Von ‚aben‘ Beinen und vergessenen Sehenswürdigkeiten | #UmsLand Bayern

Punktlandung gestern. Das Zelt steht auf Bayerischem Boden. Die Grenze ist ganz nah, sagte Frau SoSo am Telefon, ich habs auf der Karte gesehen. In der Hintergrundkarte auf dem Handy sind die Grenzen nicht eingezeichnet und der erwartete Grenzstein, ich stellte mir ein großes Monument mit gemeißelten Lettern vor ‚Freistaat Bayern‘, blieb aus am Radweg Liebliches Taubertal, oder es war so winzig, dass ich es übersehen habe.

Jaja, da hinten läuft die Grenze, versichert mir der Kläranlagentechniker der Tauberrettersheimer Kläranlage, er gestikuliert eine Zick-Zack-Bewegung. Wir sitzen im Technikraum. Er hat Kaffee gekocht, mich eingeladen, nachdem er mich beim Wildzelten neben der Anlage ‚erwischt‘ hatte. Was heißt erwischt. Er heißt mich herzlich willkommen. Kein Problem. Als Motorradler oft unterwegs weiß er wie das ist, da draußen auf den Touren, suchend, irgendwo übernachten wollend. Wir schwätzen über dies und das, schlürfen Kaffee. Die Anlage surrt. Etwas ganz besonderes, denn die Klärbecken der kaum tausend Seelen-Gemeinde sind alle in dem Gebäude untergebracht, das aussieht wie eine mittelgroße Feldscheune. Einzigartig, mutmaßt er.

Was es in Tauberrettersheim zu sehen gibt, frage ich. Da gerät er ein bisschen ins Stocken. Das Judengässchen? Ist nur ein schmales Gässchen. Tja und die Weinkooperative. Ringsum sind Weinberge. Ich lasse mich überraschen und als ich den knappen Kilometer ins Dörfchen absolviert habe, stehe ich vor einer alten Steinbrücke. Gibts öfter hier im Taubertal. Meist stehen auch Heiligenfiguren auf Sockeln davor oder darauf. Neben dieser steht eine kleine Tafel. Es handelt sich um die einzige erhaltene Steinbrücke erbaut von Balthasar Neumann. Es klingelt, der war doch einst auf dem alten Fünfzig Mark-Schein, oder? Und auch sonst ist Tauberrettersheim schön anzusehen. Sei es nur eine Kochfigur am Straßenrand, wie man sie öfter vor Restaurants sieht. Nur ist neben dieser Kochfigur gar kein Restaurant. Ein Haus mit einem Garten voller Krempel ist auch sehenswert. Ein Privatgelände, in dem viele Regale stehen voller Porzellan und Steingut, massenweise Zeugs und Schildern an der Hauswand und Kitsch. Doch doch, durchaus sehenswert und in der Bäckerei Schmitt versorge ich mich erst einmal mit Backwaren. Die Bäckerin gibt mir eine verbale Führung durch die verschiedenen Angebote, fast wie im Museum. Ein Fest.

Weiter auf dem Radweg Liebliches Taubertal. Ein Traumradweg. Rückenwind, in Terrassenstufen aufwärts via Creglingen Richtung Rothenburg ob der Tauber.

Das Mittelalterstädtchen platzt von Touristen. Amerikaner, Chinesen, Italiener, Reisegruppen von überall. Entsprechend sehen die Schaufenster der Läden aus. Tand und Kitsch und Postkarten gut abgemischt mit Kleinkram und Trachten. Kuckucksuhren wie etwa am Titisee findet man keine. Aber Konditoreien mit Tennisball großen Pralinen, die im Schaufenster zu Pyramiden aufgeschichtet sind.

Einem Reiseradeler mit sehr knappem Gepäck begegne ich wieder nach dem sehr steilen Anstieg in die Stadt. Er sah aus wie ein Transcontinental-Fahrer und ich hatte geglaubt, den sehe ich nie wieder, so schnell wie er mit seinem Rennrad an mir vorbei gezischt war. Bei der Stadtmauer wechseln wir ein paar Worte, dann ergießen wir uns ins Touristenmeer. Die Stadtmauer ist wohl rund um begehbar, etwa zwei Kilometer Wehrgänge. Ein wuchtiges Bauwerk, das seinen guten Zustand wohl nur vielen Spenden verdankt, mutmaße ich, als ich oben in den Mauern eingelassene Tafeln finde mit vielen Namen von Menschen weltweit. Alle paar Meter solch eine Tafel.

