Good Bye Yellow Pig Road | #UmsLand/Saar

Warmer Ofen. Wind zischt. Herbst kommt. Daheim nun.
Ein Parforce-Ritt, die gestrige Radeletappe aus dem tiefsten Warndt via Saarbrücken in den Bliesgau und nach Homburg. Oder, wenn man es in Kilometern ausdrücken möchte, etwa achtzig. Das ist nicht die Welt. Normale Radreisende ‚machen‘ mehr als hundert, manche über zweihundert und die echten Transcontinentalfreaks machen zum Frühstück die gesamte ellenlange 350 Kilometertour rund ums Saarland, ohne auch nur einmal abzusteigen.
Ich kann allen Tempobereichen etwas abgewinnen, muss ich sagen. Als ich diesen Sommer das Transkontinental-Radrennen von Gerhardsbergen bei Brüssel bis ins griechische Meteora auf dem Computerbildschirm verfolgt hatte, habe ich richtig Lust gekriegt, da auch mitzufahren.

Tu‘ das nicht, Herr Irgendlink, sei klug. Bleib langsam. Gehe deinen Weg. Finde deinen Takt.

Gestern war schon fast zu schnell. Man muss sich den menschlichen Körper und das Gemütskonstrukt, das damit einher geht vorstellen wie eine Waagnadel, über der eine Balancestange hängt und die sich genau mittig einpendeln sollte. Wie eben Waagen so sind, so sollte es auch mit dem Gemüt funktionieren. Beim Radfahren spüre ich es am ehesten, wenn es nicht so recht klappt mit dem sich einpendeln. Dann hetzt man selbst gebastelten konfusen Zielen hinterher und steckt sich Weg- und Zeitmarken und dann wird man unglücklich inmitten des Glücks, das einen umgibt. Wenn man es zulässt.

Die Nacht in Großrosseln unter einer kleine Eiche mit weit ausladenden, kaum 1,6 Meter über dem Boden stehenden Ästen war eiskalt. Die Wiese ringsum trug Raureif. Es ist erstaunlich, wie minim, aber doch wirksam das bisschen Schutz von Bäumen ist. Unterm Baum gab es noch keinen Reif. Diese Nuance von Temperaturunterschied habe ich erstmals auf dieser Radeltour erkannt. Ein zwei Grad wärmer ist es unter den Bäumen und das Zelt wird nicht taufeucht. Punkt Sonnenaufgang kommt die Europennermaschine in Gang, ich packe alles zusammen. Frühstück war gut mit geröstetem, schäbigem Billigst-Baguette aus dem Backautomaten, Pulverkaffee und dazu ein paar Strich von dem Honig mit Kürbiskernen, den ich in einem Wohnwagen-Verkaufsstand an der Radwegeumleitungsstrecke in Höchen, am ersten Reisetag gekauft habe. Es kommt mir vor, als sei das Wochen her. So eine selbstorganisierte Radelreise hobelt alle Zeiten dahin und die Sorgen ohnehin. Ich bin weichgeklopft, okay, ein bisschen druchfroren an diesem Morgen, aber der Trangia, mitten im Zelt erzeugt recht schnell Schwitzhüttenatmosphäre. Die ersten Kilometer führen mich durchs sonntagsstille Großrosseln und über die französische Grenze nach Petite Rosselle – also Kleinrosseln. Immer wieder muss ich an die Sache mit dem Zauberkasten denken, den ich als Kind zu Weihnachten geschenkt bekam. Auf deutsch hieß es ‚Der große Zauberkünstler‘ (oder so ähnlich) und auf französisch, was ebenso auf der Schachtel aufgedruckt war, stand da ‚Le petit (ich glaube Magicien)‘. Mein bilingualer Freund Steph machte mich drauf aufmerksam, dass das genau das Gegenteil ist. Jaja. Frankreich, Deutschland, deine Missverständnisse, deine Herzlichkeiten.

