Belgitüde

„Die Mädchen mit den linksfußlackierten Zehennägeln“ scherzen wir. So ähnlich könnte der Blogartikel heißen. Meinen Nachbarinnen auf dem Minicamping Beer Ostie erkläre ich das Blog.

Nachdem ich das Zelt abgebaut hatte und eigentlich nur Tschüss sagen wollte, stehen sie vor dem Wohnwagen und finden „Hoe sterk is de eenzame fiedser“ – Wie stark der einsame Radler doch ist. Zu finden bei youtube mit Suche nach Boudewyn de Groot/Jimmy. Ich bin ergriffen. Wir sitzen in der Morgensonne, trinken Kaffee, Michelle, Henriette und ich, und schwadronieren über das Leben, die Kunst, die Gegenwart, so, als würden wir uns schon lange kennen. Henriette macht Fotos von uns. Vom Radel. Und Michelle fotografiert irgendwann den Kunstrasen vorm Zelt unser dreier Füße, als baumelten sie über einem tiefgrünen Teich. Henriette hat nur die Nägel am linken Fuß lackiert. Und schon ist ein potentieller Blogtitel geboren. Henriette skizziert das Geschehen schriftlich auf Post-Its, steckt sie mir zu. Geheime Botschaften frisch aus der Quelle. Michelle ist Künstlerin. Sie empfiehlt mir das belgische Kultursommerprojekt entlang der gesamten Küste: Beaufort 04.

Wieder einmal habe ich das Gefühl, dass mir eine unsichtbare Kraft den Weg frei schaufelt. Kaum habe ich abends die SMS an die geliebte SoSo geschickt „Find nix“, was bedeutet, dass es schon fast dunkel ist, und ich noch immer keinen guten Lagerplatz gefunden habe in dem zig Hektar großen Molloch aus nervigen Riesencampingplätzen ohne jegliche Seele mit Lärmgarantie und Gezeter, ich mich schon darauf einstelle, sitzend unter einem Baum zu schlafen, taucht hinter der Kurve Beer Ostie auf. Mehr noch, die unsichtbare Kraft, die den Weg bereitet, sendet Michelle und Henriette.

Erst gegen 13 Uhr verlasse ich den Platz, der direkt am LF1 liegt. Über Sluis, welches sonntäglich überquillt von Tagestouristen, so dass mit dem Fahrrad kaum ein Durchkommen ist zwischen all den Spaziergängern und den in Schrittgeschwindigkeit Parkplatz suchenden Autos, begrüßt mich an der Grenze in Belgien eine Tafeln mit Radwegenetz. Auch hier heißt der Nordseeradweg LF1, wenn auch ohne a oder b, was die jeweilige Richtung kennzeichnet. Annick K., die imaginäre belgische Verkehrsministerin, hat ihre Aufgabe prächtig gelöst. Knapp hundert Kilometer weit schlängelt sich die Strecke durchs Land. Über Zuienkerke (bei Brugge), Nieuwpoort und Koksijde bis zur französischen Grenze. Bis auf ein zwei Ausnahmen lückenlos beschildert. Erstaunlicherweise führt der Weg fast nur an Kanälen unter Alleen aus haushohen Linden oder über kleine Landsträßchen, die kaum breit genug sind, dass ein Radler und ein Auto aneinander vorbei kommen. Die Küste berührt er erst in Nieuwpoort beim abendsonnenglänzenden Hafen und in Koksijde mit seinen hohen Dünen. Vom Landesinneren hat man immer wieder erschreckende Ausblicke auf die Küstenlinie: Skylines aus zehn plus X stöckigen Häusern, oft kilometerlange Wände, ragen grau aus dem Dampf des Tages. Im Vordergrund lieblich ein Maisfeld. Ich bin ziemlich froh, nicht direkt an der Küste radeln zu müssen. Das GPS zeigt zwar auch dort eine Route, also jenseits der Hochhauszeilen, aber ich vermute, dass das an einem Sonntag keinen Spaß machen würde. Sobald ich auch nur annähernd Richtung Strand komme, ist das Menschenaufkommen extrem: Autostau, Fußgänger, Radler. Überquellende Straßencafés. Belgien lebt durch sein Hinterland.

