Erstrasur am Bözberg

Seit letzten Freitag bin ich im Radeltraining. Zu Gast bei SoSo  erforsche ich das Schweizer Radwegenetz. Meiner Erfahrung nach gehört es zu den besten Radwegenetzen Europas (zumindest unter denen, die ich kenne). Gestern folge ich der Route 56 Richtung Norden. Die Route „Bözberg-Seetal“ führt Pi mal Daumen von Nord nach Süd durch den Aargau.

Beim Hinaufkurbeln auf den Bözberg kommt mir dieses kuriose Bild vor gut dreißig Jahren in den Sinn. Mein Vater und ich haben unser Camping-Geschirr ausgepackt an einem Holzstapel direkt am Waldrand. Muss irgendwo hier in der Nähe des Orts Ursprung gewesen sein. Kaltwasser und billige Einwegrasierer und ein Stück Kernseife, sonst nichts, so machen wir uns fein für den Besuch bei einem Freund. Über eine Woche waren wir mit dem Radel unterwegs, schliefen in Neubauten und Holzschuppen und nun steht ein Besuch bei seinen Freunde auf dem Bözberg an. Nicht unrasiert. Vielleicht war das mein erstes Nassrasurerlebnis?

Frisch rasiert, oder soll ich sagen, gerupft, empfing uns die Bauernfamilie mit offenen Armen. Wir schliefen im Heuschober. In meiner Erinnerung sind die Käsestücke riesengroß und das Brot selbstgebacken frisch.

Derart rückblickend keuche ich gestern den Bözberg hinauf, auf der Suche nach dem nördlichen Ende der Radroute 56. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wie so ein Anfang oder Ende einer ausgewiesenen Radroute aussieht, weshalb ich damit liebäugele, so lange zu radeln, bis ich den Beginn der Route erreicht habe. Steht dort eine Tafel, auf der der Routenverlauf notiert ist? Oder ein steinerenes Monument? In meiner Phantasie beginnt die Route auf dem Gipfel des Bözbergs (übrigens spricht man das hier ungefähr so aus: Böödtsberg, langes Ö und weiches T mit Hang zum D). Oben zwischen Wiesen und Wäldern erkenne ich, dass es so einen Gipfel vielleicht gar nicht gibt. Nirgendwo ist eine markante Anhöhe auszumachen. Ich radele auf einem quadratkilometer großen, hügeligen Klotz. Im Norden blecken elfenbeinfarbene Jurafelsen und ein riesiger Mast. Der Rhein ist zu ahnen. Vor mir liegt gewelltes Hügelland, nicht unähnlich den deutschen Voralpen. Immer wieder geht es auf den kaum befahrenen Sträßchen schmackig zur Sache. Bis irgendwann diese riesige Linde auftaucht. Die Linde von Linn.


Dort lege ich eine Pause ein, mache es mir auf den Parkbänken bequem, von denen aus man einen prima Blick nach Süden ins Aaretal hat, und krame das GPS-Kit heraus, in dem die Radwege verzeichnet sind. Die Route 56 fängt doch tatsächlich unten am Rhein an. Von Stein-Säckingen führt sie das Fricktal hinauf bis auf den Bözberg. Da jetzt runter zu fahren, würde bedeuten, einen hunderte Meter hohen Berg zwischen mich und Daheim zu bringen. So fit bin ich nun auch nicht.

Menschen, die jenseits des Bergs in einem Tal leben, sterben jenseits des Bergs in einem anderen Tal.

Die Linde von Linn wurde mutmaßlich im siebzehnten Jahrhundert nach einer Pestepidemie auf dem Grab des letzten Pesttoten gepflanzt. Als Symbol des Lebens schützt sie seither das Dorf vor der Pest. Wenn ihr Schatten bis hinüber auf die Habsburg auf der anderen Seite des Aaretals fällt, geht die Welt unter, sagt die Legende. Theoretisch fällt dieser Schatten sogar zwei mal im Jahr auf die Burg, hat die Wissenschaft ermittelt, aber der Kernschatten ist so weit entfernt glücklicher Weise unsichtbar.