Ab Rothenburg ist Schluss mit Lieblichkeit. Das Taubertal weitet sich zu einer Art hügeliger Hochebene. Auf dem Radweg Romantische Straße, der teils auf der alten Bahnlinie nach Dombühl verläuft, gehts Richtung Schillingsfürst. Steil berghoch das letzte Stück per Landstraße. Gar nicht romantisch, die romantische Straße und ich beschließe den Radweg Romantische Straße, der mich theoretisch bis ins Allgäu führen wird, mit Vorsicht zu genießen. Vielleicht läuft er in einigen Teilen auf der Romantischen Straße für Autofahrer?

In Schillingsfürst laufe ich der Touristeninformantin in offene Arme. Sie hat neben Kartenmaterial auch allerlei Anekdoten im Gepäck: dass zum Beispiel manche Menschen aus den USA sie fragen, wo sie denn den Eintritt für den Landschaftspark Frankenhöhe entrichten können, wohl weil sie es von ihren Nationalparks zu Hause so gewöhnt sind. Da die Frankenhöhe aber überall ist und man sie frei mit dem Auto oder Rad befahren kann, erübrigt sich ein Eintritt.

Vor der Touristeninformation unter dem Vordach befindet sich auch eine Tauschbibliothek. Übervolle Regale, sowie eine E-Bike-Ladestation.

Auf zur Wörnitzquelle. Ein als Brunnen gefasstes Denkmal aus Stein mit zwei sich kreuzenden Fischen. In der Nähe der Quelle palavern zwei alte Leutchen auf elektrischen Rollstühlen in der Abendsonne und wir kommen ins Gespräch ums Woher und Wohin mit Anknüpfungen in die jeweils eigenen Leben. Sie empfehlen mir die Strecke über die Landstraße nach Feuchtwangen. Ist kürzer.

Ausflug ins Leben des einbeinigen Mannes. Von der verpfuschten Meniskus-Operation, wegen der er nun das Gericht konsultiert hat, reisen wir nach Nürnberg und wieder nach Schillingsfürst und machen einen Abstecher nach Südafrika, wo er eine Existenz aufgebaut hatte und, nunja, er zeigt auf den Stumpf, wegen der Gesundheit zurückgekehrt war, um sich operieren zu lassen, dann Sepsis, Bein ab, Prozess, Altersheim. Ich bin erschüttert. Die milde Abendsonne scheint uns zu streicheln, ohne zu ahnen, was an Elend sich alles ereignet hat in unseren Leben und dem Leben eigentlich aller, oder sich noch ereignen wird, denke ich. Lebe im Jetzt. So koste ich ein wenig Wasser aus der Wörnitzquelle, obwohl ein Schild daneben hängt, ‚Kein Trinkwasser‘ und dann ab ins Tal. Der Radweg verläuft fast nur auf Landstraßen und Feldwegen. Die Straßen sind jedoch kaum befahren. Durchaus Radwegqualität. Von steil abwärts kann jedoch keine Rede sein. Die Wörnitz ist hier oben ein fast stehendes Gewässer. Ein etwa ein Meter breites Etwas, gesäumt von Schilf, das sich in weiten Schlaufen durch flache Wiesen windet. Kaum zu glauben, dass das hier im Schwarzen Meer mündet, dass es eine durchgängige Falllinie gibt, auf der das Wasser die mehrere tausend Kilometer bis hinter den Balkan zurücklegt.

Feierabendlicher Getränkemarkt in Wörnitz-Stadt. Ich suche Rat beim Getränkehändler, da ich ein Bier der Region kaufen möchte. Er führt mich durch die Reihen an Biervielfalt und sagt, Reindler, Tucher, Landwehr usw. Und dann machen wir einen Ausflug durch die Brauereienszene Tauber abwärts und Wörnitz abwärts mit einem Abstecher ins Tucherland, jenem Konzern, der ganz viele kleine alte Biermarken aufgekauft hat. Er scheint Tucher nicht zu mögen, dieser feine Frankenrebell. Das Ende der Geschichte ist, dass ich mit drei Bieren das Haus verlasse. Geht ja abwärts, bringt Schwung. Wirste schon los.