An einer Kreuzung bei einem der vielen Middelkerkes (viele Orte heißen mit Nachnamen Middelkerke, sehr seltsam Also Knocke middelkerke, Panne Middelkerke usw.) fragt mich ein Radler, ob ich nach Compostella will. Spätestens jetzt klickts: hier ist man katholisch. Der Mann schwärmt von dem wunderbaren Land und den Radwegen. verdammt. er hat recht. Mit dem Finger zeigt er nach Norden auf die braunen Kühe, die kaum fingernagelgroß fern auf einer Weide grasen, nur zweitausend Stück gibts von denen und nur hier in der Gegend, weshalb sie streng überwacht werden. Artenschutz bei Nutzvieh? Glücklich sind sie allemal.

Kurz hinter De Haan folge ich einem Schild, das auf einen Milchautomaten hinweist. Sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden lang Frischmilch. Nullzwoer Becher für zwanzig Cent. Eiskalt. Der Hofhund liegt müde neben einer Picknickbank. Kind sitzt lustlos auf seinem Spielzeugtraktor und starrt mich schweigend an. Erst, als der Papa mit dem Auto vorfährt, redet der Junge, dass das sein Papa sei und dass er heimkommt. Tse. Im Häuschen, in dem der Milchautomat steht, sind zwei Steckdosen, mit denen ich den Pufferakku des iPhones lade.

Ich bin heilfroh, dass ich die Nordseerunde so sauber zu Ende bringen kann und diesen wunderschönen Abschnitt in Belgien, der gerne ausgeklammert wird, auch noch radle. Er gehört einfach dazu. Ohne Belgien ist die Nordseerunde keine Nordseerunde. (Die meisten NordseeradlerInnen nehmen die Passasge von Hoek van Holland oder Vlissingen nach Harwich in England.)

Irgendwann bei Koksijde die ersten französischen Worte. Bonsoir, ça va et cetera. Die Sonne im Rücken bringe ich mich weg von der Küste, weg vom Ferienmolloch, der jedoch in dieser Gegend ein ganz anderes Feeling hat, als in den Niederlanden. Insgesamt kommt mir das Land geschmeidiger vor, weniger rau, die Gehöfte sind weiter von einander entfernt. Es gibt großzügig weite aber sehr flache Gegenden, durchzogen von Kanälen, garniert mit Zugbrücken, wie sie schon die alten Meister seit jeher malten.

Nun habe ich mein Zelt neben einem Misthaufen unweit der französischen Grenze aufgebaut. Der LF 1 führt sogar noch durch Frankreich bis nach Boulogne-sur-Mer. Seit fünf Uhr bin ich wach, der magnetische Sog des Daheimlebens hat eine unheimliche Kraft entwickelt. Ich wälze erste Alltagssorgen, schreibe Mails, organisiere Dinge für das Kunstzwergfestival, das vom dritten bis fünften August in meinem Atelier stattfindet.

Obwohl ich mit hoher Schlagzahl radele, habe ich dennoch genug Zeit, on the fly, ein wenig Kunst zu schaffen. Die Texte, dieser Text, sind etwas geraffter. Effizientes Arbeiten. Puuh, halb acht. Ich baue dann mal das Zelt ab.

(sanft redigiert, mit Link versehen und gepostet von Sofasophia)

Nach LA, Scheinwerten hinterher hechelnd

LA hat angefragt. Sags laut: Äl-Äi. Das klingt wie Verschwörung, dunkle Macht. Ich könnte die Kunststraße „Ums Meer“ auf der wichtigsten internationalen Schau für mobile Kunst zeigen. Speedlife hat mich gänzlich wieder. Mails jagen über den Atlantik, zu Sponsor Sarcom, zur Presse.

In all dem Trubel habe ich glatt verbummelt, in Boulogne-sur-Mer Bescheid zu sagen, dass ich vermutlich schon Dienstag dort sein werde. Puuh. Die Zeit rennt. Ich komme mir vor, wie der namenlose Hund, der mir im Mai 2000 nördlich des Flughafens von Montpellier einige Kilometer hinterher gerannt ist. Ich mit vollbepacktem Radel, er ein junges, ausgesetztes Tier auf der Suche nach einem Herrchen. Die Oberschenkel hatte er mir zerkratzt, als er an mir hochsprang, so dass ich ihn zurück schickte in den Straßengraben. Hunde und Radler passen leider nicht zusammen.