Über einen steilen Wanderweg radele ich runter zur Aare. Richtung Aarau ragt eine riesige Dampfsäule weltuntergangesque senkrecht in den Himmel. Fast wie aus dem Kühlturm eines Kernkraftwerks sieht das aus. Am Fuß sind deutlich Flammen zu erkennen. (Gerade lese ich, dass in Veltheim eine Geflügelfarm niedergebrannt ist …)

Weil zu meinem Training nicht nur die körperliche Sache gehört, twittere ich zwischendurch immer mal wieder ein paar Erlebnisfetzen. In der Tat ist es ein bisschen kompliziert, das, was ich diesen Sommer vorhabe zu erklären. Eine Art Spagat zwischen Kunst und Körper, Geist und Medien, Lebenslust und Arbeit. Ich möchte mich in den nächsten Wochen wieder weichklopfen für die Livereise ans Nordkap. das beinhält neben dem rein körperlichen Training auch Schreibtraining und das Lösen lästiger kleiner Probleme, wie etwa: wie übertrage ich die Daten in Echtzeit ins Netz? Und nicht zu vergessen die ewige Frage nach der Energie: wie versorge ich das iPhone, das Arbeitsgerät, möglichst autonom mit Strom?

Twitter ist mir mittlerweile als Werkzeug fürs Direktveröffentlichen ziemlich lieb geworden. Der Mikrobloggingdienst verbraucht relativ wenig Daten, man ist in direktem Kontakt mit seinen „Followern“, die App läuft rund und durch die Beschränkung auf 140 Zeichen pro Post kann man eine wunderbare Brotkrümelspur durch den Alltag legen.

Auch heute werde ich wieder ein bisschen radeln und tweetseln. Wer mag, kann ja mal rüberschauen: https://twitter.com/irgendlink

 

Draussen auf den Feldern

Ein gemütlicher Sonntag mit Schlammspaziergang auf den Äckern der Sickinger Höhe. Und was gibt es dort zu sehen? Aufkeimende Wintergerste (bzw. -irgendwas-mit-Körnern, Windräder, Schlammspuren und Hochsitze.
Eine Jägerin macht stumm mit dem Finger vor den Lippen „Psssssst“, als ich ihren Hochsitz für die stetig wachsende Sammlung fotografiere.

IMG_4161.JPG
Auch die Moorlander-Sammlung wächst. Manchmal denke ich, die Schlammfotografie ist Hirnjogging pur. Sie spricht beide Hirnhälften gleichermaßen an. Lustwandelnd in der Welt stehe ich oft mit einer fertigen Geschichte oder wenigstens mit einem Titel für das MudArt Kunstwerk im Sinn vor einem der vielen Schlammlöcher, denke mir den idealen Bildausschnitt zurecht und welchen Kamerafilter ich verwende. Die Bildtitel spreche ich entweder aufs Band oder tippe sie ins iPhone Notizbuch.

Lonesome Threesome
On The Bright Side Of Life
Attention Please
A Sharp Lady
Cum Into My Mud
Deine Mudda Ist Wie Buddha
The Great Palatin Massacre Feat. Go To Hell ZW
Saarlanday Bloody Saarlanday
The Windy Gap
Island In The Sun
Twin Bauers
Eine ehrliche Haut

(MudArt Titel Ausbeute zweier Tage). Sie sind das Rankgerüst für Geschichten wie man sie auf erdversteck.de lesen kann.

Heute gelang Frau SoSo eine der seltenen Aufnahmen des Moorlander Chronisten Ed Korman – hier bei der Recherche für eine Kunstkritik an Moorlanders „Island In The Sun“
IMG_4188.JPG
Die schräge Wintersonne sorgte für bizarre Lichtverhältnisse. Gegenlichtfotografie mit schützend vor die Linse gehaltener Hand, oder Zeugnis einer UFO-Landung?
IMG_4140.JPG