Durch das flachhügelige Hochland weiter Richtung Dinkelsbühl, vorbei an Feuchtwangen. Bis ein paar Fischteiche locken. Vielleicht kann ich darin baden? Erst einmal ein Bier trinken und mit den letzten Sonnenstrahlen per Solarzelle Handy laden … und zack ist die Sonne weg und das Bier auch und schlagartig wirds kalt und mit Baden wäre ohnehin schwierig geworden, weil der Teich von Schilf umrankt.

Wildzelten hier? Sehr einsehbar von der Straße aus. Dennoch, ich mache das jetzt. Es ist ohnehin unsinnig nicht wild zu zelten. An diesem Abend wird mit klar, dass es nicht darum geht, dass das Wildzelten verboten ist und dass es dafür eine Geldbuße geben kann, sondern es geht mir um mein Gefühl. Die Sorge erwischt zu werden. Die Sorge, wenn sich Schritte dem Zelt nähern, wenn ein Auto anfährt, eine Tür schlägt. In zig Jahren Wildzelten bin ich vielleicht zwei Mal angeeckt, wurde aber hundertfach freundlich begrüßt. Das ist es, was ich mir klar machen muss. Dass das Gesetz, so unsinnig es ist, zwar da ist und in einem geringen Prozentsatz der Fälle auch tatsächlich sinnvoll ist, dass es aber eine abschreckende Wirkung hat auf uns Menschen, die uns Sorge in die Knochen und Hirnwindungen jagt, so dass wir schön konform, wider unsere eigene Vernunft, den vorgeschriebenen Weg gehen, weil sich das weniger kompliziert anfühlt. Konfrontation, denke ich heute Morgen, da hilft nur die Konfrontation: absichtlich wild zelten an Stellen, an denen man exponiert ist, sich nicht verstecken, die Gelbuße bewusst riskieren. Und das ist der Preis, den man eventuell zahlen muss, um sein gutes Gefühl zurück zu erlangen.

Von Teufelsrochen und lieblichen Taubertälern | #UmsLand Bayern

Sicher gibt es Phasen, die der Reisende durchlebt, vor, während und nach der Reise. Gefühle der Vorfreude, der Zweifel, der Übermanntheit, Sorge, Angst und Loslassen-Können. Ich durchlebe sie gerade alle. Die weite Anreise. Bayern ist weit weit weg und sehr sehr groß. Mein ursprünglicher Plan, mit Frau SoSo per Auto nach Lindau zu fahren und dort in die über 2000 Kilometer lange Strecke einzusteigen, das Zuckerstückchen zuerst, entlang der Alpen zum Königsee zu radeln, dieser Plan ging nicht auf. Wegen Nicht-loslassen-Können von daheim. Weshalb ich mir als Alternative das Wurmloch nach Bayern überlegt hatte. Mensch, da gibt es doch diese S1, die längste S-Bahn-Strecke Deutschlands, die sich durch den Verkehrsverbund Rhein-Neckar vom Saarland bis fast nach Würzburg schlängelt. Mit einem Netzticket der Stufe Sieben kann man in der Bimmelbahn für schmales Geld Mann und Fahrrad bis fast nach Bayern bringen. Gesagt getan. Gestern. Das Gefühl mit übervoller Blase in einer noch übervolleren S3 (jaja, die durchgehende S1 von Homburg (Saar) nach Osterburken ist wohl Geschichte, man muss mindestens zweimal umsteigen), unbeschreiblich, dieses Gefühl. Zum Glück dauerte der Abschnitt nur eine halbe Stunde. Wieder in der S1 ab Heidelberg war es schön leer; und es gab sogar ein WC (oder man hätte in einer stillen leeren Ecke auch in eine Punica-Flasche pinkeln können).
Der wuchtige Bahnhof in Osterburken, ein riesiges, altes Gebäude, überrascht. Auch dass ich Baden durchquert habe. Ich lerne deutsche Gegenden. Ab Osterburken gibt es einen Radweg durchs Kirnautal bis zum Taubertal, wo sich einer der ältesten deutschen Radwege Richtung Bayern, Richtung Rothenburg ob der Tauber windet. Genau meine Strecke.
Zuvor hatte ich noch einer weiteren Phase, einem weiteren Gefühl des Radreisens gehuldigt: dem Hinstreben auf ein noch so winziges Ziel, das man sich gesetzt hat, weil man irgendwo irgendwas gesehen hat und sich ein Bild im Kopf installierte und nun unbedingt das auch in echt sehen will.

