Siebzehn Eichen und das Saarland

Vielleicht verhält es sich mit Scheitern und Erfolg wie die Kontraktion einer Raupe, sinniere ich gerade. Hände stecken in schwarzer Erde. Ich habe die siebzehn Eichen aus dem Kühlschrank geholt, die ich vor gut vierzig Tagen in einer Tüte voller Sägemehl eingelegt hatte. Ganz wie es die Beschreibung aus dem Web empfahl: unverletzte Eicheln einpacken in Sägemehl oder Erde und sie zwecks Simulation von Winterkälte im Kühlschrank reifen lassen. Sodann die Früchte vereinzeln in kleine Töpfe und immer schön gießen – in vierzig fünfzig Jahren hast du dann veritable Bäume, wo auch immer du sie hin gepflanzt hast.

Gut so. Das war die Zeit im September, in der die Sache mit dem Hambacher Forst noch ziemlich kritisch aussah und man die Baumhäuser räumte und die Fledermäuse vergrämte. Nicht gut sah das aus für den kleinen Wald in Nordrhein-Westfalen und für seine Bewohnerinnen und Bewohner. Da musste doch was machen, dachte ich. Zur Demo gehen, dich in den Sozialen Medien engagieren. Derweil prasselten die Früchte der kleinen Eiche neben der Künstlerbude aufs herbstwarme Blechdach. So laut und massenhaft wie nie zuvor. Eine Internetsuche zeigte, dass Eichen ohnehin erst nach einigen Dekaden Früchte abwerfen und da die Künstlerbude nunmehr etwa sechzig Jahre auf dem freien Land steht und der Windschutz erst Jahre nach Erbauen gepflanzt wurde, kommt das hin.

Ich sammelte Eicheln und keimte einen Teil davon. Einen anderen Teil verwandelte ich in einem aufwändigen Verfahren mit Wässerung und Rösten in Pulver, das als Kaffee gar nicht mal so übel schmeckt. Wenn man davon absieht, dass man pro Tasse Kaffee geschätzt etwa eine viertel Stunde Arbeit damit hat, könnte man einsteigen ins Geschäft mit dem Eichelnkaffee. Er schmeckt ein bisschen wie Malzkaffee.

Die schwarze Raupe, die mich zum Nachdenken über das Scheitern und den Erfolg anregte, kroch irgendwann vor Wochen quer über einen Teerweg – ich glaube, während meines Projekts, Bayern zu umradeln – und ich hatte sie längst wieder vergessen, bis ich vor zwei Wochen das Saarland umradelte und über Erfolg und Scheitern nachdachte.

Normalerweise könnte man ja ganz einfach sagen, Erfolg gleich gut, Scheitern gleich schlecht. Aus-die-Maus.

Ich hatte in jener Woche die Wahl, am Bayern-Projekt weiter zu radeln und die Strecke Lindau bis Königssee in Angriff zu nehmen auf dem über zweitausend Kilometer umspannenden UmsLand-Projekt, oder etwas ganz anderes zu machen. Gemütsmäßig war ich ziemlich angegriffen. Selbstwertgefühl im Keller und so war klar, ein Erfolgserlebnis muss her. Ich weiß nicht, ob es nachvollziehbar ist, dass, wenn man das Ziel hat, ein Land zu umradeln, es sich nicht gut anfühlt, wenn man dies in Etappen machen muss und immer wieder unterbrechen muss, um nach Monaten endlich die Runde zu beenden. Rein sportlich gesehen, ist es wahrscheinlich nicht so schlimm, dieses Gefühl. Aber da ich unterwegs schreibe und Kunst schaffe, ist jede Unterbrechung des ruhigen Reiseflusses ein Störfaktor. So erinnerte ich mich also des Saarlands, das, wie man so schön sagt, eine Größe etwa so groß wie das Saarland hat :-) (man verzeihe mir den Scherz). Das Saarland lässt sich in fünf Tagen bequem umradeln. Es sind nur 350 Kilometer. Der Radweg führt stets dicht an der Grenze und führt auch manchmal in die Nachbar-Regionen, Rheinland-Pfalz und Lothringen. An der Mosel verläuft der große Saarland-Radweg direkt an der Grenze zu Luxemburg. Der Radweg ist bestens beschildert. Man kann sich kaum verirren und braucht auch nicht zwingend eine Karte.

