Im Ungewissen des englischen Klospülkastens

England ist bald zu Ende. 120 Meilen bis Edinburgh. Und ich habe noch immer nicht die englische Klospülung kapiert! In England ist nämlich nicht nur ‘everything completely different’, sondern auch die Klospülung. Wir Kontinenter wissen: wenn du den Hebel am Spülkasten drückst, kommt Wasser raus. Wir wissen mittlerweile auch, dass es hochmoderne Kästen mit zwei Knöpfen gibt. Einen Knopf drückst du, wenn du wenig Wasser brauchst, den anderen, wenn du viel Wasser brauchst. Und es ist kein Beinbruch, die Knöpfe einmal zu verwechseln.

An englischen Spülkästen ragt an der Vorderseite rechts, knapp unter der Abdeckung ein L-förmiger Hebel heraus, den man nach Unten drücken kann und dabei passiert nichts, außer, dass ein bisschen Wasser, sagen wir ein Viertelpint, gespült wird. Auch beim zweiten und dritten Drücken des Hebels ist das so. Und wenn man ihn kurz nacheinander zwei Mal drückt, wenn man ihn lang drückt, kurz drückt oder gar SOS morst, es kommt fast immer nur ein Spratz Wasser heraus. Man kann ihn nicht nach oben ziehen. Die erleichternde Nachricht ist, dass es mir bisher immer gelungen ist, eine volle Spülung zu erhalten. Was mich fuchst ist, dass es aber purer Zufall ist, wann das Wasser kommt. Kommt es beim dritten, vierten, fünften Hebeldrücken? In meiner Phantasie verbirgt sich im Ungewissen des englischen Spülkastens eine hochkomplizierte Technik, ähnlich, wie in diesen Filmen, in denen jemand eine Bombe entschärfen muss. Mit Glaszylindern, Pendeln, Leuchtdioden, roten und blauen Drähten, und der Mister Plummer, der Klempner, der die Dinger reparieren muss, ist ein kühner Held, der per Mikrofon und Headset Anweisungen kriegt von einem Sachkundigen ‘da draußen’. Eine digitale Uhr läuft rückwärts, rote Ziffern, noch 1 Minute 36 Sekunden: “Du musst ein Stück Papier zwischen die Kontakte schieben!” 1 Minute 8 Sekunden. “Nein, nicht dort, das ist eine Falle!” 48 Sekunden. Die Hände zittern. “Jetzt den Bypass legen”. 12 Sekunden verstreichen, um zwei Krokodilklemmen an die richtige Stelle zu setzen. Schweiß auf der Stirn. Hände zittern, 36 Sekunden, der Plummer reibt sich den Nacken, Schweiß tropft in die komplexe Kloschüsselmechanik. Bloß keine Erschütterung. 18 Sekunden. “Jetzt den roten Draht durchschneiden, hörst du mich, den roten Draht!” Die Verbindung ist schlecht, 9 Sekunden, 8, 7, 6. Ratlosigkeit. Hände Zittern, Beißzange am roten Draht, 5, 4, Augen zu, beten, 3 Sekunden, “‘en ‘ten Krächtz …’eiden”, 2 Sekunden. Schnitt. 1 Sekunde. Die Uhr steht still. Es war der blaue. Das Wasser sprudelt.

Modell zur Erklärung der Entstehung von Kräften anhand zweier Guesthäuser in Sunderland

Bis 12 Uhr Ortszeit trödele ich im B&B Areldee herum. Erster Stock, Zwischengeschoss, Hinterhof. Der Ausblick zur See ist mir nicht wichtig. Die Hinterhöfe, auf die ich blicke, haben etwas Trostloses. Wind zaust an den Bäumen, leichter Regen. Der prognostizierte Sturm kommt gegen Nachmittag. Ob ich das Zimmer überhaupt verlassen soll? Schreiben, telefonieren, schlafen. Mit dem Wasserkocher, der in jedem B&B und in jedem Hotelzimmer in England zu stehen scheint, koche ich Kaffee. Es steht immer ein Teller voller Teebeutel, Instantkaffee, bisschen Gebäck bereit.

Wie hart muss es einen Engländer treffen, wenn er bei uns Kontinentern in einem Hotel nur ein Päckchen Gummibärchen auf dem Kopfkissen findet? Allein mit der Minibar.

Als mir die Decke auf den Kopf fällt, ziehe ich die Regenkleider an, raus in den Sturm. Roker Lighthouse, der Leuchtturm auf dem zuvor geposteten Bild, ist ganz nah. Meterhoch schießen die Wellen über die Kaimauer. Ein Tor versperrt dem lebensmüden Touristen den Weg auf die Mole. Ich laufe Richtung Sunderland, direkt am Meer. Den N1-Radweg, den ich gestern bei der B&B-Suche verloren hatte, finde ich zehn Meter unterhalb meiner Straße wieder. Nicht auszudenken, wenn ich mich nicht verirrt hätte. Ich wäre unter dem B&B-Strich hindurch geradelt, raus nach Whitburn, immer am Meer entlang.

Wie schicksalhaft der gestrige Tag war, wird mir nun klar. Da oben müsste das andere Guesthouse liegen, in dem ich als erstes eingecheckt hatte. Nennen wir es die “Villa”. Es war das erste Haus, an dem ich vorbeiradelte. Ein korpulenter Kerl kommt gerade zur Tür raus und so frage ich nach Zimmer, in der Annahme, dass ein Haus dieser Lage doch ausgebucht ist. Immerhin hört man das Meer rauschen und aus dem Fenster im ersten Stock hat man bestimmt prima Aussicht. Der Kerl ruft den Host, und bittet mich herein. Ich soll das Fahrrad im Auge behalten, in dieser Gegend wisse man nie. Der Host torkelt aus dem Essraum, sturzvoll, Alkoholfahne, sehr freundlicher Kerl. Er könne mir ein Zimmer geben “En Suite”, also Dusche und Klo im Zimmer, 25 Pfund. Ich bin baff. Schnäppchen, Schnäppchen, Schnäppchen, greifense zu junger Mann, greifen se zu! Trotzdem ist mir die Sache nicht ganz geheuer. Das Treppenhaus riecht nach Säure, womöglich nach Erbrochenem und ein verschwitzter Kerl, der offenbar auch hier wohnt, kommt die Treppe herunter, um den Host etwas zu fragen. “Bin ich alleine in dem Zimmer?” – “Klar, sieh es Dir doch an.” Das Fahrrad holen wir zur Sicherheit in den Flur. Macht nix mit dem Schlamm und dem Schmutz … Im ersten Stock zeigt mir der Host das Zimmer, in dem drei Betten stehen. Es ist weder sauber, noch sehr schmutzig, ähnelt in gewisser Weise einer Herberge auf dem Camino, ist geräumig genug, um mein nasses Zelt auszubreiten. Röhrenfernseher. Das Türschloss ist herausgebrochen, trotzdem reicht mir der Host einen Schlüssel. Fürs Fahrrad zeigt er mir den Hinterhof, eine Müllkippe. In der Küche sitzt seine Frau vor Facebook am PC, die Katze streicht über die Tische im Essraum, in dem das Breakfast serviert wird und der Hund springt an mir hoch, leckt mir die Hand.

