Wie so ein wetten-dassischer Baggerführer | #kursnord

Das tat weh. Der gestrige, gelöschte Blogartikel. Selten war ich um den Verlust eines Textes trauriger. Es war einer der beiden Kerntexte unseres gemeinsamen Kursnord-Blogbuches. Meines Teils des Buches, denn Frau SoSo tut ihr übriges in ihrem Blog. Sie bloggt sogar täglich. Vermutlich ergänzen wir einander gut.Ein simpler Copy-und-Paste-Fehler hatte dazu geführt, dass der Artikel, an dem ich eine gute Stunde geschuftet hatte, mit dem Großbuchstaben G überschrieben wurde. Ich pflege meine Blogartikel zunächst mittels Bluetooth-Tastatur in die Notizbuch-App des iPhones zu hacken, grob und voller Tippfehler. Zudem muss ich in diesem zweiten Arbeitsschritt nicht nur die Tippfehler eliminieren, sondern mit abgekoppelter Tastatur die skandinavischen Umlaute, die ich auf der Tastatur nicht finde und andere Sonderzeichen über den Smartphonebildschirm in den Text streicheln. So weit so gut. Dann kommt der nächste Schritt: alles auswählen und den aufpoppenden Dialog Kopieren antippen, um es in die WordPress-App zu fügen. Der Kopieren-Dialog taucht manchmal nicht auf, weshalb ich auf dem Bildschirm herumtippte, in der aufpoppenden Tastatur das große G traf, statt direkt zu widerrufen irgendwas hektisch Unkoordiniertes machte et voilà la misère.

Das mitten im Idyll unseres Zeltplatzes unter lau beschatteten Kiefern an einer feinen Picknick-Bank, Kaffee schnurgelte auf dem Trangia, alles perfekt … so knapp, sagte ich, sooo knapp und mache dazu eine Geste mit Daumen und Zeigefinger, war der Artikel davor, in die WordPress-App kopiert und mit einem Titel versehen veröffentlicht zu werden. Sogar den Titel hatte ich schon aus dem Fließtext auserkoren. Das mache ich oft, dass ich den Titel eines Artikels mittels intuitiver Suche irgendwo im Artikel finde. Meist steht er im unteren Drittel. Wegen der Dramaturgie.

Wie man sieht, habe ich den Artikel noch einmal geschrieben, während Frau SoSo die häuslichen Arbeiten übernahm, das Zeltlager zusammen räumte, mir gnädiger Weise ihre Tastatur lieh, da meine – verflixtes HP-geplante-Obsoleszenz-Drecksding – obendrein noch den Geist aufgegeben haben schien und kein E mehr ausgab. Gestern hatte sich alles gegen mich verschwor: irgendwo an einem Nagel mit der schlabbernden Hose hängen geblieben, beim Geschirrspülen geschusselt, Tassen zu Boden geworfen. Das sind die Tage, an denen man ganz vorsichtig sein sollte und bloß keine Kettensäge anwerfen … dachte ich und kniete mich rein, den Artikel zu rekonstruieren. Man sieht (im vorigen Beitrag), es geht solala. Aber ich stelle fest, dass er etwas holprig geworden ist. Den Weg im Kopf zum zweiten Mal zu gehen ist fast unmöglich. Ich glaube, es nennt sich Schreibflow. Man merkt es einem Text durchaus an, ob er im Flow geschrieben wurde, oder ob man ihn, wie auf einer Landkarte in einer Art Verbinde-die-Punkte-Spiel rekonstruiert, nachgezeichnet hat. Denn die Eckpunkte waren ja allesamt noch da. Ich wusste, woüber ich schreiben musste, bloß die eleganten Wortketten wollten nicht mehr wiederkehren, die mir manchmal – einfach so – in den Sinn kommen. Erst gegen Ende des Artikels, als ich vom gezwungenermaßen zu rekonstruierenden Thema abschweifte, spürt man wieder den Flow.

Vielleicht bin ich nur gut in der Direkten, dachte ich später, als wir auf der E4 gen Süden brausten. Die Straße ist oft tief eingeschnitten in den eiszeitlichen Fels, so dass oft hohe Felswände emporragen, über denen sich das ewig ungetrübte skandinavische Himmelsblau trübt. Direkt wie diese Straße. Direkt wie die Bauarbeiter, die sie einst bauten. Wie ein grober Baggerführer, der in einer verrückten Achtziger-Jahre-Wetten-Dass-Schnapsideen-Wette mit der derben, tonnenschweren Baggerschaufel ein Frühstücksei köpft, so bin ich im ersten direkten Schreiben. Wie die stoischen Fichten … Abfahrt Hoga-Kusten-Brücke. Sie sieht ein bisschen aus wie die Golden-Gate-Brücke. Nur nicht so lang, nicht so rot, nicht so sanfranziskoisch melancholisch nebelumwabert – if you are going to Hogaaa Kusten, summt es in meinem Ohr und schon biegen wir ab, unterqueren die Brücke, fahren hinauf zum Parkplatz, wo ein Hotel, ein Infozentrum, ein Wohnmobilparkplatz und eine Butik lauern. Souvenirs kaufen, Softeis essen. Das erste für diese Ferien übrigens und die Frau am Eisstand sagt, sie haben erst gestern die Softeismaschine in Betrieb genommen und schon beginne ich eine Verschwörung zu wittern, das Anti-Midsommerfest am 22. Mai, wenn die Softeismaschinen auf einen Countdown hin in ganz Schweden angestellt werden, aber das ist natürlich quatsch. Wie so ein wetten-dassischer Baggerführer, ja, genau, so ist mein Hirn, wenn es anfängt Blogartikel zu denken und den willfährigen Fingern geheißt, das Gedachte in Worte umzusetzen und das ist dann der Flow, da kannste bei der Brücke stehen und darüber schreiben, wie du in den Souvenirsshop gehst, eine Postkarte kaufst, Salzlakritze und irgendwelche Dinge zum Herschenken und gleichzeitig in einem Nebensatz zurückkehren zu deinem Baggerführer, der das Ei köpft, ha, mehr noch, Wetten Dass war ein Dreck dagegen: mein Schreibflow-Baggerführer nimmt noch genüsslich einen Löffel und einen Salzstreuer und führt sich das wachsweich gekochte Hühnerprodukt zu Munde.

