Meinungslos durch die Nacht

+++ Nachträglich aus dem Privatarchiv geholt und öffentlich gemacht. +++

Ich habe mir mal ein kindliches Weltbild gebastelt, in dem alles aus dem Nichts entsteht. Auf einer fernöstlichen Glaubensrichtung beruhend, von der ich zwar nichts weiß, aber das Wenige, das hängen geblieben ist, veranschaulicht die Welt als ein Konglomerat aus Gegensätzen, als perfektes Komplement aus Gut und Böse, Ja und Nein, Dafür und Dagegen. Vielleicht ist das nur der Versuch, mir gewisse Phänomene selbst zu erklären wie etwa solch alltägliche Begebenheiten, dass mir jemand eine Frage stellt zu einem Thema, das mir noch nie in den Sinn gekommen ist. Aber nach der Frage ist es plötzlich da, das Thema, mit all seinen Jas und Neins, Fürs und Widers. Und einem riesigen Unschärferucksack auf dem Rücken voller könnte-so-oder-so-Seins

Zwei Bodenhydranten im Yin Yang Style
Zwei Bodenhydranten im Yin Yang Style

Nachts um drei lieg ich plötzlich wach. Gedankensammelsurium. Will und will mich nicht mehr einschlafen lassen. Vier Uhr. Denkspiralen. Fünf Uhr. Ich bin elend müde aber dennoch. Sechs Uhr. Ein hin und Her ist das. Kopf Ping-Pong. Sturm braust übers Dach und zerrt an den sechzig Jahre alten Platten. Regenprasseln. Die Katze trampelt durch die Wohnung, will raus und als sie draußen ist will sie wieder rein, lauthals. Der Sack Reis in China, über den wir immer gewitzelt haben, damals in den Achtziger Jahren, kommt mir in den Sinn. Wenn er umkippt, passiert etwas – vielleicht – irgendwo anders auf der Welt. Es kümmert mich so sehr, als wenn in China ein Sack Reis umfällt, war Ausdruck für ist-mir-sowas-von-egal. Die Zeiten haben sich geändert. Plötzlich ist alles wichtig und man erfährt, Internet sei Dank auch in Windeseile von Allem, was vorgeht in der Welt. Eine andere Sache ist der berühmte Schmetterlingsflügelschlag im Amazonas-Urwald, der eine Resonanzkatastrophe einläutet, die letztlich zu einem Tornado mutiert, der weitwege Gegenden verwüstet. Nun scheinen die Schmetterlingsflügel in meinem eigenen Kopf zu wüten. Gemeinsam mit dem „echten“ Sturm und dem Regen da draußen lullen sie mich gegen was-weiß-ich wieviel Uhr endlich wieder in den Schlaf. Die Träume, die ich habe, sind beeindruckend. Normalerweise rede ich nicht über Träume. Aber der hier ist unmittelbar auf das Weltgeschehen da draußen zurückzuführen. Eine Moschee steht in meinem Garten. Ein wunderbarer Prachtbau mit blau glasierten Fließen an der reichlich verzierten Fassade, fünfundzwanzig Meter hoch, versichert mir stolz der Architekt. Ganz an der Nordseite des Grundstücks steht die Moschee . Und kurze Zeit später donnern Hubschrauber über das einsame Gehöft und fliegende Suchscheinwerfer. Ich bin just dabei, mit meinem Künstlerkollegen Peter aufzubrechen ins Schwimmbad, wo wir einen Tauchkurs belegt haben. Verrückt. Auf zwei gestreiften Siebziger Jahre Klapp-Campingstühlen sitzen wir mitten im Hof, die Badesachen auf den Knien. Worauf warten wir? Plötzlich schwirrt eine Satellitenschüssel wie ein UFO vorbei, kommt mir gefährlich nahe – was ist das, frage ich Peter – das sind Drohnen, sagt er.  Der Traum hat mächtig Speed. Über dem Gehöft hängt der Himmel voll mit schwebenden Riesensuchscheinwerfern und Hubschraubern. Keine Sorge, sagt Peter, die üben nur, und eine Unzahl von Drohnen mit Kameras schwirren uns nun um die Köpfe. Was ist eigentlich mit der Moschee, frage ich, die hat doch einen Schaden, einer der 25.000 Euro teuren Ziegel ganz weit oben ist doch kaputt und ich drehe mich um auf meinem Siebziger Jahre schön bunt gestreiften Campingstuhl und die Moschee hat sich in eine Kathedrale verwandelt. Aus dem Bunt der Fließen ist ein grauer Minikölnerdom geworden.