Reisen glättet das Hirn, hobelt die Sorgen weg, fokussiert den Blick, macht gleichmütig, stellte ich fest. Anfangs noch Streuungen von Alltag, was ziemlich ablenkte vom Denken, ging ab Tag zwei der Reise alles von selbst. Ich hatte nicht einmal vor, das volle Programm zu fahren und wie bei anderen Arbeitseinsätzen unterwegs zu schreiben und zu bloggen und zu fotografieren. Nun bin ich froh, dass ich es doch getan habe und in den fünf Tagen je einen Blogartikel und einige Tweets abgesetzt habe. Auch die Fotoserie kann sich sehen lassen. Vielleicht reicht es sogar, ein schickes Poster zu generieren. Doch das war nicht mein Ziel.

Ziel war es, das Land zu umradeln und mir so ein Erfolgserlebnis zu gönnen. Ich hab mehr erreicht, als ein Erfolgserlebnis einzufahren. Ich habe etwas erkannt: dass Erfolg und Scheitern nur Gefühle sind, trügerisch, und dass es einen vom Eigentlichen ablenkt, wenn man sich daran orientiert.

Die kleine schwarze Raupe, wie sie sich zusammenzieht, auf die Hinterbeine stellt, eine Wucht nach vorne gibt, auf den Vorderbeinen landet – was, wenn sie zwei Hirne hätte, eins hinten, das sich über die Mühen des Stemmens ärgert und eins vorne, das sich mit jeder Wucht, mit der der Körper wie durch Wunderkräfte vorwärts pulsiert, erregt freut über den Erfolg.

Hanebüchen? Okay, der Gedanke ist nicht ganz reif. Dranbleiben, Herr Irgendlink, am Raupenbild. Irgendwann ist es perfekt.

2012 hatte ich schon einmal versucht, das Saarland zum umradeln. Ich hatte das vergessen. Erst als ich die Einträge der Tour vor zwei Wochen nachschaute, entdeckte ich diesen Tourversuch. Gescheitert.

Man muss immer darauf gefasst sein, dass Größeres so groß ist, dass es unsichtbar wird. Dass die eigene Kraft, sich etwas vorzustellen zunächst nicht ausreicht, um genügend Antriebskräfte hervorzubringen, weiterzumachen und an diesem Größeren im Blindflug zu arbeiten, also ohne sich gleich einen Erfolg davon zu versprechen. Wie Früchte, die langsam wachsen. Wie Eichen. Wie schwarze Raupen, die einen Teerweg überqueren.

Als ich letztes Wochenende meine gesammelten UmsLand-Projekte in einer Grafik vereinte, wurde mir der Ansatz klar, was ich da begonnen habe. Ich montierte die GPX-Tracks, die ich mit dem GPS aufgezeichnet hatte mit einem Programm namens Viking in einer Karte. Rheinland-Pfalz, das südlich davon gelegene Tourismuskonstrukt Paminaland und das Stück Bayern. Dann kam die Überraschung, als ich das Saarland einfügte, also nicht die Grenzen, sondern die grenznahe bereiste Strecke. Erstaunt blickte ich auf ein neues Land, das zwischen meinen Routen im Entstehen ist, die Lücke zwischen den Eigentlichkeiten. Das Unsichtbare, an das niemand gedacht hate. Ein berauschender Moment wie ein Weltraumforscher, der ein Aha-Erlebnis zwischen zwei Nebeln hat und irgendwas mit Zeit und Raum faselt, aber es noch nicht so ganz versteht. Ich bin dem Geheimnis der Grenze auf der Spur.

Klar, braucht man das Balsam manchmal, um sein Ego zu beruhigen, das Balsam, im Glanz des Erfolgs zu stehen und etwas vorweisen zu können. Es würde sich jedoch viel besser arbeiten lassen, wenn man einfach nur arbeiten könnte an seinen Dingen und Projekten, ohne sich darum zu scheren, ob es honoriert wird.