Im Internet hatte ich zufällig bei der Routenplanung eine Stahlskulptur entdeckt, die ein geflügeltes Auto auf weiter Ebene zeigt. Sie liegt an einem Skulpturenradweg, der sich wie ein Schmetterlingsumriss rings um Osterburken zieht. Am Weg sind seit 2006 etliche Kunstwerke aufgestellt worden. Ein Miniatur-Sprungturm des Künstlers Johannes Wald findet sich schon wenige Kilometer östlich von Osterburken. Nicht sehr schön, dieser Betonklotz. Eben ein Sprungturm wie man ihn in vielen Schwimmbädern sieht; aber irgendwie hat das Betonteil etwas. In seiner Flanke ist eine Stahltür eingelassen, die man natürlich nicht öffnen kann. Gefundenes Futter für meine Langzeit-Fotoserie „Du kommst hier nicht rein“, die verrammelte und unbegehbare Türen zeigt.

Es ist still. Es ist heiß. Es gibt kaum Hauptverkehrsstraßen und auch der Himmel scheint leer von Flugzeugen. Der Manta ruft. In meiner Projektskizze habe ich ihn als Punkt notiert, ebenso ein UFO ein paar Kilometer abseits meiner Strecke. Ich muss die direkte Route verlassen, schwitze mich hinaus aus dem Kirnautal in sengender Sonne bis zur Höhenstraße bei Rosenberg. Verschlafenes Dorf. Kaum oben sehe ich: Nichts. Ob ich mich geirrt habe? Der Manta von Stefan Rohrer muss gleich hier sein im weiten, garstig abgeernteten Maisacker. Vielleicht wurde er geschändet? Von Schrotthändlern geklaut? Immerhin müssten das einige Tonnen Stahl sein, die da liegen. Eine Senke. Bis dahin fahre ich noch. Das UFO lasse ich ganz sausen. Das wäre noch ein paar Kilometer abseits meiner Strecke und ich will doch an diesem Tag noch wenigstens bis zur bayerischen Grenze jenseits von Weikersheim kommen.

Unendlich langsam gibt die Senke ihren Inhalt preis und ja, da isser ja! Mein künstlich im Hirn geschaffenes touristisches Highlight. Synaptisch selbst generiertes Gold. Sieht klasse aus. Ein Glück, dass die Maisfelder schon geschreddert sind. Das verstärkt den Kontrast und gibt dem achtzehn Meter langen Flügel, der wie die Schwinge eines Teufelsrochens aussieht und der an einer Seitenwand eines Opels Manta festgeschweißt ist noch mehr Kraft.

Metallskulptur, die eine nach oben strebenden Manta aus grauem Metall zeigt. Im Vordergrund Kiesboden, dahinter gelbe Felder und darüber blauer Himmel.

Wieder runter ins Kirnautal. Achwas, von Tal kann längst keine Rede mehr sein. Ich befinde mich in einem von der Hitze gedörrten Hügelland. Obstwiesen und Abgeerntetheit. Erreiche kurz vor Boxberg einen höchsten Punkt in der Nähe des Jüdischen Friedhofs außerhalb von Eubigheim. Unterquere die Autobahn. Lärm. Endlich Lärm und Normalität jenseits der ungewohnten Stille. Und ab geht die Sause ins Taubertal. Bei Königshofen treffe ich auf den Radweg Liebliches Taubertal. Stimmt. Sehr lieblich. Vor 21 Jahren bin ich zuletzt hier geradelt. Für meine bisher einzige Ausstellung, die das Kunststraßenkonzept vollumfänglich umsetzte. Eigentlich habe ich damals das, was ich heute mit dem Reisen mache schon praktiziert. Im Vorfeld hatte ich drei Orte als Ausstellungsorte gesucht, in Mainz, Weikersheim und Fürth, Termine festgelegt, dann machte ich die Reise und sammelte die Kunst in Form von Fotos unterwegs ein. Der Club W71 in Weikersheim hat Kultcharakter. Die jungen Toten Hosen traten dort auf, mein einstiger Mitbewohner Büssi, las als Autor aus seinen Büchern zur Geschichte von Pop und Punk.

Kurz vor Weikersheim erinnere ich mich sogar an die Namen der beiden MacherInnen, die mir die Ausstellung organisierten. Sie plötzlich wie aus dem Nichts zu besuchen, davon sehe ich aber ab. Vielleicht kontaktiere ich sie ja gegen Ende der Tour, nächstes Jahr im Frühling und wir treffen uns auf einen Kaffee. Hei, oder ich frage mal, ob ich eine Ausstellung machen kann mit den Kunstwerken, die ich auf dieser Reise einsammele?