Seltsame Traumfetzen, aus denen die Drehbücher für gleich mehrere „andalusische Hunde“ kredenzt werden könnten.

Später am Morgen frage ich mich, wie es so weit kommen kann mit uns Menschen. Werden wir nicht völlig leer und meinungslos geboren? Auf dem „fast-Nichts“ entstehen wir und legen dann eine sechzig-siebzig-achtzig Jahre lange Denkstrecke durch die Welt zurück, in der wir getreu den Prinzipien von Kraft und Gegenkraft, auf einem unerklärlichen Fundament ruhend, unsere Meinungskathedralen und -moscheen erschaffen und je höher wir unsere Bauwerke machen, desto angreifbarer, weil sichtbarer, werden sie; aber auch desto starrer und unverrückbarer.

Draussen in der kalten Welt liegen die Steine, aus denen wir unsere Denkgebäude errichten. Wohl dem, der einen „reinen“, von Vernunft regierten Steinbruch sein eigen nennt.

Von Stefan Mesch gibt es einen guten Artikel zum Thema Meinung und wie es in unserer informierten Welt fast unmöglich ist, keine Position zu beziehen. Stefan Mesch

 

Saint Thomas – gehackt, durchmischt, frisch angebraten

Habt Ihr alle Euren Fleischwolf griffbereit? Ein metallisches Ding, das man mit einer Flügelmutterklemme am Küchentisch befestigen und einen Napf darunter stellen kann. Ein Stück Huhn, ein Stück Schwein und ein Stück Rind wären noch von Nöten, um ein kleines Experiment durchzuführen, das veranschaulichen soll, wie das Thermalbad von Saint Thomas in den Pyrenäen funktioniert.

Wenn man die N 116 kurz hinter Font Pédrousse nach links abbiegt in eine unwegsame Schlucht, von der man nie im Leben glauben würde, dass dort eine Straße verläuft, kann einem die Enge ziemlich bange machen. Einspurig führt ein Sträßchen über Serpentinen und Kurven und winzige Steinbrücken hinüber auf die andere Seite des Têt-Tals. Ab und zu gibt es Ausweichstellen, an denen man den Gegenverkehr abwarten kann, kaum vier fünf Meter breite in den Fels gehauene Etwase. Der Wechsel zwischen Frost und Sonne führt dazu, dass sich von den Steilwänden immer wieder Steine lösen, die dann auf der Fahrbahn liegen. Schneller als zwanzig dreißig Kilometer kann man die zweieinhalb Kilometer bis nach Saint Thomas nicht hinaufkraxeln. In den Serpentinen muss man weit ausholen, um in einem Zug herumzukommen. Kurzum: der Weg nach Saint Thomas in das uralte Thermalbad in den Bergen ist ein echtes Abenteuer.

Trotzdem riskieren am zweiten Tag des Jahres etliche Wagemutige, mit ihren Allrad- und Kleinfamilienkutschen, den Weg hinauf, wo ein Parkplatz vor dem Bäderhaus leider viel zu wenige freie Plätze hat. SoSo und ich schaffen es kurz vor dem nachmittäglichen Stoßverkehr hinauf und ergattern einen der letzten freien Parkplätze. Kurze Zeit später läuft das Spiel etwa so: eine Kolonne von vier fünf Autos schiebt sich die Straße hinauf und muss wegen kein-Parkplatz wieder umkehren und die Sackgasse zurückfahren. So dass letztlich ab nachmittags drei Uhr alle vergeblich hinauf fahren und wieder zurück müssen. Durchdringung zweier vollbesetzter Sonntagsausflugs-PKWs. Wenn dies das Thema in dem Kurs Technisches Zeichnen gewesen wäre, den ich vor etlichen Jahrzehnten einmal gemacht habe, hätte ich bestimmt mehr Spaß an der Herausforderung gehabt, als an Durchdringung eines regelmäßigen Hexaeders mit einem Zylinder.