Die Gier nach Liebe, Nähe, Rudel, Nahrung, Anerkennung, Ruhm und Ehre ist eine schreckliche Kraft, die uns Menschen dazu veranlasst, Großes zu vollbringen, aber auch, uns zu verausgaben bis zum Gehtnichtmehr. Das Hundchen von Montpellier kommt mir immer dann in den Sinn, wenn ich anfange zu rennen, dem ersten besten hinterher, weil ich mir etwas davon verspreche. Zugegeben: das International Mobile Art Festival ist eine Sache, die es wert ist. Eine Art Adelung als offizieller Mobilkünstler von allerhöchster Ebene. Aber das Zeitfenster ist denkbar eng: Am ersten August habe ich drei Tage Zeit, etwa 800 Bilder und Textfragmente und Kartenstücke in eine iPad-Schau zu verpacken, die Daten samt iPad nach LA zu schicken. Spätestens am zehnten August muss es dort sein. Run run run.

Das Hundchen aus Montpellier war ziemlich ausdauernd. Ich radelte mit zwanzig Sachen auf ebener Strecke, völlig außer Puste und immer wieder springt mich das Tier an, winselt ein unverstehbares „nimm mich mit, sei mein Rudel“, so dass ich minutenlang immer wieder überlege, kannste dir das leisten, einen Hund auf der Radeltour mitzunehmen. Schäferhundgröße. Nicht so leicht auf dem Gepäckträger unterzubringen. Mein armes, weiches Herz bricht, als ich einen Hügel hinauf keuche, das Tier immer wieder wegschicke, es eine Weile stehen bleibt, mir nachschaut, wieder losläuft, aufholt, ich den Gipfel des Hügels erreiche und auf der anderen Seite mit 40 km/h hinabkeuche, Kilometerweit um zwei drei Kurven. Das Tier ist weg. Und ich um die Fleisch gewordene Erfahrung reicher, dass, egal, ob Tier oder Mensch, immer wieder Situationen kommen im Leben, in denen man bereit ist, alles zu geben, sich bis in Todesnähe zu verausgaben. Wir Menschen vielleicht sinnloser, blinder, Geld, Macht und anderen fiktiven Werten hinterher hechelnd, als etwa ein Hund, der von all dem menschgestrickten Schein gar keine Ahnung hat und der nur eins kennt, fressend durchkommen in irgendeinem Rudel dieser Welt.

Oeverdijk Fraktal

Wie nennt man eigentlich den Raum, der bei der Durchdringung eines regelmäßigen Dodekaeders mit einem Zylinder entsteht? Schaum vorm Mund. Die Regenjacke flattert. Die gelbe Schutzhaube, die die Lenkertasche überzieht und die nur von einem Gummizug gehalten wird, droht davon zu fliegen. Wenn ich meinen Körper doch nur auf Durchzug stellen könnte, die Lücken zwischen den Atomkernen derart erweitern, dass die Regen- und die Windatome hindurch passen. Durchdringung eines menschlichen Körpers mit einer Schlechtwetterfront, schießt es mir in den Sinn. Wie nennt man den Raum, der dabei entsteht? Wie heißt die Schnittmenge aus voran strebendem Radler und Gegenwind. Der feine Niesel nagt wie Ameisen an den Knochen. Das wird nix mit der geradezu archimedesken Idealvorstellung von der Mensch-Schlechtwetter-Geometrie. Jenes goldene Ideal der Einheit mit den Gegensätzen. Der Regen wird dich zernagen und was übrig bleibt als Schnittmenge, das ist kein Raum, den man sich vorstellen könnte, das ist ein Körper, von dem nur noch eine ziselige Linie übrig bleibt. Ein hässliches Fraktal am Deich.