Wie die siebzehn Eichen, die ich in meinem Kühlschrank großgezogen habe. Die Früchte sind aufgeplatzt. Fast alle recken einen winzigen Keim. Ich habe sie nun in Töpfe gesetzt, ganz wie es die Internetseite, auf der ich die Anzucht von Eichen recherchierte, empfiehlt.

Vielleicht gibt es in fünfzig Jahren schöne Bäume irgendwo. Ich werde das nicht erleben, aber mir ist klar geworden, dass ich gewirkt haben werde.

 

Der Spülmaschinenkommunist, seine geschirrtechnische Identitätslosigkeit

2012 gastierte der Mainzer Kunstverein in meinem Atelier. Sie organisierten ein Festival für Performance und ziemlich schräge Musik. Die Veranstaltung war so eine Art Barcamp mit Teilnehmern weltweit, sogar aus den USA und Taiwan waren Künstlerinnen und Künstler angereist. Die Unterbringung war spartanisch in Zelten im Garten oder auf der Bühne im Atelier. Alltagsleben und Kunstschaffen und ‚irgendwas mit Musik‘ machen fanden in mehreren vielschichtig miteinander verwobenen Parallelwelten statt, man könnte es Leben im Allgemeinen nennen.

Die Versorgung war selbstorganisiert und wegen der hohen Teilnehmerzahl brachte der Kunstverein sein eigenes Geschirr mit. Ich erinnere mich gut an den Moment, als jemand eine Kiste voller Besteck in meine eigene Besteckkiste kippte. Gabeln, Messer und Löffel aus zig Haushaltsauflösungen ergossen sich in mein eigenes Bestecksortiment, das aber ebensowenig lupenrein war, die das Sortiment des Vereins. Nie wieder würde ich die eigenen Bestecke aus den fremden Bestecken heraussortieren können. Ich bin ein verdammter Geschirrkommunist, der überhaupt keinen Plan hat, was von dem, das in seinem Schrank steht ihm selbst gehört und was jemand anderem gehört.

Hin und wieder kommt es vor, dass jemand mit einem schön geordneten Haushalt mir etwas zu Essen mit nach Hause gibt, vielleicht ein Stück Kuchen. Er oder sie packen es auf einen Teller oder in eine Tupperschüssel. Normale Menschen sagen im Fall danke, nehmen das Essen mit, essen es, spülen das Geschirr und geben es irgendwann zurück.

Nicht so wir Haushaltskommunisten. Durch die Unzahl durchmischten Geschirrs, das mittlerweile bei weitem nicht mehr nur aus Haushaltsauflösungen stammt oder von Landeshauptstadtskunstvereinen, habe ich geschirrtechnisch keine Identität. Ich bin sozusagen eine Sowchose des Kaffeekränzchens oder eine Kolchose  weltweiter Suppenkellen. Sobald ein fremder Gegenstand in meinen Haushalt gerät, verliert er seine kapitalistische Identität und wird in eine Kommune bunter, vielfältiger Tassen, Teller und Töpfe integriert.

Seit jenem Tag im Jahr 2012 warne ich diejenigen, die mit mir ‚irgendwas mit Geschirr‘ machen, dass es höchstwahrscheinlich niemals zurückkehrt. Wie sollte ich, ein Mensch ohne geschirrtechnische Identität, jemals erkennen können, was mir gehört und was nicht? Oder besser gesagt, ich erkenne ganz klar, was mir gehört, nämlich nichts und alles andere in meinem Geschirrbestand gehört entweder niemandem mehr, oder jemandem, der es arglos hat liegen lassen. Erst kürzlich fand ich ein Messer in meinem Besteckkasten, auf dem der verwaschene Name eines Freundes geschrieben stand; vier Jahre her, dass er zum Grillen da war und nichtsahnend eine Nudelsalatschüssel und ein paar Satz Bestecke einbüßte.

Jahr ohne Termin

Letzte Woche gegen Abend irgendwann. Ich setze einen Punkt im GPS, ungefähr achtzehn Kilometer von daheim entfernt. Luftlinie. Der Punkt liegt in Frankreich und man kann zu dem Punkt prima hinradeln – durchs Tal nach Hornbach und dann weiter entlang eines Rinnsals, ich glaube namens Schwalbach, immer nach Süden, bis man hinter einem Motorcrossplatz über zwei drei Berge ackern muss und zwei drei weitere kleinere Rinnsäler überqueren muss, ehe man an meinem markierten Punkt anlangt.