Seltsam setzt sich dieses Durchdringungs-Motiv in den Thermen fort. An der Kasse herrscht Hochbetrieb. Die Umkleide ist „einbahnstraßig“ wie die Straße hier herauf. Um hinüber zu gelangen ins Bad, müssen alle durch die Umkleidekabinenschleuse, etwa zwanzig Kabinen, in denen sich die, die nach draußen wollen mit denen, die hineinwollen um den Durchlass rangeln. Nun kommt das Fleischwolfbild ins Spiel. So ähnlich funktioniert es nämlich hier. Die Menschen, sagen wir ein Stück Huhn, ein Stück Schwein und ein Stück Rind werden in den edelstahlenen Trichter gepresst und man dreht an der Kurbel und heraus kommt Hackfleischbrei, bereit zum Braten. Irgendwie schaffen wir es in die Thermalbecken.

IMG_3940Drei Freiluftbassins, umgeben von Felsen, auf denen Schnee liegt. Etwa hundert Badegäste. Außer Heißwasser, in dem wir liegen, gibt es eigentlich keinen Komfort. Irgendwo ganz hinten scheint sich ein Sprudelbecken zu befinden mit Massagedüsen vielleicht. Aber das Ding ist so voll und der Begegnungszu- und abstrom ist so fleischwolfig, dass wir uns den Weg dahin sparen. Nach einer Stunde verlassen wir das Bad wieder. Die Begegnungsschleuse der Umkleidekabinen diesesmal von der anderen Seite betrachtend. Ich fabuliere an einer Kurzgeschichte, in der ein Mann und eine Frau sich dort in dieser Schleuse kennenlernen und weil es ihnen nicht gelingt, wieder nach draußen zu kommen, gründen sie eine Familie, führen fürderhin ein Leben zwischen Schließfach zehn und elf – wer weiß, vielleicht schon in der zweiten Generation? Ein Typ Alm-Öhi mit langem Rauschebart, der sich gerade vor mir in die Kabine drängt ist Sinnbild dafür – aber vielleicht handelt es sich bei diesem Phänomen auch nur um ein modernes Château d’If, der Graf von Monte Christo, ihr wisst schon.

Dieser Blogartikel beweist jedenfalls, dass Monsieur Irgendlink, moi même und Madame SoSo die Bäder auch wieder verlassen haben. Gehackt, gemischt und gut durchgebraten.

Vorweihnachtliche Resterledigungen

Oder sollte es besser heißen: diesseits und jenseits der Warteschlange? Oder: wie ich einmal dachte, ich würde Weihnachten daheim verbringen und plötzlich: eine andere Gegend?

Egal.

Runter in die Stadt. In der Landstuhler Straße hat jemand ziemlich Pech, dass ich an ihm vorbei brause, während er gerade versucht, sich in den fließenden Verkehr einzufädeln; und warten muss bis ich vorbei; und dann hinter so einem Idioten herfahren muss, der exakt fuffzig fährt. In der Stadt.  Ich. Obwohl es sowieso nicht schneller geht. Trotzdem hängt er mir Dezimeter entfernt an der Stoßstange. Telefoniert. Jetzt bremse ich auch noch, weil vor mir der Idiot, ein Gülleabpumplaster nur dreißig fährt. Hier auf der knapp zwei Meter breiten Fahrspur.

Willkommen im Land der blankliegenden Nerven.