Herzlich ging es jedenfalls zu in der Bäckerei, in der sich Menschen von diesseits und jenseits der Grenze begegneten, Baguette oder Bappigsüßes bestellend. Eine Weile lauschte ich in dem angegliederten Café dem Mix aus Mundart, Deutsch und Französisch und bewunderte die vielen Torten, die im Schaufenster aufgestellt waren. Eine Fußballtorte, eine Spiderman-Torte, eine kitschige – ja, was ist das – Schneewittchentorte und die Bäckerin zeigte mir auf dem Smartphone eine Torte mit Kirche darauf, die sie gerade gestern als Auftrag hatten backen lassen. Ist das die aus Lauterbach, fragte ich, nein, irgendeine, sagte sie. Sie sprach Mundart. Kurzum, es ist für mich das ‚Große Tortenmuseum von Petite Rosselle‘. Also le grand dans la petite … na, Ihr wisst schon.
Ein guter letzter Reisetag. Das Wetter hat doch tatsächlich mit brilliantestem Sonnenschein durchgehalten bis zu meinem Tourende. Von den beiden Rosseln ging es nach Völklingen an der Saar. Kulturerbestadt. Ziemlich verkommenes Saarufer, an dem das Partyvolk seine Pizzaschachteln hinterlassen hat, massenhaft Glas und alles irgendwie klebrig wirkte, verspuckt und missachtet. Ein Wasserwart nahm Proben aus dem Fluss. Naja, trinken kann man es nicht, es wäre badbar, wenn nicht schon zu kalt und die Proben sind eigentlich wegen der Fische, sagte er. Im Hintergrund blecken die Türme des alten Stahlwerks, das nun Kulturort geworden ist.
Leichtes Spiel. Bis Homburg habe ich nur noch Flachland an Saar und Blies vor mir. Saarbrücken, die kleinste Großstadt der Welt des Saarlands ist opulent, was die Photogenität angeht. Hier könnte ich Tage verbringen und knipsen. Eine hunderte Meter lange Wand mit Graffities etwa, die immer wieder neu und hochoffiziell bespielt wird, verrät mir eine Frau mit silbernem Haar. Ein bemerkenswertes Projekt. Die Kunst kann sich tatsächlich sehen lassen. Manche der Künstlerinnen und Künstler korrespondieren auch mit den natürlichen Gegebenheiten neben der Mauer, mit Laternen, Pegelmarken und dem was da wächst. Es hat durchaus seinen Reiz. Die Frau mit dem silbernen Haar, die auch per Fahrrad unterwegs ist, begegnet mir immer wieder und das letzte Stück bis Sarreguemines radeln wir gemeinsam. Da packt sie aus, dass sie einmal alle Brücken an der Saar in der Gegend fotografiert hat. Aus verschiedenen Blickwinkeln bei verschiedenen Lichtverhältnissen und sie weist mir den Weg schließlich bei der Schleuse in Sarreguemines, da über die Brücke, dann links und vorbei am Sportplatz und immer weiter, schöne Strecke und ich sage, ich tu immer das, was die Radwegschilder mir sagen und sie lächelt und fährt weiter ihres Weges zu einem regionalen Markt vorm Casino der Stadt und in der Tat ist viel passiert, seit ich vor gut zehn Jahren diesen Weg schon einmal radelte und der Blies folgte. Damals war er nicht sehr schön, verlief auf der Landstraße. Schwitz, keuch und irgendwie steil, so erinnere ich mich, doch das hat sich geändert.

Es gibt einen Bahntrassenweg etwas abseits, oberhalb, den ich auch bei meiner Reise ums Paminalands nutzte, aber ich wollte ja dem großen Saarlandrundweg folgen, und ja, das französische Stück, nah an der Blies hat sich gemausert mit eigens gebauten Radwegen neben der Straße. Weder schwitz, noch stöhn, noch keuch. Dennoch: der Bahntrassenweg ist sicher die bessere Wahl, wenn man die Betonholperpfade rings um Habskirchen meiden möchte. Aber die grenznahe Tour auf der Yellow Pig Road hat auch ihren Reiz. Man muss das Spiel mitspielen, wenn man in den Genuss des großen Ganzen kommen möchte.
Etwa dreißig vierzig Kilometer sind es von Sarreguemines durch den Bliesgau nach Homburg und ich muss mächtig reintreten an diesem gestrigen Sonntag. Gegenwind. Und viele Sonntagsspaziernde erschweren die Tour. Ich fahre Zick-Zack und meine selbsterfundene Mundklingel, ‚DingDong‘ rufend, kommt gut an (nur die beiden Radler aus Fernost, denen ich vor Homburg begegne, gucken etwas komisch – ich weiß nicht, was Dingdong in ihrer Sprache heißt). Dennoch gelingt es, ruhig auszurollen und als ich die Talstraße in Homburg erreiche, ist es etwa halb sechs und auf dem Gesamt-Kilometerzähler stehen fast auf den Meter genau 380 Kilometer. Nur knapp dreißig Kilometer mehr, als das Tourismusportal im Web für die große Saarlandroute offiziell veranschlagt. Und die sind weitestgehend meinem Abstecher zur Saarschleife an Tag drei der Tour geschuldet.
Fazit: Der große Saarlandradweg lässt sich allein mit den aufgestellten Schildern navigieren. Eine Karte, zum Beispiel auf dem Handy, ist nützlich aber muss nicht. Die Radwegbeschaffenheit hält von feinstem Teer über übelsten Wald- und Feldweg alles bereit und mit einem 28 Zoll Standard-Tourenrad und Gepäck kann man die Reise prima bewältigen.