Was ist dort Besonderes? Etwa ein Schloss? Ein Geldspeicher? Eine Sehenswürdigkeit?

Ein Radweg. Dort ist ein Radweg, den ich letzten Frühling per Auto überquert hatte und mich wunderte, sieh an, ein nigelnagelneuer Radweg. Woher er wohl kommt, wohin er wohl führt?

Recherchen ergaben, dass es sich vermutlich um den grenzübergreifenden Radweg Pirmasens-Bitche handelt. Französische Bauart, schließlich ist mein Stück, das ich entdeckt habe ja in Frankreich. Mit schönen hölzernen Leitplanken und Pfosten, dort wo er die Straße überquert.

Seither liebäugele ich damit, mir den Weg genauer anzuschauen. Wie oft denke ich mich hinunter in die Regionalbahn von Zweibrücken zum Pirmasenser Hauptbahnhof, wo ich dann den Beginn des Radwegs suche und ihm folge bis hoffentlich nach Bitche. Das müssen gut vierzig Kilometer sein, schätze ich.

Und wie oft denkt mein Hirn dieses kleine Abenteuer zu nichte, indem es weiter phantasiert: und dann, in Bitche? Da haste keine Bahn, die dich wieder nach Hause bringt und wenn du nicht gerade die Hauptstraße radelst, sind es noch einmal vierzig Kilometer zurück, ganz zu schweigen von den vielen Hügeln, die dazwischen liegen.

Menschen, die auf dem Berg leben, sterben im Tal.

Dann kam mir die Idee, nur mal schnell zu dem besagten Punkt zu radeln, an dem ich den Radweg zum ersten Mal gesehen habe. Der, den ich in meinem GPS markiert habe. Von dort entweder nach Pirmasens zum Bahnhof, oder wieder zurück. Sollten nicht mehr als fünfzig Kilometer sein.

Ihr seht, wie erodierende Alpenströme haben meine Gedanken tiefe Schluchten in mein Hirn gegraben – und was hat das alles jetzt mit dem Jahr ohne Termin zu tun? Das wurde mir klar, als ich endlich losradelte. 

Verbarrikadierte  Kellertür mit Fenster, in dem sich das Haus gegenüber spiegelt
Wie verbarrikadiert stehen wir manchmal vor Hindernissen, nicht wahr haben wollend, dass dahinter eine weitere Realität existiert
 Wie sehr wir uns in einer eigentlich offenen und losen Welt doch immer wieder auf die selben wenigen Möglichkeiten einlassen, wie sehr wir unser zeitliches und räumliches Konstrukt durch Termine fixieren, so dass die eigentlichen Lösungen und Möglichkeiten, die tatsächlich vorhanden sind, gar nicht sichtbar werden.

Die Tour war klar abgesteckt, ich radele exakt die und die Strecke bis zu dem Punkt in 18 Kilometer Entfernung, schaue mir den Radweg an. Die Strecke ist schön und durch die viele Computerschufterei kann ich ein paar entspannende Radlerstunden brauchen, es sollte ohnehin nur etwa drei Stunden dauern, bis ich wieder zurück bin und wenn ich schon runter ins Tal radele, kann ich auf dem Rückweg bei genau dem Supermarkt noch einkaufen, ich brauche Brot.

Die ersten zehn Kilometer läuft alles nach Plan. Es gibt nur eine gute radeltaugliche Strecke, um Zweibrücken von Nord nach Süd zu durchqueren. Daran lässt sich nicht rütteln. Außerhalb folgt man am besten dem Bahntrassenradweg nach Hornbach.

Wie ich so dahinradele. Kanalisiert. Auf einem schönen geteerten Weg ohne Entrinnen.

Drüben am Waldrand gibt es einen ungeteerten Weg. Den hättste eigentlich auch nehmen können. Es hat lange nicht geregnet. Der fährt sich wie auf Mürbeteig.