Kurz hinter Harlingen bin ich mit Wind und Nieselregen alleine. Ich und die Nordsee. Ha. Da kommt mir der Kerl da vorne mit dem Hundchen gerade recht. Gebeugt wie ein Embryo, der schon laufen kann, zündet er sich unter der Jacke eine Zigarette an. Abwechslung für mein Hirn, das sich damit beschäftigt, Wegstrecken und Zeiten auszurechnen. Mit acht bis zehn Kilometern pro Stunde ächze ich voran. Vierzig Kilometer bis nach Den Oever auf der anderen Seite des Deichs, der das Ijsselmeer von der offenen See trennt. Fünf Stunden. Keine Windstille in Sicht. In Harlingen, wird mir plötzlich klar, hättste sollen noch einkaufen. Mist. Mister Oberschlau hatte mal wieder nichts besseres zu tun, als fotografierend durch die Stadt zu gondeln. Von Blüte zu Blüte wie eine Biene, die nur an den Blumen schnuppert, anstatt fleißig Nektar zu sammeln. In dem Käseladen in der Hauptstraße, den mir mein schottischer Freund Ray per SMS empfohlen hatte, bin ich eingekehrt. „Geh in den Laden mit den netten Service Ladies und trinke einen frisch gepressten or Ange Saft, so lecker“, steht in der Nachricht. Tu immer das, was dein schottischer Mitradler dir empfiehlt. Angesaft? Wassen das? Ziegensaft? Arglos bestellte ich Angesaft, in der Hoffnung, dass die Lady das versteht, aber sie zuckt nur mit den Schultern. Der einzige Saft, den wir haben, ist der da und sie zeigt auf ein Fläschlein Orangensaft. Hum? Nehme ich halt den. Erst später, draußen vor dem Laden auf einer Bank sitzend wird mir Rays Schreibfehler bewusst „or Ange“, oh Hirn.

Ohne Abwechslung am Deich. Mann mit Hundchen habe ich längst hinter mir gelassen. Unendlich langsam keuche ich auf Zurich zu, fotografiere das Ortsschild, suche nach einem Laden, vergeblich, ziehe auf der Kante einer mit Vogelmist überzogenen Bank vor der Kirche die Regengamaschen aus. Der Niesel lässt nach. Im einzigen Laden des Dorfs, einem Angelladen, empfiehlt mir die Besitzerin, acht Kilometer mit dem Wind nach Makum zu radeln, dort gäbe es einen Einkaufsladen. Oder nach Den Oever, zweiunddreißig Kilometer übern Oeverdeich. Der Angelshop ist in einem hellblauen Haus untergebracht, unter dessen Giebel „Zurich Bank“ geschrieben steht. Ich könnte es schaffen, bis 18 Uhr in Den Oever zu sein. Vorbei am einzigen Hotel Zurichs. Wenn die Reise ganz am Anfang stünde, ich genug Geld und Zeit hätte, würde ich mich in dem Laden jetzt einmieten. Stattdessen: Regengamaschen wieder anziehen, Hase und Igel-Spiel der Niederschläge. Nase auf dem Lenker vermindert den Winddruck, steigert die Geschwindigkeit um ein bis zwei Kilometer pro Stunde. Ich könnte am Tacho lecken, so nah bin ich mit dem Mund davor. Komfortabel ist das nicht. Kurz nach Zurich beginnt der Deich. Wasser, links und rechts von mir. Von der vierpurigen Straße neben dem Radweg hupen manchmal aufmunternd einige Autos. Ein Engel muss jetzt her. Bei einem Stopp und Schwätzchen mit einem holländischen Radler, der in die Gegenrichtung unterwegs ist, holt mich Rainer ein. Dortmunder auf Holland-Runde. Gemeinsam üben wir den Belgischen Kreisel, was neben ein bisschen Ausruhen im Windschatten – alle zwei bis dreihundert Meter lösen wir uns ab – auch endlich die ewig rechnende Hirnmühle abstellt. Der Takt ist wichtig, wird mir klar. Sobald wir Menschen miteinander arbeiten, Sport treiben, uns sonstwie aufeinander einlassen, müssen wir eine Konzession an die Zeit machen, müssen wir uns auf Termine und Rhythmen einigen. Eine späte Hommage auf den „Takt“, der mir vor einigen Wochen beim Wiedereintritt in die Deutschenatmosphäre so sehr aufgefallen ist. Demut am Deich. Ungefähr in der Mitte überholt uns ein breitschultriger Rennradler, jagt mit geradezu unvorstellbarer Geschwindigkeit an uns vorbei. Wir sind so perplex, dass wir es verpassen, uns in seinen Sog einzuspeisen.

Ein paar Kilometer später folgt ein Monument-Café, eine Art Turm mit Rastplatz auf einer kleinen Insel. Nur noch knapp fünf Kilometer bis Den Oever. Der Rennradler überholt uns erneut – offenbar hat er beim Turm eine Pause eingelegt – dieses mal gelingt der Coup, wir folgen mit fast zwanzig Stundenkilometern mehrere Kilometer in seinem Windschatten. Aufgeschlossener Nordseeradler sucht solventen, breitschultrigen Mann mit gelbem Rucksack. Nichts muss, alles kann.