Die E4 nördlich von Sundsvall ist ein zwei- bis dreispuriges Etwas, das man in den Fels gehauen hat, um möglichst wenige Steigungen zu haben und das auf Brücken die oft weit ins Land führenden Fjorde überbrückt. Meist sieht man nur Wald und Fels und Brücken und andere Autos, Wohnmobile und LKW. Und Radarkontrollen. Das sind längliche, meterhoch aufragende Dinger mit dunkelblauem Rand, einer Kamera und einem Blitz. Sie werden grundsätzlich 200 Meter vorher angekündigt. So fahren wir Richtung Süden, vorbei an Timrå, wo ein riesiges Monument am Parkplatz des Indalsälven-Deltas lockt. Schießmichtot, ich komme gerade nicht auf den Namen des Künstlers, an dessen Stil es mich erinnert. Sagen wir Picasso. Ist immer gut. Weiter über eine Brücke über Sundsval und später biegen wir ab nach Bergsjö, um einen Campinplatz zu finden, auf dem wir 2010 waren. Geführt von einem uralten Jazzmusiker mit Nierenproblemen. Aber den Platz gibt es nicht mehr (oder wir finden ihn nicht – vergiss nie, deine alten Tourbücher einzupacken). Dennoch, nach acht Jahren ist es gut möglich, dass die alten Leutchen, die den Platz am See betrieben haben, aufgegeben haben oder gar schlimmeres.

Schon spät manövriert uns Frau SoSo durch die Wälder westwärts zu einem Alternativplatz in Ljusdal. Direkt der Sonne entgegen wie zwei Westernhelden, die am Ende des Films in den Sonnenuntergang reiten.

Was mein Hirn betrifft, so hat es diesen Artikel heute Morgen direkt nach dem Aufwachen schon einmal geschrieben. Fluffig leichtes Etwas von Text inklusive eines gedachten Schichtenmodells, in dessen Kern eben es selbst steht, das denkende Hirn am zu schreibenden Text, der aber nicht geschrieben wird, weil das Hirn ja denkt und erlebt und die Arme noch müde sind und die Technik zu schreiben nicht vorhanden und die zweite Schicht, diese hier, in der ich dies notiere, die ist auch noch gut. Der Flow. Nicht gut ist die dritte mögliche Schicht, einen schon einmal geschrieben Text zu rekonstruieren.

Jetzt bloß kein Copy und Paste-Fehler.

G

Ich schrieb in etwa: Acht Quadratmeter. Seit gut anderthalb Wochen ist das unser Heim. Alles, was das Herz begehrt haben wir zwischen den Doppelwänden des Zelts untergbracht. Schlaf- und Wohnzimmer und im Entré der geräumigen Apsis könnte man sogar Gäste empfangen.

Noch vor 20.000 Jahren lag an der Stelle eine drei Kilometer dicke Eisschicht, die mit 3.000 Tonnen pro Quadratmeter den Fels presste. Als die Eiszeit vorüber war und die Gletscher geschmolzen waren, begann sich das Land langsam zu heben. Und tut es noch immer. Wenn man einen LKW senkrecht stellen würde wie zum Beispiel das Kunstwerk mit den Bussen in Dresden, würden seine vierzig Tonnen just da, wo jetzt unser Zelt steht, Druck ausüben. 600 Stück müsste man übereinander Stapeln, um die 24000 Tonnen Gewicht zu simulieren (in der Annahme, ein LKW sei zehn Meter lang also sechs Kilometer hoch).

Seit vorgestern steht unser Zelt in dem weitläufigen Kiefernwäldchen des Campingplatzes nahe Norrdalsviken auf der Halbinsel Mjällom mitten im Welterbe Hohe Küste. Über die blankgewetzten Wurzeln der Kiefern haben wir das Auto bis zu einer Picknickbank manövriert. Gleich daneben eine Feuerstelle. Ein Idyll. Der Platz hat kaum Gäste. Wir haben ein eigenes WC und die Küche mit den vier Herden gehört uns quasi alleine, da die wenigen anderen Gäste autark in ihren Wohnwagen und Wohnmobilen leben.

