfergefällte Baumriesen, naturgetrocknet, nun werden sie in ofengerechte Stücke geschnitten und ins Holzlager verfrachtet. Etwa 20 bis 25 Ster brauchen wir und wenn ich richtig gerechnet habe, dürfte das bald hier liegen. Den ein oder anderen Stamm werde ich mit der Carvingsäge in eine Skulptur verwandeln. Irgendwas mit Osterinsel vielleicht, oder ein Hund, eine Schildkröte oder eine Eule … Wenn die Schnitzerei misslingt, verbrenne ich es einfach.

Gestern erster Tag am Badesee, 25 Kilometer weit drüben in Frankreich, ein zweigeteiltes Idyll, oder sagen wir besser dreigeteilt. Durch den länglichen kleinen Stausee führt eine Barriere, die den Truppenübungsplatz des Camps Bitche von der Spaßsektion trennt und die Spaßsektion ist wiederum zweigeteilt: auf der sonnigen Ostseite ist der Badestrand, auf der schattigen Westseite sind die Angler. Obschon es sich auch hier etwas mischt: Einige baden zwischen den stoischen, meist deutschen Anglern, die im bleiernen Takt die Ruten zwanzig dreißig Meter weit ins Gewässer werfen. Es gibt keinen Streit. Hinter uns klackt das plastikene Geräusch einer Kinderspielzeugwaffe, solch eine Wumme, gut siebzig Zentimeter groß. Ein Typ schießt damit einen tennisballgroßen Ball und sein Hund hechelt dem  Rund hinterher, apportiert, bringt es zurück und so weiter und so fort, bis der Typ den Ball ins Wasser feuert und der Hund, er heißt Sunny, am Ufer stehen bleibt, sich nicht so recht traut. Armer kleiner Terrier. Die Kinder feuern das Hundchen an, los Sunny, hol den Ball! Sitz Sunny! Apport! Hol den Ball, und so weiter, was den Terrier ganz irre macht und er wie ein Weberschiffchen am Ufer auf und ab rennt, bis der Typ mit der Wumme den Hund schnappt und ihn in hohem Bogen ins Wasser wirft.

Sicher wäre es schön, auch heute wieder zum See zu fahren, aber die Hitze lähmt und zwingt einen ins Sofa, aufs Bett, in den Schatten, überall hin, nur nicht ins Auto. Wir haben einen Bottich mit kaltem Wasser aufgestellt, in dem wir die Füße kühlen, aufgeschlagenen Buches und mit klappernder Tastatur passiert der Tag und die Seelen der Verstorbenen rieseln von den Pappeln und versammeln sich in kleinen verwirbelten Ecken zu Knäueln.

Ein gewisser Jochen blutet im Zug

Todsterbensgrippekrank, Montag, Dienstag, Fieberwahn, Termine im Nacken, sich irgendwie nach Mainz gequält und auch noch Spaß dabei, die erste Ausstellung seit zwei Jahren in „echt“ darf man nicht verpassen und, puuuh, auf den letzten Drücker das Bild für die Gemeinschaftsausstellung abgegeben, erst mittwochs zaghafte Besserung dieser fiesesten Grippe seit über einem Jahrzehnt, elender Schnupfen geht und geht nicht weg, donnerstags in die Zweitheimat per Zug, ellenlange Rheintalfahrt und im Blick aus dem ICE-Fenster, das Klopfen unterm Zug nicht ignorieren könnend, sich eine Zugkatastrophe ausmalend mit zig entgleisten, ineinander verschränkten Wagen, alles nur noch Matsch, Menschen, Zug, Schienen, Gepäck, alles Matsch und herrjeh, wie soll denn da einer überleben und dieses Bild gaukelt, zum Glück ohne zu ängstigen, eher spielerisch katastrophesk, bis nach Basel zum Umstieg, wo in einem Bummelzug ein verwirrter Kerl dein Handy will, du es ihm nicht gibst, weil er alles zubluten und -rotzen würde, aus dem Mund kommt Schleim, aus der Nase Blut, schlecht rasiert, vernarbt, mit sich selbst brabbelnd, jemand gab ihm ein Taschentuch und du bist versucht zu sagen, drück’s gut drauf, bleib ruhig, lehne dich zurück, aber er diktiert halb hängend im schaukelnden Zug eine Nummer einer diakonischen Anstalt irgendwo, beinahe hätte ich gesagt, diabolische Anstalt, wo tatsächlich jemand rangeht und als man sagt, ein gewisser Jochen blutet im Zug, nicht schlimm, er will zu ihnen, was soll ich tun, kommt nur die Antwort, nichts tun, das macht er immer so, wälzt seine Dinge auf Passanten ab, die dann hier anrufen, sag ihm, er soll nach Bad Krotzingen, denn da gehört er hin, herrjeh, was für eine verflixte Woche voller Leere, Trauer, Krankheit, Spinner, kalter Herzen, despotischer Idioten und das soll man dann alles noch irgendwie zusammenbringen im eigenen kleinen Kopf, am besten in einem einzigen Satz.