In Hippolytushoef lasse ich in einem Restaurant meine Trinkflasche auffüllen. Kommt doch genug von oben, sagt der Wirt. Aber in einer halben Stunde lässt es nach und fängt erst um zehn Uhr wieder an. Guter Köder. Zwei Fischlein an der Kaffeeangel. Wir schlürfen Kakau, Bier, Pommes, ehe wir nach einer knappen Stunde im Regen weiter radeln.

Minicamping heißt das Zauberwort. Rainer, erfahrener Hollandreisender, klärt mich auf. Minicampings sind winzige, günstige Farmcampings – ein Vorgeschmack war mein gestriger Platz, mit 3 Euro wahrscheinlich der billigste im ganzen Land. Etwa fünf Kilometer hinter Hippolytushoef werden wir fündig. Im Quarantaineweg, tse. Der Platz hat sogar einen Aufenthaltsraum, in dem wir unsere Kleider trocknen können. Irgendwie passt die Adresse.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Die dunkle Seite des Clowns

Liebes Tagebuch, was war ich wieder böse letzte Nacht. Mein aufblasbarer Butler James hat sich ernsthafte Sorgen gemacht um mich. Zusammen gesunken habe er mich am Deich gefunden, wo ich mir mit einer Taschenlampe, mit eingeschalteter Stroboskopfunktion, von unter dem Kinn das Gesicht angeleuchtet habe.

Ganz düster habe das ausgesehen, Meine Güte Sire … hat er gesagt, Sire, und mit seinen stets weißen Handschuhen habe er mich an der Schulter packen müssen, versucht, mich wachzurütteln aus meiner Apathie, aber ich habe nur Swing Low Sweet Chariot gesungen und neben mir habe eine dunkle Kuh gelegen, der ich zärtlich die sabbernde Nase getätschelt habe. Nachdem er mir meinen Lieblingstee aus Clownsfußschweiß gekocht hatte und ihn mir tropfenweise eingeflößt hatte, sei ich endlich zu Bett gegangen. Der Tee war sehr, sehr lecker und auf dem Beutel stand: Kein Unglück ist vom Unglück der anderen getrennt. Ob das was zu heißen hat?

Die Clownsschule, die in der Mitte der Zeltwiese ihr Zirkuszelt aufgestellt hat, hat letzte Nacht eine Generalprobe für die Abschlussklasse veranstaltet. Die kleinen, sie heißen alle August, sind zwar verdammt dumm, aber als es darum ging, sich gegenseitig Erdebeertorten ins Gesicht zu klatschen, war es eine Pracht, dies mit anzusehen. Das Erdbeertortenklatschen hört sich ziemlich ähnlich an, wie wenn ein Profifußballer beim Elfmeter einen Ball tritt. Neben der Dummheit eine weitere Analogie, die ich zwischen Clowns und Fußball feststelle.

Ich hungere! James ist zwar ein außergewöhnlich pfiffiger Clownfänger – einmal hat er einen Clown unter dem Vorwand, ob er denn schon seinen Namen schreiben kann, in die Falle gelockt und ihn ein Dokument unterzeichnen lassen, das uns auch gleichzeitig seine Schuhe und das Zirkuszelt vererbt, sollte ihm etwas zustoßen. Der Kerl war so dumm, das Kleingedruckte zu überlesen. Aaugkuzt hat er mit seiner krageligen Clownsschrift unter das Dokument gesetzt.

Leider nutzt mir James‘ Finesse heute nichts. Hoher Besuch hat sich angesagt. Stell dir vor, liebes Tagebuch, der deutsche Verkehrsminister Dr. Karl Theodor August zu K. ist angereist, um bei den Veranstaltungen für die Abschlussklasse eine Torte zu werfen. Auch er hat einst in dieser offenbar berühmten Schule seine Ausbildung gemacht. Hier wimmelt es nur von Security. Die Schule ist hermetisch abgeriegelt und sie üben das hysterische Lachen. Einer der älteren Clowns macht es vor, mit einem Zeigestock an einer Tafel: „Ha-Ha-Ha“, und die unbeholfenen Hahaha-Schützen sprechen ihm im Chor nach. Mjam mjam, sehen die lecker aus. Hach, warum kann ich nicht einfach zufrieden sein, mit dem was ist?