Auf Mjällom befindet sich die größte Geröllhalde der hohen Küste, lese ich auf einer Infotafel. Seit viertausend Jahren hebt sich das Land. Jährlich entstehen neue Inseln. Eine Fläche von 150 Fußballfeldern hebt sich pro Jahr aus dem Meer, lese ich in einem Prospekt.

Mit verantwortlich, dass wir überhaupt hier sind, ist der Slåttdalsskrevan auf einer Halbinsel weiter nördlich im Naturreservat Skulekogen. In einer gestrigen Wanderung erkundeten wir das Kleinod.

Der Skuleskogen ist ideal geeignet für eine Privatisierung, falls Schweden einmal in eine ähnlich missliche Lage gelangen sollte wie Griechenland, twitterte ich.

Das etwa 20 Kilometer durchmessende, unzugängliche Stück felsige Natur hat nur drei Zugänge, die von kleinen Parkplätzen aus erreicht werden können: Nord, West und Süd. Von Osten schützt das Meer. Man müsste nur noch Kassenhäuschen aufstellen.

Aber noch kostet es keinen Eintritt (gegen Eintritt zum Wohle der Natur und der Gemeinschaft hätte ich auch nichts einzuwenden – bei Privatisierung und Raubkapitalisierung hingegen schon). Einen guten Kilometer wandert man durch dichten Kiefernwald auf Stegen aus fünfzig Zentimeter breiten Bretten dicht überm federnden, oft matschigen Boden. Vermutlich wird das Baumaterial für die Stege, die immer wieder auf den etwa drei Kilometern bis zum Slåttdalsskrevan zum Einsatz kommen, mit Hubschraubern eingeflogen und dann verlegt.

Geröllhalden mit runden, von Flechten bewachsenen Felsen wechseln mit massiven Platten und dichtem Wald ab. Das Gebiet hat alles, was das Wanderndenherz begehrt. Schroff trifft Soft und vermählt sich.

Der Slåttdalsskrevan ist das Filetstück des Naturreservats. Die Schlucht ist etwa hundert Meter lang, etwa zehn Meter breit. An den Quadern, die unten liegen, lässt sich erahnen, dass hin und wieder eine der senkrechten Platten vom Frost abgesprengt wird und hinabstürzt. Mit mulmigem Gefühl durchwandern wir das Kleinod. An manchen Stellen liegt noch Schnee. Oben auf den vielleicht dreißig Meter hohen Klippen stehen vereinzelt Fichten. Über die Nordroute klettern wir hinauf zum etwa 250 Meter hohen Ståttdalsberget-Plateau. Überall kreuchen zu Krüppeln geknechtet Fichten mit meterlangen Wurzeln, die über den Fels laufen, um sich irgendwo in einer Ritze zu vertiefen und dem Baum Halt zu geben.

Nach Norden ein Blick auf die vielen kleinen Inseln. Eine davon scheint noch ganz frisch. Winzig, weiß, ohne jeglichen Bewuchs. Wie sie wohl in zehn, fünfzehn, oder hundert Jahren aussieht, frage ich? Wir werden es nicht erfahren, sagt Frau SoSo, … Obwohl, vielleicht doch, wir können uns ja die Satellitenbilder anschauen, wenn wir dereinst, im Altersheim, perfekt zu einem kapitalisierten menschlich geriatrischen Gut geworden sind.

Schnitt.

Völlig verstümmelt, diese Geschichte. Ich schreibe sie zum zweiten Mal, nachdem ich bei einem dummen Copy & Paste Fahler die ursprüngliche Geschichte mit dem Buchstaben G überschrieben habe. Sitze im kühlen Wind im Halbschatten zwischen den Kiefern, weiß, was ich gerade verloren habe: jede Menge skurrlier Wortschöpfungen, die in Reihe geschaltet wunderbare Sätze ergeben haben. Von inseligen Inselchen war die Rede und ich glaube auch von landbrückigen Landbrücken, über die man hinaus gelangt an feinsandige Strände, an denen sich kleine Biwackhütten befinden. Das ganze war garniert mit einem Vergleich des Eisgletschers vor 20.000 Jahren und der Art wie wir leben, wie wir unsere Gesellschaft formen, wie sie tickt. Eigentlich eine recht simple Sache, die ich da beschrieb, aber in der direkten Poesie, die man nunmal nur einmal schafft, war der Blogartikel vemutlich ein ziemlich guter.

G wie gut.