Die Stadt ist übervoll. Auf der Post stehen aber nur sieben Leute vor mir in der Schlange. Vier Schalter geöffnet. Einer davon ist jedoch dauerbeschäftigt mit einem komplizierten Fall, in dem es um Geld und das Postsparbuch geht. Die anderen laufen fließend. Bis ich dran komme. Ein Paket nach Norwegen. Herausforderung. Ob ich denn keine Telefonnummer hätte von der Empfängerin, fragt die Frau am Schalter. Das sei so üblich. Die haben gar kein Telefon, an die das Paket geht, kontere ich. Kompliziertes Formularausfüllen. Dreißig Euro kostet das Paket. Das letzte hatte nur fünf oder sieben Euro gekostet, kam aber auch nicht an. Ich brauche diese Tracking-Nummer. Die Schlange hinter mir wächst. Der komplizierte Fall mit Irgendwas-mit-Geld und ich, blockieren nun die Hälfte aller Schalter.  Asozial. Als ich endlich fertig bin, stehen fünfundzwanzig Leute Schlange. Sechzehn Uhr. Der mit dem Geld debattiert noch immer. Auf zur nächsten Station, zur Hausbank. Drei Leute stehen mit verdrossenem Blick Schlange. Das dauuuert, stöhnt eine Frau. Seien sie froh, dass sie nicht auf der Post sind, antworte ich, fünf-und-zwan-zig! Wir schwätzen ein bisschen über Menschenschlangen und Vorweihnachtshektik. Ich plädiere dafür, ab dem 31. Oktober das Haus nicht zu verlassen bis zum Aschermittwoch, sage ich. Das bricht das Eis. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte, oder zumindest ein paar Intimitäten, die von der Sehnsucht nach Freiheit handeln. Der Mann vor uns beiden hört gespannt zu. In Österreich und im Schwarzwald wäre sie jetzt gerne. Die Mutter sei kürzlich gestorben. Ich erfahre so viel von ihr und ich erzähle auch viel von mir. Dass es ins Land der Katharer geht übermorgen und dass mir Weihnachten zum Hals raus hängt. Weiß ich, sagt die Frau, sie haben doch gesagt, dass sie vom 31. Oktober bis Aschermittwoch nicht aus dem Haus wollen. Ich kann ja nicht, wegen des Hunds, aber warten sie nur, nächstes Jahr, dann muss meine Tochter auf den Hund aufpassen und dann … wie lange warten sie eigentlich schon, frage ich. Zwanzig Minuten, sagt der Mann ganz vorne. Zwan-zig-mi-nu-ten! Boa. Irgendwie ist Geld plötzlich unwichtig geworden und Lebenszeit jenseits der Schlange plötzlich so kostbar, dass ich den Beiden ein schönes Leben wünsche und die Bank unerledigter Dinge verlasse. Wollen doch mal sehen, ob es nicht auch mit ungedecktem Konto ins Land der Katharer geht. Ha! Wie der Retter der Stadt flaniere ich am herzöglichen Schloss vorüber – Supermaaan – und sinniere, einen Blogeintrag über diese diesseits und jenseits der Menschenschlange Sache zu schreiben. Wie ist das eigentlich datenschutzrechtlich? Ich meine, auf jeder Webseite muss man doch heutzutage einen Disclaimer haben, in dem man die Leute darüber aufklärt, was sie gerade an Daten hinterlassen, wie sie gespeichert werden usw. Gilt das nicht auch für Leute am Bankschalter, mit denen man sich mal eben unterhält? Müsste man nicht ein T-Shirt tragen mit einer Datenschutzerklärung darauf: Hallo, alles, was sie mit dem Träger dieses T-Shirts gerade reden, wird in dessen Hirn auf unbestimmte Zeit gespeichert und es wird in ironisch bissigen Blogartikeln nach Belieben verwurstelt, also passen sie gefälligst auf, wenn sie über ihren Hund reden oder den Skiurlaub.