Ich weiß nicht, was mich geritten hat, einzuchecken. Schon trage ich meine Taschen aufs Zimmer, lasse mich auf einen Kunstlederstuhl fallen, der wie ein Behandlungsstuhl beim Zahnarzt aussieht. Analysiere die Situation: der Fernseher im Nachbarzimmer ist deutlich zu hören. Die Hauptstraße direkt vor der Tür ersetzt das Meeresrauschen. Das Fahrrad steht entweder unten im Flur unbewacht und wer weiß, wer hier spät nachts ein- und ausgeht, oder es kommt in den Hinterhof auf die Müllhalde und wer weiß, wer dort nachts ein- und ausgeht? Der Host ist ein netter Kerl, “und du hast ja gesagt, der Kontrakt ist besiegelt, breite deine Isomatte auf dem Teppichboden aus und schlafe diese eine Nacht hier”, sagt eine innere Stimme. “Es wird Sturm geben”, erwidert eine andere innere Stimme, “du wirst vielleicht Tage hier bleiben müssen.” Dass das Ding nur 25 Pfund kostet, ist sicher verlockend, aber für 25 Pfund womöglich eine Nacht mit Fußballfans zu verbringen, die bis in die Puppen feiern? Der örtliche Club hatte ein Heimspiel.

So steht die Zeit still, es ist fast 20 Uhr Ortszeit, die Nacht naht, Herr Irgendlink fasst den wahnwitzigen Entschluss, hinauszuziehen in den Sturm. Notfalls ein Campingplatz – in Whitburn gäbe es einen, fünf Meilen nördlich, sagt der Host. Er ist mir nicht böse. In seinem Blick lese ich, dass er weiß, wo er steht, dass das Leben es nicht gut gemeint hat mit ihm und seinem Hotel und der Frau und dem Hund und der Katze und der Gesamtsituation.

Der Sturm umzaust mich. Es ist halb drei tagsdrauf. Ich treibe fotografierend über die Strandpromenade Richtung Hafen und philosophiere über das Leben. Ein Hauch Nordseeluft erinnert mich an meine ersten Ferien am Meer, zusammen mit meiner Schwester und den Eltern auf der Insel Föhr. Das muss 1976 gewesen sein, oder früher, und ich habe dort meinen Ekel vor Krebsen erlernt und vor allem anderen Getier, das keine Knochen hat. Sandburgen gebaut. Ein glückliches Kind. Wie vielleicht auch mein gestriger Host einst eins war. Wie konnte es so weit kommen? Wieso sind nicht alle Menschen von Geburt an glücklich und bleiben es für immer, bis sie eines Morgens nicht mehr aufwachen? Naiv kindlich und sentimental treibt mich der Wind vorbei an Anglern, die in voller Regenuniform am Hafenbecken stehen und auf den großen Fisch warten. Ich fabuliere an einer Bloggeschichte, in der ich ein fiktives Sunderland entwerfe, in dem es genau zwei B&B-Häuser gibt, und die nie voll ausgebucht sind. Das heißt, sie dürfen es sich nicht erlauben, auch nur einen Gast zu verpassen, müssen froh sein, um jede Seele, die an ihre Tür klopft, und der sie Herberge geben können. Ein hanebüchenes Bild. Aber ich will ja die Entstehung von Kräften, von Bewegung, von Veränderung erklären, ich will die Entstehung an sich erklären. Beide Häuser sind gleich ausgestattet zum Zeitpunkt Null, irgendeinem Jahr soundsoviel, die genaue Zeit ist unerheblich. Dem Gast kann es zum Zeitpunkt Null vollkommen egal sein, in welches Haus er einkehrt. Weder ist das eine schmutziger, als das andere, noch ist es billiger, noch ist die Aussicht aufs Meer besser oder schlechter. So mag man einige Jahre wirtschaften in den beiden Häusern, ohne dass irgendetwas sich verändert, bis zu jenem Zeitpunkt, nennen wir ihn Eins, an dem das Kräftesystem aktiv wird, an dem es mit dem einen Haus wirtschaftlich den Bach runter geht und mit dem anderen Haus geht es aufwärts. Fast schon ein Bild, mit dem, man die Welt erklären könnte mit ihrer sozialen und materiellen Ungerechtigkeit: der Reichtum der einen bedingt die Armut der anderen. Die Armut der einen macht die anderen reich. Und alles nur, weil die gesamte Welt, ja, sogar unser Organismus, nach diesem Kräftegleichgewichtsprinzip funktioniert. Zunächst leben wir in einer ausgewogenen Weise, gesund, harmonisch, aber an einem schönen Tag, es genügt ein winziger Impuls, haben wir plötzlich nur noch Pech, fangen an zu trinken, um das Pech nicht mit ansehen zu müssen und finden uns ruckzuck in einer Endlosschleife abwärts wieder. Das Gästehaus “Villa” wird nicht mehr so oft gebucht wie das Gästehaus “Areldee”. Somit ist sein Host finanziell schlechter gestellt, kann nicht mehr renovieren, was wiederum weniger Gäste anlockt, was zur Frustration führt, weshalb der Host zu Trinken anfängt, um sich zeitweilig dem Frust zu entziehen und so weiter und so fort. In Areldee hingegen weht ein ganz anderer Wind.