Wie auch immer. Durchs frühabendliche Weikersheim zu radeln ist wunderbar. Solch ein schönes, verschlafenes Städtchen. Geradezu surreal mutet das Geklacker von Hufen an aus einer Gasse jenseits des Marktplatzes, wie es lauter und lauter wird und plötzlich vier junge Reiterinnen aus der Altstadt auf mich zukommen. Und der Typ, der neben der Kirche sitzt und während ich mir auf dem Marktplatz die Bronzeskulpturen anschaue und fotografiere; dauernd kommen Leute an ihm vorbei und gratulieren ihm zum Geburtstag.

Dorfplatz mit achteckigem Dorfbrunnen samt Mittelsäule. Im Hintergrund Häuser, darüber wolkiger Frühabendhimmel.
Marktplatz in Weikersheim.

Nun sitze ich neben einem Gebäude, das in einem halb geernteten Maisacker steht, wohinter ich das Zelt aufgebaut hatte. Die Felder züngeln wie Salavador-Dalí-ische Spiegeleier zum Horizont. Eine Krähe. Baumzeilen. Windräder. Der Tag erwacht. Berufsverkehr pulst. Wolkiger Himmel. Kein Regen. Ich muss schnelles Netz suchen, um den Artikel, mit Bildern bestückt, hochzuladen. Und Kaffee.

(Monsieur Irgendlink, der in einem Hopplahopp-Moment zu Hause tollkühn den Trangia und die Küche wieder aus dem Reisegepäck extegrierte).

Unterwegs schreiben: das Fahrrad, das Büro, die Technik | #UmsLand Bayern

Mehrere Haufen Reisegepäck liegen verstreut im Atelier und in der Künstlerbude. Das Zelt steht zur Anprobe im Garten. Innerhalb einer Stunde könnte ich fertig gepackt losradeln. Aber was befindet sich denn alles in dem Reisegepäck? Was benötigt der unterwegs Schreibende, um übers Mobilfunknetz Bilder und Text ins Blog und zu den Sozialen Medien zu senden?

1. Energie: wer nicht täglich ein Hotel ansteuert, wo er seine Akkus aufladen kann und auch nicht immer auf Campingplätzen übernachtet, benötigt ein Kraftwerk am Fahrrad. In meinem Fall ist das ein Nabendynamo der unteren Mittelklasse, der mittels eines Wandlers eine USB-Buchse mit Strom versorgt. An die Buchse kann man das Smartphone direkt anschließen oder einen Pufferakku. Durch intensive Nutzung des Smartphones als Navigationsgerät, Fotoapparat und Schreibmaschine, wird viel Energie gebraucht. Außerdem zeichne ich die Reiseroute mit einer GPS-App auf. Sie wird abends in den Sozialen Medien gepostet. Das GPS läuft also permanent und der Nabendynamo schafft es bei einiger Geschwindigkeit gerade so, die Ladung zu halten. Zum Einsatz kommt ein Mittelklasse-Dynamo von Shimano und ein Laderegler von Kemo. Der Kemo gibt erst ab etwa 10 – 15 km/h genug Energie ab, um zu laden. Etwa 100 Kilometer muss ich strampeln, um den iPhone-Akku voll zu laden. Ideal wäre ein sündhaftteurer SON Nabendynamo und ein ebenso sündhaft teurer Forumslader (als Laderegler). Hab ich aber nicht.

Deshalb gibt es noch einen Pufferakku, der das iPhone etwa vier mal voll laden kann, bis er selbst an die Steckdose muss. Außerdem im Gepäck ist (zumindest wenn ich sonniges Radlerwetter erwarte) eine 14 Watt Solarzelle, die aber – logisch – nur bei Sonne funktioniert. Man kann das Teil auf dem Gepäckträger ausbreiten und bei Sonne Energie sammeln wie aus der Steckdose auch. Ausgeklappt ist die Solarzelle 80 cm breit, gefaltet etwa DIN A4 groß, sie wiegt etwa 800 Gramm. Bei etwa einstündiger Pause in der Sonne lädt die Solarzelle das Smartphone fast vollständig (ideal, wenn man eine Twitterpause einlegt oder mittags auf einer Parkbank döst).