Die Puzzeligkeit allen Webexistierens

Individuelle vs. kollektive Identität

Manchmal wünschte ich, ich wäre meine eigene Nachwelt. Ein Literatur- und Kunstforscher am Institut für digitale Frühgeschichte, irgendwann in ein paarhundert Jahren und ich könnte dann auf unsere Zeit zurückblicken, so wie wir es heute tun auf frühere Zeiten der Kulturgeschichte. Mir lägen dann sämtliche Informationen über die Frühphase einer im Aufbau befindlichen Soziale-Medien-Welt vor und wie sie (womöglich) alles bisher Dagewesene an Literatur und Kunst in den Schatten stellen würde, weil die Sparten sich mischen. Weil es – Hypothese ein – nicht mehr nur das geschriebene literarische Buch gibt. Und nicht mehr nur den Maler/die Malerin, der/die Öl auf Leinwand malt und nicht mehr nur den Komponisten/die Komponistin. Weil sich nämlich alles mischt und in digitaler Form dargestellt wird, was einst haptisch analog war. Literarische Werke, die angereichert mit Programmcode sich verselbständigen, Bücher, durch die man, gesteuert per GPS und per räumlicher Trigger erst das nächste Kapitel vor Ort geliefert bekommt. Die Welt des Spiels mischt sich mit der Welt der Kunst in dieser meiner Vision einer fernen Zukunft. Ich bin überzeugt, dass, wenn wir nicht alles kaputt machen auf dieser Erde, es schon bald möglich ist, etwa mit einem E-Book-Reader durch die Lande zu spazieren, der einem zunächst nur ein erstes Romankapitel bereitstellt. Der Leser/die Leserin erhält in diesem Kapitel Anweisungen, wo und wie die Geschichte weiter geht und begibt sich, per GPS gesteuert à la Geocaching zum nächsten Schauplatz, wo per Mobilfunknetz das nächste Kapitel herunter geladen wird. Im Prinzip sind wir sogar schon so weit. Es gibt diese interaktiven GPS-Schnitzeljagden ja schon längst. Werigo Cache heißt das Zauberwort. Literarisch hat das allerdings noch niemand gemacht, soweit ich weiß. Die Wherigo-Software lässt auch nur eine gewisse Zeichenanzahl zu, was die literarischen Möglichkeiten einschränkt. In der Tat hatte ich mir schon überlegt, die Programmiersprache LUA zu erlernen, mit der es mutmaßlich möglich wäre, solche „Dynamic Novels“ zu kreieren.

Ist ein LUA-kundiger Mensch unter uns, der Lust hätte, das mit mir auszuprobieren?

Anderes Thema. Während ich diesen Blogartikel schreibe, sind weitere Browserfenster geöffnet. Facebook und Twitter und Konsorten. Davon gibt es ja so viele – und überall postet man seine Ideen und Kommentare. Wie Kometen verströmen wir unsere geistigen Bestandteile im leeren Raum zwischen den sozialen Medien. Selbst die Kommentarstränge im eigenen Blog enthalten oft Kleinodien von unschätzbarem Wert. Wir lösen uns quasi im Internet auf. Hier wäre es – aus Sicht meines imaginären Forschers der digitalen Frühgeschichte – wichtig, wenn jeder ernsthafte Künstler eine Art Fingerabdruck hinterlassen würde, damit man seine Spur durch den Djungel der sozialen Medien so gut wie möglich nachvollziehen kann. Ich meine: ich denke doch jetzt und hier an diesem Artikel und schreibe ihn grob nieder, während drüben in Facebook und Twitter die Alarmglocken läuten, ich ab und zu rüberswitche und das, woran ich jetzt denke, fügt sich bewusst oder unbewusst in die dort, woanders, stattfindenden Diskussionen ein.

Vor Kurzem habe ich einen uralten Blogeintrag wieder gefunden, der über diverse Kommentarverstrickungen in die Kommentare eines anderen Blogs führte und es war so eine Art roter Faden zu erkennen, Plattform übergreifend. Ein Teil der Gesamtinformation ist hier in diesem Blog gelagert, ein anderer Teil in Kommentaren, die durch meine großartigen Leserinnen und Leser eine reiche Schatzgrube sind und weitere Teile des Puzzles sind irgendwo in Mails, in Facebook-Posts usw.

