Kauf dich frei mit dem Einkaufswagen-Euro

Bei Aldi, wo mich ein pummeliges Mädchen verfolgte, Fisch, Wein und Butter kaufte und sodann, bei den Handys im Glaskasten, mit mir zusammenrempelte, wir uns entschuldigten.
Doch das tut nichts zur Sache.
Vor der Tür saß ein Bettler. Nein, er kniete und hielt einen Hut, in dem sich einige Münzen befanden. Weil der Bettler so jung war, konnte ich mir Gedanken wie: „Wieso arbeitet der nicht?“ nicht verkneifen. Kam schließlich aber zu dem Schluss, dass es in unserer Gesellschaft einfacher ist, zu arbeiten, als zu betteln. Will sagen. Er macht das nicht zum Spaß und nicht aus Faulheit. Sondern weil er keine andere Wahl hat. Man lässt sich ja so gerne von Äußerlichkeiten blenden. Wenn ein Bild zeigt: junger, gesunder Mann auf Straße hält Hand auf, ist man geneigt, zu krakeelen: „Der Penner, was tut der!? Soll was arbeiten!“ und so weiter und so fort. Das individuelle Schicksal bleibt auf der Strecke.
Ich hab mich oft gefragt, wenn ich einem Menschen begegnet bin, wie er just an dieser Stelle des Lebens landen konnte. Wie er so werden konnte, wie er in dem Moment, als er mir begegnete, wirkte. Egal um wen es sich handelte, egal ob reich oder arm, glücklich oder vom Pech verfolgt. Stets sah ich ein Abbild. Man könnte sagen ein Portrait. Nicht die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, das ist der Rattenschwanz an Erlebnissen und Verquickungen, die den jeweiligen Menschen bis hierher, bis direkt vor meine Augen gebracht hat.
Es ist die bösartige Fratze des Vorurteils und der Ignoranz, die einen die Bilder, die man sieht, so interpretieren lässt wie man sie interpretiert.
Wie dem auch sei.
Mit einem schmutzigen Einkaufswagen-Euro kaufte ich meine Gedanken frei, verstaute leckere Lebensmittel im Auto und fuhr zurück zum einsamen Gehöft.

Grün auf Schwarz

Problematisch, wenn man erst in diesem Jahrtausend mit der Computerei angefangen hat. Man ist von grafischen Oberflächen verwöhnt. Alles ist klickbar.
Seit ich mit meinem Cousin zusammen eine Server-WG gegründet habe – besser gesagt: er mit mir – sehe ich mich mit der Kommandozeile konfrontiert. Alles muss getippt werden. Es gibt keine Maus. Grüner Text auf schwarzem Bildschirm. Kryptisches. Das ist einerseits berauschend, andererseits bereitet es lange Nächte und von Kopfzerbrechen gekrönte Abende.
Ich hege die Vermutung, dass es mit dem Geocachen Ähnlichkeit hat. Zunächst muss man sich bis in die Nähe des Ziels durchschlagen, um sodann mit der eigentlichen Lösung des Rätsels zu beginnen. Will sagen: die Kommandozeilenprogramme bringen einen verdammt weit, wenn man erstmal die Befehle kennt.
Wie auch immer.
Ich werd mal kurz runterfahrn in die Stadt, um ein Aldi-Abenteuer zu erleben.
Später wieder Grün auf Schwarz und zwischendurch bloggen.

Keine Computer vor 2001

War ziemlich windig vorhin. Ich spazierte im Garten, vertrat mir die Füße nach einem langen Tag vorm Monitor. Nieselregen, Wind und stockdunkle Nacht. Erinnerungen an früher und „draußen“ wurden wach. Vor 2001 gab es keine Computer für mich. Will sagen: die Zeit, die ich momentan vor dem Rechner verbringe – nicht unerheblich – habe ich damals draußen verbracht.
Nun, da ich dies schreibe, kann ich mich kaum erinnern. Aber vorhin fühlte sich die Welt an wie „Schlafsack unter Felsvorsprung“. Es gab Moos und der Fels war mit Flechten überwuchert. Schnelle Wolken zogen nachts. Wenn man sich im Halbschlaf umdrehte und ins All starrte, flimmerten Sterne hinter Schleiern. Die Träume waren gut. Das Land war weit. Wenn man morgens die Hände im Bach wusch und eine Kanne Kaffee auf dem Lagerfeuer kredenzte konnte man den Tag schmecken.
Nicht, dass ich mich darum reißen würde, die Nacht in einem Schlafsack unter einem Felsvorsprung zu verbringen, aber manchmal, ja, manchmal …