Nach dem Aufschrei, ohneiiiin, ich hab den Blogartikel überschrieben, war die Enttäuschung erst einmal groß, aber es war auch klar, dass die Eckpfeiler immer noch da sind: Tonnenlast auf Zeltplatzflächengröße als bildlicher Vergleich mit den LKW, Seitenhieb zum Denkmal in Dresen, Schwenk vom wahren Geltscher zur selbstgebastelten Gletschermaschine des Kapitalismus, der eine Welt in Form von Scheinwerten erschafft, die tatsächlich und in echt auch funktioniert, ein kleines Wunder eigentlich, mit einem Seitenhieb darauf, dass eben dieses Raubtier namens Kapitalismus und Privatisierung, dessen Teil wir alle kollektiv auch sind, tonnenschwer hobelnd über uns hinwegfährt und nichts als menschliches Geröll hinterlässt und in 20.000 Jahren genauso passée sein wird wie der echte Gletscher. Mit finalem Schwenk ins Altersheim – ich habe versucht, den letzten Satz genauso wieder hinzuriegen, es ist mir nicht gelungen. Es endet jedenfalls damit, dass wir Menschen uns gegenseitig zu Melkvieh machen und bis zur Unkenntlichkeit verprodukten und es letzten Endes irgendwann kein einziges unbezahltes Ding mehr gibt, nichts mehr, dem der Mensch keinen Wert in Dollar oder Euro entgegenzusetzen wüsste. Selbst Streicheln, Küssen und Atmen würde irgendwann gerechnet und verhandelt werden … nein, das mit dem Streicheln, Küssen nd Atmen stand nicht in dem Artikel, denn dies ist ein ganz neuer Artikel, zwar nicht so brilliant wie der nativ geflossene erste, aber er mausert sich, seit ich aufgegeben habe, den ersten Artikel noch einmal möglichst genauso hinzukriegen wie einst gelöscht.

Mit Gerard ein paar Stufen auf der Treppe zu den Sternen | #kursnord

Drei Nächte an einem Ort. Nachdem wir seit einer guten Woche fast täglich den Standort wechselten und immer weiter nördlich fuhren. Härnösand. Kleine Stadt, Hafen. Fabrik. Gewerbegebiete. Direkt an der E4, die für Schweden ungefähr das ist, was die A7 oder die A5 für Deutschland. Pulsierende Nord-Süd-Ader.Der Campingplatz auf Terrassen über der Meersbucht wirkt nordisch karg, ist fast immer von Wind umspült. Hinter uns im Wald befindet sich ein Militärgelände, das wir gestern mit mulmigm Gefühl durchwanderten. Die Schranken der Wege, auf denen man die Spuren von Kettenfahrzeugen erkennen konnte, waren offen. Es waren zwar Schilder mit durchgestrichenen Fußgänger- und Skilanglaäufer-Piktogrammen an den Schranken angebracht, daneben aber auch weitere Schilder, auf denen auf schwedisch – wahrscheinlich – erklärt wurde, dass man nur dann nicht eintreten darf, wenn die Schranken unten sind. Trotzdem fühlten wir uns beobachtet. An den Wegkreuzungen gab es Straßennamenschilder: Granatsvägen, Handgrantsplats usw. Schöner Humor. Frau SoSo und ich spannen Geschichten, in denen wir von unsichtbaren Camouflage-Typen ins Visier genommen werden, rote Laserpunkte auf der Stirn. Zack. Den Schuss würden wir gar nicht hören, oder aber, eine Patrouille greift uns auf und wir werden verhört und man fleddert Kameras und Smartphones nach belastendem Material. Warum fotografieren Sie Hochsitze, Herr Irgendlink? All die Schilder und all das untouristische Zeug! Gestehen Sie endlich, Sie sind ein russischer Spion.

Nichts passierte.

Nachmittags stand Gerard vor unserem Zeltlager. Frau SoSo saß bloggend am Tisch und ich twitterte im Zelt. Ob ich da sei, fragte er, ich würde ihn bestimmt wieder erkennen, wenn er sich ausziehe. Am Abend zuvor hatten wir uns in der Campingplatzdusche kennengelernt, splitternackt zwischen zwei Duschvorhängen. Der Witz sitzt. Und nun vertieften wir unseren Smalltalk, gaben einander Namen: Angenehm Irgend, angenehm Heras (jaja, so ähnlich wird Gerard auf Holländisch ausgesprochen). Gerard ist 77 und tourt seit – schießmichtot, ich glaube – seit 18 Jahren durch Europa. Alle Länder mindestens einmal bereist, Schwerpunkt Spanien und Skandinavien. Über 280.000 Kilometer hat er zurückgelegt und gut 35.000 Seemeilen auf Fähren zwischen Patras und Norditalien und Island und Dänemark und Schootland und Norwegen und Santander und Enbland.

In aller Kürze erfahren wir viel über sein Leben: dass er mit 49 die Reißleine gezogen hat und vom Ingenieur zum Heiler geworden ist. Nach dreijähriger Ausbildung arbeitete er seither als eine Art engergetischer Heiler, der seine eigene Energie einsetzt, um anderen Menschen zu helfen, wenn sie das wollen. Einer der wenigen in den Niederlanden, die das Diplom bestehen, denn man muss seine Fähigkeiten in einer theoretischen und einer praktischen Prüfung nachweisen vor einer dreiköpfigen Prüfungskommission, die aus Psycholgen, Medizinern und anderen Heilern besteht. In Findhorn in Schottland hat Gerard eine Weile gelebt und südlich von London nahe dem Flughafen Gatwick hat er auf einem College für Geschichtenerzähler in einem dreimonatigen Seminar ein Diplom für Story Telling erworben. Story Telling nicht wie vielleicht neumodisch gebräuchlich mit viel Technik und Suchmaschinenoptimierungsbrimborium im Internet, sondern in ‚ech’t, auf einem Teppich sitzend, wahlweise verkleidet vor vielen echten, neugierigen Menschen. So mischt er Geschichten aus 1001 Nacht und der Bibel und allem, was ihm im Laufe der Zeit unter die Finger kam und komponiert daraus eigene Geschichten. Die Geschichte vom Ungeheuer, dem Baum und dem Felsen zum Beispiel. In Island aufgeschnappt, erzählte er sie vor Kindern, woraufhin sie ihm Bilder malten als Dank. Der Vierjährige malte ein Krikelkrakel, das einen Baum darstellere, die Siebenjährige malte das Ungeheuer und der Achtjährige malte eine Art Storyboard, die alle Elemente der Geschichte enthielten, inklusive Gerard auf seinem magischen Teppich in seiner orientalischen Verkleidung.