Und all das Unsichtbare. In den frühen, reinen HTML-Dokumenten zwischen 2001 und 2005 habe ich manchmal Text direkt im Quelltext versteckt. Habe die Kommentartags dafür missbraucht, nicht gar zu öffentliche Passagen zu notieren. Das neue Medium war ein wunderbarer Spielplatz. Es gab eine Phase, in der ich Texte mit der Vigenere-Methode chiffrierte. Das war nichts Brisantes. Ich hatte nur Spaß am Experimentieren. Das ist es wohl, was uns Künstler ausmacht. dass wir eben nicht nur zielorientiert arbeiten, obwohl wir ganz gewiss ein Ziel vor Augen haben. Dass wir eben nicht primär einen materiellen Zweck verfolgen, obwohl es einem manchmal ganz gut tun würde :-). Und dass wir eben nicht immer einen Sinn hinter einer Sache erkennen lassen wollen, sondern dass wir spielerisch und für Außenstehende unverständlich irgendwelches Zeug machen – warum? – weil es uns Spaß macht, weil wir den Akt des Schaffens über den Grund des Schaffens stellen. Weil wir inszenieren, wirken lassen und uns nicht darum kümmern, ob da noch Fragen offen bleiben … wir selbst stellen uns diese Fragen ja auch nicht. Weshalb sollten wir dann die Disziplin aufbringen, diese ungestellten Fragen anderen zu beantworten?

Quelltextliteratur hin, Vigenerechiffre her, heutzutage erlaubt einem ja das Blogsystem, Artikel als privat oder öffentlich zu markieren und auf dem Server erledigt dann PHP den Rest, zeigt den Lesenden nur das an, was man auch zulässt. Aus unzähligen Datenbanktabellen werden die Seiten dieses Blogs wie ein Flickenteppich von den PHP-Skripten zusammengesetzt. Die Spalte rechts und links dieses Artikels sind Einzelteile, die wiederum aus Einzelteilen zusammengesetzt werden. Der Titel dieses Artikels steht in einer anderen Tabelle, als die Veröffentlichungszeit. Die Kommentare, die da noch kommen, sind wieder woanders gespeichert. Ich nutze die Privatfunktion von WordPress ziemlich oft. Wahrscheinlich auch für diesen Artikel.

Gerade wird mir die Puzzeligkeit allen Webexistierens bewusst. Der Irgendlinkblog ist ja auch nur ein Puzzlestück im großen Ganzen des Internets. Und das ist es vielleicht, womit sich die Institute der digitalen Frühgeschichte, so es sie denn mal geben wird, in ferner Zukunft beschäftigen müssen. Wie hat das alles zusammen gewirkt?, werden sie sich fragen, wie konnte es diese ungeheuerliche Größe entwickeln? Und wie ist es den Individuen, die am Aufbau beteiligt waren, gelungen, ihre Identität zu wahren? Vielleicht ist eine der großen Fragen in dieser imaginären Zukunft, was (individuelle) Identität in dieser Zukunft bedeutet und wie sie sich verändert hat zur Identität, wie wir sie heute kennen. Es zeichnet sich ja schon ab, wie wir unser Ichsein im Web verändern, wie wir in verschiedene Rollen springen, je nachdem, ob wir in einem beruflichen Netzwerk unterwegs sind oder in einem Hobbynetzwerk oder in unserem privaten Blog. Es droht Zersiedelung und die Auflösung unseres Namens, unserer Urheberschaft gar. Wir ergießen uns in einen riesigen Pool kollektiver geistiger Produkte und Charaktere.