Ach und der Blogtitel? Er spielt mit dem Titel des melancholischen Elton John Albums ‚Good Bye Yellow Brick Road‘ – ich konnte mir das Wortspiel nicht verkneifen.

Vom Saargau in den Warndt | #UmsLand/Saar

Nochmal 90 Höhenmeter. Verteilt auf eine Distanz von drei Kilometern. Schottriger Waldweg. Zwei Mountainbiker preschen mir entgegen. Gerade habe ich Lauterbach durchquert mit seiner wuchtigen Kirche, deren Turm derzeit eingerüstet ist. Dennoch ein Prachtstück. Den Saargau habe ich wohl hinter mir. Es war nicht leicht, frühmorgens den Namen der Gegend herauszukriegen. In Fürweiler fragte ich einen Mann, wie heißt die Gegend und er antwortete Fürweiler. Also präzisierte ich die Frage, nein, die Gegend, also alles hier und machte dazu eine kreisende Handbewegung. Achso, Rehlingen-Irgendwasgenuscheltesburg. Er meinte die Verbandsgemeinde Rehlingen-Siersburg. Ich gab auf. Ich erinnere mich, dass ich vor zehn Jahren in dieser Gegend zwei wunderbare Geocaches gefunden habe. Einer befand sich in einem ehemaligen Eisenbahntunnel. Die Gegend ist unerwartet bergig. Immer wieder kündigen Schilder die Steigungen des Radwegs an. Nachdem ich es anfangs demotivierend fand, weiß ich die Hinweise mittlerweile durchaus zu schätzen. Bis sechzig Höhenmeter tut nicht weh, wenn die Distanz größer 800 Meter ist.90 ist lästig. Drei Kilometer Waldweg sind unangenehm. Bald bin ich in Karlsbrunn im Warndt. Der (oder heißt es das) Warndt war ehemals Jagdgebiet der Adeligen. Schon Karl der Große habe hier gejagt, erzählte mir morgens der Mann, der mir dann doch noch den Namen der Gegend um Fürweiler verraten konnte. Ein riesiges Waldgebiet und ich solle besser nicht nach Großrosseln radeln, was mein Tagesziel ist, sondern in Karlsbrunn bleiben. Großrosseln sei, wie viele Orte, die mit Kohle und Industrie zu tun hatten, etwas heruntergekommen. Dass er seit der Hundertjahrfeier der örtlichen Gaststätte im Ort wihne, erzählte er mir auch, und dass die Gaststätte nach dem Fest dicht gemacht habe. Voilà, zwei Äpfel. Gibt ja nichts wo man einkaufen könnte.

In der Tat. Erst in Überherrn finde ich einen Edeka und versorge mich mit dem Nötigsten, so dass es für Sonntag reicht.

Doch zurück zu meiner Steigung, also vorwärts in meiner Tour zu jenem Waldweg, der von Lauterbach hinauf führt in den Warndtwald rings um Karlsbrunn. So kurbele ich also diesen Waldweg hinauf und steuere auf den vorläufig südlichsten Punkt auf meiner Radreise ums Saarland zu. Ein Forsttraktor überholt mich, wippt auf fetten Ballonreifen und bläst Dieselruß und Staub in die Luft.