Obwohl wir nur kurze Zeit erzählten, gaben wir einander ziemlich viel preis und mit.

Eine brisante Frage drängt sich mir nun auf: wie es sich wohl anfühlen mag, völlig entwurzelt kreuz und quer durch Europa zu trudeln, jahrelang. Gerards selbst entworfenes Wohnmobil ist zwar bestens ausgestattet, und wenn es etwas größer wäre, wäre es weit komfortabler als meine heimische Künstlerbude, aber dieses Leben ohne festen Ort? Ohne Wurzeln, hätte ich beinahe gesagt, aber das stimmt ja nicht, die Wurzeln trägt man ja im Innern, dennoch, ohne materiell fixen Punkt auf der Erde, wie sich das anfühlt? Zudem im Herannahen des Todes, denn 77 ist ja schon ein recht hohes Alter, in dem viele Menschen schon im Altersheim fristen … Guter Gerard. Nun, da ich dies schreibe, beginne ich zu verstehen. Es ist vielleicht das Bremer-Stadtmusikanten-Prinzip. Etwas anderes als den Tod können wir überall finden. Lebensgenießerei pur. Selbstbestimmt sein. Der scheinbaren Auswegslosigkeit, sich in eine Gesellschaft eingliedern zu müssen durch schlichtes Reisen zu entrinnen? 

Während unseres mulmigen Spaziergangs durchs Militärarreal redeten Frau SoSo und ich – zwar scherzend – darüber, wie es wohl wäre, wenn man eingesperrt würde und da wurde uns klar, dass die Strafe nicht nur in Freiheitentzug bestünde, sondern auch darin, sich in eine Gesellschaft einzugliedern. Ihren Takt mitzuleben, ihren Gepflogenheiten zu folgen und sich anzupassen. Vom Wecken über den Hofgang zum Essenfassen und zurück zum abendlichen Einschluss. Geburt, nicht selbst bestimmtes Leben, Tod und das freiheitsstrafenjahrelang Tag für Tag. Einhellig war uns klar, dass das fast noch schlimmer wäre als Freiheitsenzug.

Einen kilometerweiten Spaziergang auf einem Waldweg, an dessen Rand sich in regelmäßigen Abständen die Überreste abgefackelter Leuchtfeuer befanden kamen mir einige Erlebnisse in den Sinn, in denen ich mich der Gesellschaft verweigert hatte. Schon der Versuch meiner Mutter vor zig Jahren, mich erstmals in einen Kindergarten zu bringen scheiterte.

Gerard zeigte mir bei einem Gegenbesuch in seinem Wohnmobil noch einige Gegenstände und Bilder, die ihn begleiten. Unter anderem ein Gemälde, das er einst gekauft hatte und es an den einzigen winzigen Hängeplatz über dem Tisch platziert hatte. Ein gut DIN A4 großes Acrylbild auf Leinwand. Es zeigt ein Schiff, mit gesetzten Spinackern, dahinsegelnd in die Freiheit, sagte ich auf die Frage, was es wohl darstelle. Das habe er auch so gesehen, aber der Künstler sagte, es sei ein Vogel. 

1001 Nacht befände sich in dem Stauraum unter der Sitzbank. Im Raum unterm Bett lag einst ein Motorschlauchboot mit Außenborder, Ebookreader auf dem Tisch, die Bibel in einer feinen mit geprägtem Leder gebundenen uralten Fassung von seiner Großmutter. Den Koran auf Englisch habe er einem Dänen in Spanien geschenkt, der auf dem Weg nach Marokko war: kannst doch nicht ohne den Koran gelesen zu haben in ein muslimisches Land fahren. Bibel, christlich, dito.

Und in der Piano-Jazz-CD-Sammlung, in der großen Box mit mindestens dreißig Scheiben, sei die Nummer achtzehn herauszuholen und das Lied Nummer achtzehn bei seiner Beisetzung zu spielen: Stairway to the Stars in einer Aufnahme aus dem Jahr – ich glaube er sagte 1956. Da war er fünfzehn und ich minus zehn.