Völlig perplex von meinen windzerzausten Gedanken, die ich in dem Moment, in dem ich durch die Hafenanlage zwischen Roker und Sunderland laufe, für ein grundlegendes Welterklärungsmodell, ach was, für ein Modell zur Erklärung allen Seins halte, stehe ich vorm Glasmuseum der Stadt. Trete ein. Wärme. Cafeteria. Essensduft. Griff zur Brusttasche. Schwer wiegt der Geldbeutel, geschmeidig die Kreditkarte. Der Sturm ist vergessen. Mein Alkoholiker-Host von gestern verblasst. Ich bin froh, auf dieser Seite des Lebens zu sein. Kaufkräftig, fähig, sich Wärme zu leisten, ein Essen, etwas Besseres, nicht das Beste, Mittelstand.

Nachdem ich die “Villa” verlassen hatte, stehe ich nur einen halben Kilometer weiter vorm Areldee. In der Tür hängt ein Schild „Vacancies”, Zimmer frei und gleich daneben bleckt ein Schild mit einem Fahrrad darauf und “C2C”. Der Coast to Coast Radweg führt über 140 Meilen von der Irischen See bis zur Nordsee und er endet feierlich in Sunderland. Es gibt sogar eine Stempelstation und die letzten Kilometer des C2C radelt man auf einem Planetenweg, auf dem die Planteten maßstabgerecht von der Sonne bis zum Pluto aufgereiht sind. Im Areldee, ganz in der Nähe des C2C-Finals, sind Radler willkommen. Peter, der Host, ist ein drahtiger, freundlicher Kerl, erzählt von seinem Schwager, der den C2C in einem Tag geradelt ist, teilt mir Zimmer 9 zu. Das letzte freie Zimmer. Nach mir dreht er das Vacencies-Schild im Fenster um und auf der Rückseite ist No Vacencies zu lesen.

Im Glasmuseum, in dem der Eintritt frei ist, betrachte ich eine äußerst spannende Ausstellung, die sich mit dem menschlichen Gehirn beschäftigt. In einem völlig dunklen Raum sind zwei sensible Röhren wie Gegenpole aufgestellt, wie guter Host, böser Host, wie gescheiterter und erfolgreicher Host, und zwischen den Röhren, die mit elektromagnetischen Sensoren ausgestattet sind, wird jede Bewegung der Besucherinnen registriert und ausgewertet. Je nachdem, was man tut, fängt einmal die eine Röhre an zu leuchten und zu summen, einmal die andere und so schaukeln sich die Kräfte hoch, entstehen wie aus dem Nichts, aus der Leere des Raums. Ein weiteres Kunstwerk ist ein Sechzehnmillimeter-Film aus dem Jahr 1967, der von dem kanadischen Künstler Michael Snow geschaffen wurde. Das ursprünglich fünfundvierzig Minuten dauernde Material hat er digital zerlegt und den Film übereinander gelegt – wenn ich es recht verstehe, wurde das erste Stück des ursprünglichen Films überlagert mit den rückwärts laufenden Bildern des letzten Filmspulenstücks, so dass eine fünfzehnminütige, konfuse Masse bewegter Bilder entsteht, die sich in der Mitte des remixten digitalen Films treffen.

Meine Lieben, dies mag ein konfuser Artikel sein, aber das Thema der Kräfte und deren Entstehung, und wie man sie ableitet, verändert, kanalisiert, auflöst, ist kein leichtes Lullifulligeblogge, glaubt mir. Seit Belgien arbeite ich an einem Artikel wie diesem, wusste bisher nur nicht, wie ich ihn aufzäume.

Es wird nicht der letzte sein.

Von Great Ayton nach Sunderland quer durchs Ruhrgebiet

Newcastle, Tynemouth, Washington, Roker, Gateshead, Sunderland und noch so viele mehr. Auf der Karte sieht die Gegend, die ich anpeile, aus, wie ein riesiger, verstädterter Komplex. Pack noch ein Middlesbrough drauf, das laut Straßenschildern nur acht Meilen von Great Ayton entfernt ist. Und all die anderen kleinen bis mittleren Örtchen; Stockton, Teesside, Hartlepool. Ein Gewirre aus rot eingezeichneten, also stark befahrenen Straßen, das aussieht wie das Adergeflecht auf der Nase eines Alkoholikers, durchzieht die Straßenkarte. Pack noch zahlreiche grüne, höllisch befahrene Straßen mit drauf.

Die Enttäuschung von Fletcher’s schmutziger, überteuerter Farm im Rücken und die mutmaßliche Ruhrgebietsdurchquerung auf der Karte vor Augen, treibt mich der Nordwestwind zunächst landeinwärts. Stets den Radwegschildern folgend, sause ich an Seamer vorbei, wo ich eigentlich nach Norden abbiegen wollte, um einen guten Zipfel “Radweg umsonst” abzukürzen. Verpasse die Abzweigung. Dadurch verlängert sich mein Weg nach Middlesbrough um mindestens zehn Meilen. Ein Trost sind etliche Samstagsradler, die mir begegnen, mich überholen, die perfekte Simulation, nicht alleine zu sein, umringt von Gleichgesinnten, die mich immer wieder ansprechen, woher, wohin? Und das ist das stille Mantra des Reisenden, das einen nach und nach in einer Art silberne Lethargie verfallen lässt.

Beinahe taub am ganzen Körper erreiche ich den Moloch und stürze mich kurz vor Middlesbrough ins Hauptstraßengewirre, weil ich keine Lust habe, den Stadtradwegen, die labyrinthisch durch Parks verlaufen, zu folgen. Halte, mit der Sustrans-App navigierend, direkt auf die Schlüsselstelle zu, eine Brücke, die einen Fluss überquert, der womöglich Tees heißt. Das grüne Stahlmonster hat etwas von einem Krokodil, finde ich. Neben den Hauptstraßen befindet sich fast immer auch ein Radweg, der sicher ist. In Kreisverkehren und über Autobahnzubringer, muss man mittels Fußgänger- und Radlerampeln navigieren, was einen schon mal fünf Minuten kostet, ehe man einen dreispurigen Kreisverkehr mit sechs bis acht Ausfahrten durchquert hat. Besser, als darin umkommen ist es allemal. So rücksichtsvoll die Engländer auf den Countryroads fahren, so gnadenlos metzeln sie in den Stadtkreiseln.