2. Übernachtung: da die 30-tägige Reise mit etwa 900 Euro budgetiert ist, bleibt nicht viel Geld, um in Hotels abzusteigen. Auch tägliche Campingplätze fallen weg. Somit wird oft wild gezeltet oder bei Menschen um Plätze auf Wiesen und in Gärten gefragt. Im Gepäck ist die Zeltausrüstung, ein 1,2 Kilo schweres 1-2 Personenzelt, schon in die Jahre gekommen, ein Schlafsack, der bis angeblich 4 Grad warm hält, was aber nicht stimmt, somit noch ein Seidenschlafsack, und eine stinknormale Isomatte aus Schaum, fünf Millimeter dick.

3. Küche: der Morgenkaffee ist unentbehrlich, insbesondere weil es mir eine angenehme Gewohnheit geworden ist, beim Bloggen und Kommunizieren im Schneidersitz im Zelt löslichen Kaffee zu trinken und auch mal ein Frühstücksei zu brutzeln. Deshalb ist ein Trangia Spirituskocher im Gepäck und auch sonst alles, was die Reiseküche braucht: Lebensmittel wie Nudeln, Gewürze usw. Günstiger Nebeneffekt des Trangias: man kann ihn mit etwas Vorsicht auch als Zeltheizung nutzen, da er gekapselt ist.

4. Das Büro: alle Arbeiten von der Fotografie übers Bildbearbeiten bis hin zum Schreiben werden auf einem iPhone 4s ausgeführt. Zum Schreiben gibt es als Luxus noch eine Bluetooth Tastatur. Im Smartphone ist eine Prepaid-Sim-Karte, die mit fünf Euro ein EU-weites Datenpaket im Vodafone-Netz bereit hält. In der Regel reichen die 500 MB Daten für eine Reise aus.

5. Die Software: neben der Kamera sind auf dem Smartphone noch einige Kunstapps zur Bildbearbeitung installiert. Diptic, um Bilder als Collagen zu gestalten. Decim8, um Bilder zu zerstückeln und sie zu fraktalen Konstruktionen zu fügen. Hipstamatic – ich liebe den wunderbaren Retroeffekt, den man damit erzielen kann. Paintbook, falls man mal etwas ins Foto zeichnen möchte. Touchnote, um Künstlerpostkarten (ich nenne sie iDogma-Postkarten) zu versenden. GPS-Kit für Navigation; alle geplanten Routen und die Sehenswürdigkeiten, die ich unterwegs besuchen möchte sind darin gespeichert. Das GPS-Kit zeichnet auch die tatsächlich gefahrene Route auf und versendet sie per Mail oder teilt in den Sozialen Medien auf Knopfdruck. Die WordPress-App ist installiert, damit das Blog administriert werden kann. Twitter, Instagram, Amarok (für Mastodon), und (seuftz) der Facebook Messanger vielleicht, wenn ich denn die neu eingerichtete Facebook-Seite ‚Ums Land‘ auch von unterwegs administrieren möchte.

6. Social Media Küche: auf die Mischung kommt es nicht nur beim Zubereiten von Essen an, sondern auch beim Reisen und darüber berichten. Die letzten Reisen funktionierten etwa so: täglich ein Blogeintrag über die Ereignisse des Vortags, Gedanken und Fotos usw. Die Blogeinträge wurden automatisch auf Twitter und Facebook und Google Plus geteilt, eine Einstellung, die man in der Administrationsoberfläche des Blogs einmalig tätigt. Dann geht es automatisch. Als zweites Standbein war Twitter sehr mächtig. Twitter war der direkte Reisestrahl, fast in Echtzeit konnte man die Reise verfolgen. Kurze Botschaften von Unterwegs, etwa fünf bis zehn Mal täglich, stets versehen mit dem jeweiligen Hashtag der Reise (zum Besipiel #flussnoten auf Twitter als Kurzmitteilungs-Begleitung für das Blog über die Reise am Rhein unter http://flussnoten.de). Für einige Reisen habe ich ein eigenes Blog eingerichtet, in dem die Reisegeschichten und Bilder als gekapseltes Projekt archiviert sind. Die meisten Reisen werden in diesem Hauptblog geschrieben und sind als Kategorien organisiert (in diesem Fall UmsLandBayern). Im Blog stelle ich vor Reisebeginn die jeweilige Kategorie als Standard-Kategorie ein, damit die Beiträge automatisch einsortiert werden.

Für diese Reise #UmsLandBayern möchte ich die Social Media-Aktivität steigern. Neben Twitter werde ich versuchen auch Facebook aktiv zu adminsitrieren, eventuell auch Instagram und Mastodon.