Abgehängt | #kursnord

Es gibt stillere Orte in Schweden als Härnösund. Auf dem zwei Kilometer östlich der Stadt gelegenen Campingplatz hört man Tag und Nacht ein Grundrauschen wie von einer Industrieanlage und verflixt, ich möchte meinen Hintern verwetten, dass da auch eine Industrieanlage dahinter steckt. Fast komme ich mir vor wie daheim in Deutschland. Nur eben: dort ist es ganz natürlich, dass irgendwo immer etwas rauscht und rumpelt. Hier nicht. Zwei Einwohner pro Quadratkilometer, recherchierte Frau SoSo in einem Artikel über Lappland. Und Lappland ist schon verdammt nah. Wo genau es beginnt und aufhört, darüber streiten sich die Geister. Die Einen sagen, nördlich des Polarkreises und der dürfte noch drei vierhundert Kilometer entfernt sein. Aber die Vernunft sagt, Lappland ist wie jedes Land so unförmig, dass man es nicht an einer geraden Linie beenden oder beginnen kann (okay, ich glaube, der Bundesstaat Idaho in den USA ist eines jender Länder, dessen Grenze tatsächlich exakt Breiten- und Längengraden folgt.Wir haben uns treiben lassen bis hierher zu Hohen Küste, Weltnaturerbe der Unesco seit mittlerweile zehn Jahren, soweit ich mich erinnere. Eine gute Woche unterwegs. Fast 2500 Kilometer in den Knochen. Autofahren in Schweden, nimmt man einmal die Region um Stockholm aus, ist unheimlich entspannt. Wenn nicht anders angegeben, darf man auf Landstraßen 70 fahren, auf Autobahnen 110 und innerorts 50. Innerorts ist jedoch sehr oft auf 40 oder gar 30 reduziert und auf Autobahnen öfter auf 90 oder 80, statt auf 120 erhöht. 120 ist die höchste Geschwindigkeit, die wir bisher erlaubt-gesehen haben. Nur rings um Stockholm rasen einige Hasardeure mit bis zu 130 Sachen an einem vorbei. Es wird so gut wie nicht gedrängelt, bisher nie gelichthupt und die Hupe kommt tatsächlich dafür zum Einsatz, wofür sie von Gott geschaffen wurde: als Warnsignal. Nix Strafhupen, Zwangsausbremesen, Drangsalenabdrängen und Dichtauffahrmaßregeln wie im heimischen lovely lovely Deutsche-Autobahn-Gemetzel. Ich erinnere mich an einen Schweden, dem wir 2011 auf einer Skandinavien-Tour begegneten, der von seinem Auto-Trip nach Italien erzählte und uns sagte, nie wieder Deutschland per Auto. Zu groß das Gemetzel, zu rücksichtslos manche Autfahrer. Exakt beschrieb er das, was bei uns vorgeht als gigantische Malm-Maschine, in der die ganz normalen, vernünftigen Leute zwischen irrsinnigen Allmachtsrasern und dem drögen, ganz normalen Transportmuli namens LKW zermahlen werden. Die Autobahn ist der Ort, an dem man die Zerreißprobe, in der sich unsere Gesellschaften befinden, am deutlichsten erkennen kann. Manche Leute werden einfach abgehängt.

Aber auch Schweden folgt diesem Trend. Es ist ja nicht nur die Autobahn, auf der das Elend des Zerreißens sich physisch erlebbar manifestiert. Vor ein paar Tagen südlich von Stockholm kamen uns auf einer stark befahrenen Einfallstraße zwei vermutlich Äthiopier entgegen. Zu Fuß mit Plastiktüten. Im Straßengestank im Lärm. Vermutlich Flüchtlinge. Wieso zu Fuß auf der Strecke? Waren sie einkaufen? Sie trugen prall gepackte Tüten. Haben sie den Bus verpasst? Oder wahrscheinlicher: keine Kreditkarte, um ein Busticket überhaupt zu kaufen. Ich weiß es nicht und auch Frau SoSo und ich stehen ja verdammt nah am Abgrund und sind, rein finanziell schon fast abgehängt. Wir haben nur Bankkarten, mit denen man zum Beispiel auch nicht im ÖPNV bezahlen kann. An allen Parkautomaten, die wir bisher gesehen haben, sind die Schlitze fürs Münzgeld zugeschweißt und man kann nur noch mit Karte zahlen. Wir haben nun einen Zettel an der Windschutzscheibe mit der Aufschrift, unsere Karte wird nicht akzeptiert, tut uns leid und fahren falschparkend nordwärts. Besonders dramatisch wurde die Situation kürzlich in Uppsala, wo wir einen frühmorgendlichen Stopp einlegten, durch die Stadt bummelten, in einem der wenigen vor 10 Uhr schon offenen Cafés ein kleines Frühstück – per Karte bezahlt – einnahmen. Im Cafe gab es aber keine Toilette. Erst in der benachbarten Passage wurden wir fündig. Aber: um reinzukommen braucht es eine Kreditkarte, nix mit schlichter Bankkarte. So standen wir eine Weile, bis uns eine barmherzige Frau milde lächelnd in den Defäkierungstempel einließ und Frau SoSo, deren rebellische Natur mit ihr durchging robinhoodesk beim Hinausgehen mit einem Bündel Toilettenpapier das Türschloss blockierte. Vor laufender Kamera. Überall in der Ladenpassage bleckten runde Überwachungsaugen an den Decken und ich stellte mir einen geheimen Raum vor unterirdisch, in dem eine Armee von Wachleuten auf zig Monitoren die Stadt überwachen: da, sieh an, Kollege Per, wieder so eine Touristin, die es versucht, und schon löst er einen Alarm aus und die Häscher schwärmen aus und über die zahlreichen Kameras, die nicht nur in der Passage hängen, sondern überall in der Stadt, verfolgen sie uns in geradezuer Hollywood-Manier und klick klick, Frau SoSo, das wars, uppsala, Handschellen … ja, genau, das war in Uppsala. Welch wunderbarer Morgenflair die Überwachunsszene umspielte, fast wie der starke Wind, der um die Häuserecken pfiff und die vielen Fahnen überall vor den Geschäften flattern ließ und so manche Werbetafel umwarf. Stadterwachen in einer definitiv von Radlern und Fußgängern dominierten Stadt und wie es sie ins Gewebe presst zur Arbeit, zu Erledigungen, Behördengängen oder einfach nur – wie wir – zum irgendwo was frühstücken und obschon es für unsere Begriffe saukalt war, sah man viele Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts im kalten Wind auf dem Fahrrad. Sockenlose Gestalten; gekrönt wurde die ganze Szene von einem glatzköpfigen Monument von Mensch, das an einer sonnigen Stelle unweit des Hallenbads an einer Wand lehnte. Ein glänzender, geradezu polierter Kerl mit einer unheimlich fleckigen Arbeitslederhode, aber obenrum fast nichts am Leib, Morgensonne tankend, nie sah ich rasiertere Glatzen, außer vielleicht bei Vester, dem gutmütigen Bruder in der Addamsfamily-Kommödie. Vor einem Restaurant räumte der Wirt Tischdecken auf die Tische und Aschenbecher. Just als wir an der Tür vorbei flanierten warf er einen schmutzigen roten Fußabstreifer aus. Der rote Teppich des kleinen Mannes. Morgengrüßend grinsend. Dann die wuchtige Kathedrale, deren Seiteneingänge mit SOLCHEN Schlössern versperrt waren, garniert mit einem Bündel von Bettler vor dem Hauptportal.