Raus Richtung Billingham, oder mitten durch? Eine beklemmende Gegend mal wieder. Der Weg führt durch parkähnliche, längliche Grünstreifen, hinter denen sich Wohngebiete befinden. Angsteinflößend ist, dass sie allesamt von drei Meter hohen Zäunen umgeben sind. Trutzburgen mal wieder. Haben die Engländer solche Angst oder ist das Land so gefährlich, bzw. diese Gegend? Überall Neighbourhoodwatch-Schilder, Überwachungskameras. Eine Alarmanlage surrt in der Ferne und eine Polizeisirene. Meine Hysterisierungsidee kommt mir wieder in den Sinn. Die Beklemmung ist ähnlich groß, wie südlich von London. Auch sind die Parkwege durch sehr enge Stahlbarrieren geschützt, die alle paarhundert Meter verhindern sollen, dass die Motorradgangs meiner Phantasie mit ihren Crossmaschinen in die Parks eindringen. Es ist Millimeterarbeit, das Fahrrad mitsamt Gepäck durch diese Schleusen zu navigieren. Kann ich in meiner Statistik für den Tag wohl eine knappe Stunde Verkehrskreiselüberquerung rechnen und pack noch eine halbe Stunde Motorradgangbarrieren hinzu.

Lieblich lächelt ein Golfplatz hinter einem blaugrauen Stahlzaun mit Stacheldraht obendrauf. Zwei Streifenpolizisten zu Fuß auf dem Parkweg regen meine Phantasie noch mehr an: die Gegend MUSS gefährlich sein, wenn die schon im Park patrouillieren. Böser Mann mit Hund auf 11 Uhr, Jugendbande, gelangweilt mit Bierdosen kickend, auf 5 Uhr. Hinter Billingham mündet der imaginäre Spießrutenlauf in einen Bahntrassenradweg. Meine Potemkinschen Heroinsüchtigen auf Entzug verwandeln sich schlagartig in ganz normale Samstagsspaziergänger, aus Kampfhunden sind Terrier geworden, die Motorradgangs entpuppen sich als Ladies, die auf Haflingern gemütlich in den Tag trotten. Außer dass es stürmt und eiskalt ist, ist der Tag in der Tat schön. Immer wieder muss ich Spaziergängern erklären, woher ich komme, wohin ich will. Ein Radler gibt mir ungefragt den Wetterbericht: von Norden zieht ein Sturm heran, von Süden ein Regengebiet. Viel Spaß morgen. Mit einem mulmigen Gefühl radele ich weiter. Einmal mehr wird mir klar, wie kontraproduktiv es sein kann, zu wissen.

Ich erinnere mich, dass SoSo mir nach Robin Hood’s Bay eine Wettervorhersage für Edinburgh gemailt hat, die für eine volle Woche Sonne und Temperaturen um 30 Grad prognostizierte. “Ein Scherz?” maile ich zurück und radele dennoch mit einem guten Gefühl los. Im Kopf hat sich gutes Wetter verankert. Abends, beim Mailabrufen, erfahre ich die Wahrheit. Zwar kein Scherz, aber ein Bug in der Wetter-App. Kommt manchmal vor.

Der Bahntrassenradweg führt auf grauer Asche bis ins County Durham und endet erst kurz vor Sunderland. Zwischen Haswell und Murton wird es noch einmal unheimlich. Die Trasse ist über und über mit Glas verschmutzt, das von Brücken geworfen wurde. Seltsame Kerle treiben so eine Art Sport, ach, wie heißt das noch Mal, sie springen auf Mauern, überklettern Bäume und alles, was ihnen in den Weg kommt. Jungs mit Kapuze. Im Windschatten eines Seemanns, der mit dem Mountainbike trainiert, mogele ich mich an ihnen vorbei. Der Radweg führt über hunderte Meter auf einem Holzsteg in dem zum Teich gewordenen Einschnitt. Schmutz, kaputte Fernseher, Kühlschränke in friedlicher Einheit mit Schilf und Enten. Kurz später mündet er auf einer ebenen Fläche, die aussieht wie ein Motocrossplatz. Pechschwarze Erde. Vermutlich eine Art Abraumhalde. Die Bahn wurde einst gebaut, um Kohle zu transportieren, die in der Gegend gefördert wurde.

In Sunderland gäbe es einen B&B-Strich, sagt man mir, direkt an der Coastside. Kurz vor der Stadt dann doch noch Regen. In einer versprayten Unterführung ziehe ich die Regenkleider an. Groooßer Fehler! Im Gegenlicht etwa zehn Personen, kommen direkt auf mich zu, wild wuselnd. Da ist sie nun, die gemeine Jugendbande, die dich um dein Smartphone bittet, die Kreditkarte, den Geldbeutel. Und du stehst da mit herunter gelassener Hose und offenen Schuhen … die Jungs und Mädels bleiben unmittelbar vor mir stehen. Aber, anstatt mich auszurauben, beschäftigen sie sich, laut gestikulierend, mit den Graffitis an der Betonwand. “Guck, das da hat der und der gemacht und Jenes ist von Jener und dies von mir …” etc.

Ziemlich gute Kunstwerke finde ich im weiteren Verlauf an den Betonwänden der Stadt. Muss an Biel/Bienne denken, wo sich in einem alten Fabrikgelände ähnlich starke Graffiti-Kunst befindet.

Die George Avenue und die Küstenstraße in Roker empfiehlt mir jemand als den B&B-Strich von Sunderland. Ein Gästehaus reihe sich ans andere. Sunderland ist recht entspannt zu durchqueren. Kaum Verkehr, Radweg gut beschildert. (Ich weiß nicht, ob Roker ein Stadtteil ist, oder eine eigenständige Gemeinde. Es ist schwer zu erkennen in diesem Konglomerat aus Gemeinden, wo man sich gerade befindet). Universitätsgelände, Fußgängerzone, Menschen auf dem Weg in den Samstagabend. Zwei Kerle strippen vor einem Pub ihre T-Shirts, lachen sich kaputt, imponieren niemandem. Lockere Atmosphäre. Ganz das Gegenteil von Middlesbroughs Außenbezirken.

