Sunny fliegt

Plötzlich fuseln die Pappeln im schneidenden Gegenlicht jenseits ihrer Schattengrenze, riesige Baumsilhouetten und davor tausende kleine, weiße, federleichte Etwase driftend im Westwind. 35 Grad heiß. Wir haben uns unterm Vordach auf der Südseite des einsamen Gehöfts verkrochen im halbwegs erträglichen Schatten. Kaltwasserbad für die Füße. Katzen liegen versteckt unter halbmeterhohen Lilien. Ich sage „plötzlich“, weil die Pappeln tatsächlich vor etwa zwei Stunden mirnichts dirnichts mit diesem Seelenregen angefangen haben. Morgens noch war die Luft klar. Dann diese Invasion aus feinstem Gefieder, das mit ein bisschen Phantasie und in einem Disney-Fantasy-Schmachtfetzen gut und gerne als die Seelen aller Verstorbenen durchginge, denen man irgendwann in der Vergangenheit zu deren Lebzeiten jemals begegnete; was wollen sie einem sagen?

Natürlich sind wir nicht im Disney-Schmachtfetzen, sondern wieder hat sich eine Woche Realität über all die anderen Wochen Realität gelegt. Seit etwa Dienstag hat sich die Grippe vollständig zurückgezogen. Im Atelier und Hof gab es etliche Arbeit, Rasenmähen, Pflanzengießen oder etwa am Holzvorrat für den kommenden Winter schuften. Schon lange liegen dürre Fichtenstämme im Hof, die ich im Frühjahr aus dem Wald gezerrt hatte, käfergefällte Baumriesen, naturgetrocknet, nun werden sie in ofengerechte Stücke geschnitten und ins Holzlager verfrachtet. Etwa 20 bis 25 Ster brauchen wir und wenn ich richtig gerechnet habe, dürfte das bald hier liegen. Den ein oder anderen Stamm werde ich mit der Carvingsäge in eine Skulptur verwandeln. Irgendwas mit Osterinsel vielleicht, oder ein Hund, eine Schildkröte oder eine Eule … Wenn die Schnitzerei misslingt, verbrenne ich es einfach.

Gestern erster Tag am Badesee, 25 Kilometer weit drüben in Frankreich, ein zweigeteiltes Idyll, oder sagen wir besser dreigeteilt. Durch den länglichen kleinen Stausee führt eine Barriere, die den Truppenübungsplatz des Camps Bitche von der Spaßsektion trennt und die Spaßsektion ist wiederum zweigeteilt: auf der sonnigen Ostseite ist der Badestrand, auf der schattigen Westseite sind die Angler. Obschon es sich auch hier etwas mischt: Einige baden zwischen den stoischen, meist deutschen Anglern, die im bleiernen Takt die Ruten zwanzig dreißig Meter weit ins Gewässer werfen. Es gibt keinen Streit. Hinter uns klackt das plastikene Geräusch einer Kinderspielzeugwaffe, solch eine Wumme, gut siebzig Zentimeter groß. Ein Typ schießt damit einen tennisballgroßen Ball und sein Hund hechelt dem  Rund hinterher, apportiert, bringt es zurück und so weiter und so fort, bis der Typ den Ball ins Wasser feuert und der Hund, er heißt Sunny, am Ufer stehen bleibt, sich nicht so recht traut. Armer kleiner Terrier. Die Kinder feuern das Hundchen an, los Sunny, hol den Ball! Sitz Sunny! Apport! Hol den Ball, und so weiter, was den Terrier ganz irre macht und er wie ein Weberschiffchen am Ufer auf und ab rennt, bis der Typ mit der Wumme den Hund schnappt und ihn in hohem Bogen ins Wasser wirft.

Sicher wäre es schön, auch heute wieder zum See zu fahren, aber die Hitze lähmt und zwingt einen ins Sofa, aufs Bett, in den Schatten, überall hin, nur nicht ins Auto. Wir haben einen Bottich mit kaltem Wasser aufgestellt, in dem wir die Füße kühlen, aufgeschlagenen Buches und mit klappernder Tastatur passiert der Tag und die Seelen der Verstorbenen rieseln von den Pappeln und versammeln sich in kleinen verwirbelten Ecken zu Knäueln.

Ein gewisser Jochen blutet im Zug

Todsterbensgrippekrank, Montag, Dienstag, Fieberwahn, Termine im Nacken, sich irgendwie nach Mainz gequält und auch noch Spaß dabei, die erste Ausstellung seit zwei Jahren in „echt“ darf man nicht verpassen und, puuuh, auf den letzten Drücker das Bild für die Gemeinschaftsausstellung abgegeben, erst mittwochs zaghafte Besserung dieser fiesesten Grippe seit über einem Jahrzehnt, elender Schnupfen geht und geht nicht weg, donnerstags in die Zweitheimat per Zug, ellenlange Rheintalfahrt und im Blick aus dem ICE-Fenster, das Klopfen unterm Zug nicht ignorieren könnend, sich eine Zugkatastrophe ausmalend mit zig entgleisten, ineinander verschränkten Wagen, alles nur noch Matsch, Menschen, Zug, Schienen, Gepäck, alles Matsch und herrjeh, wie soll denn da einer überleben und dieses Bild gaukelt, zum Glück ohne zu ängstigen, eher spielerisch katastrophesk, bis nach Basel zum Umstieg, wo in einem Bummelzug ein verwirrter Kerl dein Handy will, du es ihm nicht gibst, weil er alles zubluten und -rotzen würde, aus dem Mund kommt Schleim, aus der Nase Blut, schlecht rasiert, vernarbt, mit sich selbst brabbelnd, jemand gab ihm ein Taschentuch und du bist versucht zu sagen, drück’s gut drauf, bleib ruhig, lehne dich zurück, aber er diktiert halb hängend im schaukelnden Zug eine Nummer einer diakonischen Anstalt irgendwo, beinahe hätte ich gesagt, diabolische Anstalt, wo tatsächlich jemand rangeht und als man sagt, ein gewisser Jochen blutet im Zug, nicht schlimm, er will zu ihnen, was soll ich tun, kommt nur die Antwort, nichts tun, das macht er immer so, wälzt seine Dinge auf Passanten ab, die dann hier anrufen, sag ihm, er soll nach Bad Krotzingen, denn da gehört er hin, herrjeh, was für eine verflixte Woche voller Leere, Trauer, Krankheit, Spinner, kalter Herzen, despotischer Idioten und das soll man dann alles noch irgendwie zusammenbringen im eigenen kleinen Kopf, am besten in einem einzigen Satz.