Nach drei Kilometern stehe ich endlich oben. Hier. Fast ganz im Süden. Und zwar an äußerst spektakulärer Szene. Bei einem Aussichtspunkt ragt eine Rampe über einen Abgrund. Der Ort liegt genau auf der französischen Grenze. Blick in ein gigantisches Loch, in dem zwei Seen die viele Hektar große (offenbar Tagebau) Wunde zu renaturieren versuchen. Weit entfernte Kühltürme im Dunst. Zwei Studentinnen reden über Klausuren und auf einer Parkbank am Waldrand sitzen vier Jugendliche mit Gitarre, singen auf Französisch. Karlsbrunn liegt ein bisschen weiter unten im Tal nördlich der Abbruchkante. Es gibt einen Wildpark dort und was soll ich sagen, die zahmen Wildschweine in einem der Gehege sehen tatsächlich ein bisschen aus wie die Umrisslinie des Saarlands. Wie meine gelbe Wutz, der ich seit vier Tagen folge.

Die Lagerplatzsuche bereitet ein Problem. Einerseits würde ich gerne noch ein bisschen radeln, damit die Strecke des letzten Reisetags nicht zu lang wird. Es ist auch erst 16 Uhr. Andererseits wird es wohl kaum möglich sein, auf der Strecke Großrosseln-Völklingen-Saarbrücken, also den nächsten vierzig Kilometern einen gemütlichen Platz zu finden. Zwischen Völklingen und Saarbrücken verläuft der Radweg teilweise unter der Autobahn. Und schon in den Tälern des Warndt hört man die Autobahn summen, die quietschenden Reifen samstagabendgestylter Jungbullen auf dem Weg ins Amüsement, einen laut hupenden Hochzeitskorso. Bloß nicht über Großrosseln hinausradeln, Herr Irgendlink, bloß nicht!

Noch vor Großrosseln zelten? Oder in die Dunkelheit radeln und erst zwischen Saarbrücken und Saargemünd einen Platz zu suchen? Sei doch vernünftig, Mann!

Der Weg ab Karlsbrunn ist ein wunderbares Idyll. Dichter Wald, oft Birke. Fast komme ich mir vor wie in Skandinavien. Niedergehendes Farn in allen Rot- und Brauntönen bis hin zu fast elfenbeinenem Seichtgelb.

Ein weiterer Anstieg, x Meter auf y Kilometer bremst mich vor Großrosseln aus, nimmt mir gleichsam die Entscheidung ab und kurz vor dem Städtchen finde ich einen guten Platz unter einer Eiche. Mit Parkbank, auf der ich Abendessen kochend bis zur Dämmerung warte. Außer einer Hundegassigängerin begegnet mir ohnehin niemand.

In Radeln zwei Krähen | #UmsLand/Saar

Perfekt. Die Sonne geht genau im Zelteingang auf. Blutroter Ball, durch optische Täuschung zur Elipse gedrückt und von seichtem, graublauem Dunst schmeichelnd gerahmt. Wiese so weit das Auge reicht. Hinter mir Eichenwald. Ich hätte gewiss das Zeug, keltischer Kultstättenbaumeister zu werden, so präzise wie das Zelt in den Himmeln ausgerichtet ist. Um Punkt acht Uhr vier am 20. Oktober. Just an dieser Stelle.
Zwei Krähen balgen sich lautstark in der Höhe.

Bis spät in die Nacht hörte ich Unscharen von Zugvögeln übers Lager fliegen. Nun dominiert das Wummern der Autobahn und der Straßen nördlich dieses Niemandsgrenzlands.

Gestern habe ich die Schnauze der Wutz umradelt (zu Wutz siehe den ersten Blogartikel #UmsLand/Saar).

Das heißt, ich bin mehr oder weniger eine Schlaufe geradelt und Luftlinie nur knapp zehn Kilometer von meinem gestrigen Lagerplatz nördlich der Saarschleife entfernt. Insgesamt dennoch gut siebzig Kilometer führte der Schlenker von der Saar zur Mosel und zurück auf den kahlen, von kleinen Forsten durchwirkten landwirtschaftlich genutzen flachen Höhenzug an der französischen Grenze. Jungkeimendes Getreide und blühender Raps gebrochen von Windrädern. Tagein tagaus im Landkreis Merzig. Gefühlt größter Landkreis des Universums. Die Autokennzeichen tragen MZG. Aber es sind auch viele französische und luxemburgische Kennzeichen zu sehen. Der Straßengraben ist gespickt mit steuerfrei gekauften Bierdosen ohne Pfand – ich hätte durch Dosensammeln den Tagesetat bestreiten können, wenn überall das Pfandsymbol aufgedruckt gewesen wäre.