Ich habe mich für 28 Pfund in einem B&B an der Küste einquartiert, werde den Sonntag hier verbringen. Der Sturm ist heftig. Ich würde kaum zehn Meilen schaffen und Regen soll es auch geben ab Nachmittag.

Zwei Geschichten, die ich noch schreiben möchte, quetsche ich nun nicht auch noch in diesen Artikel: auf welch abenteuerliche Weise ich von der B&B-Hölle ins Paradies gelangt bin; und: Überlegungen im voll besetzten Frühstücksraum eines B&B.

Nun werde ich einen Regenspaziergang machen, vielleicht mit der Metro nach Newcastle?

Weitsicht

Das New Inn. Ich wasche Socken, Unterhosen, T-Shirt, Leggins. Die Gunst der Stunde. Der Heizkörper trocknet die Sachen über Nacht.

Das WLAN ist extrem schnell. So lade ich die App von Sustrans, die mir Emil ans Herz gelegt hat: http://itunes.apple.com/uk/app/the-complete-national-cycle/id436521445?mt=8&ls=1
Danke, Emil. Die sieht auf den ersten Blick gut aus, kostet nichts. Die Karten sind zwar noch nicht voll ausgemalt, Accomodations, also Unterkünfte kaum verzeichnet, aber das weit verzweigte Radwegenetz ist drin. Grüne Strecken zeigen autofreie Radwege, blaue Strecken führen über Countryroads. Von Hull führt der Weg 63, oder ist es der 65er, schnurgerade auf grüner Strecke Richtung Hornsea. Mist. Dem bin ich anfangs ein Stück gefolgt, aber da ich nicht wusste, wo er hin führt, habe ich nach den Papierkarten weiter navigiert. Blind sind wir. Weitestgehend. Stelle ich fest. Was das Wetter betrifft ebenso wie bei den Wegen, die wir gehen. Der Kopf malt phantastische Bilder oder auch Schreckszenarien, die Realität ist aber fast immer anders.

Hätte ich gewusst, dass … Ein Radladenbesitzer direkt am 65er (oder63er) Radweg erklärt mir die Strecke nach Hornsea über die Hauptstraße. Tse. Vom N1 hat er noch nie etwas gehört. Es ist ja auch keine Pflicht, ein Gespür für Radwege zu haben.

Abends und jetzt morgens lade ich sämtliche Stücke des englischen und schottischen Radwegenetzes ins iPhone. Schnelles Netz sei Dank.
Mal sehen, wie sich die App im Praxistest bewährt.

Trocken. Noch. Von Süden wird es langsam dunkler. Erstmal Bohnenfrühstück :-) So weit reicht mein Weitblick.

Fräulein Irgendlinks Gespür für Regen

Nur noch 8 Meilen bis zur Humber Bridge, sagt ein Radwegschild des N1. Die blauen Hinweisschilder des Radwegnetzes sind mir treue Begleiter geworden und das kleine, rote Rechteck mit der weißen Eins drin, zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Über Burnham geht’s nach Barton upon Humber, dem südlichen Brückenkopf. Dort hätte ich sogar einen Campingplatz vorgefunden, steht auf einem braunen Hinweisschild. Einer mit Scenic View, mit Aussicht. Wenn ich gestern nicht 12 km durch die Gegend gegurkt wäre, um ein Potemkin’sches B&B zu finden, wäre ich genau bis zu dem Camp gekommen. Wenn, wenn, wenn. Wenn nur nicht immer diese Alternativ-Routen, -Leben, -Ereignisse, – Eventualitäten im Kopf entstehen würden. Die Differenz zwischen Ist und Könnte, erzeugt nur unnötig Spannung. Der Lagerplatz in “meinem” Park bei Wootton war klasse. Schöne, weiche, ruhige Wiese. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Kühlgetränken hat auch gestimmt, da direkt gegenüber einem Potemkin’schen Bed and Breakfast ein Supermarkt war, in dem ich gegen 20 Uhr noch einkaufen konnte.

Eine Europenner-Regel lautet: sei ab vier Uhr nachmittags immer gerüstet für den Fall, dass du wildzelten musst. Das heißt: mindestens zwei Liter Wasser am Rad, Abendessenlebensmittel, gerne ein Fläschchen Bier, genug Spiritus und genug Saft im iPhoneakku. Und da ich schon mit Europenner-Gesetzen anfange: eine zweite wichtige Regel lautet: halte alle Packtaschen geschlossen, ziehe immer den Zeltreißverschluss zu, auch wenn du noch so kurz das Zelt verlässt. In Lee Valley, nördlich von London, hat mir nachts doch tatsächlich ein Tier einen Sack mit Lebensmitteln aus dem offenen Zelt geklaut. Ich war nur knapp zehn Minuten im Waschhaus, um zu duschen. Als ich zurück komme, liegen Käse und eine Birne und Kleinzeugs auf der Wiese. Der Leinensack ist weg. Die Butter auch. Nimm das iPhone und das Geld immer mit unter die Dusche. Und so weiter.

Wo war ich stehen geblieben? Ahja, Humber Bridge. Paar Bilder habe ich ja schon im Artikel zuvor gepostet. Das Ding ist knapp 3 Kilometer lang. Zwei haushohe Pylone tragen die Stahlseile, an denen die Fahrbahn aufgehängt ist. Vor der Auffahrt zum Radweg sind Gatter angebracht, die geschlossen werden, wenn der Wind zu stark wird, um gefahrlos darüber zu rollen. Ich habe Glück, fahre trocken und bei mäßigem Wind, vielleicht Stärke vier, der von Osten bläst, über die Hängekonstruktion. In der Mitte kommt eine Herde Rennradler entgegen. Roter Pfeil Kingston upon Hull. Freundlich Hallo.