Der Platz ist paradiesisch. Direkt hinter dem Zelt verläuft der Weg zum Deich. Dort führen die Leute nun ihre Hundchen hin zum Defäkieren. Und wenn sich zwei Hundchenleute begegnen, spielt sich immer das gleiche Schauspiel ab: zuerst sagen sie Der macht nix, dann fangen die Tierchen an zu knurren und an den Leinen zerren, dann quetschen sich die atemlosen Herrchen aneinander vorbei, lassen die Hundchen schnuppern. Isn Mädchen, fragt dann der eine, ja, sagt die andere und so lavieren sie nebeneinander vorbei, so dass ich gleich noch einen weiteren Aufsatz schreiben könnte mit dem Titel Nadelöhr der Hunde. Hach und nun, da es langsam warm wird im Zelt, sitze ich knurrenden Magens, muss an James‘ Worte denken – er ist weit gereist – dass man am anderen Ende der Welt, wo es keine Clowns gibt, Hunde essen würde. Das Fleisch schmecke ähnlich.

Ich hoffe, es kommen bald wieder bessere Zeiten.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)

Deutschland

Am 29ten März habe ich das Land verlassen. Ganz unspektakulär überquere ich die dänisch-deutsche Grenze 23. Juni abends. Ein Sonntag. Fähnchen, gelbes Ortsschild, Ä, Ö und Ü, scharfes S. Mitten auf dem Radweg liegt ein Hundehaufen. Der rote Teppich des kleinen Mannes. Ich lache über diesen Witz kilometerweit.

Montagmorgen in Neukirchen spüre ich den Takt. Müllabfuhr leert die Container – ist es nur Einbildung, oder sitzt das Korsett des Lohnerwerbs hier tatsächlich fester als in all den anderen Ländern? Das wievielte Land durchquere ich eigentlich auf meiner Reise? Frankreich, Luxemburg, Belgien, wieder Frankreich, England, Schottland, Norwegen, Schweden, Dänemark … Puuuh. Ich habe mein Leben so extrem in die Gegenwart verlegt, dass ich mich kaum noch erinnern kann an früher. Trübwetter. An einer Scheune steht in großen Buchstaben: VERLEUMDUNG. An der Bushaltestelle vor einer Schule haben Kinder gekritzelt: Wir wollen unsere Rechte zurück. Eine Lea vereint in einem Herzchen mit Mike, Fredi ist schwul und Lisa schreibt: Ich war hier.

Die Menschen! Der Kassier im Supermarkt, den ich frage, warum sie sonntags aufhaben, sagt, dass es eine Ausnahmeregelung ist im Grenzland, und dass weiter unten, in Niebüll die Kurortregelung gilt, und dass dort die Läden auch offen sind. Wir haben nur vier Tage im Jahr zu, und an denen sind wir besoffen.

In den Ritzen des Alltags erlebe ich meine Landsleute. Eine Frau packt die Kinder ins Auto, während ich unter einer schrägen Weide einen Regenschauer abwarte, mit Engelbert telefoniere, der in seinem Blog vor einigen Wochen schon umgefragt hatte, wer denn von seinen LeserInnen am Meer wohnt, und wer mich treffen wolle. Er verrät mir die nächsten Orte: Husum, Sankt Michaelisdonn. Dort kann ich Menschen kontaktieren. Ich schreibe ihnen Emails. In Dagebüll, dem Inselhafen, der Amrum und Föhr bedient, treffe ich Ray wieder. Barsche Imbissbesitzerin. Die Leute sprechen uns reihenweise an, vollbepackt wie wir sind, wir zwei Exoten. Bei dem Sauwetter fährt sonst niemand Rad. Kilometerweit am Deich entlang. Durch Schafsland. Sehr schön. Ich spiele eine Weile mit dem Gedanken, dass die Schafshaufen auf der durchwegs geteerten Strecke eigentlich eine Botschaft sind, dass man den Weg als eine Art Lochstreifen sehen muss. Beschließe, mich Penn Drown zu nennen und einen Bestseller zu schreiben mit dem Titel der Da Sheepy Kot.