Hornbach voraus. Schon fast 17 Uhr. Düstre Wolken von Westen. Bis zu meinem Punkt, an dem ich den Radweg gesehen habe sind es höchstens noch eine halbe, dreiviertel Stunde.

Das Hirn baut Berge.

Und es baut kühle Abfahrten.

Überhaupt, Frankreich, da hab ich keinen Datenpass.

In Hornbach gibt es mehrere Möglichkeiten, um zum Ortsausgang zu kommen. Vorbei an Spielplatz und Feuerwehr zum Beispiel, oder auch quer durch das kleine Klosterstädtchen, alle Strecken sind ungefähr gleich lang. Hinter der Stadt führt der Radweg weiter bis zur französischen Grnze und verläuft dort auf beinahe unbefahrenen Departementsstraßenwinzlingen. Sehr schön anzuradeln.

Ich nehme den Weg durch die Stadt und lande vor einer Bäckerei. Brot. Ich muss es nicht bei meinem Supermarkt kaufen, es ist ohnehin besser, hier in der kleinen Bäckerei einzukaufen, die Leute zu unterstützen und wahrscheinlich ist auch das Brot besser und überhaupt, es regnet vielleicht bald, komm, schau mal, da steht auch ne Parkbank, kauf Dir ne Bretzel, setzt dich ein bisschen hin, ruhe, die Berge, die da kommen sind steil.

Das ist aber eine ziemliche Abweichung vom Plan, denke ich mir. Und wenn ich schon mal dabei bin, abzuweichen, kann ich auch gleich ganz woanders hin fahren oder zurück, oder hier bleiben auf dem Parkbank mitten im Klosterstädtchen. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Hinter mir steht ein grünes Motorrad. Jemand parkt direkt vorm Eingang der Bäckerei, geht hinein.

Es wurde vermutlich noch nie ein Buch geschrieben, in dem sich der Held auf einer Bank gegenüber einer Bäckerei einrichtet, ein paar Jahre lang dort lebt und darüber schreibt, was so vorgeht in und um den Bäckerladen.

Ich denke über ‚Jahr ohne Termin‘ nach. So eine Art eins und eins zusammenzählen. Mein Termin heute ist der Ort, den ich mir auf meinem GPS markiert habe, die Radwegkreuzung irgendwo in Lothringen, um zu schauen, was das für ein Radweg ist.

Es ist ganz normal, dass wir Menschen Termine und Verabredungen machen. Das strukturiert unser Leben. Das macht das Zusammenleben erst möglich. Kaum einer von uns mag Termine, aber alle sind darauf angewiesen.

Das kanalisiert unsere Lebensströme, die ansonsten wild mäandrieren würden und das gesellschaftliche Zusammenleben in eine urwüchsige Sumpfwiese verwandeln würden.

Ohne Termine geht es nicht. Das ist mir schon klar, wie ich da sitze auf der Parkbank, Nusseck, statt Bretzel schmatzend, hinter mir ein grünes Motorrad, dessen Motor noch stinkt vom kürzlich erst gelaufen sein.

Das Jahr ohne Termin gaukelt mir schon seit ein zwei Jahren im Kopf. Ich hatte tatsächlich überlegt, einmal alle Termine abzusagen, Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Arzttermine, Verabredungen usw. und die Zeit zu versuchen in ihren natürliches Flussbett zurückzubringen, oder sie ganz trockenzulegen.

Das Jahr ohne Termin scheiterte daran, dass es ja eines Termins bedurft hätte, es zu beginnen und dass es logischer Weise auch einen Endtermin, 365 Tage später gehabt hätte.

Auf meiner Bank, von der aus ich den Bäckerladen beobachte und die Turmuhr fünf schlagen lasse, wird mir plötzlich klar, dass es gar nicht darum geht, im Jahr ohne Termin keine Termine zu haben, dass es auch nicht darum geht, das kürzlich gesteckte Ziel auf genau dem Weg zu erreichen, den ich mir zurecht gelegt habe und dass das Ziel auch nicht zu dem Zeitpunkt erreicht werden muss, den ich dafür angepeilt habe. Mehr noch, ich muss nicht in dem Supermarkt einkaufen, es gibt zig Supermärkte in der Stadt, ich könnte sogar in dem Supermarkt in Hornbach einkaufen und meine Lebensmittel die fünfzehn Kilometer zurück nach Hause schleppen. Ein verlockender Gedanke. Der Hornbacher Lebensmittelladen ist viel schöner, als mein Stammsupermarkt.

