Ein gewisser Jochen blutet im Zug

Todsterbensgrippekrank, Montag, Dienstag, Fieberwahn, Termine im Nacken, sich irgendwie nach Mainz gequält und auch noch Spaß dabei, die erste Ausstellung seit zwei Jahren in „echt“ darf man nicht verpassen und, puuuh, auf den letzten Drücker das Bild für die Gemeinschaftsausstellung abgegeben, erst mittwochs zaghafte Besserung dieser fiesesten Grippe seit über einem Jahrzehnt, elender Schnupfen geht und geht nicht weg, donnerstags in die Zweitheimat per Zug, ellenlange Rheintalfahrt und im Blick aus dem ICE-Fenster, das Klopfen unterm Zug nicht ignorieren könnend, sich eine Zugkatastrophe ausmalend mit zig entgleisten, ineinander verschränkten Wagen, alles nur noch Matsch, Menschen, Zug, Schienen, Gepäck, alles Matsch und herrjeh, wie soll denn da einer überleben und dieses Bild gaukelt, zum Glück ohne zu ängstigen, eher spielerisch katastrophesk, bis nach Basel zum Umstieg, wo in einem Bummelzug ein verwirrter Kerl dein Handy will, du es ihm nicht gibst, weil er alles zubluten und -rotzen würde, aus dem Mund kommt Schleim, aus der Nase Blut, schlecht rasiert, vernarbt, mit sich selbst brabbelnd, jemand gab ihm ein Taschentuch und du bist versucht zu sagen, drück’s gut drauf, bleib ruhig, lehne dich zurück, aber er diktiert halb hängend im schaukelnden Zug eine Nummer einer diakonischen Anstalt irgendwo, beinahe hätte ich gesagt, diabolische Anstalt, wo tatsächlich jemand rangeht und als man sagt, ein gewisser Jochen blutet im Zug, nicht schlimm, er will zu ihnen, was soll ich tun, kommt nur die Antwort, nichts tun, das macht er immer so, wälzt seine Dinge auf Passanten ab, die dann hier anrufen, sag ihm, er soll nach Bad Krotzingen, denn da gehört er hin, herrjeh, was für eine verflixte Woche voller Leere, Trauer, Krankheit, Spinner, kalter Herzen, despotischer Idioten und das soll man dann alles noch irgendwie zusammenbringen im eigenen kleinen Kopf, am besten in einem einzigen Satz.

Liveblog auf der Rheinland-Pfalz Radroute im März 2017 | #UmsLand

Wenn sie eine Kartoffel fragen, wie sie dort genannt wird, wo sie aufgewachsen ist, wird sie sie stumm aus winzigen Augen anschielen, harrend auf ihr Schicksal, in einem Dampftopf festkochend zu einem Mahl zubereitet zu werden. Kartoffeln können nicht reden und es ist ihnen egal, wo sie aufgewachsen sind.

Fischaugenaufnahme eines schwarz gekleideten Reiseradlers aus der Froschperspektive.Der Pfälzer nennt die Kartoffel Grumbeer und wenn sie sich im deutschsprachigen Raum umschauen, werden sie feststellen, die Menschen zwischen Ostsee und Alpen kennen zig verschiedene Worte für Kartoffel. Erdäpfel, Grundbirne, Herdäpfel, Krumban, Erdkästen, Häppere – all das ist dem Pfälzer fremd. Seine Grumbeere wachsen ja zwischen Donnersberg und Pfälzer Wald, zwischen Musikantenland und der Vorderpfalz.

Das Bundesland Rheinland-Pfalz wurde vor gut 70 Jahren künstlich geschaffen. Aus Teilen der französischen Besatzungszone entstand aus vielen Regionen ein verwaltungstechnisches Konglomerat, von dem bis in die 1970er Jahre nicht sicher war, ob es Bestand haben würde. In Volksbegehren hatten sich fast alle Regionen mehrheitlich entschieden, über den Austritt aus dem Bundesland abzustimmen, um sich einer der Nachbarregionen anzuschließen. Rheinland-Pfalz ist ein Mix aus Religionen und ehemaligen deutschen Nationen. Königreich Bayern trifft auf Preußen, garniert mit einem Schuss Oldenburg und ein bisschen Hessen.

Der Begriff Heimat steht auf dem Prüfstand bei dieser Radtour, die im Grün-weiße Radwegschilder mit quadratischen kleinen Radwegthemenschildern.März 2017 auf der Rheinland-Pfalz Radroute einmal rund um das Bundesland führt. Von Zweibrücken, der Geburtsstadt des Künstlers und Autors Jürgen Rinck sind es exakt 1040 Kilometer, stets nah an den Grenzen des Bundeslandes. Über 6500 Höhenmeter muss man überwinden, wenn man im Uhrzeigersinn einmal ums Land radelt.

„Die weißen Flecken auf der Landkarte meiner Heimat will ich erkunden“, sagt Jürgen Rinck. In den letzten Jahren hat er Europa von Nord nach Süd durchradelt und dabei Bücher in Form von Weblogs geschrieben. Unterwegs ließ er sich beim Schreiben und Fotografieren über die Schulter schauen, etwa wenn er um die Nordsee radelte, zum Nordkap oder auf dem Weg nach Gibraltar seine Reiseimpressionen auf Twitter vorstellte.