Die Vögel fliegen im Slalom um uns Fremdkörper, scharwenzeln im Wind, bleiben manchmal sekundenlang in der Luft stehen. Flut läuft ein. Nieselregen. Ein kleines, schwarzes Schaf liegt im Windschatten eines aufgedunsenen, toten Schafes, das die Beine von sich streckt. Mir wird klar, dass es pure Statistik ist. Dass der Tod immer da ist, mitten unter uns, und dass man ihn nur sieht, wenn eine Art überkritische Masse an Lebenden erreicht ist, dass in den großen Städten immer irgendwo eine Sirene heult, wenn etwas Schlimmes passiert ist, und dass hier im Schafsland immer irgendwo ein totes Schaf liegt, dem die Möwen die Augen aushacken. Weitere tote Schafe. Meine ungenaue Statistik berechnet einen Kadaver pro fünf Kilometer. Wie Schiffswracks liegen sie auf dem Deich und der Wind zaust in der Wolle. Vorbei an der Hamburger Hallig geht es bis nach Nordstrand, wo ich 1992 auf dem Weg nach Island campiert hatte. Die Insel scheint größer geworden zu sein. In meiner Erinnerung gab es vor zwanzig Jahren nur einen schmalen Damm mit Straße, auf dem man von Osten auf die Insel fahren konnte. Nun radeln wir streng zwischen Meer und Deich zehn Kilometer nördlich des Damms, den ich damals benutzt hatte. Schafe blöken, von Wellen eingeschlossen. An einem Haus Nummer 4 klopfe ich und sage Bescheid wegen der Tiere. Damit sie den Nachbarn verständigen. Die Frau bemitleidet uns wegen des Wetters und sie würde uns ja ihre Gartenlaube anbieten, aber es gebe keine Toilette, und deshalb schickt sie uns zum Campingplatz nach Süderhafen. Im Notfall können wir dennoch bei ihr klingeln. Sie schenkt uns ein Päckchen Nudeln, da die Läden auf der Insel um 18 Uhr schließen.

Die Dörfer heißen witzig: Oben und Westen. Mit dem Wind unterwegs auf der Straße zwischen Norderhafen und Süderhafen. Zehn Kilometer kein Problem. In einer Bäckerei treffen wir auf eine mürrische Frau, die uns zwei Kaffee to Go verkauft und ein Brot. Sie habe eigentlich schon geschlossen, nur vergessen die Türe zu zu machen. Direkt gegenüber der alten Mühle in Süderhafen liegt der kleine Campingplatz. Sieht aus, als böte er nur Platz für vier Wohnwägen, Herr Paulsen tritt aus der Tür, begrüßt uns herzlich. Wie Licht und Schatten sind die Menschen hier im Norden. Die einen mürrisch, als habe man sie gerade geweckt, die andern voller Wärme. Verschmitzt führt uns Herr Paulsen ums Haus runter zum Deich, ich hab das was für euch, etwas ganz besonderes, quartiert uns im Festzelt ein, das seit dem Mittsommerfest letzten Samstag hier steht. Wir werden in die kleine Campingfamilie integriert. Nachbars Kinder, Niklas und Benny, schauen beim Zeltaufbau zu, stellen Fragen zum Rad, zur Ausrüstung. Im Männerklo hängt ein Schild über dem Urinal: Der Schiffer hat darauf zu achten, dass das Ruder in der Fahrrinne bleibt. Wie bitteschön soll ich das für Ray übersetzen?

Abends lese ich im Aufenthaltsraum die Kommentare zum vorigen Beitrag. Wow, wow, wow. ich bin begeistert und freue mich einmal mehr über die wunderbare Eigendynamik, die dieses Blogexperiment entwickelt. Man bietet mir ein Bierchen an, schon ganz spät, und so lande ich bei Jutta und Carsten im Vorzelt. Deutsch reden. Hab ich auch vermisst, merke ich im Nachhinein. Scherzen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, auf einer Wellenlänge liegen.

Wir reden über Schottland, Tauschbörse der Abenteuer, das Wetter, den Sommer, Fußball, herrlich, all das, was das Daheimsein ausmacht. Ich spüre, wie ich langsam zurückkehre.

Mit Karen und Carsten habe ich in Sankt Michaelisdonn ein Treffen vereinbart und Kommantator Stefan in Itzehoe freut sich schon auf unseren Besuch am Abend. Nun, die Karte lesend, bin ich am Zweifeln, ob das so hinhaut mit den Terminen. Ich muss mir das Planen im Alltag erst wieder angewöhnen. Das Wetter: übel. Wenn der Wind dreht, klappt es noch nichtmal mit Sankt Michaelisdonn. That’s Rad.

(sanft redigiert und gepostet von Sofasophia)