Plötzlich werden mir die vielen Alternativen bewusst, die sich ergeben, wenn man nicht stur auf die geplante Route, den geplanten Termin, die eigene Vorstellung von dem wie das Leben sich bitteschön zu entwickeln hat, richtet.

Und das alles nur einen Steinwurf entfernt, parallel. Unter der Oberfläche.

Ich radele zurück. Nieselregen geht nieder.

Nun, da ich dies schreibe – der Text liegt mir seit der Radeltour auf der Zunge – weiß ich gar nicht mehr, in welchem Supermarkt ich eigentlich eingekauft habe und über welche Strecke ich zurück zum einsamen Gehöft kam. Ich erinnere mich, dass ich intuitiv irrend durch die Gegend radelte und am Ende etwa dreißig Kilometer auf dem Tacho standen.

Der Kühlschrank war voll und das Brot aus der Bäckerei im kleinen Klosterstädtchen schmeckte ungemein lecker.

Vom Entstehen, Werden und Vergehen

Irgendwie breitet sich alles vor mir aus wie Brei. Gedanken und Dinge und alltägliche Abläufe mischen sich zu einer undefinierbaren, zähen Masse, die mein armes kleines Hirn zerdenken muss, verdauen muss, wenn man das so nennen möchte.

Auf der Terrasse sitzend, Blick zum Garten, schreibe ich diese Zeilen. Man hört: einen Flieger neun Kilometer hoch, ein paar sonntagmorgendliche Autos auf der Landstraße, das Geräusch von Gießkannen, wenn sie ohne Gießkannenrose über Brokoli und Rotkrautpflanzen ausgegossen werden, Zittern in den Pappeln vom Wind, eine Hornisse im Dachgebälk, viel lauter, als der Flieger und jede Menge Vogelzwitschern.
Nicht zu vergessen das Klappern der Tastatur.

Die Katzen liegen irgendwo in den Lilien oder im hohen Gras. Es ist angenehm warm. Jetzt schon um diese frühe Zeit.

Ich könnte stundenlang nur über die Geräusche auf dem einsamen Gehöft schreiben. Wenn man sich konzentriert – das ist ja nicht nur hier bei mir so und das geht hoffentlich nicht nur mir so – nimmt man plötzlich eine Unmenge ausgeblendeten Seins und einen-Umgebens wahr, das man in der Hektik des Alltags einfach ausblendet, ausblenden muss, um voranzukommen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Stillstand und Leere nicht zulässt, die Langsamkeit und Müsigang geradezu verdammt, die nur eine einzige „Prozessrichtung“ kennt: immer schneller, mehr, größer, besser, weiter. Wachstum auf Teufel komm‘ raus.

So als gäbe es die Natur gar nicht, die uns alltäglich vorlebt, wie das Leben wirklich funktioniert: geboren werden, wachsen, schrumpfen, enden. Oder sagen wir es allgemeiner: entstehen, werden, vergehen. Das ist ein interessantes Wertetripel, das eigentlich alle Prozesse auf diesem Planeten oder gar im Universum exakt abbildet. Egal, ob es sich um den Planeten selbst handelt, oder ein Lebewesen darauf, oder ein Gebirge, einen Fluss, einen Stein, einen Staat, eine Firma, einen Handwerksbetrieb … alles beginnt, wächst, degeneriert, vergeht.

Die Dinge kommen, die Dinge gehen.