Auf der Nordseite verliere ich den Radweg N1, weil die Beschilderung direkt am Brückenkopf “confusing” ist. Zwei wohlmeinende Hundegassigänger, die mich auf die Straße nach Hessle schicken, tun ihr übriges, und im iPhone, stelle ich fest, endet die Serie geladener Teilstücke des N1. In einem Pub gelingt es mir zwar, den Akku aufzuladen, aber ich kann die verflixte E-Mail, die ich mit dem Packen England GPX Dateien an mich selbst gesendet habe (am 27. März, das weiß ich noch) partout nicht finden. Download auf der England Radwegnetz Seite scheitert auch. Nach einem Hilferuf-Blog radele ich im einsetzenden Regen weiter. Himmerlsrichtung und Karte werden mich schon weiter bringen. Vielleicht treffe ich unterwegs ja auf den N1? Es schüttet wie aus Kübeln. Der Wind trifft mich von rechts. Gute Orientierung. Wenn er nicht dreht, kann ich ihn als Ersatzsonne benutzen. Nur selten schaue ich in die Karte oder auf das tracklose iPhone-Display. Auch die Streckenfotos, immerhin drei Stück, fallen sehr dürftig aus. Das Sauwetter ist der Kunst kontraproduktiv. Es gibt, außer den Packtaschen, genau zwei absolut trockene Orte “am Mann”: die beiden Brusttaschen meiner 100 Prozent dichten, einfamilienhausteuren gelben Überlebensregenjacke. Sie sind sowohl nach Innen gegen den Schweiß dicht, als auch nach Außen. Dort ist das iPhone absolut sicher. Ich könnte auf diese Weise sogar schwimmen gehen, und es würde kein Wasser eindringen.

Über Cottingham mogele ich mich durch die verstädterte Zone um Hull bis nach Wawne, einem friedlichen Kaff am Rande des tobenden Tellers von Stadtgewirre. Gutes Händchen für verkehrsarme Straßen. Zudem ist das Radwegnetz an den Hauptstraßen in der Gegend gut ausgebaut. Grün gepinselte, knapp meterbreite Spuren durchziehen die Agglomeration. In Wawnes Dorfladen krame ich Karte und iPhone hervor und der Besitzer erklärt mir die Route bis Hornsea. Per Mail kommen von Emil, Lime und Speedy gleich drei Routen. Hey, danke.

Ich bin mittlerweile zu weit östlich und habe bei dem Sauwetter keine Lust, zurückzuackern. Einmal mehr kommt mir diese Reise wie eine Analogie zum großen weiten Leben, zum Lebensweg vor: hast du einmal einen Weg eingeschlagen und meinetwegen ein Jurastudium begonnen, wird es mit jedem Semester schwerer, zum Beispiel fernöstliche Heilkunde zu studieren. Okay. Der Vergleich hinkt. Man kann im richtigen Leben beides tun. Aber hier draußen, kaum 3 Meilen von einem Dorf namens Meaux entfernt, der Wind, das ekelerregende Wetter? Da gibst du keinen Meter preis, den du mühsam nach Norden geschuftet hast, nur um einen Lulliefullieradweg wieder zu finden, dessen Beschilderung du ohnehin an jeder Ecke wieder verlieren könntest.

Ich nehme mir den Rat des Ladenbesitzers in Wawne zu Herzen, auch wenn ein drei Meilen langes Stück grüne A-Straße unumgänglich nach Hornsea führt. Mist! Das Ding ist eng und höllisch befahren. Ich rette mich auf einen vielleicht drei Yards breiten Teerstreifen links der Trasse, der für Fußgänger gedacht ist. Die Pfützen auf der Straße ragen oft bis in die Mitte der Fahrbahn, so dass jedes Auto, das sie durchfährt, mich nun auch noch mit Spritzwasser besudelt.

In Leven biege ich ab in ruhigere Gefielde und checke im Pub in der Ortsmitte ein. Ein XY-Inn, das schon an der Hauptstraße ausgeschildert war und das Bed and Breakfast bietet. Der Gastraum riecht nach Sagrotan, sicher ein Warnzeichen und der Schuppen, in dem ich mein Fahrrad parke und das Zelt zum Trocknen aufhänge, könnte auch mal wieder gefegt werden. Jetzt bloß nicht Idealvorstellung Bed and Breakfast installieren und mit dem Schicksal hadern, dass Ist von Könnte meilenweit abweicht, Fräulein Irgendlink.

Hatte ich erwähnt, dass ich unterwegs DIE Idee hatte für eine VÖLLIG neue Romangeschichte, in der es um eine Verschwörung geht und einen Meteoriten, der …. ach, ich geh jetzt mal den Zapfhahn betrachten und entscheide anschließend, ob die sagrotanische Küche des Pubs mir etwas kochen darf.

End of Files

Mister Schussel-Link kann die gpx Files nicht mehr finden, die er auf der Seite nationalcyclenetwork.org.uk geladen hat. Nun endet der GPS Track in Hessle bei Hull bei Kingston.

Falls jemand Zeit hat, ich würd mich über Mail freuen mit gpx oder kmz Dateien im Anhang, die den weiteren Verlauf des N1-Radwegs grob Richtung Bridlington zeigen. Soweit ich mich erinnere, konnte man in einer Karte die blauen Linien mit den Radwegen anklicken und downloaden. Geht leider net aufm iPhone.

Nun in Hessle bei Hull, Humberbridge überquert. Wassen geniales Stück Radweg. 3 km im starken Ostwind. Aber ohne Regen, so dass ein paar Fotos möglich waren.

Nachtrag: irgendlink@t-online.de
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Waterland

In der Nähe von Tarragona an der spanischen Mittelmeerküste züngelt das Ebro-Delta meilenweit ohne jegliche Erhebung, ein absolut eintöniges Gebiet, das von Kanälen durchzogen ist, Deichen, Pumpstationen. Reis wird dort angebaut. In der Nacht kriechen lange, graubraune Lobster aus ihren Löchern und kratzen am Zelt.