Eigentlich habe ich das Problem der Zersiedelung ja schon vor über zehn Jahren erkannt. Spätestens, als ich meine zweite eigenen Domain angemeldet habe, war klar, dass sich meine Gedanken und Ideen, mein digitales Schaffen fürderhin auf diese beiden Wege verzweigen würden. Nach und nach kamen weitere Domains hinzu. Sie sind alle im Punkt „Meine Seiten“ hier links aufgelistet. Ab ca. 2012 landete ich bei Facebook, Google+, Twitter, Tumblr. Spätestens seit diesem Sommer brechen die Dämme und ich verteile mich wie Brei in den Kanälen. Wobei ich schon versuche, ein bisschen Ordnung zu halten. Fundament allen Schaffens soll immer noch das Irgendlink-Blog sein. Von den Luftgestalten outerweb, den sozialen Dingsdas verweise ich gerne und oft auf dieses Fundament. Aber nicht nur. In den ersten Jahren Twitter etwa nutzte ich die Plattform nur als Linkmüllhalde, in die per Automatismus Blogeinträge aggregiert wurden. Immer, wenn ich hier auf WordPress den Veröffentlichen-Knopf drückte, bimmelte bei Twitter die Glocke und der Artikel wurde verlinkt. Ebenso bei Facebook. Aber damit macht man sich keine Freunde. Damit gewinnt man genau gesagt Null Follower. Nein nein. Man muss da schon in „echt“ interagieren, sich einbringen, sich mit den Menschen, die hinter den Accounts stehen auch befassen. Sie haben es auch nicht verdient, dass man sie zu einer Klick-Herde zusammentreibt und sie zu digitalem Nutzvieh umfunktioniert.

Sternkarte der Kau

Am 28. März 1978 notlandete im westpfälzischen Zweibrücken ein UFO. Die Außerirdischen lebten monatelang unerkannt in der Bevölkerung, bis sie ihr Raumschiff reparieren konnten. Obschon der Vorfall bis zum heutigen Tag unter Verschluss ist, gibt es in der Lammstraße 6 einen stichhaltigen Beweis für diese erste UFO-Katastrophe auf europäischem Boden: die Spezies hinterließ eine scheinbar flüchtig „hingespuckte“ Sternenkarte aus Kaugummis auf dem Pflaster mit Hinweisen auf die ferne Galaxie der Kau, aus der sie stammen.

Sternkarte der Kau by Jürgen Rinck
Sternkarte der Kau by Jürgen Rinck

Die witzigsten Ideen kommen einem manchmal zwischen Tür und Angel. Wie oft standen wir nach Ausstellungen oder Besprechungen noch ein paar Minuten uns verabschiedend, schwätzend, vor uns hin spinnend vor unserer Produzentengalerie im Herzen der Stadt. Ließen unseren phantastischen Ideen einfach freien Lauf. Was könnte man nicht alles machen als Kunstaktion. Zum Beispiel irgendwas mit den vielen Kaugummis auf dem Gehweg. Die sehen doch aus wie diese Verbinde-die-Punkte-Spiele, bei denen am Ende ein Pferd, ein Schwein oder Dornröschen herauskommt. Gesagt getan. Zur Maiausstellung unter dem Titel „Code Five“, schien es ohnehin angebracht, etwas Mysteriöses zu machen. Kollegin Betina etwa verwandelte eine uralte Schreibmaschine in eine Art Enigma-Objekt, das nur Einsen und Nullen ausspuckte. Aus dem ersten Stock fotografierte ich das Pflaster vor der Galerie und daheim am Computer begann ich, die Kaugummis mit Linien zu verbinden und den so entstehenden Sternzeichen Phantasienamen zu geben. Badland Hundi etwa oder Leguman – eine ganze Reihe unveröffentlichter Sternzeichen schlummert noch in Irgendlinks geheimen Kau-Akten.

Die erste Sternkarte, die in der Ausstellung als A3 Poster gezeigt wurde, war leider wegen copyrechtlicher Bedenken nicht webtauglich. Ich hatte einfach eine offizielle Sternkarte aus dem Internet als Vorlage genommen. Nun habe ich mir die Mühe gemacht, die Karte mit Inkscape gänzlich neu zu zeichnen. Vielleicht wird’s ja eine neue Stadt-Postkarte?

Die Original Kau-Gehwegplatten gibt es übrigens zu kaufen. Falls jemand Interesse bekundet, werde ich mit dem Tiefbauamt verhandeln, um sie zu erwerben und durch neue Platten zu ersetzen. Anfragen gerne an mich per Mail :-)

Nachtrag: Hier berichtet der Offene Kanal Südwestpfalz (Stadtmagazin Zweibrücken 2014/18) über die Ausstellung.