Handschellen blieben Frau SoSo erspart und auch die Sache mit dem Parkticket ging gut und so trieben wir die letzten Tage auf der E4 weiter gen Norden. Die Straße ist bis etwa Sundsvall durchweg vierspurig ausgebaut, eine ganz normale Autobahn. Nur eben mit eher weniger ganz normalem Verkehr. Zivilisiert. Ab der ziemlich wuseligen Gegend um Sundsvall ändert sich die Landschaft. Die Bäume sind nicht ganz so groß wie südlich und das Klima ist generell rauer. Zudem ist es sehr lange hell. Die Sonne geht hier am etwa 17. Längengrad zwischen 21 und 22 Uhr unter und zwischen drei und vier Uhr wieder auf. Die stundenlange Dämmerung erledigt den Rest. Auf dem Campinplatz in Härnösand haben wir nun unser Zelt stehen und bleiben ein paar Tage hier, um uns die Hohe Küste in Tageswanderungen zu erschließen. 180 Kronen kostet die Nacht, eine Hütte 450 Kronen. Ich erinnere mich daran, wie wir vor acht Jahren stets vor dem Einchecken eine Schmerzgrenze festlegten, wieviel zu zahlen wir bereit sind. Sie lag zwischen 120 und 150 Kronen. Die Gesellschaft hat sich acht Jahre lang weiter aufgebläht und wir sind nicht unbedingt mitgewachsen, dennoch haben wir unsere Schmerzgrenze auf 220 Kronen hochgeschraubt. Bald schon werden wir abgehängt, wenn wir nicht bereit sind, mitzurennen.

Über Uppsala berichtete Frau SoSo vorgestern hier.

Russische Yakwolldecken und  irgendwas mit ‚Nöt‘ zum Essen

„Wolle Militärspaten kaufen? Gummistiefel? Ganzkörpermückenschutz? Hausschuhe? Babbig süßes, längliches, bräunliches Etwas mit der Aufschrift Nötkola?“ Wie ein Drahtgeflecht gewordener Lude steht ein alter Einkaufswagen voller rostiger Spaten vor dem Alles-Laden. Eigentlich wollen wir Brot kaufen, aber die Hoffnung, dass in dem gut besuchten Geschäft auch nur irgendein nützliches Lebensmittel zu finden ist, schwindet mit dem Überschreiten der Türschwelle. Alte, mechanisch zu öffnende Klapptüren. Drinnen ist es düster, bzw. neonbeleuchtet irgendhell und es gibt: alles. Also wirklich alles an Haushaltswaren und Kleidern, was man sich nur denken kann, beziehungsweise, was man hier im schwedischen Outback eben so braucht. Anglerbedarf neben Duftkerzen, Teller und Tassen und so weiter und so fort. Ich nenne diese Läden Alles-Läden und ich liebe sie. Der letzte, den ich besucht habe liegt schon eine Weile zurück: 2016 in den weißen Dörfern Andalusiens auf dem Weg nach Gibraltar und davor, meine ich mich zu rinnern, habe ich den letzten 2015 in Karesuando an der schwedisch-finnischen Grenze besucht. Dort gab es sogar Ganzkörper- Stechmücken-Verhüllungen. Quasi die Burka Lapplands.Hier nun wieder ein Alles-Laden namens Albrecht & (und den zweiten Namen habe ich leider vergessen). Hudiksvall querab. Das ist eine kleine Stadt an der schwedischen Ostseeküste zwischen Gävle und Sundsvall, oder gröber gesagt zwischen Stockholm und dem äußersten nördlichen Zipfel der Ostsee. Die Gegend heißt Jungfrauenküste, verrät uns eine deutsche Auswanderin, die in Axmarsbruk einen feinen Laden betreibt, in dem man Honig und Senf aus eigener Produktion kaufen kann.