In den Wintern 1991 und 1993 habe ich das Ebrodelta zwei Mal durchquert, bei dem Versuch, mit dem Fahrrad nach Gibraltar zu radeln. Damals ist mein Ebenen-Trauma entstanden. Wo andere Radler laut “Juhuuu” schreien, weil es keine Berge gibt, fällt mir das Herz in die Hosentasche. Ich habe mich so verloren gefühlt im Ebrodelta, die unheimliche Weite und das nicht wissen, wo dein “Gegner” sich versteckt. Eboraphobie, die Angst vor großen weiten Flächen, auf denen Gemüse angebaut wird. Nun durchradele ich schon den zweiten Tag dieses ebroeske Fenland, Waterland, wie es in Graham Swifts Roman heißt. Das Land der langsam fließenden Flüsse. Ich atme tief und ruhig. Die Beine kurbeln im steten Rhythmus, Herzschlag vielleicht 100, Blutdruck in bester Lage, Einatmen, Ausatmen, dabei etwas denken, ab und zu den Blick heben, Horizontlinie schnurgerade, zerzieselt einzig von ein paar Kiefern, die gezackt neben einer meilenweit entfernten Kirche stehen. Ist das Framton? Von links, von Westen zieht ein Gewitter heran. Die Welt schlägt im harmonischen Takt. Nachdem der Morgen weitgehend trocken war, sogar sonnig, was ganz sicher dem Sonnentanz zu verdanken ist, den Frau Freihändig und andere Bloglesende um Punkt 12 Uhr getanzt haben (hey, Dankeee), kommen nun schubweise Regenschauer. Hagel. Auch hier ist ein Rhythmus drin. Wenn ich es am Tacho ablese, fahre ich von Kilometert Null bis drei im Regen, von vier bis neun ist es trocken, von 10 bis 13 wieder Regen. Ich übertreibe mit der “Genauigkeit”.

Über Hinterlandsträßchen durch ein riesiges Farmgelände. Immer wieder Pumphäuser und Wassertürme. Das Land des Pumpens, denke ich. Zu einer riesigen Farm gibt es eine LKW-Zufahrt, die von den ganz Großen angefahren werden darf. Alle anderen Wege haben eine Barriere und Verbotsschilder in verschiedenen Sprachen, was mich zu dem Schluss bringt, dass internationale Speditionen die Farm anlaufen, um Gemüse und andere landwirtschaftliche Produkte 40-tonnen-weise heraus zu pumpen, und in die “trockeneren” Gegenden des Landes zu transportieren. Manchmal kommt mir die ganze Welt, unser gesellschaftliches Miteinander, vor wie ein einziges großes Geflecht verschiedener Pumpen. Ganz offenkundig der Öl-Fluss mit echten Pumpen und Tausend-Meilen-langen Pipelines, aber auch der Gemüsefluss, der Mikrochip-Fluss, der Geldfluss, der Fluss von Arbeitskraft. Stoßweise Atem. Der Tacho zeigt, je nach Windrichtung zwischen 22 und 14 Kilometern. Nach einigen Stunden werde ich müde, verkrieche mich in einem Pub, wärme mich auf.

Nachmittags ist das Regenkleider-an Regenkleider-aus Spiel endgültig vorbei. Der tägliche Weltuntergang entlädt sich in Form eines eiskalten Gewitters südlich von Boston. Nun weiß ich endlich, wie groß Taubeneier sind. I’m not amused. Ich stelle die Tour in Frage. Jetzt bloß keine sinnlosen Sinnfragen, erheitere ich mich bei einem Pint. “Ich muss die Trübseligkeit, die die Widrigkeiten der Unabänderlichkeiten mit sich bringen, so gut möglich ausblenden”, fabuliere ich zwecks Förderung meiner Heiterkeit einen Satz mit ganz vielen “Keit”.

Meine Gibraltartouren sind allesamt gescheitert. Zweimal südlich vom Ebro-Delta in der Gegend um Valencia, zweimal in Seo d’Urgell, südlich von Andorra. Wenn ich meine Langstreckenradtouren betrachte, und die Ziele, die ich angepeilt hatte … eigentlich sind fast alle Touren gescheitert. “Plötzlicher Lustverlust” führt zum Kollaps. Stimmen die äußeren Begebenheiten: schlechtes Wetter in Kombination mit Flughafen und potenter Kreditkarte, bist du ruck zuck wieder daheim.

Nein. So weit ist es jetzt noch nicht. Durch Boston habe ich wieder Sonne, kaufe eine Karte von ganz Britannien inklusive Schottland, die ich nur lesen kann, wenn ich die Glubschaugenlesebrille aufziehe.

In Boston faszinieren mich die grün gewordenen Kähne, die gesunken im Watt des Flusses The Haven liegen. Das Wasser läuft gerade mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in Richtung Meer und die Ebbe legt die alten Kähne frei. Westlich von Boston entdecke ich einen Campingplatz namens Orchad, den ich für drei Kilometer über eine mäßig befahrene A-Straße ansteuere (vorbei am Flugplatz!). Für 8 Pfund checke ich ein. Das Gelände hat sogar einen kleinen Hügel, der 50 cm über dem Normalniveau liegt. Meine Fahrradreifen hinterlassen Striemen in der klatschnassen Wiese und wenn man darüber läuft, quatscht es, mehr noch, das Quatschen schwingt sogar eine Weile nach, wenn man stehen bleibt. Man verursacht durch simples Laufen unterirdische Schwingungen, als würde man über die Abdeckplane eines Swimingpools wackeln oder über ein Wasserbett. Hervoragende Schlafbedingungen.

Beim Einschlafen überdenke ich die Tour. Vielleicht muss ich meine Gewohnheit ändern. Aufhören mit dem Zelten. In den Hotelmodus schalten (nein, das ist keine unterschwellige die-LeserInnen-anbettel-Methode!). Eine völlig rationale Überlegung: auf Dauer tut mir die Nässe und die Kälte nicht gut. Da die Vorhersagen für die Küste bis zum Ende des Vorhersageuniversums auf dem iPhone, also sechs Tage lang, nur Regen und Temperaturen zwischen 3 und 11 Grad zeigen, sollte ich mich auf eine Woche Hotel- und B&B-radeln einstellen, um meine Tourenfähigkeit zu erhalten. Was habe ich auch für Möglichkeiten: Aufhören oder Weiterradeln. Wenn weiterradeln, dann “europennerisch” draußen, eins werdend mit dem Wasserland, oder etwas komfortabler unter Auferbietung finanzieller Ressourcen. Tja, lieber Irgend, du hast die Wahl, wer soll denn nun dein Herzblatt sein?