7. Reisealltag: Tagesstrecken von etwa 70 Kilometern. Dabei nachdenken und Geschichten und Menschen finden, über die nach Gusto getwittert wird. Abends und manchmal unterwegs in den Sozialen Medien kommunizieren (Kommentare in Blog und den Kanälen beantworten), GPS-Track posten, ein paar Bilder hochladen, Blogeintrag skizzieren, Recherche zu den Themen auf dem Smartphone-Browser und auf unterwegs abfotografierten Infotafeln. Morgens Blogeintrag fertig schreiben und zwei mal Korrektur lesen (es ist verdammt schwer, auf dem winzigen Bildschirm gute Schreibarbeit zu leisten). Manchmal kommen auch noch Interviews und Treffen mit Pressevertretern hinzu. Dann sitze ich z. B.  telefonierend in einem Straßencafé, oder wie in #UmsLandRheinlandpfalz, lasse mich von einer Dhrone auf den Höhen des Hunsrücks verfolgen oder radele einem Kleinbus hinterher, in dem ein Kameramann bei geöffneter Heckklappe filmt.

Tja Liebling, so ist mein Tag.

 

Wurmloch nach Bayern | #UmsLand

Wenn Bayern das Kerngehäuse eines Apfels wäre und ich ein Wurm …

Drei Tage bis zum Tourstart radelnd rund um Bayern. Ich habe den ursprünglichen Plan, morgen in Lindau zu starten, kurzfristig geändert. Unabdingbarkeiten vor Ort. Brechend volle Apfel- und Pflaumenbäume. Wollen geerntet werden und die Früchte wollen Saft werden oder Mus oder getrocknet. Kurzum, viel Arbeit

Nach Lindau hätte mich die werte Sofasophia per Auto gebracht. Sie wird auch als Homebase dieses Blog betreuen und mit Hintergrundinformationen versorgen, wenn es mir von unterwegs zu viel wird.

Stattdessen muss ich nun einen halbwegs billigen Weg finden, per Fahrrad und Zug an die bayrische Grenze zu kommen. Die Normalpreise der DB würden den finanziellen Rahmen der Expedition am offenen Herzen der Reiseliteratur bei weitem sprengen. Weshalb ich mich der Bahnen in Homburg (Saar) erinnerte, an denen als Ziel Osterburken geschrieben stand. Die S1 des VRN, des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar gilt als die längste Straßenbahnlinie Deutschlands. Gut 200 Kilometer lang. Osterburken liegt grob gesagt schon fast in Bayern, in einem Zipfel Baden-Württemberg, der im Grenzgewusel zwischen Odenwald, Neckar und Main liegt. Etwa 10 Euro kostet die Fahrkarte. Mit zwei bis drei Umstiegen, ist man in etwa vier Stunden in der Nähe Bayerns.

Gute Alternative. Vielleicht. Im Hinblick auf meine Bayernrecherche möchte ich ohnehin erkunden, wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Tourstrecke kommt, um etwaigen Nachahmern und Nachahmerinnen wertvolle Tipps zu geben.

In einer Projektkarte habe ich die Runde skizziert und etliche interessante Punkte notiert, die man sich ansehen könnte. Museen, Kirchen, Weltkulturerben, schöne Orte, all das ist gelistet in der folgenden Karte.

https://www.google.com/maps/d/edit?mid=11Smzumg61m0d3eVKl26eE9XJx7hrY9Lt

Meine Arbeitsweise der Vorab-Recherche ist recht einfach: zuerst habe ich mir eine Wegstrecke auf Basis der bestehenden grenznahen Radwege Bayerns erstellt. Im zweiten Schritt habe ich auf Twitter nach Tipps gefragt, was man sich anschauen könnte und diese in die Karte eingetragen. Nicht alle sind direkt an der Wegstrecke. Im dritten Schritt habe ich tief in die Karte gezoomt und die dort gelisteten Orte nach Schmackhaftigkeit sondiert. Da waren zum Beispiel die Isar-Pyramiden, die mich besonders reizten: Steinhaufen, die seit Jahren an einem bestimmten Punkt an der Isar geschichtet werden und die man auch als Klein Kairo bezeichnet. Von Menschen für Menschen gemacht. Oder die Hängebrücke über die Iller, südlich von Ulm. Der Mittelpunkt Bayerns, den es wohl offiziell gibt usw. Es ist ein grobes Handwerk, in der Virtualität eine eigene kleine Vorab-Realität im eigenen Hirn zu erzeugen. Der nächste und finale Schritt ist dann, die Route in ‚echt‘ abzuklappern und sich treiben zu lassen und, so lehrt es die Erfahrung, noch viel mehr Interessantes zu finden. Also das eigentliche Liveblog- und -twitter-Geschäft.