Seit ich den Glauben an das ewige Wachstum und das immer besser, immer mehr, immer größer verloren habe, denke ich darüber nach, wie sich diese Formel vom Beginn, vom  Wachstum und vom Ende auf das eigene Kunstschaffen übertragen lässt (am Körper kann ich es ja prima beobachten, wie er nach fast einem halben Jahrhundert langsam dem Ende entgegen geht). Das muss sich auch auf das eigene Denken übertragen lassen und auf das Leben als Künstler, das bei mir ungefähr vor zwanzig Jahren begann. Es handelt sich dabei um einen ablaufenden Prozess wie jeder andere in diesem Universum. Mein Denk- und Künstlerprozess wurde irgendwann gestartet und nimmt nun seinen natürlichen Lauf. Idee um Idee reiht sich aneinander, baut aufeinander auf, wächst und wird sich irgendwann dekonstruieren. Ich meine dabei nicht das wirtschaftliche Wachsen, das sich in Geld ausdrücken ließe, sondern das eigentliche, geistige, denkerische Wachstum.

Wo stehe ich, was bringt die Zukunft, habe ich den Horizont längst überschritten? Die besten Kunstprojekte schon alle erledigt und alles was noch kommt, wird von Mal zu Mal ein Stückchen kleiner, ein bisschen weniger, bis es irgendwann ganz verschwindet.

Ich hatte natürlich auch meine ewige Wachstums-Allmachtsphantasien, dass von Projekt zu Projekt mein Kunstschaffen, mein Schreiben, mein Denken besser wird und es erst dann endet, wenn der Körper aussteigt, sprich, der normale menschliche Lebensprozess endet. Ich tot. 

Vielleicht ist dies nur eine kleine, naive Kunstbübchenrechnung, die ich da mache. Ich stütze mich ausschließlich auf meine Beobachtungen an der Welt und ich kann keine Elemente finden, die gegen meine These sprechen. Die vorliegende Formel muss für alle Prozesse auf der Erde gelten. Muss sie das? Unterliegt tatsächlich alles einem Kreislauf?

Ich weiß es nicht. Erstaunt war ich kürzlich, als ich einen Artikel über den Lebenszyklus von Staaten las, wie sie sich verändern, wie sie zyklisch von Tyranneien über Diktaturen und Oligarchien zu Demokratien werden wie sie ob ihrer Größe korrumpieren, umstürzen, tyrranisiert und diktiert werden, um in blutigen Revolutionen oder Kriegen neu aufzustehen. Plötzlich schien mir dieser Kreislauf so unheimlich plausibel.

Die Dynamik, die Menschenansammlungen und deren Organisation in Gruppen, Vereinen, Firmen, Staaten mit sich bringt, kann man ja am eigenen Leib erfahren, wenn man seinen kleinen heimischen Sportverein näher betrachtet: wie sich darin Untergruppierungen bilden, Hierarchiene, wie man sich gegenseitig begünstigt, wie Gelder und Werte verteilt werden. Das ist selten gerecht und selten gibt es ein kontinuierliches Einheitsgefühl. Diesen Ponyhof, auf dem alle glücklich und zufrieden miteinander leben, den gibt es nicht.
Der Verein im Wandel der Jahre. Wenn ich Deutschlehrer wäre, würde ich meine Zwölftklässler darüber nachdenken lassen und einen Aufsatz zum Thema schreiben lassen.

Ich schweife ab. Ich weiß ehrlichgesagt gar nicht, worauf ich mit diesem Beitrag hinaus wollte. Er ist einfach so gewachsen. Nun degeneriert er, bald ist er tot?

Es war wohl der Versuch, schreiberisch eine Leere zu schaffen, in der ich von Neuem wachsen kann. Denn das kommende Projekt #AnsKap hat jede Menge Leere nötig. Ein freies, unformatiertes Feld. Eine Geburt, ein Nichts, dessen Wände sich wie ein Ballon aufblasen lassen, wo ein Raum entsteht für Neues, Besseres, Ungedachtes, bis es mit lautem Knall wieder im Alles des gelebten Lebens verpufft.

Auch ein Reisekunstprojekt wie dieses gehorcht vielleicht den Gesetzen des Entstehens, Werdens und Vergehens.

Dieser Beitrag wurde mit den Bordmitteln, die mir unterwegs zur Verfügung stehen, geschrieben: Bluetooth-Tastatur und Smartphone. Man möge mir meine Tippfehler verzeihen.
In der Seitenleiste links habe ich einen Kartenlink eingefügt, der die Reiseroute von 1995 skizziert. Ihr werde ich ab morgen radelnd folgen.