Beobachte den Blogagonisten beim Lernen

Bin guter Dinge, weil das Wetter so schön ist und es angeblich wieder wärmer werden soll. Naja, und vor allem, weil der Zettelkram vom Tisch ist und der Zahn repariert. Manchmal staut sich aber auch so manches im Menschenleben. Es ist die Summe der Kleinigkeiten, die an einem zerrt wie ein Rudel außer Rand und Band geratener Schlittenhunde.

Ich hab den Mund ziemlich voll genommen mit dem neuen Blog. Warum? Weil ich groß und breit den Europenner in die Kategorienliste aufgenommen habe. Altes Sorgenkind. Sollte mal ein Roman werden. Bis ich letztes Jahr bemerkt habe, dass ich zum Romanschreiber nicht tauge. Bin doch Blogger. Ich kann keine Geschichten erfinden. Ich kann sie nur erleben. Allerdings kann ich Erlebtes verändern und verschnörkeln. Das funktioniert wie Malen nach Zahlen. Es ist so einfach wie Fotos übermalen. Nun hab ich mir überlegt, ich blogge weiter wie bisher. Ist ja auch schon was wert. Alles Europenner-Relevante packe ich in den Basis-Ordner rot, die unterste Ebene des im Entstehen begriffenen Buches. Aus dieser Ebene wächst die gelbe Ebene. So eine Art Autobiografie und daraus entsteht die pure fiktive Ebene, der eigentliche Roman (grün).

Soweit meine Theorie. Wie die Praxis aussieht? Keine Ahnung. Mein Gefühl sagt mir, dass ich mich vor allem auf der roten Ebene bewegen werde. Quasi das Fundament. Hier wird getan und gelassen, was ich will. Die Einträge sind quer. Sie sind schwer. Sie sind wild. Sie sind frei. Pures Blogextrakt. Die chemische Keule der Literatur.

Ich schweife ab. Je nach Lust und Laune wird die rote Ebene von der Theorie des Romanschreibens aus der Sicht eines literarischen Laien handeln. Oder einfach nur dahin geplaudert und laut gedacht. Hier beobachtet Ihr den Blogagonisten beim Lernen.

Die Krone der Schöpfung stopft Löcher

Weiß auch nicht, was mich geritten hat, den Dentist zu fragen: „Hey, wie siehts eigentlich mit Kunststoff aus? Wär das womöglich was? Über Amalgam hört man so Sachen.“ und so weiter und so fort. Die kurze Zeit im Wartezimmer hatte ich die finanzielle Schmerzgrenze auf 50 Euro, gesetzt. Der Arzt klärte auf, legte sich aber nicht fest, ob nun das billige Amalgam besser sei, oder ob der Kunststoff was taugen würde. Am Rande erwähnte er: „Keramik, drei- vierhundert Euro.“ Da schluckte ich kurz und weil der Kunststoff mit 39.99 Euro unter der Schmerzgrenze lag, gab ich mir einen Ruck: „Machense Kunststoff. Mal ausprobieren.“ Die Prodzedur ging ohne Betäubung von statten. Der Arzt bohrte, feilte, schmiergelte, stopfte, während ich wieder und wieder den Schriftzug Siemens auf der Leuchte las. Mantrisch dachte ich: Siemens Siemens Siemens, ouuh shalala Siemens, eine halbe Ewigkeit lang. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle meinem Zahnarzt, Dr. S. ein dickes Lob aussprechen. „Sanft und kompetent jederzeit wieder“, würde man bei E-Bay wohl sagen.