Übervolle Lebensmittelläden in Perl, in Schengen ein Abkommen, in Radeln zwei Krähen, beim Schalten ein Knarren. Heute ist Flann O‘ Brian Titel Tag. Ich möchte ein Computerprogramm schreiben, das aus Worten Flann O‘ Brian Titel generiert. The FlanOBrianizer. Geschrieben in Perl in Perl haha.

Derart stil mit mir scherzend verdulde ich mir mannigfaltige Steigstrecken, die am Radweg stets mit Schildern angekündigt werden: steigt 60 Meter auf 800 Metern etwa. Demotivationsschilder. Viele. Schon der Anstieg von der Saar ins Rheinland-Pfälzische Taben-Rodt hats in sich. Dort stoppe ich einen Kleinwagen per Fingerzeig und frage nach einem Laden, in Taben-Rodt zwei Bäckereien? Hier gibt es nichts, sagen die beiden Insassen. Hier ist tote Hose. Auf den Kopfstützen ihrer Sitze hängen kukluxklanesk schwarz rot gelbe Hauben und auch die Gurte sind mit SRG-Überziehern versehen.

An einem Bach namens Leuk zweige ich ab zum Aussichtspunkt Cloef bei Orscholz an der Saarschleife. Grandios, lohnt sich, obschon die insgesamt fast zehn Kilometer Umweg auch über hundert Höhenmeter in die Oberschenkel pressen. Auf Waldwegen erreicht man kurz vor Orscholz einen Kreuzweg kurz vor einem Stein, auf dem ‚Weg des ewigen Lebens‘ geschrieben steht. In Orscholz kann ich auch endlich etwas einkaufen. Die Saarschleife ist sehr touristisch mit Baumwipfelpfad und Aussichtsplattform. Der kostenfreie alte Aussichtspunkt genügt mir jedoch.

Apropos Weg des ewigen Lebens. Später an der Mosel passiere ich die Todesangstkapelle in Nennig.

Die gestrige Etappe war sehr vielfältig an Gegenden. Von schroffer Saarschlucht über kahle Felder durch riesige Windparks, vorbei an Weinbergen war alles dabei. Und viele Bergaufs. Ein besonderes Schmankerl ist ein fast schnurgerader Skulpturenweg südlich von Büdingen. Die Straße verläuft kilometerweit direkt auf der Grenze zu Frankreich. Das Gesamtkunstwerk mit vielen Skulpturen zu Ehren des in Majdanek gestorbenen Bildhauers Otto Freundlich wurde in den 1970er Jahren in Symposien begonnen und in den 1990er Jahren beendet. Derzeit werden viele Windräder auf der Grenze gebaut und die Skulpturen stehen fast alle hinter Gittern, wohl zum Schutz vor Schwerlasttransportschäden. Das Internet ist übrigens dank Roaming nach Frankreich gnadenswert schnell.

Kein Verkehr zwischen Mettlach und Taben | #UmsLand/Saar

Diese Stille, die Du auskostest wie ein Sternemenü, das französelnde Meisterköche eigens für Dich kredenzten und es mit viel Pomp auftragen. Du ahnst die Saar, kaum zwanzig Meter entfernt. Kann ein Fluss so leise fließen, dass man ihn nicht hört? Kein Tier, kein Wind in den Wipfeln, kein Geäst krächzt. Blätter fallen nicht.
Aufrecht hockend im Zelt, düsternis starrend, halb träumend denkst Du, bin ich tot? Vage Panik erupiert unterm Ozean des Halbschlafs. Gleich wird sie einen Tsunami aufwerfen, der Dich zermalmt. Ein kurzes Gebet noch um ein Auto, einen Güterzug, einen LKW, der Autos hinter sich staut, so wie es üblich ist hier im engen Saartal, so wie Du es verlassen hast, als Du endlich einschliefst am Abend unterm Halbmond neben der Buche auf einem zehn Zentimeter dicken Bett aus Laub und Eckern und dürrem Gezweig. Es 1:07 Uhr.