Wenn Bayern das Kerngehäuse eines Apfels wäre und ich ein Wurm, so müsste ich mich erst einmal durch ein vielschichtig deutbares Wurmloch voranfressen, um mir ein kleines Domizil im Kerngehäuse zu errichten. Der rein physische Weg ist: wie komme ich mit der Bahn dahin. Ohne Umsteigen wäre schön. Geht aber nicht. Somit sieht der ganz konkrete Weg aus wie folgt: Bruchmühlbach-Miesau bis Mannheim, Mannheim bis Heidelberg, Heidelberg bis Osterburken. In Osterburken könnte man dann noch umsteigen nach Königshofen, leider nicht im VRN-Verbund.

Da ich aber soeben noch einen Skulpturenradweg rings um Osterburken entdeckt habe, über den es sich lohnt, zu berichten, liegt es nahe, die Forschungsreise schon dort zu beginnen. Sieht doch toll aus, der dahinfließende Opel Manta, der das Titelbild des Artikels in der Rhein Neckar Zeitung ist, oder? Es sind diese Kleinodien, die mich reizen am Weg.

Nun aber mal raus in den Garten, Äpfel sammeln. Am Dienstag wird wieder Saft gekeltert.

Wir müssen Pflanzen kaufen – Anthologie Du fehlst im Verlag Q5

Vielleicht würdest du springen.
Direkt vom Bahnhof, wo mich die Nachricht erreichte, besuchte ich dich im Krankenhaus. Fünfter Stock. Tür zum Balkon unverschlossen. Ich lüftete das Zimmer. Dein Bett am Fenster, das andere unbelegt. Schwach warst du. Du hattest die Sterbehaltung eingenommen: wie ein Embryo auf der Seite liegend. Wie dein Bruder vor anderthalb Jahren. Der Arzt sagte, es sei unheilbar, man müsse sich bereit machen. Der schmutzige Balkon war teils von Schnee bedeckt. Die Lichter der Stadt kämpften mit dem Nebel. Vielleicht würdest du dich auf den Balkon setzen, um zu erfrieren? Erfrieren soll kein schlimmer Tod sein, habe ich einmal gelesen. Wenn man eine gewisse Schwelle überschritten hat, fühlt sich der Körper warm an. Man schläft ein.

Weiterlesen?

Am 20. Juli erschien das Buch DU FEHLST, für welches ich obige Geschichte geschrieben habe. Eine von fünfzig Geschichten, die aus 730 Beiträgen für das Buch DU FEHLST ausgewählt wurde.

60% des Erlöses gehen an Hospize und helfen so Menschen dabei, Leben, Abschied und Sterben so würdig wie möglich zu gestalten.

Buchcover in zartem Blau und weiß mit dem Buchtitel 'Du fehlst'. Das Titelbild zeigt eine Blüte, dieim oberen Bereich schwarz-weiß ist und im unteren Bereich farbig in den Tönen blau, gelb und elfenbein.
Anthologie mit 50 Geschichten von Leben und Tod. Darunter die Kurzgeschichte „Wir müssen Pflanzen kaufen“ von Jürgen Rinck

Einen Blick ins Buch gibt es auf der Verlagsseite > q5-verlag.de
Kaufen kann man die Anthologie in allen Buchhandlungen (oder per Mail bei mir bestellen (siehe Mail-Link unten)).

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Das Buch eignet sich gut als Geschenk für Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben.

Dass neben meinem eigenen Text auch einer von Sofasophia mit im Buch ist, freut mich ganz besonders und obwohl ich die anderen Autorinnen und Autoren nicht kenne, stehe ich voll und ganz hinter diesem Buch.

Ich hoffe, dass es viele Menschen lesen, teilen, verschenken und sich bewusster und intensiver mit unser aller Vergänglichkeit auseinandersetzen.

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In eigener Sache:
Wer das Buch gerne über mich beziehen möchte, damit ich (und/oder Sofasophia) eine Widmung hineinschreiben kann, darf mir gerne eine Mail schreiben.

(Die Preise sind die gleichen wie im Buchhandel: € 19.99/ca. 24 Fr. zuzüglich Versandkosten.)