In Koproduktion mit der Schweizer Autorin Denise Maurer entstand 2016 das Blogbuch „Flussnoten“. Gemeinsam erkundeten die beiden die sich verändernde Landschaft und die Menschen rheinabwärts und teilten ihre Gedanken mit den virtuell Mitreisenden auf Twitter und im Blog.

Reiseradler vor barockem Rathaus mit Walmdach.Land und Leute sind auch das Thema des Rheinland-Pfalz Projekts. Es geht um Grenzen in diesem noch ungeschriebenen Reisebuch, um Identifizierung, Orte, Geschichte, aber auch um das Radwegkonzept des Bundeslands, das sich auf seiner schön gemachten Homepage nicht ohne Grund als Radwanderland profiliert. Der eigene kleine Reisealltag bildet das Rankgerüst dieser reiseliterarischen Studie, die sich mit dem kollektiven Wir-Alltag einer europäischen, globalisierten Gesellschaft vermischt. Inputs für die Reise liefern nicht nur die bereisten Orte selbst, sondern auch die virtuelle Welt, mit der der Künstler/Autor über das Mobilfunknetz stets verbunden ist.

Reisetext, Tweets und eine Auswahl an Bildern, die für Rheinland-Pfalz stehen, werden im Memory of Mankind archiviert. Das Memory of Mankind ist ein keramisches Langzeitarchiv, das im Unesco-Welterbe der Salzwelten in Hallstatt (A) gegen äußere Einflüsse geschützt Jahrtausende überstehen kann. Texte in mehrfacher Romandicke (fünf Millionen Zeichen) werden auf einer einzigen, 20×20 cm großen Mikrofilm-Keramiktafel archiviert.

Und die Kartoffel? Schmeckt wie eh und je. Man nennt sie in seltenen Fällen auch bei ihrem wissenschaftlichen Namen: Solanum Tuberosum.

Termine und Etappenziele

  • Tag 1 – 9. März Kusel Rehweiler im Tipi oder Jugendherberge Kusel
  • Tag 2 – 10. März Kell am See oder Hermeskeil Jugendherberge Hermeskeil
  • Tag 3 – 11. März Konz/Trier Campingplatz an der Saarmündung
  • Tag 4 – 12. März Neuerburg (westlichster Punkt nahe Wallenbornerhof) Camping Heilhauser Mühle in Waxweiler nahe Arzfeld
  • Tag 5 – 13. März (Sonntag) Prüm/Gerolstein/Hillesheim Stadt Kyll
  • Tag 6 – 14. März Bad Neuenahr-Ahrweiler/Sinzig/Rhein Jugendherberge
  • Tag 7 – 15. März Wissen/Altenkirchen/Römershagen (nördlichster Punkt) Campingplatz im Eichenwald bei Hatzfeld
  • Tag 8 – 16. März Betzdorf Campingplatz im Eichenwald bei Hatzfeld (zwei Nächte für den Rundkurs am nördlichsten Zipfel).
  • Tag 9 – 17. März Homberg/Rennerod/Limburg (Lahn) (vorbei an Salzburg) Westerburg, Waldcamping zum Katzenstein.
  • Tag 10 – 18. März Sankt Goar/Mittelrheintal Rettert bei Nastätten, Landgasthaus/Hotel
  • Tag 11 – 19. März Bingen/Ingelheim/Mainz Privat
  • Tag 12 – 20. März Ludwigshafen/Speyer (östlichster Punkt nahe Altrip zwischen Schifferstadt und Ludwigshafen) Camping Blaue Adria oder Pilgerherberge.
  • Tag 13 – 21. März Lauterbourg/Wissembourg/Bad Bergzabern (südlichster Punkt zwischen Lauterbourg und Wissembourg) Camping Jugendzeltplatz Niederschlettenbach.
  • Tag 14 – 22. März Zweibrücken

(Stand: 15.3.17, nachbearbeitet)

Links

Facts about Kunststraßen 6

In den ersten Jahren des konzeptuellen Kunststraßenbaus führten die Strecken über lange Distanzen auf Fahrradreisen kreuz und quer durch Europa und Deutschland. Norwegen, Schweden, Finnland, Irland und Spanien waren die angepeilten Ziele. In Abständen von zehn Kilometern fotografierte ich die bereiste Strecke, stets den Blick Richtung Reiseziel gerichtet.

Die kurzen Strecken kommen.

Was in der Ferne geht, geht auch daheim, dachte ich mir irgendwann und begann auf Spaziergängen, etwa von Mainz nach Wiesbaden, Fotostrecken zu erwandern. Die Bildabstände schrumpften von zehn Kilometern auf zum Beispiel 120 Doppelschritte (ca. 80 Meter). Auf zahlreichen Postrouten in Rheinhessen fotografierte ich den Weg in 1 Kilometer-Abständen. Einige dieser Konzeptkunststraßen wurden in Mainz und Wiesbaden ausgestellt, viele liegen noch heute unveröffentlich im Negativarchiv.

2001 entstand die Kunststraße 11 (Kelf) als Rauminstallation auf einem eigens reservierten Parkdeck in einem Zweibrücker Parkhaus. Sie dokumentiert den Weg vom Flugplatz Zweibrücken zur Fachhochschule. Die beiden Gebiete waren Konversionsprojekte. Ehemalige militärische Objekte wurden in zivil nutzbare Gebiete umgewandelt. Das Projekt Kelf wurde vom Kultursommer Rheinland-Pfalz und der Stadt Zweibrücken unterstützt.