Wir haben uns nach einigen Problemen auf dem Campingplatz in Hudiksvall einquartiert, mussten erst lernen, dass um diese frühe Jahreszeit bei Leibe nicht alle Campingplätze geöffnet sind. In Stockholm, vorgestern, scheiterten wir in einem feinen Waldgebiet südlich der Hauptstadt vor der heruntergelassenen Schranke eines hermetisch abgeriegelten und streng videoüberwachten Geländes, weil die Rezeption um 19-Uhr-spät schon geschlossen war und wir telefonisch niemanden erreichen konnten, der uns den personalisierten Einlass-Code verrät. Fast jeder Campingplatz in Schweden hat eine Schranke und fast alle sanitären Einrichtungen sind durch Code- oder Chipkartensystem oder Schlüssel vor Eindringlingen geschützt.

Vor dem Campingplatz in Tullinge, der ganz nahe neben einem muslimischen Friedhof im Süden Stockholms liegt, telefonierte ein eigenartiger Kerl sich die Ohren wund, weil sein Code nicht mehr funktionierte. Man kann immer nur einmal rausfahren mit dem Code und wieder herein. Das heißt, das System verbucht einen als auf dem Camping oder nicht auf dem Camping. Binäres Camping-Chimären-Dasein. Der Mann, der aussah wie ich mir einen japanischen Yakuza vorstelle, war eine Woche unterwegs (in an outlike state, um es mal schrödingeringisch zu sagen) und man hatte ihm den Code unterm Hintern weg geändert. Vielleicht. Dass sich viele seltsame Gestalten in der Gegend herumtreiben, sagte er, dass er sein Auto nur ungern draußen lasse. So entzauberte er den dichten, hügeligen Wald, mit dem wir noch bis eben geliebäugelt hatten, wildzuzelten.

Sattdessen rauschen wir weiter auf der E4, drei oder vierspurig mitten durch Stockholm. „Da, das Schloss“, sagt Frau SoSo, aber mein Blick ist längst auf Nordkurs gerichtet. Außerhalb kaufen wir ein, tanken voll. Die Läden haben oft bis 22 Uhr geöffnet. Benzin gib es, Kartenzahlung sei dank, immer.

Theoretisch könnten wir in die Nacht hineinfahren bis weit über das 350 Kilometer entfernte Sundsvall hinaus. Was heißt Nacht: in diesen Breiten geht die Sonne um halb zehn unter und gegen vier wieder auf. Die Dämmerung dauert ewig. Richtig dunkel ist es höchstens drei Stunden lang.

Wir entscheiden uns gegen Brachialnord, zelten stattdessen auf einem Parkplatz in der Gemeinde Sigtuma bei einer Art Freilichtmusum. Ein altes Dorf wurde auf vier fünf Hektar hügligen Landes liebevoll restauriert. Falunrote Gebäude auf grüner Wiese, Schwengelpumpe, bizarre landwirtschaftliche Geräte. Man muss Viby nicht gesehen haben. Dennoch ein Idyll.

Die Mutter aller Idylle dürfte jedoch Hornslandet sein. Am Ende der Halbinsel nördlich von Hudiksvall verzeichnet die Karte einen Campingplatz, den wir ansteuern. Schon von der E4 aus ist Hölick ausgeschildert. 33 Kilometer. Auf der Stichstraße hinunter zum Zipfel ist kaum Verkehr. Das Zauberland zwischen Felsen und Bäumen und Meer hält am Ende einen kleinen Hafen bereit, ein paar Häuschen, in den Wäldern sind Ferienhäuser verteilt und der Camping … ist eine einzige Baustelle. Der Besitzer bedauert am Telefon, dass sie erst am 1. Juni öffnen. Wir umso mehr, denn der Ort ist absolut still. Gäbe es keine Möwen und andere Vögel und würde der Wind nicht in Bäumen rauschen und Wellen ans Ufer schlagen, man würde ab-so-lut nichts hören. 

Einziger Trost, das Internet ist für schwedische Verhältnisse grottenlangsam, so dass wir wenigstens einen Pluspunkt einfahren, als wir auf dem auch sehr feinen und zwar nicht ganz so idyllischen Campingplatz Hudiksvall einchecken.

Die Nacht war erbärmlich kalt, vielleicht sechs Grad. Gegen drei Uhr in der Dämmerung unter rotem Morgenhimmel schürten wir für eine Weile den Spirituskocher, um die durchfrorenen Körper wieder auf Temperatur zu bringen. Heute werden wir im Alles-Laden nach Decken schauen. Vielleicht etwas russisches, aus Jakwolle.