MudArt Kalender 2016 in Planung

Drüben in Heiko Moorlanders Erdversteck gibt es ein MudArt Kalenderblatt Januar 2015 zum Downloaden und Ausdrucken. Zwar noch ungestylt und roh. Aber die Skizze steht: MudArt-Motiv plus MudArt-Story garniert mit einem Kalendarium. Ich möchte bis Oktober einen MudArt Kalender 2016 erstellen, der auch gedruckt wird. Freue mich über Kaufzusagen. Format wird A3 oder quadratisch 30×30 cm sein. Kosten soll er ca. 15 Euro zzgl. Versand. Natürlich sind in dem Kalender alle MudArt relevanten Termine markiert. Sogar die MudArt Biennale in Pjöngjang wird, zumindest in der europäischen Version des Kalenders, gelistet 🙂

IMG_4032.JPG

Château Quéribus

Ins Land der Katharer.
Château de Quéribus kenne ich seit bald einem viertel Jahrhundert. Ich glaube durch einen Zeitungs- oder einen Fernsehbericht habe ich davon erfahren und es seither als Ort, den man unbedingt gesehen haben muss gebookmarkt. Ich hatte es mit einem Kreuz in meiner 200.000er Michelin Straßenkarte der 1990er Jahre markiert.
Heute waren SoSo und ich endlich da.
IMG_3928.JPG

Irgendlinks Sprachjahrsanneue

Liebe Bloggende, Suchende, Wissende, Mitreisende, Ahnende, liebe Freundinnen und Freunde. Das Sprachjahr hat gerade erst begonnen und schon finden die ersten Worte und Bilder ihren Weg in dieses Blog. Auf Notizzettel, nach Twitter und in ein edles, braunes Notizbuch von Claire Fontaine kritzele ich meine alltäglichen Gedankenfetzen.

Wie ein Fluss, der Kräfte sammelt. Kümmere dich nicht, ob du wächst oder versickerst, verdunstest oder einregnest. Fließe.

Die Herrschaft des Blogetariats

Die Herrschaft des Tweetetariats.

Ich gehe mit meinem imaginären Seelenhund spazieren.

An welcher Stelle steht das Prädikat im Kaffeesatz?

Obschon alle Zeichen im Hause Irgendlink auf du solltest jetzt aber endlich mal ranklotzen und Geld verdienen stehen, werde ich alles daran setzen, das kleine Blog- Schreibimperium weiter auszuweiten und gegen die bösen, die Kreativität subversierenden Kräfte zu wappnen. Fast schon ist das eine Kunstknabenmorgenblütenrechnung. Wie in den vorigen Artikeln schon erwähnt, wird es dieses Jahr ein neues E-Book von mir geben. Meine seit 2010 gesammelten Erkenntnisse zum Thema Liveschreiben sind endlich reif und ich werde sie in einem Ratgeber zusammenfassen. Auch die letzte Livereise, Gotthard, wird demnächst, von Fipptehlern bereinigt und mit unveröffentlichten Texten versehen, als E-Book erscheinen. So hoffe ich.
Auf dem Livereisesektor tut sich auch ein bisschen was. Ich hatte Euch ja in einer Umfrage um Feedback gebeten. Das „große Ding“, per Radel durch die USA, lege ich erstmal auf Eis und ich liebäugele nun mit meiner zwanzig Jahre Kapschnitt Revival Tour. Sprich, auf den eigenen Spuren von 1995 durch Schweden, Finnland und Norwegen bis zum Nordkap zu radeln.
Auch einige Verding-Kunstprojekte sind in der Mache. Konzeptuelle Reisereportagen, die auch ein bisschen Futter in den Trog bringen würden.
Nun sind die letzten Ferientage angebrochen. Vernet-les-Bains erwartet bis 18 Grad und verzeichnet Sonne pur. Jenseits des Glücks lauert die Eishölle auf dem einsamen Gehöft. Es muss so kalt gewesen sein, dass die Wasserversorgung zusammengebrochen ist. Ich verbleibe daher ganz sprachjahrig léger mit einem dreifach schallenden Brrrrrrr.
Habt immer eine Handbreit Glück unter dem Gemüt.
Euer Irgendlink (Bloggeskanzler)

Auch bei meinem Alterego Heiko Moorlander gibt es immer mal wieder skandalöse Neuigkeiten.