Vom Bostalsee schlängelt sich gestern der große Saarlandradweg entlang des Nackens der ‚Wutz‘ (siehe vorigen Blogeintrag, in dem erläutert wird, dass der Umriss des Saarlands einem Schwein ähnelt) über den Kopf zur sturen Schweineschnauze, die etwa bei Mettlach an der Saar beginnt. Dazwischen liegen drei Seen, die auch dem Themenradweg Dreiseentour seinen Namen geben. Eigentlich sind es Stauseen, der Bostalsee, durch den die noch junge Nahe fließt, der Primstalstausee, benannt nach dem Flüsschen Prims und in der Nähe von Wadern, genauer bei Losheim, der Losheimer See. Am spektakulärsten dürfte der Primstalsee oberhalb Nonnweiler sein. Er hat zwei Arme. Niedrigwasser sei Dank sieht man die Ufer besonders markant. Auf einer Infotafel ist skizzierr, wie das als Trinkwasserreservoir geplante Gewässer ‚funktioniert‘. Dass der Losheimer See ein Stausee ist, erfahre ich erst in einer Konditorei in Losheim, in der ich siebzehn Uhr abends unterzuckert ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte esse und einen Kaffee trinke. Da lang ein Lebensmittelladen? sagt die Verkäuferin, ne, da kommt nur noch der Stausee, und sie schickt mich in die andere Richtung ins geschäftige Städtchen zu einem Lidl. Der Weg dahin deutschfeierabendblechkarossenaggressiv, Drängelei, Huperei, multiple Anklagen derjenigen, die sich im Recht meinen. Für einen kurzen Moment des nach dem Einkauf Weiterradelns, den See links liegen lassend, weil es die Streckenführung des Saarlandradwegs so will, sinniere ich, ob es anders ist als früher mit der Aggression jenseits des Blechs, anders als früher mit dieser sinnlos kleingeistigen Machthuperei, dem Fahren auf den letzten Zentimeter, dem Rechthaben, ohne zu wissen, was Recht ist und dann wundere ich mich, dass die Menschen außerhalb ihrer Autos, also nicht eingebunden in Verkehrssituationen, so normal, so friedlich, so freundlich sind.

Nachdem der große Saarlandradweg zwischen Wadern und Losheim eher unspektakulär war, mausert er sich ab einem Dorf namens Häusern wieder zu einem Waldidyll und ab Mettlach folgt er dem Saarradweg, also dem großen Flussradweg. Ein Mann in Mettlach empfiehlt mir, links zu fahren nach Dreisbach an der Saarschleife. Dort gibts Flusswiesen zum zelten und eine Jugendherberge. Campingplatz gibt es in Mettlach nicht. Viele Hotels. Ich überquere die Hängebrücke. Hellblaues Teil. Jenseits ein riesiger Park, ich traue mich nicht hineinzufahren und dort zu Zelten, radele stattdessen entlang von Zäunen und Mauern von Tor zu Tor. Irgendwo steht Villeroy und Boch geschrieben. Eine Frau mit zwei Hunden sagt mir auch den Namen des ehemaligen Schlosses. Ich hab ihn vergessen. Ein paar Kilometer flussabwärts des Parks treffe ich die Frau an der einzigen Stelle in der Schlucht, an der man ein Zelt aufbauen kann. Ist zwar wahrscheinlich Naturschutzgebiet, sagt die sie, weist aber kinnwackelnd hinüber auf die andere Flusseite. Dort donnert ein Güterzug und auf der Straße ziehen die Kolonnen.

Ein ohrenbetäubender Lärm. Hier schlafen? Hab ich eine Wahl? Müde bin ich nach achtzig Kilometern. Abenddämmerung. In Kürze nichts besseres zu finden, sagt die Frau. Da vorne gibts eine Trinkwasserquelle. Da im Wald eine Bank. Ansonsten nur Fuchs und Luchs und Maus und Ratt‘ und falls ich etwas brauchen sollte, erklärt sie mir den Weg zu ihrem Haus, einfach klingeln.