Bilder: Gesunkene Kähne auf The Haven

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Badlands Flatlands Fenlands

Im Flächenland, das Albert Abbott in seinem gleichnamigen Buch entwirft, sind die Lebewesen Punkte, Kreise, Dreiecke und Linien. Die Welt in Flächenland hat nur zwei Dimensionen. So weit ich mich erinnere, wird die Geschichte aus der Sicht eines Kreises erzählt, der sich eines Tages wundert, warum es in Flächenland Kreise gibt, die ihre Größe verändern, die als Punkt beginnen, zu einem maximalen Umfang wachsen, wieder kleiner werden bis zum Punkt, und die dann verschwinden. Es handelt sich dabei um eine Kugel, die das Flächenland durchquert. Der Protagonist entdeckt eine dritte Dimension und eckt in seiner zweidimensionalen Welt auf ketzerische Weise an.

Mit dem Lied Kumbajah My Lord im Ohr wache ich auf und mit leichtem Niesel auf mein Zelt, so dass ich herum trödele, frühstücke, Kaffee en masse, bisschen schreiben, und es regnet sich langsam ein. Kumbajah. Regenkleider an, Neoprengamaschen, Schnürsenkel auf, Schnürsenkel zu. Dass Problem mit den Gamaschen ist, dass man die Schuhe ausziehen muss, um sie über die Knöchel zu stülpen und erst dann, wenn die Schuhe fertig gebunden wieder am Fuß sind, kann man die engen aber sehr warmen und hochdichten Füßlinge von Oben drüber strippen. Oh Lord.

Kurz vor King’s Lynn stehe ich in Castle Rising vor einer massiven Burg, die von Erdwällen, Graben und Mauern umgeben ist, das kleine Castle Rising Castle, das den Howards gehört. Vorm Tor kommt ein Mann auf mich zu, der mich überschwänglich begrüßt, er sei auch Radler, und er böte anderen Radlern Unterkunft für umsonst. David (www.davidjoan.me.uk) wohnt in Camebridge, hat die halbe Welt bereist, Australien, Patagonien, und im Juli gehts nach Madagaskar. Er gibt mir seine grüne, lustige Visitenkarte, falls ich es mir überlegen sollte, mit Camebridge, könne ich ihn anrufen, ach, und wenn ich mal einen guten Radladen suchen würde, in Hunstanton, gut 15 Meilen nordwärts!

Die Schlossbesichtigung spare ich mir wegen des vielen Gepäcks am Rad. Bei Nieselregen durch King’s Lynn, raus aus der Stadt Richtung Süden über die Radwege 1 und 11. Sie sind gut markiert mit kleinen blauen Aufklebern auf den Pfosten der Verkehrsschilder. Raus Richtung Wiggenhall, verirre ich mich vier Kilometer weit auf dem Elfer, der sich kurz hinter Saddle Bow vom Einser Radweg trennt: eine Elf sieht in meinem Flächenland aus, wie eine Eins, wenn sie auf die Rundung des Verkehrsschildpfostens geklebt ist und man sie nur von einer Seite betrachtet.

Längst bin ich in den Fenlands, die ich insgeheim auf Badlands taufe, weil mir der Ausdruck aus vielen Folgen Star Trek geläufig ist. Aber sie haben den Namen Badlands nicht verdient. Ein ehemaliges Marschgebiet, das trocken gelegt wurde und nun Anbaufläche ist für Gemüse, Obst, Getreide. Duftende Rapsfelder. Überall Pumphäuser, Rohre, Verschlussklappen, Deiche, Gräben und natürlich absolut flach. Schnurgerade Starkstromleitungen durchziehen die Fenlands. Ein Regenschauer jagt den nächsten. Pro 10 Kilometer ziehe ich einmal die Regenklamotten an und wieder aus. Wenn ich das hochrechne auf 6000 km, puuh, wieviele Meter Neopren-Gamaschen muss ich mir dann um die Knöchel wickeln, wie viele Kilometer Reißverschluss zu und wieder aufziehen, wieviele Lichtjahre Schnürsenkel binden? Oh Lord.

In einem Dorfladen in Wiggenhall St. Mary versuche ich Brennspiritus zu kaufen, weiß aber nicht das englische Wort. Im Regal steht White Spirit. Dunkel erinnere ich mich, 1993 in Irland einmal White Spirit im Kocher ausprobiert zu haben und gebookmarkt zu haben, dass der definitiv nichts taugt, für den Trangia. Ein anderer Kunde, mit einer afrikanischen Kappe auf dem Kopf, so wie sie Eddie Murphy in “Prinz aus Zamunda” trägt, erklärt mir, dass es wohl Methylated Alcohol sei, den ich suche, der sei in England blau eingefärbt, ich könne ihn in großen Supermärkten in King’s Lynn zum Beispiel kaufen.

Vorm Laden trockne ich mein Zelt. Esse Müsliriegel. Nach ein paar Minuten fährt der “Prinz” wieder vor, steigt aus, drückt mir eine Flasche Methylated Alcohol in die Hand. Hey, Thank you, thank you so much.

Der Radweg ist ein wahres Zick-Zack. Wäre ich über die A 17 direkt nach Sutton Bridge geradelt, wäre ich in einer Stunde dort gewesen. So brauche ich den ganzen Tag. In Wisbech metzelt ein Regenschauer, der erst in Tydd St. Gilles wieder nachlässt. Der dortige Campingplatz auf einer Farm ist eine Sumpflandschaft, “we’ve got a valley”, sagt die Besitzerin bedauernd. Da es sich sowieso um einen Caravanplatz handelt ohne jeglichen Komfort, fällt es mir leicht, weiter zu radeln. Die vielen Tydds: Tydd St. Mary, Tydd Gote, Tydd Giles, Tydd hinten und Tydd vorne, Tüddelüü. Bei Four Gotes, seines Zeichens direkt neben Tydd Gotes, finde ich einen anderen Zeltplatz, sehr schön, umringt von hohen Hecken direkt an der A1101, einer mäßig befahrenen Strecke. Mitten im Platz steht ein Starkstrommast. Auch hier haben wir im Prinzip ein “Valley”, quatschnasse Wiesen, aber neben dem Swimingpool ist eine kleine Erhebung, jeder Zentimeter zählt, auf der ich mein Zelt festnagele.