Das mit der Bank war klasse, kann ich nun sagen. Unterm Gedonnere des Verkehrs einschlafen aber nicht und vorhin aus dem Halbschlaf zu erwachen und nichts, absolut nichts zu hören, war geradezu unheimlich.

Mittlerweile gab es doch noch das eine oder andere Auto und hinterm Zelt raschelte ein Fuchs, ein Luchs oder ’ne Ratt‘. Ich lege mich noch mal hin.

Folge der gelben Wutz | #UmsLand/Saar

Es ist allgemein bekannt, dass das Saarland, also sein Umriss, die Form eines Schweins hat, das im Profil nach links schaut. Mit etwas Phantasie könnte es sich auch um einen Igel handeln. Igel und Schweine haben ja ähnlich kugelige Formen und ähnlich rüsselige Schnauzen.
Etwas dünnhäutig dieser Tage wegen abschätziger Bemerkungen einiger Menschen zum Künstlerberuf, die mir ungewollt nahe gingen, haderte ich, ob ich an meinem Bayernprojekt weiter arbeite und eine Woche lang entlang der Alpen zwischen Bodensee und Königssee radele, um mein Portrait des Bundeslandes weiter zu bearbeiten. Zwei Dinge ließen mich von der Idee ablassen: es ist mir zu wider, mitsamt Reisegepäck und Fahrrad per Zug oder per Auto zum Einsatzort zu fahren, sprich, erst einmal nach Lindau und später wieder ab Berchtesgarden zurück in die Pfalz. Beides halb- bis ganztägige Reisen. Unbequem.

Ich liebe es nunmal, daheim loszuradeln und auch wieder per Rad nach Hause zu kommen.

Zweitens dieses eigenartige Einknicken des Selbswertgefühls wegen der Bemerkungen zweier Menschen zum Künstler- und Autorenberuf. Normalerweise bin ich dagegen immun und es macht mir nichts aus. Keine Ahnung, wieso es mich so sehr traf.

Wie reagiert man darauf? Ein Erfolgserlebnis muss her. Am besten ein schönes, rundes Reiseprojekt, garniert mit nichtswürdigen Kunst- und Schreibhandlungen. Ein Hieb in Bürgers Wohlgefälligkeitsvisage. Da, nimm, Ignorant, deine ‚Ich hab ja nichts gegen Kunst, aber Schandlippen‘ mögen verstummen.

Nun ist es mit dem Bayernprojekt leider so, dass es nur ’scheiternd‘ gelingen kann. Dass ich es wegen der über 2000 Kilometer Distanz nur scheibchenweise umradeln und beschreiben und bekunsten kann. Jede Etappe bringt mich zwar voran, aber das finale Erfolgserlebnis erhalte ich erst, wenn ich ganz zu Ende geradelt bin. Ich muss mindestens drei Mal scheitern, um zu gewinnen.

Weshalb ich mich des Saarland-Radwegs erinnerte. Knapp 360 Kilometer. Fünf Tourtage. Und direkt vor der Haustür.

So machte ich mich gestern auf, rüber nach Homburg/Saar. Homburg liegt allerdings gar nicht an der Saar, sondern am kaum 20 Kilometer langen Erbach.

Die Hinweisschilder des großen Saarland-Radwegs sind grün, tragen stets Name und Entfernung zu Orten in zehn bis dreißig Kilometern Entfernung. Ab Homburg sind zum Beispiel Jägersburg und Höchen ausgeschildert. Außerdem bleckt gelb der Umriss des Saarlands auf den Schildern. Das Schwein, welches man auch Wutz nennt. Es ist mein weißes Kaninchen, das mich die kommenden Tage führen wird und hoffentlich das Künstlerselbstwertgefühl wieder gerade rückt.

Die gestrige Etappe entgegen dem Uhrzeigersinn führte übrigens hoch in den Norden des Saarlands. Vom Homburger Bruch über den Höcherberg, vorbei an Sankt Wendel durchs Ostertal bis zur Nahe, die oberhalb des künstlich erstauten Bostalsees ihre Quelle hat.

Tippfehler lasse ich mal im Artikel. Dass die Bluetooth-Tastatur nun völlig den Geist aufgegeben hat und ich eindaumig auf dem Touchscreen tippe, werte ich als kleines Scheitern zwischendurch.